13.09.2011
Nachruf Roderich Schmidt
Gestern, am 12.9.11, verstarb in Marburg im Alter von 86 Jahren unser Kollege Roderich Schmidt für uns alle unerwartet an den Folgen eines Herzinfarktes.
Schmidt war als Schüler und Mitarbeiter Helmut Beumanns im Jahre 1964 nach Marburg gekommen, habilitierte sich 1970 und wirkte anschließend als Honorarprofessor an unserem Fachbereich, für dessen Aufbau er sich als dessen erster gewählter Prodekan tatkräftig einsetzte. 1972 wurde er zum Direktor des Herder-Instituts berufen und schied aus dem Hochschuldienst aus. Bis 1990 war er, Spezialist für die Kultur- und Landesgeschichte der nord- und ostdeutschen Gebiete, Direktor des Herder-Instituts und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Gottfried Herder Forschungsrates.
Sein Lebenslauf war eng verbunden mit der wechselvollen Geschichte Deutschlands im vergangenen Jahrhundert. 1925 in Demmin/Pommern geboren und wegen Widerstands gegen ein Wehrertüchtigungslager aus der Hitlerjugend ausgeschlossen, studierte er in den 1940er Jahren als Soldat an der Universität Greifswald Geschichte, Germanistik, Theologie und Philosophie. Nach Kriegsende setzte er sein Studium fort und promovierte 1951 bei Adolf Hofmeister, einem Schüler Ernst Bernheims, über Eike von Repgow und den Sachsenspiegel.
Kritisch blieb er auch als wissenschaftlicher Assistent am Historischen Institut der Universität Greifswald: er und seine Ehefrau Ruth Schmidt-Wiegand, die bekannte Mediaevistin, versuchten, den politischen Einfluss der Partei auf die Universität Greifswald zurückzudrängen. Deshalb wurden sie des Verrats am Arbeiter-und Bauernstaat beschuldigt und, weil sie sich weigerten, gemäß dem Marxismus-Leninismus zu lehren, entlassen. Mit ihrer Tochter verließen sie 1958 die DDR und fanden in Bonn ihre neue Wirkungsstätte. Mit Helmut Beumann kam Roderich Schmidt 1964 nach Marburg, wurde 1970 hier habilitiert und 1972 zum Honorarprofessor ernannt. Schwerpunkte seiner mediaevistischen Arbeit waren die Landes- und Kulturgeschichte Pommerns, die deutsch-slavischen Beziehungen und die Universitätsgeschichte. Sein Haupttätigkeitsfeld war freilich von 1972 bis 1990 die Leitung des Herder – Instituts. 1979 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für seine Verdienste um die Erforschung von Geschichte und historischer Landeskunde der ost- und mitteldeutschen Regionen. Die Theologische Fakultät der Universität Greifswald verlieh ihm 1990 die Ehrendoktorwürde – er hat sich stark für deren Erneuerung nach 1989 eingesetzt.
Damit schloss sich der Kreis eines beruflichen Lebens, das Verantwortung gegenüber der Geschichte nicht nur lehrte, sondern auch lebte.
Prof. Dr. Verena Epp, Dekanin
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