26.06.2026 Paneldiskussion, Workshop und Gender Lecture mit Prof. Nadje Al-Ali

Im Juni besuchte Prof. Nadje Al-Ali, Robert Family Professor of International Studies and Professor of Anthropology and Middle East Studies an der Brown University, den LOEWE-Schwerpunkt GenDem in Marburg

Foto: Wanja Müller
Prof. Susanne Buckley-Zistel (links) moderierte die Veranstaltung und Prof. Nadje Al-Ali (v.l.), Prof. Annette Henninger und PD Dr. Anna Veronika Wendland bildeten am 23. Juni 2026 das Podium bei der Paneldiskussion zum Thema akademische Freiheit

Wie steht es um die Wissenschaftsfreiheit in Zeiten wachsender politischer Polarisierung? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Paneldiskussion mit Prof. Nadje Al-Ali im Rahmen ihres Gastaufenthalts beim LOEWE-Schwerpunkt GenDem in Marburg.

Unter dem Titel „Academic Freedom at Risk? Experiences from Germany and from the U.S.“ wurde diese Fragestellung am 23. Juni im Hörsaal der Politikwissenschaftlichen Fakultät in Marburg diskutiert.

Während des Panels diskutierten neben Prof. Nadje Al-Ali (Brown University) auch die GenDem-Sprecherin Prof. Annette Henninger (Philipps-Universität Marburg) sowie die GenDem-Co-Sprecherin PD Dr. Veronika Wendland  (Philipps-Universität Marburg, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung). 

Das Panel brachte dabei Perspektiven aus den USA und Deutschland zusammen, um sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die wichtigen Unterschiede dieser Entwicklungen zu untersuchen. Anstatt die jüngsten Ereignisse als Ausnahmeerscheinungen zu betrachten, fragten die Diskutierenden danach, was sie über tiefere gesellschaftliche Verunsicherungen im Umgang mit Dissens, öffentlicher Kritik und den Grenzen zulässiger Meinungsäußerung innerhalb gegenwärtiger akademischer Institutionen aussagen.

Zentral war hierbei auch die Frage, wie Wissenschaftler:innen, Studierende und Hochschulen mit den zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Druckverhältnissen umgehen, die sich unter anderem aus Nationalismus, Versicherheitlichung, dem Einfluss privater Geldgeber, medialen Kampagnen sowie der Kontrolle und Sanktionierung politischer Meinungsäußerung ergeben.

Finanzielle Abhängigkeit als Bedrohung wissenschaftlicher Freiheit

Mit Blick auf die Finanzierung verwies Al-Ali etwa darauf, dass in den USA zuletzt 200 Millionen Dollar an Forschungsförderung durch die aktuelle Regierung gestrichen worden seien und weiter: "There is a direct link between autonomy to academic freedom and financial independence”.

Auch in Deutschland fürchte man finanzielle Abhängigkeiten von staatlicher Seite, so Wendland: "State financing means dependance on state funding” und weiter “Do we have enough power to fight back without state funding?” 

Bedrohung der Wissenschaft auf beiden Seiten des Atlantiks

Foto: Wanja Müller
Prof. Nadje Al-Ali (links) und Prof. Annette Henninger bei der Paneldiskussion

Die Diskutierenden beschrieben unterschiedliche, aber teilweise vergleichbare Herausforderungen für Wissenschaftsfreiheit in Deutschland und den USA. Henninger betonte hierbei die Wichtigkeit davon, dass Universitäten ein Ort der Meinungsäußerung und freien Rede bleiben sollten. 

In Deutschland wachse die Bedrohungslage, so Henninger, auch durch den voranschreitenden Rechtsruck: "With the looming threat of the AfD coming to power, there is a lot of pressure”. Bislang sei der deutsche Staat zwar noch nicht als "Aggressor" gegen die Wissenschaft aufgetreten, aber das könne sich bald ändern. Eine Einschätzung, die Wendland teilt: "State interference is on the move“.

In den USA könne man, so Al-Ali dagegen bereits eine konkrete Bedrohungslage für Forschende ausmachen,  dies gelte vor allem für Staaten wie Florida. Universitäre Lehre sei durch die ständige Bedrohung geprägt, durch Studierende diskreditiert zu werden: "“I feel that when I’m in the classroom, students are encouraged to report faculty”.

Al-Ali findet klare Worte für die us-amerikanische Regierungspolitik: "What is happening in the US is against the constitution”. Die USA entwickelten sich ihrer Einschätzung nach zu einem totalitären System, in dem Gesetze zunehmend an Bedeutung verlören. Zudem kritisierte sie einen Verlust rationaler öffentlicher Debatten. Dies betreffe auch die Wissenschaftslandschaft: “Academic freedom is being used by Trumpists to claim the earth is flat”.

Widerstand durch Gemeinschaft und Solidarität 

Auch bei der Frage, wie mit dieser akuten Bedrohungslage umzugehen sei, sind sich die Diskutantinnen einig. Man wolle sich gegen staatlichen Druck zur Wehr setzen und gemeinsam für die Wissenschaft einstehen: 

"We do have to stay and fight”, fordert so etwa Henninger. Al-Ali betont, dass dies nur als wissenschaftliche Gemeinschaft geschehen könne: “Individuals can’t do that much, people need to work together”. 

Mit dem Appell zu Solidarität und gemeinschaftlichem Engagement für die Wissenschaftsfreiheit endete die Veranstaltung.

Weitere GenDem-Veranstaltungen mit Nadje Al-Ali

Während ihres Gastaufenthaltes in Marburg war Al-Ali auch Teil eines GenDem-internen Workhops zum Thema "Critique of Western exceptionalism", in dem diskutiert wurde, wie über "west-zentrierte" Diskurse hinausgedacht werden muss und kann.

Al-Ali war außerdem Referentin bei der diesjährigen Gender-Lecture des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (ZGS), welche am 25. Juni im Rahmen der gemeinsamen  Ringvorlesung von GenDem und dem ZGS zum Thema "ANTIFEMINISM &NATIONALISM" stattfand. 

Al-Alis Vortrag zum Thema "The Entanglements of Feminism and Nationalism in the Middle East and North Africa", befasste sich mit den zahlreichen Verflechtungen von Feminismus und nationalen Projekten in der MENA-Region. Der Vortrag kann zeitnah hier nachgehört werden.

Die Ringvorlesung läuft noch jeden Donnerstagabend (18-20 Uhr) bis zum 16. Juli 2026!