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Das Schicksal von Schwa: Interaktion von Prosodie und Morphologie in der Geschichte des Deutschen

Leitung: Jürg Fleischer, Richard Wiese 

Mitarbeiter: Augustin Speyer, Magnus Breder Birkenes, Katrin Kuhmichel

Im heutigen Deutschen ist das Schwa positionell vorhersagbar und es bildet ferner keine Allophone mit anderen Lauten. Daraus lässt sich ableiten, dass das Schwa vermutlich keinen Phonemstatus besitzt, sondern da, wo es auftritt, epenthetisch ist (Moulton 1962; Wiese 1986; 2009).

Der historischer Befund dagegen weist in eine andere Richtung: Die Vokale, aus denen sich seit dem späten Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen ein Schwa entwickelt hat, waren im Althochdeutschen volle, d.h. distinkte Kurzvokale verschiedener Ausprägung, die zur Deklinationsklassenanzeige (vgl. ahd. gimeinida, chalti > nhd. Gemeinde, Kälte) und zur Differenzierung grammatischer Formen (vgl. ahd. scribun, scribin > nhd. sie schreiben (Ind.), sie schreiben (Konj.)) dienten, also offensichtlich Phonemstatus hatten. Mit der Nebensilbenabschwächung im 11. Jh., die dazu führte, dass alle unbetonten Kurzvokale entweder zu Schwa zentralisiert wurden oder ganz ausfielen, ging auch die Möglichkeit verloren, Kontraste durch Nebensilbenvokale auszudrücken.

Es muss also irgendwann danach ein Punkt erreicht worden sein, ab dem die Distribution von Schwa rein prosodisch gesteuert ist. Das Projekt zielt letztlich darauf, diesen Punkt / diese Punkte zu bestimmen. Dazu werden in einigen Fallstudien (z.B. Endsilbenschwa in Adverbien, Entwicklung des Schwa in der Nominalmorphologie, Schwa in Präfixen) die diachronen Entwicklungen der Vokale nachgezeichnet, sowohl mittels des langzeitdiachronen philologischen Zugangs als auch des kurzzeitdiachronen Zustands durch Zugriff auf das Datenmaterial des DSA. Gerade in dieser Frage ist es entscheidend, einzelne Dialektlandschaften getrennt zu betrachten, um den Grad der Interaktion sowohl zwischen den Dialekten, als auch – gerade in jüngerer Zeit – der Interferenz des Standards nachvollziehen zu können.

Es muss also irgendwann danach ein Punkt erreicht worden sein, ab dem die Distribution von Schwa rein prosodisch gesteuert ist. Das Projekt zielt letztlich darauf, diesen Punkt / diese Punkte zu bestimmen. Dazu werden in einigen Fallstudien (z.B. Endsilbenschwa in Adverbien, Entwicklung des Schwa in der Nominalmorphologie, Schwa in Präfixen) die diachronen Entwicklungen der Vokale nachgezeichnet, sowohl mittels des langzeitdiachronen philologischen Zugangs als auch des kurzzeitdiachronen Zustands durch Zugriff auf das Datenmaterial des DSA. Gerade in dieser Frage ist es entscheidend, einzelne Dialektlandschaften getrennt zu betrachten, um den Grad der Interaktion sowohl zwischen den Dialekten, als auch – gerade in jüngerer Zeit – der Interferenz des Standards nachvollziehen zu können.

Publikationen des Projekts

Fleischer, Jürg / Katrin Kuhmichel / Augustin Speyer (2012): Sprachveränderung bei Goethe: das auslautende Schwa in den Werther-Fassungen von 1774 und 1787. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 40: 305-351.

Jürg Fleischer, Michael Cysouw, Augustin Speyer und Richard Wiese: Variation and its determinants: a corpus-based study of German schwa in the letters of Goethe. Erscheint in: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 37.

Zitierte Literatur

Moulton, William G. (1962): The sounds of English and German. Chicago: University of Chicago Press

Wiese, Richard (1986): Schwa and the structure of words in German. Linguistics 24, 697-724.

Wiese, Richard (2009): The grammar and typology of plural noun inflection in varieties of German. Journal of comparative Germanic Linguistics 12, 137-173.