Brennpunkte der aktuellen psychologischen Forschung
Alle Vorträge finden im Audimax (Biegenstraße 14, Hörsaalgebäude, HS 215) jeweils ab 20.15 Uhr statt.
13.04. Prof. Dr. Martin Hautzinger
(Universität Tübingen)
Wege aus der Seelenfinsternis: Psychotherapie der Depression
20.04. Prof. Dr. Jan Born (Universität
Tübingen)
Die Gedächtnisfunktion des Schlafs
27.04. PD Dr. Johannes Michalak (Universität
Bochum)
When East meets West: „Achtsamkeit“ als therapeutisches Element in der
Behandlung psychischer Störungen
04.05. Prof. Dr. Fritz Strack (Universität
Würzburg)
Wirtschaft zwischen Geist und Gier
11.05. Prof. Dr. Klaus Scherer (Universität
Genf)
Die Macht der Emotionen
18.05. Prof. Dr. Eckart Altenmüller (HMTM
Hannover)
Apollos Gabe und Apollos Fluch: Wie Musizieren das Gehirn verändert
25.05. Prof. Dr. Ricarda Steinmayr
(Universität Marburg)
Geschlechtsunterschiede in akademischen Bildungskarrieren
01.06. Prof. Dr. Frank Spinath (Universität
des Saarlandes)
Zur Erblichkeit von Intelligenz
08.06. Prof. Dr. Ulrich Wagner (Universität
Marburg)
Interkulturelle Begegnungen
15.06. Prof. Dr. Lutz Jäncke (Universität
Zürich)
Das plastische Hirn: Ein Leben lang?
22.06. Prof. Dr. Michael Eid (Freie
Universität Berlin)
Glück: Die Wissenschaft vom subjektiven Wohlbefinden
29.06. Prof. Dr. Detlef H. Rost (Universität
Marburg)
Hochbegabung und Hochbegabte: Mythen und Fakten
06.07. Prof. Dr. Frank Rösler (Universität
Potsdam)
Sind unsere Handlungen und Entscheidungen biologisch determiniert?
Zusammenfassungen
Prof. Dr. Martin Hautzinger (Universität Tübingen)
Wege aus der Seelenfinsternis: Psychotherapie der
Depression
Ausgehend von einem Fallbeispiel sollen das Erscheinungsbild (Symptome) einer Depression herausgearbeitet und anschließend kurz über bekannte Risikofaktoren bzw. Ursachen depressiver Störungen referiert werden. Daraus ergeben sich dann Überlegungen für die Ansatzpunkte psychologischer und psychotherapeutischer Behandlungen. Das bewährte und evidenzbasierte Vorgehen bei einer Psychotherapie soll im Hauptteil vorgestellt und illustriert werden. Ziel des Vortrags ist es, mit störungsspezifischer, wissenschaftlich begründeter und erfolgreicher Psychotherapie, wie sie heute auch in den Versorgungsleitlinien verlangt wird, bekannt zu machen. Die Effekte, die Wirkmechanismen und die Indikationsbereiche werden diskutiert.
Prof. Dr. Jan Born (Universität Tübingen)
Die Gedächtnisfunktion des Schlafs
Schlaf geht vor allem mit einem Verlust des Bewusstseins einher, wobei die Frage, welche Funktion dieser Bewusstseinsverlust hat, zunehmend in das Interesse moderner Neurowissenschaften rückt. Seit den Anfängen der experimentellen Gedächtnisforschung wurde in einer Vielzahl von Studien gezeigt, dass Schlaf die Konsolidierung von Gedächtnis fördert, und zwar sowohl im deklarativen Gedächtnissystem, das Fakten und Episoden speichert, als auch im prozeduralen Gedächtnissystem, das perzeptuelle und motorische Fertigkeiten speichert. Der schlaf-assoziierte Konsolidierungsprozess ist dabei kein passives Einschleifen von Erlebtem, im Sinne einer „synaptischen Konsolidierung“, sondern ein aktiver „System-Konsolidierungsprozess“, bei dem die frisch enkodierten Gedächtnisrepräsentationen wiederholt reaktiviert werden, um von einem temporären in einen Langzeitspeicher transferiert zu werden. An der Konsolidierung von Gedächtnis sind die verschiedenen Stadien des Schlafes − der Deltaschlaf (Tiefschlaf) und der REM-Schlaf (Traumschlaf) − in unterschiedlicher Weise beteiligt. Die zentrale Rolle spielt der Deltaschlaf und die dieses Schlafstadium dominierenden langsamen (<1 Hz) elektrischen Potenzialoszillationen (slow oscillations). Sie treiben die Reaktivierung neu erworbener Gedächtnisrepräsentationen im temporären Speicher des Hippocampus an und tragen dadurch ursächlich zum Transfer explizit gelernter Inhalte in den neokortikalen Langzeitspeicher bei.
PD Dr. Johannes Michalak (Universität Bochum)
When East meets West: „Achtsamkeit“ als
therapeutisches Element in der Behandlung psychischer
Störungen
Achtsamkeit als ständiges Bemühen, mit der lebendigen Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks in Kontakt zu sein, ist ein Prinzip, das ursprünglich im Bereich östlicher Meditationswege praktiziert wurde. In den letzten Jahren stößt das Achtsamkeitsprinzip aber auch in der westlichen Psychotherapie − sowohl in Forschung als auch Anwendung − auf zunehmend größeres Interesse. In dem Vortrag werden neuere achtsamkeitsbasierte Ansätze im Bereich der Psychotherapie vorgestellt. Im Besonderen wird auf die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie zur Rückfallprophylaxe bei Depressionen eingegangen. Im Rahmen des Vortrages wird auch die Herausforderung thematisiert, eine Integration von Achtsamkeit und westlicher Psychotherapie zu realisieren, die die Integrität von „East“ und „West“ wahrt.
Prof. Dr. Fritz Strack (Universität Würzburg)
Wirtschaft zwischen Geist und Gier
Die im September 2008 durch die Insolvenz von Lehman Brothers ausgelöste Finanzkrise hatte nicht nur schwere wirtschaftliche Konsequenzen zur Folge, sondern auch ein kritisches Nachdenken über die theoretischen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften. Vor diesem Hintergrund sollen Schwächen des sogenannten „rationalen Modells“ aufgezeigt und der Beitrag der Psychologie im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Emotion zu einem besseren Verständnis ökonomischen Verhaltens diskutiert werden.
Prof. Dr. Klaus Scherer (Universität Genf)
Die Macht der Emotionen
Die Emotionen nehmen seit der Antike einen zentralen Platz in Wissenschaft und Kunst ein. Während Emotionsdarstellungen aus der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik aller Epochen nicht wegzudenken sind, tut sich die Wissenschaft oft schwer mit der Erforschung der Emotionen. Grund ist der klassische Gegensatz zwischen der Annahme, dass der Mensch entweder durch die Ratio, die Vernunft, oder die Passio, die Leidenschaft, beherrscht wird. Erst seit Darwins wegweisender Buchpublikation zum Emotionsausdruck im Jahre 1872 werden die Emotionen wissenschaftlich untersucht. Nachdem in der Folge zunächst die Annahme galt, dass neuromotorische Affektprogramme die Emotionsreaktion auslösen, setzt sich mehr und mehr die Ansicht durch, dass es die kognitive Bewertung relevanter Ereignisse und die hieraus entstehenden Handlungstendenzen sind, die den Emotionsprozess steuern. Hierdurch gewinnen die Emotionen außergewöhnliche Macht über menschliches Befinden, Urteilen, und Verhalten. Der Vortrag liefert einen Überblick über neuere Befunde zu den einzelnen Komponenten der Emotionen und ihrer Bedeutung in vielen Lebensbereichen: Arbeit und Organisation, Politik und Kommunikation, Musik und Kunst.
Prof. Dr. Eckart Altenmüller (Hochschule für Musik, Theater und
Medien Hannover)
Apollos Gabe und Apollos Fluch: Wie Musizieren das Gehirn
verändert
Die Fähigkeit, auf hohem Niveau zu musizieren, stellt an das menschliche Zentralnervensystem höchste Anforderungen. Um professionellen Ansprüchen zu genügen, muss ein Berufsmusiker überaus komplexe Bewegungsprogramme mit höchster zeitlich-räumlicher Präzision und hoher Geschwindigkeit abrufen können. Die Leistungskontrolle erfolgt durch das unerbittliche Gehör des Musikers und des Publikums. In der klassischen reproduktiven Musik sind Musiker also Teil eines erbarmungslosen Belohnungs-Bestrafungssystems. Musizieren führt zu verschiedenen zentralnervösen plastischen Anpassungen. So findet sich eine Vergrößerung der sensomotorischen Regionen, der Hörregionen, des Corpus Callosum und des Cerebellums, wenn das Instrumentalspiel vor dem Alter von zehn Jahren begonnen wurde. Aber auch im Erwachsenenalter passen sich die beteiligten neuronalen Strukturen schon nach wenigen Stunden des Musizierens an. Apollos Fluch ist die „fokale Musikerdystonie“, die bei ca. einem Prozent der Berufsmusiker als Bewegungsstörung mit Verlust der feinmotorischen Kontrolle lang geübter Bewegungen auftritt. Ursache sind meist übungsinduzierte Fehlanpassungen neuronaler Netzwerke. Der gezielte Abruf optimierter Bewegungsprogramme ist durch eine Vergröberung der Ansteuerung nicht mehr möglich. Hohe Angstbereitschaft und Perfektionismus stellen Risikofaktoren für diese Erkrankung dar. Die Beziehung zwischen psychischer (emotionaler) Belastung und der Bewegungsstörung soll in dem Vortrag unter verschiedenen Aspekten erörtert werden.
Prof. Dr. Ricarda Steinmayr (Universität Marburg)
Geschlechtsunterschiede in akademischen
Bildungskarrieren
Bildungsprobleme von Jungen haben in den letzten Jahren große mediale Aufmerksamkeit erregt. Jungen werden als die neuen Sorgenkinder des deutschen Bildungssystems betrachtet. Tatsächlich wechseln Jungen weniger häufig als Mädchen auf Gymnasien, besuchen dafür aber häufiger Haupt- und Sonderschulen. Weniger Jungen als Mädchen machen Abitur, und die Studienabschlüsse von Männern sind durchschnittlich ebenfalls etwas schlechter als die von Frauen. Nach dem Abschluss der tertiären Ausbildung verlaufen die Karrieren von Frauen und Männern jedoch genau umgekehrt. Mehr Männer als Frauen promovieren, habilitieren und werden zu Professoren ernannt. Am Beispiel der akademischen Bildungskarriere sollen psychologische, aber auch kontextuelle Rahmenbedingungen aufgeführt werden, die als mögliche Erklärungen für diese paradoxen Entwicklungsverläufe von Frauen und Männern dienen können.
Prof. Dr. Frank Spinath (Universität des Saarlandes)
Zur Erblichkeit von Intelligenz
In diesem Vortrag wird ein Streifzug durch die psychologische Intelligenzforschung unternommen, wobei im Mittelpunkt die Frage steht, welchen Einfluss Gene und Umwelt auf die Intelligenzentwicklung haben. Wie lassen sich Intelligenzunterschiede zwischen Menschen erklären, und wäre ein starker genetischer Einfluss gleichzusetzen damit, dass Intelligenz nicht trainiert werden kann? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Bildung? Diese Fragen werden anhand von Beispielen aus der Zwillingsforschung und weiterer aktueller Forschungsergebnisse reflektiert und diskutiert.
Prof. Dr. Ulrich Wagner (Universität Marburg)
Interkulturelle Begegnungen
Begegnungen zwischen Kulturen sind in mobilen Gesellschaften alltäglich. Interkulturelle Begegnungen können zu Konflikten führen. Beispiele sind Konflikte zwischen Einwanderern und einheimischer Bevölkerung, Diskriminierung und die blutigen Auseinandersetzungen in den Konfliktregionen dieser Welt. Interaktionen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe können aber auch anregend sein und zu kreativen Lösungen führen, wie das beispielsweise in heterogenen Arbeitsgruppen der Fall ist. Vorgestellt werden die Ursachen und Randbedingungen für destruktiv und kooperativ verlaufende Konflikte. Darüber hinaus wird gezeigt, wie die Ergebnisse der aktuellen Forschung dazu beitragen können, Interventionen und Präventionsmaßnahmen gegen negativ verlaufende interkulturelle Begegnungen zu entwickeln und interkulturelle Kompetenz zu fördern.
Prof. Dr. Lutz Jäncke (Universität Zürich)
Das plastische Hirn: Ein Leben lang?
In diesem Vortrag wird die Plastizität des Gehirns, also seine Fähigkeit zur flexiblen Anpassung an sich ständig ändernde Bedingungen, anhand von neuen Forschungsbefunden verdeutlicht. Ferner wird der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Plastizität des Gehirns mit dem Lebensalter verändert.
Prof. Dr. Michael Eid (Freie Universität Berlin)
Glück: Die Wissenschaft vom subjektiven
Wohlbefinden
Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein neues Glücksbuch auf den Tischen der Buchhandlungen liegt. Die Werbung ist voll von Glücksversprechungen, das Streben nach Glück und Zufriedenheit allgegenwärtig, und die Erwartung, sich glücklich fühlen zu müssen, wird von einigen inzwischen gar als Last erlebt. Was sind die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie zu diesem Thema? Was versteht man in der Psychologie unter Glück? Was sind die Bedingungen des subjektiven Wohlbefindens? Welchen Einfluss haben Lebensereignisse? Welche Konsequenzen hat es, sich langfristig wohl zu fühlen? Gibt es gar einen gesellschaftlichen Nutzen individuellen Glückserlebens? Die psychologische Forschung hat sich in den letzten Jahren intensiv diesen Fragen gewidmet. Ausgewählte Antworten und zukünftige Perspektiven der psychologischen Glücksforschung werden exemplarisch dargestellt.
Prof. Dr. Detlef H. Rost (Universität Marburg)
Hochbegabung und Hochbegabte: Mythen und
Fakten
Über „Hochbegabung“ und „Hochbegabte“ wurde in den letzten Jahren in der Presse, im Rundfunk und Fernsehen viel geschrieben und berichtet. Zahlreiche Ratgeber für Eltern und Lehrkräfte sind auf dem Markt. Vieles, was über das Thema „Hochbegabung“ und „Hochbegabte“ gesagt und geschrieben wurde, lässt sich jedoch nicht durch Fakten stützen. Nicht selten werden Mythen, Meinungen und Vorurteile verbreitet. Auf dem Hintergrund des aktuellen pädagogisch-psychologischen Forschungsstandes wird versucht, unter anderem Antworten auf folgende Fragen zu geben: (1) Was ist (intellektuelle) Hochbegabung? (2) Wie bedeutsam ist eine hohe intellektuelle Begabung für den Erfolg in Schule, Hochschule und Beruf? (3) Ist Hochbegabung ein „Risikofaktor“ für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? (4) Sind hochbegabte Kinder und Jugendliche besonders problematisch? (5) Sind Hochbegabte auch gleichzeitig Hochleistende? (6) Sind „Checklisten“ nützliche Hilfen, um Hochbegabte zu identifizieren? (7) Wo und wie können Hochbegabte gefördert werden?
Prof. Dr. Frank Rösler (Universität Potsdam)
Sind unsere Handlungen und Entscheidungen biologisch
determiniert?
Aktuelle Befunde der Hirnforschung wirken beunruhigend. So wird beispielsweise behauptet, die Hirnaktivität verrate, an welchen Gegenstand ein Proband gerade denke, oder dass es möglich sei, treffsicher aus der Hirnaktivität vorherzusagen, welche Handlung ein Proband in einer Wahlsituation als nächstes ausführen wird. In anderen Untersuchungen hat man zudem gezeigt, dass die kurzfristige Ausschaltung der Aktivität eines Hirnareals das Entscheidungsverhalten von Menschen in einer Spielsituation systematisch beeinflussen kann. Solche Beobachtungen zeigen sehr eindrucksvoll, wie unsere Gedanken, Handlungen und Entscheidungen mit klar definierten biologischen Prozessen zusammenhängen. Auch belegen sie, dass häufig schon einige Sekunden vor dem Zeitpunkt, zu dem wir meinen, eine bewusste Entscheidung getroffen oder eine Handlung initiiert zu haben, systematische und das Verhalten bestimmende physiologische Prozesse beobachtbar sind. Eine genauere Analyse verdeutlicht, dass solche Ergebnisse lediglich statistische Aussagen über den Zusammenhang psychischer und biologischer Gegebenheiten erlauben, keineswegs jedoch kausale Aussagen in dem Sinne, dass ein ganz spezifischer Gedanke oder eine spezifische Handlung eines einzelnen Individuums in einer bestimmten Situation exakt vorhersagbar wäre. Im Vortrag wird erläutert, warum eine unmittelbare Übertragung statistischer Gesetzmäßigkeiten auf individuelles Verhalten nicht möglich ist, und es wird diskutiert, welche Implikationen diese Befunde möglicherweise für die Diagnostik potentieller Straftäter haben.

