Leserbrief
Liebknecht war Corpsstudent
Ihr letztes Journal (Nr. 6 vom Juni 2000) enthält auf Seite 21 einen
meines Erachtens typischen Fehler. Und zwar haben Sie in dem Artikel
über Wilhelm Liebknecht als Zwischenüberschrift "Burschenschafter"
geschrieben. Sie führen dann aus, dass er Corpsstudent der
Hasso-Nassovia gewesen ist und dass er später auch das Corps Rhenania
gegründet habe.
Wilhelm Liebknecht gründete zusammen mit August Bebel 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die spätere SPD. Marburgs berühmtester Studienabbrecher gehörte dem Corps Hasso-Nassovia an. Die Abbildung entstammt einem Studentenstammbuch.
Zunächst einmal wird
Corps – als studentische Verbindung – seit Jahrhunderten mit "C" und
nicht mit "K" geschrieben. Ein Corps hatte in der Zeit, als Wilhelm
Liebknecht aktiv wurde, eine landsmannschaftliche Ausrichtung. So ist
es nicht verwunderlich, dass Liebknecht als geborener Gießener der
heimatlichen "Landsmannschaft" Hasso-Nassovia beitrat. Die Corps der
damaligen und der heutigen Zeit sind parteipolitisch nicht gebunden und
können nicht in die beliebten Klischees von rechts und links
eingeordnet werden. In der damaligen Zeit waren linksgerichtete
Korporationen die Burschenschaften. Bei der eher nach heutigen
Begriffen linksgerichteten Einstellung von Liebknecht hätte man
allerdings leicht annehmen können, dass er seine Heimat in einer
linksgerichteten studentischen Korporation, einer Burschenschaft,
gesucht hätte. Wenn er sich dennoch einem Corps zuwandte, so hat dies
sicher einen anderen Grund, der wahrscheinlich in der satzungsgemäßen
politischen Ungebundenheit eines Corps liegt. Vielleicht ist es
bemerkenswert, dass Wilhelm Liebknecht bis zu seinem Tod Mitglied des
Corps Hasso-Nassovia geblieben ist, obwohl er zum Beispiel in striktem
politischen Gegensatz zu einem anderen Corpsstudenten, nämlich Bismarck
(Hannovera, Göttingen), stand.
Prof. Dr. Bernd-August Blencke
"Alter Herr" des Corps Hasso-Nassovia