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Herr Kampmann, es ist zehn Jahre her, dass Nato-Bomben im Kosovo fielen. Seither diskutieren Völkerrechtler über den Sinn humanitärer Interventionen. Sie erforschen nun Kriege, die aus humanitären Gründen geführt wurden - und zwar im 17. Jahrhundert. Warum tun Sie das?

Militärisches Eingreifen aufgrund von Menschlichkeit war völkerrechtlich immer ein Problem, weil es kein klassischer Kriegsgrund ist. Ein klassischer Kriegsgrund liegt vor, wenn man angegriffen wird, wenn ein Angriff droht, wenn eigene Rechte verletzt werden. Er liegt aber nicht vor, wenn die Bürger eines anderen Landes bedrängt werden. Auch heute bewegen sich solche Interventionen ja in einer völkerrechtlichen Grauzone. Schon in der frühen Neuzeit gab es eine breite öffentliche Diskussion, die man in den damaligen Massenmedien, also Büchern und Flugschriften, nachlesen kann.


Das Phänomen ist also gar nicht neu?


Nein, die Beispiele reichen sogar bis weit ins Mittelalter zurück. In modernem Sinne stellt sich das Problem erst, seit es Staatlichkeit gibt, also seit dem 15., 16. Jahrhundert. Dann setzt es aber massiv ein, und zwar mit dem Beginn der Reformation. Da unterdrücken katholische Herrscher ihre evangelischen Untertanen und protestantische ihre katholischen Untergebenen. Andere Herrscher greifen ein, die die Religion der unterdrückten Bürger teilen. Sie haben eigentlich überhaupt keinen Rechtstitel dazu, sagen aber, wir handeln, weil dort Tyrannei ausgeübt wird.


Sie erforschen nun erstmals systematisch Fälle von "Humanitären Interventionen" aus der frühen Neuzeit. Warum ist niemand vor Ihnen darauf gekommen?

Man lässt sich leicht von der Terminologie täuschen. Politikwissenschaftler und Völkerrechtler gehen davon aus, humanitäre Interventionen seien ein Phänomen unserer Zeit, weil der Begriff der Humanität in der frühen Neuzeit gefehlt hat. Das heißt aber nicht, dass es nicht von der Sache her genau das gleiche ist. Auch die Regeln des internationalen Systems sind ähnlich: Man erkennt die Souveränität des anderen Landes an, niemand erhebt offiziell Herrschaftsansprüche im anderen Land. Auch Wilhelm von Oranien, der 1688 in England interveniert, bestreitet dem dort herrschenden Jakob II. nicht das Thronrecht. Er greift trotzdem ein, und zwar für dessen Untertanen.


Die Politiker denken aber, Humanität sei ein Alleinstellungsmerkmal unserer Zeit?

Den Politikern würde ich gar nicht den entscheidenden Vorwurf machen. Politiker müssen aus der Situation heraus handeln, von ihnen erwarte ich nicht, dass sie groß historische Wälzer lesen. Ich glaube, wir müssen vor allem die politiknahen Wissenschaften betrachten, Politikwissenschaft und Völkerrecht. Die Diskussion um den Kosovo-Krieg ist erstaunlich wenig historisch unterfüttert. Aufgabe der Wissenschaft ist es aber, politikberatend zu wirken. Wir müssen den Politikern die historische Dimension liefern.


Was können die historischen Fälle zur aktuellen Diskussion beitragen?

Wenn so ein Interventionsfall kommt, dann steht die Politik immer vor der Frage: Wie geht das weiter? Welche Risiken gehen wir ein? Wie sind Nutzen- und Schadensbilanz zu ziehen? Das ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wenn man in die Geschichte schaut, hat man das alles schon geliefert. Man kann analysieren, wie solche Interventionen legitimiert wurden, wie sie abgelaufen sind und welche Folgen das hatte.


Die Intervention Wilhelm von Oraniens in England ging als Glorreiche Revolution in die Geschichte ein, sie leitete den Parlamentarismus ein. Gibt es noch mehr berühmte Fälle?

Ja, etwa im Dreißigjährigen Krieg. Gustav Adolf von Schweden greift in Deutschland ein. Er begründet das zwar einerseits damit, dass er selbst angegriffen wird, sagt aber in seiner Propaganda auch, er tue dies zugunsten der unterdrückten deutschen Protestanten. Frankreich interveniert im Dreißigjährigen Krieg, um die unterdrückten Reichsfürsten zu verteidigen und spricht sogar ausdrücklich von protection. Auch im Zuge der Französischen Revolution gibt es solche Fälle: Die französische Revolutionsregierung greift in anderen Staaten Europas ein, um den revolutionären Gedanken "gegen die Tyrannen" zum Erfolg zu bringen.


Wie beurteilte man denn früher solche Interventionen?

Im Grunde wurde die Diskussion genau über dieselben Fragen geführt wie heute: Die eine Seite argumentiert mit Menschlichkeit und sagt, hier werden Leute unterdrückt. Im 17. Jahrhundert sprach man vom Naturrecht und meinte damit die persönlichen Rechte eines Individuums. Das kommt dem sehr nahe, was wir heute unter Humanität verstehen. Auch völkerrechtlich diskutierte man auf derselben Ebene. Die Gegner sagten: Ihr sagt zwar Menschlichkeit, meint aber Macht. Denn ihr greift nicht zufällig da ein, wo´s euch machtpolitisch behagt. In einigen Teilen der Welt sind euch Menschenrechtsverletzungen egal, an wirtschaftlich oder strategisch bedeutsamen Stellen seid ihr auf einmal dabei. Die Diskussion wurde auch 1688 geführt.


Und sie hat den Kern getroffen?

Ja, denn einerseits ging es Wilhelm von Oranien wohl wirklich darum, den Engländern zu helfen, andererseits - und das war ihm wahrscheinlich noch wichtiger - wollte er England in ein Bündnis gegen Ludwig XIV. bringen. Es war also Machtpolitik.

Zuletzt aktualisiert: 11.09.2009 · Jürgen Nemitz

 
 
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