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15.12.2015

Alte Heilpflanzen neu entdeckt

Workshop über afghanische Arzneipflanzen auf Schloss Rauischholzhausen bei Marburg

Zwischen dem 29. November und 5. Dezember 2015 fand auf Schloss Rauischholzhausen bei Marburg der zweite Workshop über traditionelle afghanische Arzneipflanzen statt, der vom DAAD gesponsert wurde. Dazu wurden Wissenschaftler von den beiden pharmazeutischen Hochschulstandorten in Afghanistan eingeladen, den Universitäten in Kabul und Mazar-e Sharif, um gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den aktuellen Stand der Arzneipflanzenforschung in Afghanistan zu diskutieren. Die Delegation wurde angeführt von Prof. O Babury, dem stellvertretenden afghanischen Bildungsminister, der aber auch eine Professur für Pharmakognosie an der Universität Kabul bekleidet. Ebenfalls eingeladen war Frau F. Anderson vom Royal Botanical Garden in Edinburgh, Schottland; dieser botanische Garten kann ebenfalls auf eine langjährige Partnerschaft mit Afghanistan zurückblicken und konnte in den vergangenen Jahren zahlreiche Partnerschaftsprojekte organisieren
Afghanistan-Workshops-2015
Teilnehmer des Afghanistan-Workshops in Schloss Rauischholzhausen (von links nach rechts): Prof. Seddiqui, Prof. Karimi, Prof. Keusgen, Doz. Mozaffari, Minister Prof. Babury, Frau Anderson, Prof. Zelgai Tokhi, Prof. Breckle, Prof. Faqiri, Dr. Fritsch (Foto: F. Lorek)

In einem einleitenden Referat berichtete zunächst Prof. S.-W. Breckle, Universität Bielefeld, über seine langjährigen botanischen Studien in Afghanistan. Prof. Breckle konnte mit atemberaubenden Bildern demonstrieren, dass  Afghanistan eine Fülle von hochinteressanten Biotopen zu bieten hat, die im Südosten deutliche subtropische Züge tragen. Leider sind diese Gebiete an der Grenze zu Pakistan heute nur noch schwer zugänglich; sie stellen aber eine wichtige Quelle für Arznei- und Nutzpflanzen dar.

In einem weiteren einleitenden Referat berichtete Dr. Fritsch vom IPK Gatersleben über die Auswertung historischer Quellen zu Arznei- und Nutzpflanzen entlang des Panj-Flusses, der die Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan bildet. Bereits im vorletzten Jahrhundert waren aus diesem Gebiet über 200 wichtige Pflanzen bekannt. In den historischen Quellen begegnet man immer wieder der Steppenraute Peganum harmala, von der insbesondere die Samen aufgrund ihres Alkaloid-Gehalts genutzt werden. Die Pflanze führt Harman-Alkaloide, die einerseits eine psychotrope Wirkung haben, aber auch eine antimikrobielle Aktivität zeigen. Daneben sind insbesondere Obstbäume von größerem Interesse. Erwähnt werden müssen hier die Maulbeerbaume, Morus alba und Morus rubra, deren Früchte auch als Heilmittel Verwendung finden.

Im weiteren Verlauf berichteten die beteiligten Hochschullehrer über die Forschungsprojekte des vergangenen Jahres, in welche auch die afghanischen Studierenden eingebunden waren. Beispielsweise bekamen diese vorbereitete Fragebögen, mit denen sie während der Ferien in ihren Heimatorten strukturierte ethnopharmazeutische Befragungen machen sollten. Insgesamt konnten so etwa 4.000 Befragungen in nahezu allen Provinzen durchgeführt werden. An den Befragungen beteiligten sich auch lokale Heiler, die neben kräuterkundigen Frauen sicherlich den besten Überblick über die Heilpflanzenwelt Afghanistans haben. Jedoch ergaben sich auch recht sonderbare Ergebnisse: Ephedra-Kraut wird im ganzen Land sowie in Pakistan und Tadschikistan in großem Umfang verwendet. Neben der aufputschenden und blutdrucksteigernden Wirkung wird aber auch häufig von einer blutdrucksenkenden Wirkung berichtet, was Fragen aufwirft. Hier muss noch genau analysiert werden, ob die unterschiedlichen Indikationen auch mit unterschiedlichen Zubereitungsformen verbunden sind. Fernerhin werden verschiedene Berberis-Arten (Beeren und Wurzeln) sowie „Teufelsdreck“, das Exsudat aus Ferula assa-feotida, in großem Umfang verwendet. Insgesamt stellen die Doldenblütler (Apiaceae) die bedeutendste Arzneipflanzenfamilie in Afghanistan dar.

Alle Daten werden in eine Datenbank eingegeben, in der sich bereits 1.500 Einträge befinden, die während des Workshops abgeglichen und gegebenenfalls korrigiert wurden. Das umfangreiche Arbeitspensum des Workshops machte schon die eine oder andere Nachtschicht erforderlich. Neben der Publikation der Originalergebnisse sollen die Befunde in ein Buch über afghanische Arzneipflanzen einfließen. Im kommenden Jahr sollen die Ergebnisse abgesichert werden und insbesondere die verwendeten Pflanzenarten möglichst genau bestimmt werden, was in den bisherigen Befragungen nicht immer gelang. Um diese Arbeiten zu erleichtern, wurden mit Unterstützung des DAAD 100 Taschebücher gedruckt, in denen die wichtigsten Pflanzen farbig abgebildet sind. Die beteiligten Studierenden sollen diese Bücher nun für die weiteren Befragungen verwenden.

Abgerundet wurde der Workshop durch einen Besuch bei der Firma Bionorica in Neumarkt/Oberpfalz. Neben einer ausgiebigen Diskussion über die Pflanzenwelt Afghanistans stand auch eine Firmenbesichtigung auf dem Plan. Hiermit konnte den afghanischen Gästen ein guter Einblick vermittelt werden, wie eine zeitgemäße Phytopharmaka-Produktion eingerichtet und organisiert wird.

Nach einer Woche Arbeit verließ die afghanische Delegation Deutschland zufrieden hochmotiviert. Im kommenden Jahr soll der Workshop wiederholt werden; die Fertigstellung des Arzneipflanzenbuchs ist für 2018 angepeilt. Es bleibt zu hoffen, dass die Lage in Afghanistan bis dahin ausreichend stabil bleibt, um das Gesamtprojekt erfolgreich abzuschließen.

Kontakt

Prof. Dr. Michael Keusgen
Institut für Pharmazeutische Chemie
Marbacher Weg 6-10
35032 Marburg

Tel.: 06421 28-25891
E-Mail

Zuletzt aktualisiert: 15.12.2015 · Von Prof. Dr. Michael Keusgen, Marburg

 
 
 
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Institut für Pharmazeutische Chemie, Marbacher Weg 6-10, 35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-25553, Fax +49 6421 28-25854, E-Mail: katja.huette@staff.uni-marburg.de

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