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30.11.2015

Wie gesund sind Pilze?

Von Prof. Dr. Michael Keusgen, Philipps-Universität Marburg

Abb.1
Abb.2

Die Pilzsaison ist gerade vorbei und so manch ein Pilzfreund hat sicherlich auch in diesem Jahr in den Wäldern rund um Marburg reiche Beute gemacht. Auch wer nicht in der Natur fündig geworden ist, kann sich in der Gemüsetheke der Lebensmittelgeschäfte nach Herzenslust bedienen.

Aber wie gesund sind eigentlich die selber gesammelten oder gekauften Pilze? Diesen werden ja geradzu Wunderwirkungen nachgesagt: Durch regelmäßigem Pilzkonsum können so genannte „Sauerstoff-Radikale“ neutralisiert werden, die an der Entstehung von Krebserkrankungen beteiligt sind. Und darüber hinaus sollen Pilze den Cholesterol-Spiegel des Blutes senken. Diese Meldung lässt aufhorchen. Und in der Tat – in der wissenschaftlichen Literatur befinden sich Berichte, dass beispielsweise der Kulturchampignon Agaricus bisporus etwa 6 mg des Cholesterolspiegelsenkers „Lovastatin“ pro 100 g Frischpilz enthalten soll; Lovastatin ist ein verschreibungspflichtiger, biotechnologisch hergestellter Cholesterolsenker. Noch besser sieht es beim Austernseitling Pleurotus ostreatus aus: Hier sollen 100 g Frischpilz 2-280 mg Lovastatin enthalten [1-4]! Letzteres würde bedeuten, dass sich mit einem kleinen Stückchen Austernseitling der Cholesterolspiegel auf ganz natürliche Weise regeln ließe und man die ganze „Chemie aus der Apotheke“ nicht mehr bräuchte. Anzumerken sei aber auch, dass Lovastatin ganz erhebliche unerwünschte Wirkungen haben kann (im schlimmsten Fall Muskelabbau, Rhabdomyolyse).

Aber was ist nun dran an dieser Geschichte? Um dies zu klären, wurden aus dem Einzelhandel, von Pilzzüchtereien und aus den Wäldern Hessens Champignon- und Austernseitling-Proben besorgt (Abb. 1). Das Material wurde in der Arbeitsgruppe Keusgen, Philipps-Universität Marburg, schonend gefriergetrocknet, pulverisiert und extrahiert. Anschließend wurde der Gehalt an Lovastatin entsprechend des Europäischen Arzneibuches untersucht [5], wobei die Methode geringfügig modifiziert wurde, da der Wirkstoff ja nicht aus einer Tablette, sondern einem Pilz extrahiert wurde. Zunächst wurden 17 Proben beider Pilzarten mittels „Hochleistungs-Flüssigchromatographie“ (HPLC) entsprechend Arzneibuch untersucht. Die große Überraschung: In keiner der untersuchten Proben konnte Lovastatin nachgewiesen werden! Wenn Lovastatin überhaupt vorhanden ist, dann in Mengen deutlich unter 1mg pro 100 g Frischpilz.

Um nun gezielt nach Lovastatin-Spuren zu fahnden, wurde eine massenspektrometrische Detektion durchgeführt. Und in der Tat: In 3 von 6 untersuchten Proben fanden sich extrem geringe Spuren von Lovastatin (Tabelle; kleiner 4 Mikrogramm pro 100 g Frischpilz). Dieses reicht bei Weitem nicht aus, um den Cholesterolspiegel zu senken – aber mit unerwünschten Wirkungen, die auf das Lovastatin zurückzuführen sind, muss auch nicht gerechnet werden, was ja eine gute Nachricht ist.


Tabelle: Gehalt an Lovastatin in Speisepilzen – AG Keusgen, Philipps-Universität Marburg

Spezies Deutsche
Bezeichnung
Bezug
(Ursprungsland)
Lovastatin
[mg/100 g
Trockenmasse]

Lovastatin
[mg/100 g
Frischgewicht]
 Agaricus bisporus Kulturchampignon Handel
(Deutschland)
Fruchtkörper* Fruchtkörper*
 Agaricus bisporus Kulturchampignon Handel
(Deutschland)
< 0,04 (LOQ) < 0,004 (LOQ)
 Agaricus bisporus Kulturchampignon Handel
(Polen)
< 0,04 (LOQ) < 0,004 (LOQ)
 Pleurotus ostreatus Austernseitling Wildfund
(Deutschland)
n.n. n.n.
 Pleurotus ostreatus Austernseitling Handel
(Deutschland)
n.n. n.n.
 Pleurotus ostreatus Austernseitling Handel
(Deutschland)
< 0,04 (LOQ) < 0,004 (LOQ)

LOQ: Limit of Quantification; n.n.: nicht nachweisbar; * Wassergehalt in essbaren Fruchtkörpern ca. 88 – 92 %, im Mittel 90 % [6]

Die Frage ist nun: Wie kommt das Lovastatin nun in die Speisepilze? Hier bietet sich folgende Erklärung an: Schimmelpilze der Gattungen Aspergillus und Monascus sind durchaus in der Lage, Lovastatin zu synthetisieren. Beispielsweise werden bestimmte Aspergillus-Stämme zur großtechnischen Gewinnung dieses Wirkstoffes verwendet. Bei der genauen Betrachtung der Pilzproben fiel auf, dass insbesondere der Austernseitling häufig mit einem dünnen Film weißen Schimmels überzogen ist – etwas, worauf man beim Kauf unbedingt achten sollte! Der höchste Gehalt an Lovastatin (aber noch immer wenige Mikrogramm) wurden bei genau so einer Probe gefunden (Abb. 2). Somit liegt der Verdacht nahe, dass Schimmelpilze für den beobachteten, sehr niedrigen Lovastatin-Gehalt verantwortlich sind. Für einwandfreie Handelsware sowie für Frischpilze kann also Entwarnung gegeben werden.

Ganz anders sieht die Sache aber für Reis aus, der mit dem Schimmelpilz Monascus fermentiert wurde – so genannter „Red Rice“ (Roter Reis). Hier lassen sich deutliche Mengen an Lovastatin im Milligrammbereich finden, die sicherlich in der Lage sind, den Cholesterolspiegel zu senken – aber eben auch mit allen unerwünschten Wirkungen. Deshalb muss von der Einnahme dieser Präparate, die reichhaltig im Internet angeboten werden, in der Selbstmedikation dringend abgeraten werden. Zudem produzieren Schimmelpilze häufig Toxine, die im „Red Rice“ ebenfalls enthalten sein können. Der Rote Reis stellt somit keine sinnvolle und insbesondere keine sichere Alternative zu verschreibungspflichtigen Cholesterolspiegelsenkern dar. Es gibt aber durchaus Lebensmittel, die moderat den Cholesterolspiegel senken, wie beispielsweise Knoblauch!

Danksagung: Herrn Steffen Neumann und Herrn Fabian Rüger, Universität Marburg, sei für die Beschaffung der Pilzproben und die Analysen gedankt. Weitere Pilzuntersuchungen wurden am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (Dr. Maixner, Dr. el-Atma) sowie am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Oberschleißheim (Dr. Schramek) durchgeführt.

Literatur

  1. Lin SY, Chen YK, Yu HT, Barseghyan GS, Asatiani MD, Wasser SP, Mau JL. (2013) Comparative Study of Contents of Several Bioactive Components in Fruiting Bodies and Mycelia of Culinary-Medicinal Mushrooms, International Journal of Medicinal Mushrooms, 15(3): 315–323.

  2. Alarcón J, Aguila S, Arancibia-Avila P, Fuentes O, Zamorano-Ponce E, Hernández M. (2003) Production and Purification of Statins from Pleurotus ostreus (Basidiomycetes) Strains, Zeitschrift für Naturforschung 58c, 62-64.

  3. Gunde-Cimerman N, Cimerman A. (1995) Pleurotus Fruiting Bodies Contain the Inhibitor of 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzyme A Reductase – Lovastatin, Experimental Mycology 19, 1 – 6

  4. Lee JW, Lee SM, Gwak KS, Lee JY, Coi IG. (2006) Screening of Edible Mushrooms for the Production of Lovastatin and its HMG-CoA Reductase Inhibitory Activity, The Korean Journal of Microbiology 42, (2), 83-88

  5. Arzneibuch-Kommentar. (2014) Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Monographie Lovastatin

  6. Bötticher W.,Technologie der Pilzverwertung, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 1974

 

Abb. 1 Natürlicher Standort des Austernseitlings Pleurotus ostreatus im Wald bei Dillenburg (Hessen). (Foto: Rüger)

Abb. 2 Handelsmuster eines Austernseitlings (Pleurotus ostreatus), der mit einem Schimmelpilz überwuchert ist. (Foto: Keusgen)

Kontakt

Prof. Dr. Michael Keusgen
Institut für Pharmazeutische Chemie
Marbacher Weg 6-10
35032 Marburg

Tel.: 06421 28-25891
E-Mail

Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015 · Prof. Dr. Michael Keusgen

 
 
 
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Tel. +49 6421 28-25553, Fax +49 6421 28-25854, E-Mail: katja.huette@staff.uni-marburg.de

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