Hauptinhalt

Profil

Im Jahr 2006 wurden die nahostwissenschaftlichen Kapazitäten Hessens im Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) der Marburger Philipps-Universität (UMR) zusammengeführt und durch zusätzliche Einrichtung neuer Professuren ausgebaut. In Marburg sind nahostbezogene Fächer seit 125 Jahren etabliert. Mehrere Generationen von Hochschullehrern und -lehrerinnen haben sie hier in einem breiten Forschungsspektrum entwickelt und die Vernetzung mit der internationalen Fachwelt ebenso wie mit den Ländern der Region gepflegt. Diese Tradition wird im CNMS aufgenommen und weiterentwickelt: Philologisch und kulturhistorisch ausgerichtete Professorinnen und Professoren mitsamt ihren Teams lehren und forschen mit gegenwartsbezogenen gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftlichen Professuren interdisziplinär zusammen.

Mit seinem breiten Angebot in Forschung und Lehre gehört das CNMS mittlerweile zu den führenden Nahostinstituten in Deutschland. Neben seiner Vorreiterrolle im Rahmen der Forschungsstrategien der UMR hat das Zentrum auch große Bedeutung als Akteur im Forschungscampus Mittelhessen. Damit werden nicht nur interdisziplinäre, sondern auch komparatistische und transregionale Forschungsansätze und -zugänge gestärkt. Über Forschung und Ausbildungsprogramme sind in den letzten Jahren enge Kontakte zu Institutionen in Ägypten, Iran, Irak, Syrien, Jemen, Jordanien, den Maghreb-Staaten, den Vereinten Arabischen Emiraten, Tadjikistan und der Türkei entstanden. (Die Zusammenarbeit mit den Universitäten in Bagdad und Damaskus ruht momentan.) Der Austausch von Studierenden und Wissenschaftler/innen steht hoch auf der Agenda. Mit Ägypten, den Emiraten, Iran, Jordanien, Marokko und Tadjikistan bestehen institutionalisierte Austauschprogramme für Studierende, auf Forschungsebene auch mit weiteren Institutionen in Tunesien und dem Libanon. 

Mission

Das CNMS mit seiner bundesweit einmaligen Konzentration von Nahostkompetenz wurde 2006 mit dem Ziel gegründet, die Geschichte, Kulturen, Gesellschaften und Religionen des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas von der Antike bis zur Gegenwart zu erforschen, in der Lehre zu vermitteln und einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen. Das CNMS hat es sich zum Auftrag gemacht, diese historischen, kulturellen, sozio-ökonomischen und religiösen Strukturen und Eigenheiten der Region in zeitlich und regional vergleichender Perspektive verständlich zu machen und die jahrtausendealte, oft unausgesprochen mitgedachte europäische Identitätskonstruktion durch Abgrenzung gegen „den Osten“ kritisch zu hinterfragen.

Am CNMS forschen und lehren philologisch-historische und gegenwartsbezogene gesellschafts-, literatur- und wirtschaftswissenschaftliche Fachgebiete gemeinsam in aller historischen Tiefe, fachlichen Breite und methodischen Vielfalt zur Region des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas. Das Selbstverständnis des CNMS beruht dabei konzeptionell auf einem Verständnis von Kultur als Ergebnis kultureller Zuschreibungs- und Markierungsprozesse. Strukturen und Diskurse ebenso wie Kultur- und Ideengeschichte stehen im Gegensatz zum bisher in Area Studies verbreiteten, holistischen Verständnis einer territorial verankerten Kultur (Andreas Eckert) am CNMS im Fokus von Lehre und Forschung. 

Das Zentrum versteht sich als ein interdisziplinäres Forschungs- und Lehrinstitut zwischen den beiden Polen einer umfassenden humanistischen Bildung und einer berufsorientierten Ausbildung. Die Studiengänge kombinieren jeweils relevante theoretisch-methodische Zugänge mit Sprach- und Regionalkompetenzen. Das CNMS folgt dem Appell des „Forschens mit statt forschen über“ (Wolf Lepenies) und pflegt deswegen eine enge Zusammenarbeit mit Partnern und Institutionen in der Region selbst. Interkulturelle Sensibilität und ein Bewusstsein für Heterogenität gehört zum Selbstverständnis des CNMS dazu. Dies spiegelt sich in der Lehre in Form von Praktika und Pflichtauslandsaufenthalten in der Region wider. Die Forschung am CNMS beinhaltet zudem föderative Projekte in Zusammenarbeit mit Institutionen vor Ort.

Daher ist die Mission des CNMS, die gewonnenen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse an die Gesellschaft weiterzugeben und aktiver Teil einer funktionierenden und inspirierenden Diskursgemeinschaft zu sein. Das CNMS nimmt diese gesellschaftliche Rolle durch zahlreiche Transferleistungen und -formate wahr und sieht sich verpflichtet, zu einer pluralen und offenen Gesellschaft beizutragen.

Wenn den Hochschulen als 'Orten der Integration' gesellschaftliche Verantwortung zugewiesen wird mit der Aufgabe, den „Anderen“ zu integrieren und Diversität und Heterogenität zu fördern, so stellt sich auch das CNMS dieser Herausforderung mit seinen zahlreichen außercurricularen Aktivitäten und Arbeitskreisen, z. B. in der Zusammenarbeit mit Geflüchteten. Vielfalt und Diversität als „reiche Quelle intellektueller Kreativität“ (Peter-André Alt) ist am CNMS, in dem Menschen mit heterogenen Biographien und mit unterschiedlichem Vorwissen in den verschiedensten Studienprogrammen und Forschungsprojekten eng miteinander zusammenarbeiten, ein geschätztes Gut. In diesen Konstellationen tauchen zwar durchaus auch Spannungen auf; diese auszuhalten und produktiv zu überwinden ermöglicht aber erst eine kontinuierliche Re-Positionierung des Zentrums in einem sich wandelnden akademischen Umfeld.

Vision

Das CNMS verortet sich in der Gesellschaft und fühlt sich ihr verpflichtet. Für die Zukunft bilden wir in enger Zusammenarbeit mit regionalen Partnern eine neue Generation an Studierenden und jungen Forschenden aus, die ein Modell der 'engaged science', d. h. ein Wissenschaftsverständnis, das gesellschaftliche Verantwortung und kritische Selbstreflexion miteinschließt, leben und weiterentwickeln wird. Ziel unserer Lehre und Forschung ist es, in sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive die historischen wie gegenwartsbezogen Bedingungen gesellschaftlicher Prozesse im Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika genauer herauszuarbeiten. Dieser Region verschafft das CNMS in der Kulturwissenschaft, Sprachwissenschaft und politökonomischen Ansätzen ebenso wie in politischen und ökonomischen Diskursen Aufmerksamkeit. Dadurch lässt sich das Ziel des CNMS erfüllen, die immer noch virulente kulturelle Identitätskonstruktion Europas in Abgrenzung zum „Orient“ in Wissenschaft und Gesellschaft zu dekonstruieren. Das CNMS leistet damit einen essentiellen Beitrag dazu, aktuelle Entwicklungen zu verstehen und populistisch geschürten Ängsten und Vorurteilen entgegenzuwirken.

Mit den drei Säulen universitären Lebens Forschung, Lehre, gesellschaftliches Engagement verfolgt das CNMS die Strategie, trotz der geänderten Ausgangsbedingungen sich dem Humboldt’schem Ideal anzunähern, nämlich, Absolvent/innen zu entlassen, die sich „mit den großen Menschheitsfragen auseinandersetzen: sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine andere Beziehung zur Natur bemühen“ (zit. nach Jürgen Hofmann: „Welche Bedeutung hat das Humboldt'sche Erbe für unsere Zeit?“, 8.1.2010).

Kurz zusammengefasst ...

  • Unsere Lehre: Vermittlung einer Bandbreite moderner und aktueller Themen und Ansätze mit historischer Tiefenschärfe; aktive Sprachbeherrschung in den modernen Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch; intensive Ausbildung in den historischen Sprachen Akkadisch (Assyrisch/Babylonisch), Sumerisch und vielen anderen; Methoden- und Regionalkenntnisse; interdisziplinäre Methodik, interkulturelle Kompetenz und Praxisbezug; Auslandsstudium 
  • Unsere Forschung: Neben sprachwissenschaftlicher Grundlagenforschung kulturhistorische und sozialwissenschaftliche Forschungen in interdisziplinärer und internationaler Zusammenarbeit
  • Unser Selbstverständnis im Sinne von „engaged science“: Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Öffentlichkeit und Politik sowie als Forum für Dialog und Kooperation
  • Unsere Bibliothek: Umfassende Materialien zu allen Gebieten des Zentrums

Satzung

Die Organisation des Centrums für Nah- und Mittelost-Studien regelt die Satzung.

Gemeinsame Erklärung CNMS und IfP zu Störungen in Seminaren

Aus gegebenem Anlass weisen das Centrum für Nah- und Mitteloststudien sowie das Institut für Politikwissenschaft darauf hin, dass die Drohung mit einer Denunziation von Hochschulangehörigen bei den Sicherheitsbehörden autoritärer Regime, in denen die Religion als eine politische Legitimationsideologie instrumentalisiert wird, an der Philipps-Universität Marburg nicht geduldet wird. In einem solchen Fall behält sich die Universität vor, rechtliche Schritte einzuleiten.

Uns ist es wichtig, solchen Denunziationsversuchen auch politisch entgegenzutreten: Demokratie, Säkularität und freier wissenschaftlicher Austausch an der Universität bedingen sich wechselseitig und sind ein hohes Gut, zu dessen Schutz alle Angehörigen der Universität aufgerufen sind. Wir verweisen diesbezüglich auf die Gemeinsame Erklärung des Instituts für Politikwissenschaft "Für freie Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft":

Universitäten kommt eine wichtige Rolle darin zu, solche demokratischen Verhältnisse zu ermöglichen. Als Angehörige der Universität Marburg nehmen wir die uns hieraus erwachsende Verantwortung ernst. Wir bekräftigen unsere Verpflichtung autoritären, rassistischen, antisemitischen – und auch religiös fundamentalistischen – sowie antifeministischen Äußerungen und Praktiken entschieden entgegenzutreten und bekennen uns zu Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Antidiskriminierung.

Hier zum Download:

Gemeinsame Erklärung CNMS und IfP zu Störungen in Seminaren.png