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Handlungsfelder von Sprache in der Politik

Der Kommunikationsbereich Politik wird in der neueren pragmatisch orientierten Forschung in verschiedene Einzelbereiche unterteilt, die meist Handlungsfelder (Reisigl 2003; Girnth 2015 [2002]) oder auch Interaktionsrahmen (Klein 1991) genannt werden. Damit sind verschiedene operative Szenarien gemeint, in denen politische Akteur*innen ihre Botschaften vermitteln und meinungsbildend wirken. Zwei unterschiedliche Modelle aus der Fachliteratur sollen im Folgenden vorgestellt werden.

Bei Heiko Girnth (2015: 44ff.) steht der Begriff Handlungsfeld für eine Adaption der Wittgensteinschen Sprachphilosophie. Im Anschluss an Ludwig Wittgensteins Theorie des „Sprachspiels“ (Wittgenstein 1984) wird dabei die Rückbindung von politischer Sprachverwendung an institutionelle und kommunikative Kontexte in den Mittelpunkt gerückt und als Distinktionskriterium für Sprache in der Politik bestimmt. Politik wird dabei als „Makrosprachspiel“ verstanden, das sich in konkrete, aufgabenorientierte Teilbereiche untergliedert. Die sogenannten Handlungsfelder stellen hier den „äußeren Handlungsrahmen bzw. die kommunikativ-institutionellen Voraussetzungen für die politische Sprachverwendung [dar] und lassen sich als Kombination aus Sach- und Handlungsebene beschreiben“ (Girnth 2015: 45). Als „Bausteine“ einer Situation bestimmen sie die Absichten und Ziele der Sprachverwendung und infolgedessen auch deren formale Gestaltung in Form von unterschiedlichen prototypischen Textsorten und Interaktionsformaten. Girnth (2015: 45; 2024: o.S.) definiert auf dieser Basis vier Handlungsfelder, die funktional eng an die vom Grundgesetz vorgesehenen Aufgaben für politische Akteur*innen gekoppelt sind: die öffentlich-politische Meinungsbildung (1), die politische Werbung (2), die innerparteiliche Meinungs- und Willensbildung (3) und das Gesetzgebungsverfahren/Meinungs- und Willensbildung in Institutionen (4):

(1)   Das Handlungsfeld öffentlich-politische Meinungsbildung umfasst die Aushandlung politischer Entscheidungen sowie ihre öffentliche Legitimierung und Diskussion. Dazu gehört auch die massenmediale Vermittlung jener Aktivitäten durch Textsorten wie Fernsehansprache, Pressekommentar oder Debattenrede bzw. Interaktionsformate wie politische Talkshow oder Fernsehinterview (die Beispiele folgen Girnth 2024 sowie ergänzend Reisigl 2003: 140 und Pappert 2017: 295f.).

(2)   Im Handlungsfeld politische Werbung dient Sprache der Öffentlichkeitsarbeit und Selbstinszenierung von Parteien, Verbänden und Organisationen. Die Akteur*innen werben dabei für ihre Ziele und aktivieren ihre Anhängerschaft mithilfe von Textsorten wie etwa Wahlprogramm, Wahlplakat oder Wahlwerbespot.

(3)   Die innerparteiliche Meinungs- und Willensbildung umfasst die Aushandlung grundlegender Standpunkte und weltanschaulicher Richtlinien der Parteien sowie die Planung und Durchführung konkreter Entscheidungen. Die Kommunikation dient in diesem Handlungsfeld vor allem dazu, innerparteilichen Zusammenhalt zu stiften, indem man über gemeinsame Ziele und Wertehaltungen verhandelt. Typische Textsorten in diesem Bereich sind Wahlprogramme, Grundsatzprogramme, Leistungsbilanzen oder Anträge an den Parteitag, gleichzeitig finden sich hier Interaktionsformate wie Fraktions- und Parteitagsdebatte.

(4)   Im Handlungsfeld Gesetzgebungsverfahren/Meinungs- und Willensbildung in Institutionen kommunizieren die Institutionen der Staatsgewalt – Judikative, Exekutive und Legislative – miteinander und mit der Öffentlichkeit. Dabei werden Textsorten wie Gesetze, Erlasse oder Sofortprogramme verfasst mit dem Ziel der Organisierung Macht.

Martin Reisigls (2007) Modell der Handlungsfelder strebt eine Präzisierung und Erweiterung dieser Konzepte an, die um eine soziologische und politologische Komponente ergänzt werden.  Obgleich auch hier eine funktionale und institutionell gerahmte Klassifikation vorgenommen wird, begreift Reisigl politische Handlungsfelder „in lockerem Anschluss“ an Pierre Bourdieus Feldtheorie als dynamische, strukturierte Räume der politischen Praxis. Als metaphorische Räume prägen Handlungsfelder den Habitus und das Handeln von Akteur*innen, welche sich darin auf individuellen Handlungsbahnen bewegen und Positionen beziehen. Ein wesentliches Distinktionsmerkmal des Modells ist darüber hinaus die explizite Verknüpfung der Felder mit den drei Dimensionen des Politischen: Polity (formaler Rahmen), Policy (inhaltliche Gestaltung) und Politics (prozessuales Ringen um Macht) (vgl. Reisigl 2007: 29). Bei der Typologisierung der Felder wird hier versucht, die politische Sprachverwendung nicht nur soziologisch, sondern auch im Hinblick auf die jeweilige Politikdimension zwischen diesen „Koordinaten“ zu verorten. Dabei werden Handlungsfelder als dynamisch verstanden, wodurch Überlappungen und Grenzgänge zwischen den Feldern nicht als analytische Schwäche, sondern als konstitutives Merkmal der politischen Praxis begriffen werden. Schließlich werden politische Handlungsfelder auch enger an Diskurse gekoppelt. Das Merkmal der Diskursgebundenheit – von Girnth als allgemeines Merkmal politischer Sprache verstanden – beschreibt den referentiellen Charakter konkreter Sprachverwendungen, die sich auf meist außersprachliche übergeordnete Themenverbünde bezieht (vgl. Grinth 2015: 42). Für Reisigl werden Diskurse hingegen zu zentralen Konstituenten politischer Handlungsfelder und stehen in einer Art Wechselverhältnis mit ihnen. Zum einen prägen Diskurse die soziale und damit auch die politische Wirklichkeit entscheidend mit. Umgekehrt sind Diskurse ihrerseits sozial bestimmt durch äußere Strukturen in der Gesellschaft und verinnerlichte subjektive Prägungen wie den Habitus (vgl. Reisigl 2007: 30).

Insgesamt unterscheidet Reisigl (2007: 29; 34f.) unterscheidet acht Handlungsfelder der politischen Kommunikation von denen vier in etwa denen von Girnth entsprechen. Eine Ergänzung stellen dagegen die folgenden Felder dar:

(1)   Die zwischenparteiliche Meinungs-, Einstellungs- und Willensbildung wird als Feld begriffen, in dem alle Dimensionen des Politischen wirksam werden. Auf der zwischenparteilichen Ebene, etwa bei Koalitionsverhandlungen, wird die Polity durch den Koalitionsvertrag neu definiert, während das Ringen um Kompromisse den Kern der Politics ausmacht. Sobald eine Koalition dann geformt ist, gewinnt Policy in diesem Handlungsfeld zunehmend an Bedeutung.

(2)   In der zwischenstaatlichen bzw. internationalen Beziehungsgestaltung korrespondiert die Polity zum Beispiel mit völkerrechtlichen Verträgen, während die Policy globale Agenden (z.B. Klimapolitik, Verteidigung) umfasst. Ein Element der Politics wäre außerdem vorhanden, wenn Akteur*innen im Rahmen von kriegsbejahenden Reden die Bevölkerung zum Angriff auf andere Länder anstacheln würden. Im Fall der internationalen Beziehungsgestaltungen sind Überlappungen zu anderen Feldern besonders ausgeprägt, so werden internationale Gesetze und Abkommen verhandelt (Handlungsfeld des Gesetzgebungsverfahrens), genehmigt und vollzogen (Handlungsfeld der politischen Administration), aber auch Freund- oder Feindschaften zu internationalen Akteur*innen kultiviert und nach innen legitimiert (Handlungsfeld der zwischenstaatlichen Beziehungsgestaltung sowie der politischen Werbung).

(3)   Im Bereich der politischen Exekutive bzw. Administration steht die praktische Anwendung von Macht im Vordergrund, was eng mit der Policy-Dimension verknüpft ist. Dies geschieht auf mehreren Ebenen: Akteur*innen der Verwaltungsbehörden setzen Beschlüsse um, während Regierungsmitglieder exekutive Aufgaben der obersten Verwaltung ausüben. Auch die Organe der Rechtsprechung agieren teilweise in diesem Bereich, indem sie zu Vollstrecker*innen des Gesetzes werden. Typische Textsorten sind hier Verordnungen, Erlasse, Bescheide oder Gerichtsurteile.

(4)   Das letzte Feld ist das der politischen Kontrolle und des politischen Protests. Dieses dient der Überprüfung der Legitimität politischen Handelns (Policy und Politics). Während die institutionelle Kontrolle (z. B. durch den Rechnungshof oder Gerichte) die Einhaltung der Polity prüft, artikuliert sich der außerparlamentarische Protest zumeist als Politics. Hier finden sich Interaktionsformate wie Demonstrationen und Textsorten wie Petitionen, Flugblätter oder offene Briefe.

Die von unterschiedlichen Autoren unternommene Klassifikation von Handlungsfelder politischen Sprachgebrauchs zeigt, dass Sprache in diesem Bereich nicht nur in prototypischen Situationen wie politischen Debattenreden und Talkshows ihren Sitz hat, sondern einen weiten Bereich abdeckt, in dem sie ihre spezifische Form und Funktion erst durch den jeweiligen institutionellen und gesellschaftlichen und diskursiven Kontext erhält. Die spezifische Situation mit ihren kommunikativen Anforderungen manifestiert sich musterhaft in spezifischenTextsorten und Interaktionsformaten bewegt. Während der funktional-pragmatische Ansatz Heiko Girnths jedoch die politische Kommunikation innerhalb von relativ stabilen Handlungsfeldern untersucht, konzentriert sich die Kritische Diskursanalyse mit Martin Reisigl auch auf die diskursive Fundierung dieser Handlungsfelder selbst.

 Valentin Fleck

 

Quellen:

Girnth, Heiko (2015 [2002]): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Berlin/Boston: de Gruyter.

Girnth, Heiko (2024): Einstieg: Sprache und Politik. In: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), online unter: https://www.bpb.de/themen/parteien/sprache-und-politik/42678/einstieg-sprache-und-politik/ (Abruf: 30.12.2025).

Klein, Josef (1991): Politische Textsorten. In: Brinker, Klaus (Hrsg.): Aspekte der Textlinguistik. Hildesheim/Zürich/New York: Olms, S. 245– 278.

Pappert, Steffen (2017): Parteien als Akteure. In: Roth, Kersten Sven/Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 280–297.

Reisigl, Martin (2007): Nationale Rhetorik in Fest- und Gedenkreden. Eine diskursanalytische Studie zum „österreichischen Millenium“ in den Jahren 1946 und 1996. Tübingen: Stauffenburg.

Wittgenstein, Ludwig (1984): Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.