Strategien
Ein weiteres Betätigungsfeld im Bereich der Polito- und Diskurslinguistik ist die Beschäftigung mit den politisch-strategischen Absichten in der Kommunikation von Akteur*innen aus Politik und Öffentlichkeit in Hinblick auf bestimmte Ziele. Sprachliches strategisches Handeln ist in erster Linie darauf ausgerichtet, die Zustimmungsbereitschaft bei den Rezipient*innen zu erhöhen und damit den politischen Erfolg von Personen oder Parteien zu sichern. Als sekundäre Ziele versuchen Kommunikator*innen zum einen das Publikum davon zu überzeugen, dass sie dessen Interessen besser als die Konkurrenz vertreten. Zum anderen sind sie darum bemüht, ihre Aussagen nach kommunikationsethischen Maximen wie Glaubwürdigkeit, Relevanz, Informativität und Klarheit zu gestalten (siehe dazu Grice 1975). Sprachstrategien werden außerdem eingesetzt, um entweder die eigene Position zu stärken (indem mithilfe von Sprache beispielsweise ein positives Image erzeugt wird) oder die der Konkurrenz zu schwächen, woraus sich eine starke Ähnlichkeit mit der Werbung ergibt (vgl. Klein 1998: 376).
Eine grundlegende Beschreibung sprachlicher Strategien in der Politik geht auf Josef Klein (1998) zurück, der zwischen Basisstrategien, Kaschierstrategien und Konkurrenzstrategien unterscheidet. Kleins Analysen von Sprachstrategien operieren primär auf der Ebene der politischen Strategie und der der Orientierung an kommunikativen Normen. Die sprachlichen Äußerungen werden dabei als Resultat eines Abwägungsprozesses zwischen politischen Erfolgsmaximen und normativen Standards betrachtet. Basisstrategien orientieren sich an den Präferenzen der Adressat*innengruppen und dienen der Aufwertung der eigenen Position. Damit geht meistens auch eine Abwertung der gegnerischen Position einher. Auf lexikalischer Ebene bedeutet dies beispielsweise eine Häufung positiv besetzter Schlagwörter (Hochwertwörter) wie etwa Freiheit oder Umweltschutz oder das Signalisieren von Gruppenzugehörigkeit durch das adressaten-einschließende, kollektive Wir. Umgekehrt können politische Gegner*innen mit semantisch negativen Begriffen (Unwert- oder Stigmawörter) oder abwertenden Sprechakten (z.B. Kritisieren, Entlarven oder Beschimpfen) politisch „bekämpft“ werden (Klein 1998: 376-382).
Die zweite von Klein (1998: 382-389) beschriebene Strategie umfasst sogenannte Kaschierstrategien. Sie verfolgen das Ziel, Verstöße gegen das Interesse relevanter Adressat*innengruppen oder gegen kommunikationsethische Normen (Wahrheit, Relevanz, Informativität und Klarheit) zu verbergen. Dies äußert sich beispielsweise in Verfahren wie dem Ausweichmanöver, dem Euphemismus, der Tautologie, Mehrdeutigkeit oder Weitschweifigkeit.
Unter dem Begriff Konkurrenzstrategien werden schließlich eine Reihe von Vorgängen zusammengefasst, die häufig auch als semantische Kämpfe oder Streit um Worte bezeichnet werden. Diesen Prozessen liegt die Annahme zugrunde, dass Sprache eine wirklichkeitskonstitutive Kraft habe und durch die Dominanz eines parteilich geprägten Ausdrucks im Sprachgebrauch auch die Sichtweise jener Bewegung verbreitet werde (vgl. Wengeler 2017: 29f.). Diese Vorstellung machte der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf 1973 in einer Rede populär, in der er die Metapher vom Besetzen der Begriffe prägte (vgl. Klein 1998: 389). Diese Begrifflichkeit wurde infolgedessen von der Linguistik aufgenommen und weiterentwickelt. Klein (1998: 389-393) versteht unter Konkurrenzstrategien einerseits das Besetzen von Begriffen – beispielsweise durch die Innovation neuer Konzepte (z.B. Soziale Marktwirtschaft statt Sozialismus), die Entwicklung von Konkurrenzbezeichnungen (z.B. Schwangerschaftsabbruch statt Abtreibung) oder die Umdeutung von Begriffen (z.B. Nachhaltigkeit in der Klimabewegung vs. Nachhaltigkeit in der Wirtschaftspolitik). Zum anderen werden dazu Strategien wie die Verteidigung von Begriffen, der Rückzug aus Begriffen, die Demontage von Begriffen und weitere gezählt.
Einen anderen Fokus setzt Christian Efings Analyse der Wahlkampfrhetorik (Efing 2005). Efing konzentriert sich auf die Rhetorik als ganzheitliches Persuasionssystem in seiner medialen und demokratietheoretischen Einbettung. Seine Analyseebenen sind stärker an der Kommunikationspraxis und den Textsorten orientiert, genau genommen an der Ausrichtung auf den demokratischen Wahlkampf. Er unterscheidet zwischen Strategien der Profilierung, Polarisierung, Diskriminierung/Gegnerabwertung/negative campaigning, Entlarvung, Prolongierung, Personalisierung und Image-Konstruktion. Siehe dazu auch den betreffenden Text auf dieser Seite.
Valentin Fleck
Quellen:
Efing, Christian (2005): Rhetorik in der Demokratie. Argumentation und Persuasion in politischer (Wahl-)Werbung. In: Kilian, Jörg (Hrsg.): Sprache und Politik. Deutsch im demokratischen Staat. Mannheim: Dudenverlag, S. 222–241.
Grice, Paul (1975): Logic and Conversation. In: Cole, Peter/Morgan, Jerry (Hrsg.): Syntax and Semantics, Vol. 3: Speech Acts. New York: Academic Press, S. 41–58.
Klein, Josef (1998): Politische Kommunikation als Sprachstrategie. In: Jarren, Otfried/Sarcinelli, Ulrich/Saxer, Ulrich (Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Ein Handbuch mit Lexikonteil. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 376–395.
Wengeler, Martin (2017): Wortschatz I: Schlagwörter, politische Leitvokabeln und der Streit um Worte. In: Roth, Kersten Sven/Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 22–46.