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Indologie in Marburg

Indologie ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem indischen Kulturraum. Dieser umfasst geographisch den indischen Subkontinent (Südasien), aber das Studium des Buddhismus und seiner Verbreitung nach Afghanistan, Tibet oder China gehören zur Indologie ebenso wie die kulturellen Beziehungen zwischen Indien und Europa.

Prägend für die Indologie ist der Zugang über die Sprache. Zwar lassen sich viele Themen der Kolonialzeit auch anhand englischsprachlicher Quellen studieren, aber den Zugang zur  einheimischen Kultur erschließt nur das Studium einer oder besser mehrerer indischen Sprachen. Günstig ist eine Kombination der wichtigsten alten Sprache, dem Sanskrit, die vor allem für die Religionsgeschichte und vorkoloniale Studien von überragender Bedeutung ist, mit einer modernen Sprache, wie etwa Hindi oder Nepali. In Marburg gibt es auch die Möglichkeit, Sanskrit mit Tibetisch zu kombinieren. Europaweit einzigartig ist das Angebot an fortgeschrittene Studierende, mit klassischem Newar eine für die Kulturgeschichte Nepals zentrale Quellensprache zu erlernen.

Der philologische Zugang bedeutet in der Indologie, dass immer aus Primärtexten gearbeitet wird, und nicht auf der Basis von Übersetzungen - eine Eigenheit, welche die universitäre Lehrpraxis prägt. Grund hierfür ist, dass der kleine Ausschnitt der bisher übersetzten indischen Quellen, und vor allem der noch viel kleinere Auschnitt der verlässlich übersetzten Quellen wegen des geringen Umfanges keine tragfähige Basis für die Forschung darstellt. Sehr gute Sprachkenntnisse sind somit ein unverzichtbarer Schlüssel. In Marburg schließt dies, vor allem im M.A. Indologie, eine Ausbildung in indologischer Editionswissenschaft ein. Ein Reiz der Forschung besteht nämlich darin, dass man vielleicht schon in der Abschlussarbeit der bzw. die erste Herausgeber:in eines “neuen“ Textes ist, also eines bisher nie gedruckten, nur in Handschriftenarchiven überlieferten Werks.

Philologie bedeutet in den Worten des Fachgründers A.W.Schlegel, dass man versuchen muss, die Texte einerseits so zu verstehen, wie ein indischer Zeitgenosse des Autors sie vermutlich verstanden hätte, aber man muss sie auch mit einem kritischen wissenschaftlichen und historischen Blick betrachten. Je nach Untersuchungsgegenstand treten dann weitere Methoden hinzu.

Ein Schwerpunkt der Ausbildung gilt vor allem aus methodischen Gründen dem klassischen Indien: Nur wenn man die geistesgeschichtlichen Voraussetzungen der indischen Kultur kennt, versteht man ihre Entwicklung. Die untersuchten Gegenstände sind jedoch so vielfältig wie die Sprachkenntnisse und die Interessen der Studierenden. Typische Themenschwerpunkte sind Erzählliteratur und Dichtung sowie die religiöse Literatur des Hinduismus und des Buddhismus, doch tatsächlich wurden in den letzten Jahren durch Marburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Architektur und Ayurveda, über Metallurgie und indo-persischer politischer Poesie des 19. Jahrhunderts bis hin zum Yoga ein recht buntes Spektrum an Themen bearbeitet. Angesichts der Abermillionen von Handschriften, die bis zum Übergang zur Buchkultur, der sich in Indien im 19. Jahrhundert vollzieht, angesammelt wurden, kann man als Indolog:in noch viele Generationen lang völlig unbekannte Texte ans Licht ziehen, und auch wenn nur der kleinste Teil einmal als Meisterwerk der indischen oder gar der Weltliteratur gelten dürfte, so ist die Suche nach diesen Juwelen spannend und oft auch lohnend.

Erfahrungsgemäß ist die Schulung in einer alten Sprache, in Übersetzungstechniken und anderen textbezogenen Fertigkeiten eine philologische Grundausbildung, die - ähnlich dem Latein - eine solide Basis für weitere, auch interdisziplinäre Studien bildet und allmählich größere akademische Bereiche erschließen helfen kann. Für diejenigen, die sich in die Indologie vertiefen wollen, bietet Marburg im M.A. Indologie eine Fortführung der fachlichen Ausbildung, u.a. mit der Indo-Tibetologie und einer Reihe mittelindischer und moderner Sprachen wie Pali, Hindi, Nepali und klassischem Newar. Die kleinen Gruppen ermöglichen eine intensive individuelle Betreuung, und die Präsenz mehrerer Forschungsprojekte vor Ort binden die Lehre an die aktuelle Forschung. Das Institut unterhält einen regelmäßigen Austausch mit Partnerinstituten in Toronto, Pune und London.