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Globale Verantwortung – Möglichkeiten und Grenzen globaler Ordnungsbildung
Die DFG-geförderte Emmy-Noether-Gruppe geht der Frage nach, welche Funktion Verantwortung in der Strukturbildung globaler Ordnung übernimmt. Mit Krisen wie dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine oder der US-Intervention in Venezuela bleibt offen, wie globale Kommunikation fortgesetzt werden kann. Das Vorhaben rückt mit der aktuellen Diagnose einer prekären globalen Ordnung die soziologische Problemstellung in den Vordergrund, wie in Zeiten globaler Unsicherheit kommunikative Anschlussfähigkeit gewährleistet wird. Diese Problemstellung wird über den Begriff der Verantwortung erfasst. Im Vorhaben wird Verantwortung als normativer Anlehnungskontext verstanden, der prospektiv Verpflichtungen begründet und retrospektiv Zurechnungen rechtfertigungsbedürftig macht. Systemtheoretisch ist Verantwortung eine normative Struktur, die Unsicherheit über Anschlussfähigkeit überbrückt. Sie stabilisiert Erwartungen, selektiert Zurechnungs- und Entscheidungsoptionen und ordnet Ereignisse prozessförmig, ohne sie kausal festzulegen. Ziel des Vorhabens ist es, diese Funktion historisch-soziologisch zu präzisieren und empirisch zu rekonstruieren.
Empirisch richtet sich die Untersuchung auf die Strukturbildung globaler Ordnung nach dem Zerbrechen der alteuropäischen Ordnung in Französischer Revolution und Napoleonischen Kriegen. Im Zentrum stehen drei Verantwortungstypiken: Erstens, wie entstehen humanitäres Völkerrecht und Völkerstrafrecht als Deutungs- und Zurechnungsrahmen militärischer Gewalt? Zweitens, wie formiert sich staatliche Souveränität als institutionelles Muster, das Anerkennung organisiert, Eingriffe abwehrt oder Hierarchisierung ermöglicht? Drittens, wie entstehen Weltorganisationen vom Europäischen Konzert über den Völkerbund bis zu den Vereinten Nationen als Entscheidungs- und Verantwortungsadressen jenseits einzelner Staaten? Zugleich wird gefragt, wie diese Typiken interdependent zur (Re-)Produktion globaler Ordnung beitragen.
Verantwortung wird als Beobachtungsstandpunkt mit der dokumentarischen Methode operationalisiert. Projektübergreifend werden drei Phasen unterschieden, die vom Wiener Kongress bis 1914, von 1914 bis 1939 und von 1939 bis heute reichen. In jedem Teilprojekt werden für jede Phase relevante völkerrechtliche Verträge und Protokolle diplomatischer Konferenzen sequenziell analysiert, um die Orientierungsrahmen der Anschlusskommunikation zu rekonstruieren und Selektionsmuster zu identifizieren, mit denen Unsicherheit bearbeitet wird. Komparative Analysen verdichten die Befunde zu Verantwortungstypiken und machen historische Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar. Hieraus wird eine Typologie von Verantwortlichkeiten entwickelt, die Möglichkeiten und Grenzen globaler Ordnungsbildung empirisch begründet beschreibt und das Makro-Mikro-Problem der Weltgesellschaftsforschung bearbeitbar macht. Die Emmy-Noether-Gruppe erarbeitet eine empirisch fundierte Theorie globaler Ordnungsbildung mit globaler Verantwortung als zentralem Begriff.