Breites Wissen, pädagogisches Geschick und Liebe zum Fach
Dem Marburger Geographen Professor Hansjörg Dongus aus Anlaß seines 70. Geburtstages
Über ein Vierteljahrhundert lang hatte Hansjörg Dongus in Marburg
eine C4-Professur für Physische Geographie inne. Am 9. Februar 1999
wurde er 70 Jahre alt. Die Philipps-Universität, ganz besonders aber
seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sowie die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Fachbereichs Geographie danken ihm aus diesem Anlaß
für seine Leistungen für sein Fach und für unsere Universität.
Seine akademische Laufbahn brachte Hansjörg Dongus erst auf Umwegen zur
Geographie. Nach zweijähriger Ausbildung zum Lehramt an Volksschulen
und vierjähriger Unterrichtstätigkeit als außerplanmäßiger
Volksschullehrer (in Reutlingen) begann Dongus 1953 in Tübingen ein
Studium der Geographie, Philosophie und Pädagogik. Nach der Höheren
Prüfung für das Lehramt und der Promotion folgte eine siebenjährige
Assistentenzeit am Geographischen Institut der Universität Tübingen,
die 1964 mit der Habilitation über "Die Agrarlandschaft der östlichen
Po-Ebene" endete.
Dongus wurde nach den klassischen Regeln der Geographie ausgebildet,
denen zufolge für die Qualifikation zum Hochschullehrer die
Beherrschung des gesamten Faches, also sowohl der physischen als auch
der kulturgeographischen Arbeitsrichtung, durch entsprechende
Forschungsarbeiten nachzuweisen war. Nur so konnte letztlich auch das
übergreifende Bindeglied, die geographische Landeskunde, in der
Forschung und vor allem in der Lehre vertreten werden. Dongus hat diese
Breite des Faches beispielhaft verkörpert.
Zum ordentlichen Professor in Marburg wurde Dongus – nach Stationen in
Stuttgart und Saarbrücken – Ende 1968 ernannt, in einer Zeit also, in
der auch die Philipps-Universität durch einige Turbulenzen geprägt war.
Dies hat ihn nicht abgehalten, sich hier einzurichten und als
geschäftsführender Direktor, später als Dekan, Verantwortung für den
Fachbereich Geographie zu übernehmen, obwohl er z.B. 1974 einem Ruf auf
den Lehrstuhl für Physische Geographie in Augsburg hätte folgen können.
Im Gegenteil: Es gelang ihm immer mehr, sich mit dem hessischen Raum zu
identifizieren – mit Ausnahme der sprachlichen Eingewöhnung, die er als
überzeugter Schwabe wohl auch nie ernsthaft versucht hat. Sein
besonderes Engagement für die Philipps-Universität dokumentiert sich
u.a. auch darin, daß er fast 15 Jahre lang Protektor des Gästehauses am
Hansenhäuser Weg war, wo er sich, mit kräftiger Unterstützung seiner
Frau Gerde, um die Integration ausländischer Gastwissenschaftler
kümmerte.
Hauptforschungsfeld von Hansjörg Dongus blieb die Geomorphologie,
Hauptforschungsgebiete waren das süddeutsche Schichtstufenland und der
Alpenraum, dem viele seiner rd. 90 Publikationen gewidmet sind. Fast
alle seine Veröffentlichungen, von denen einige heute zur
Standardliteratur zählen, sind durch detaillierte Karten dokumentiert,
viele davon von ihm selbst handgezeichnet oder zumindest selbst
entworfen. Besonders hervorgehoben sei in diesem Zusammenhang sein
Grundlagenwerk über die geomorphologischen Grundstrukturen der
Erde.
Als Universitätslehrer ist Hansjörg Dongus ein Platz in der Geschichte
des Geographischen Instituts sicher. War es seine pädagogische Eignung,
sein bewundernswertes breites Wissen (auch über sein Fach hinaus), sein
pädagogisches Geschick oder schlichtweg seine Liebe zur Geographie, die
seine Lehrveranstaltungen immer füllten? Wahrscheinlich wirkte alles
zusammen in einer akademischen und persönlichen Ausstrahlung, der sich
kaum jemand entziehen konnte. Dongus hat Tausende von
Geographiestudierende ausgebildet und Hunderte von ihnen zum Examen
geführt.
Ein besonderes Anliegen waren ihm Geländepraktika und Exkursionen.
Einen Schwerpunkt bildete hier die deutsche Landeskunde, aber auch
Nordafrika, Frankreich, Italien, Österreich oder die Schweiz zählten zu
seinem Exkursionsangebot. Darüber hinaus war er alljährlich zumindest
einmal als Exkursionsleiter der Marburger Geographischen Gesellschaft
(MGG) aktiv, deren Mitbegründer er ist und die er stets engagiert
förderte (während seine Frau Gerde viele Jahre die Geschäftsführung der
MGG inne hatte).
Mit Ende des Wintersemesters 1993/94 wurde Hansjörg Dongus emeritiert.
Sein Entschluß, wenige Monate später seinen Wohnsitz wieder nach
Süddeutschland zu verlegen, hatte sowohl persönliche als auch
wissenschaftliche Gründe. Im Verlauf der letzten Jahre hat er
zahlreiche neue Publikationen vorgelegt, insbesondere über den
südwestdeutschen Raum, dem er stets treu geblieben ist. Sein
ungebrochen großes Engagement für die MGG zeigt jedoch, daß er sich
Marburg nach wie vor sehr verbunden fühlt. Auch in diesem Jahr wird er
eine Exkursion der MGG leiten, diesmal nach Niederbayern und in den
Bayerischen Wald.
Alfred Pletsch

