Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (Univ.)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Aktuelles » Marburger UniJournal » Nr. 3 » Eine Liebe in Deutschland
  • Print this page
  • create PDF file

Eine Liebe in Deutschland

Der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Hannah Arendt

"Bei der Persönlichkeit eines Philosophen hat nur das Interesse: Er war dann und dann geboren, er arbeitete und starb", meinte Heidegger 1924 in einer Vorlesung. Doch auch wer glaubt, das Philosophie und Leben von Philosophen nichts miteinander gemein haben müssen, wird Schwierigkeiten gehabt haben, sich ausgerechnet Hannah Arendt und Martin Heidegger als Liebespaar vorzustellen. Sie, die 1933 im Pariser Exil in einer zionistischen Organisation für die Übersiedlung von Kindern nach Palästina arbeitet. Er, der zum selben Zeitpunkt an Deutschlands erster "Führeruniversität" in Freiburg seine berüchtigte "Rektoratsrede" hält.

Doch der Zeitpunkt ist falsch gewählt. Die entscheidende Szene liegt damals neun Jahre zurück und spielt in Marburg, als das Anfangssemester Johanna Arendt, knapp 18 Jahre alt, zu einem Gespräch im Büro des Philosophieprofessors erscheint. Heidegger – damals 35, verheiratet, Vater zweier Söhne – ist sofort von ihr fasziniert. Der Professor umwirbt die Studentin mit einem taktvollen Brief, der schon wenige Tage später zum Ziel führt. Nur einmal schreibt er an "Fräulein Arendt", dann heißt es "Liebe Hannah" und schließlich nur noch "Mein Liebstes". Für sie ist er ihre "erste Liebe", wie sie 1974, ein Jahr vor ihrem Tod, feststellte. Genau ein halbes Jahrhundert umfasst das daraus entstandene Briefkonvolut, das 1925 einsetzt und vorbildhaft von Ursula Ludz im Vittorio Klostermann Verlag herausgegeben worden ist.

"Ich will, daß du du bist"

Voyeuristen kommen nicht auf ihre Kosten: Der Briefwechsel ist ein Musterbeispiel dafür, wie scheu, nur in Andeutungen selbst Liebespaare in einer Zeit vor der sexuellen Revolution miteinander verkehrten. Allerdings fehlen aus der frühen Korrespondenz fast alle Briefe Hannah Arendts, die Martin Heidegger vernichtet hat. Sofern man von den erhaltenen Stücken auf den Rest schließen darf, kann der Verlust nicht groß sein: Ihr Stil erinnert anfangs an Rilke-Gedichte von der schlechten Sorte. Vor allem aber bietet der Briefwechsel keinerlei Grundlage für einen Trivialroman wie Catherine Cléments "Martin et Hannah", bei der sich die Lust am Voyeurismus verselbstständigt hat, obwohl das die Quellen eindeutig nicht hergeben.

Schon 1926 versucht Hannah Arendt sich zu lösen: "Ich hätte mein Recht zum Leben verloren, wenn ich meine Liebe zu Dir verlieren würde, aber ich würde diese Liebe verlieren und ihre Realität, wenn ich mich der Aufgabe entzöge, zu der sie mich zwingt." Man kann die erste Trennung aber auch als Rücksichtnahme auf Heideggers eheliche und gesellschaftliche Stellung lesen. Sie heiratet Günther Stern, den späteren Günther Anders, für Heidegger der geringste seiner Schüler.

Fast alle seine Schüler waren verblüfft von Heideggers Hinwendung zum Nationalsozialismus. Im Winter 1932/33 versuchte er noch einmal sich ihr zu erklären. Dann folgt das große Schweigen. Wenn da nur die "Rektoratsrede" gewesen wäre! Heidegger sorgte zum Beispiel in einem Gutachten mit dafür, dass der Münchener Philosoph Richard Hönigswald seine Professur verlor: "Die Gefahr besteht vor allem darin, daß dieses Treiben den Eindruck höchster Sachlichkeit erweckt und bereits viele junge Menschen getäuscht und irregeführt hat. Ich muß auch heute noch die Berufung dieses Mannes an die Universität München als einen Skandal bezeichnen. [...] Heil Hitler! Ihr sehr ergebener Heidegger." Gegen Sokrates war angeführt worden, er verderbe die Jugend, jetzt setzte ausgerechnet ein Philosoph dieses Argument als Waffe ein.

Hannah Arendt hat sich keine Illusionen gemacht. In einem Brief 1946 an Karl Jaspers nennt sie Heidegger einen "potentiellen Mörder" und später einen der größten Lügner. Warum also verharmlost ausgerechnet die Kritikerin der deutschen Verbrechen und Verdrängungen sein nationalsozialistisches Engagement als "Escapade"? Die vorliegenden Briefe lösen das Rätsel nicht, wieso die Vordenkerin des Politischen 1950 erneut den Kontakt aufnimmt. Und Heidegger ist nicht seine politische Vergangenheit peinlich, sondern nur die Art, wie sie sich zuvor getrennt haben. Die Gewichte haben sich jedenfalls umgekehrt: Sie steigt zu einem internationalen Star der intellektuellen Szene auf, während Heidegger als Verfemter auf dem Todtnauberg haust. Die Deutschen hätten die Erinnerung an Heidegger wohl am liebsten ausgelöscht, und nur in Frankreich berufen sich Linke wie Rechte auf ihn in einem Ausmaß, dass das französische Nachkriegsdenken sogar einmal als "Fußnoten zu Heidegger" bezeichnet worden ist. Als ihr Totalitarismus-Buch 1955 in Deutschland erscheint, nehmen die Briefe für mehr als zehn Jahre ab. Der letzte Teil des Briefwechsels ab 1966 ist der geistig wie vom Umfang her der reichhaltigste Teil des Buchs – ein ernstes, ruhiges Gespräch – immer vorausgesetzt, man verträgt den typischen Heidegger-Tonfall, den er auch privat nicht ablegt.

Es ist dem Heidegger-Sohn Hermann hoch anzurechnen, dass er dieses Buch ermöglicht hat. Schon unmittelbar nach dem Tode von Heideggers Frau Elfride erhielt der Heidegger-Biograph Rüdiger Safranski die Erlaubnis die Briefe auszuwerten, ebenso Elzbietta Ettinger für ihr Buch "Hannah Arendt – Martin Heidegger" von 1995. Spätestens seitdem war diese politisch so wenig korrekte Liebesgeschichte in der Welt. Ettingers Darstellung war aber nicht nur in den Augen von Hermann Heidegger ein Ärgernis, so dass er schließlich die Briefe selbst freigab. So hat er verhindert, dass sie gerüchteweise ein Gewicht erhalten, das ihnen nicht zukommt. Zur Philosophie Arendts oder Heideggers lässt sich tatsächlich kaum etwas aus ihnen lernen. Aber als Dokument einer Liebe in Deutschland sind sie die Lektüre wert.

utz


Hannah Arendt, Martin Heidegger: "Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse". Ursula Ludz (Hrsg.), Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt 1998. 435 Seiten, 68,- DM (kartoniert).


Zuletzt aktualisiert: 19.12.2007 · trautmas

 
 
 
Philipps-Universität Marburg

Pressestelle der Philipps-Universität, Biegenstraße 10, D-35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-26007, Fax +49 6421 28-28903, E-Mail: pressestelle@verwaltung.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/aktuelles/unijournal/3/Arendt

Impressum | Datenschutz