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Das Letzte: Fragment von Schwänzen

Lichtenberg parodiert Lavater und trifft Goethe

"Kultur ist, wenn man Jubiläen feiert", lautet das Gesetz des Kulturbetriebs. Zusammenhanglos tauchen Ereignisse und Personen aus dem Dunkel der Geschichte auf, geistern durch die Feuilletons und gehen wieder unter. Wer sich mit – sagen wir mal – Schiller beschäftigt, ist ja sowas von "out": Schließlich steht kein Jubiläum an. Aber über den Westfälischen Frieden und das Paulskirchenparlament muss ein gebildeter Mensch Bescheid wissen, war da nicht ein Jahrestag? Er sollte sich für nächstes Jahr schon mal auf Nietzsche und Bach – gehört Jesus ins Feuilleton? – vorbereiten.

Gelegentlich schafft die Jubiläumskultur aber auch reizvolle Verbindungen, so in diesem Jahr zwischen Goethe (vor 250 Jahren geboren) und Lichtenberg (200 Jahre tot). Im Zeitalter der Dichterfürsten war Georg Christoph Lichtenberg, der mit seinen Aphorismen für die deutsche Sprache eine eigene Literaturgattung erschaffen hat, ein Anti-Klassiker. Allerdings sind die "Sudelbücher", die heute seinen literarischen Ruhm begründen, erst aus dem Nachlass veröffentlicht worden. Seinen Zeitgenossen war Lichtenberg als Physikprofessor in Göttingen bekannt.

Lichtenberg pflegte seinen Briefen gelegentlich scherzhafte Schriften beizulegen, und so entstand auch 1777 das "Fragment von Schwänzen". Er parodiert damit Lavaters "Physiognomische Fragmente", wobei er die Vorlage kaum übertreibt, sondern nur sorgfältig Lavaters Diktion auf den gänzlich unangemessenen Bereich der Schweins- und Studentenschwänze anwendet, Perückenzöpfe also, mit dem nirgendwo ausgesprochenen, doch unüberhörbaren obszönen Nebensinn. Die zu seiner Zeit als Gesellschaftsspiel populäre Physiognomik verletzte Lichtenberg tief: Wahrscheinlich als Folge einer Rachitis hatte er einen mächtigen Buckel entwickelt und war höchstens 1,44 Meter "groß". Aus dem Äußeren eines Menschen – und sei es das Profil eines Gesichts – auf den Charakter zu schließen, das traf ihn persönlich.

Goethe, Lavaters Mitarbeiter und zeitweise sogar eine Art Redakteur seiner Schriften, bekam ebenfalls sein Fett weg. Zum Schluss gibt Lichtenberg "Acht Silhouetten von Purschenschwänzen zur Uebung" (vgl. Abbildung), wobei er auch hier Lavater sehr genau imitiert. Zu Schwanz Nummer 5 erklärte er: "An Schneidergesellheit und Lade gränzende schöne Litteratur. In dem scharfen Winkel, wo das Haar den Bindfaden verläßt, wo nicht Goethe, doch gewiß Bethge **) hoher Federzug mit Nadelstich. Polemik in der horizontalen Richtung, Freytisch in der Quaste. In der fast zu dünne gezeichneten Wurzel Winzigkeit mit Hände reibender Pusillanimität. Informirt auf dem Clavier", und fügt in der Fußnote hinzu: "**) Bethge war der berühmteste Schneider zu Göttingen, zu seiner Zeit."

Lichtenberg hielt wenig von Goethe, dessen Stern drei Jahre zuvor mit den "Leiden des jungen Werthers" aufgestiegen war. Er hatte durchaus eine differenzierte Meinung zum Selbstmord, der seinerzeit noch pauschal verdammt wurde, aber aus Liebeskummer aus dem Leben zu scheiden, das war ihm doch zu platt: "Ich glaube, der Geruch eines Pfannkuchens ist ein stärckerer Bewegungs Grund in der Welt zu bleiben, als alle die mächtig gemeinten Schlüsse des jungen Werthers sind aus derselben zu gehen."

Fehlt noch der Marburg-Bezug, den die Adressaten des "Fragments" herstellen. Ernst Gottfried Baldinger war zunächst Medizinprofessor in Göttingen gewesen, ein Kollege Lichtenbergs, dann an das Collegium Carolinum nach Kassel berufen worden. Nach dessen Auflösung wurde der "Hofrat und würkliche erste Leibmedicus des Landgrafen" nach Marburg versetzt, wo er Pathologie und Therapie las. Nach ihm ist die Straße benannt, an der das Universitätsklinikum auf den Lahnbergen liegt. Lichtenberg besuchte das Ehepaar auch noch in Kassel und korrespondierte ausgiebig mit Friederike Baldinger. Ein gemeinsamer Freund beschrieb sie als "eine der gelehrtesten, witzigsten und geistvollsten Damen, die ich kenne, auf deren Freundschaft Lichtenberg und ich stolz sind, als wenig wir uns der genaueren Bekanntschaft mit dem Herrn Hofrat, einem Manne, der bei der größten Gelehrsamkeit an unbeschreiblicher Rustizität vielleicht ohne Seinesgleichen ist, zu rühmen pflegen." Das Höchste, was eine Frau im Deutschland des 18. Jahrhundert erreichen konnte, war Eheweib oder Freundin angesehener Männer zu werden, in den eigenen Worten der Baldingerin: "Ich wünschte so gar gelehrt zu werden, und ärgerte mich, daß mich mein Geschlecht davon ausschloß."

Einem Brief an Friederike legte Lichtenberg aller Wahrscheinlichkeit nach sein "Fragment von Schwänzen" bei. An eine Publikation hat er wohl nie gedacht und scheint auch gar kein Manuskript mehr besessen zu haben, als ihr Mann 1783 das "Fragment" in seinem Neuen Magazin für Ärzte veröffentlichte. Das allgemeine Lob ließ Lichtenberg nach einigem Zögern die Autorschaft an dem anonymen Werk eingestehen, und sein Verleger Johann Christian Dieterich schob einen selbständigen Abdruck nach. "Dieterich sagt immer ich könte einen Buchhändler glücklich machen, aber mich zugleich unglücklich pflege ich ihm zu antworten."

Die Ironie der Geschichte will es, dass der karikierte Goethe sich ein Jahrzehnt später wegen seiner Farbenlehre an Lichtenberg wendete. Goethes umfangreichstes Werk war in physikalischer Hinsicht wegen seiner polemischen Kritik an Newton völlig missraten. Der Dilettant suchte Beistand in der Fachwelt, und Lichtenberg war der führende Experimentalphysiker seiner Zeit. 1792 schickte Goethe Lichtenberg seine "Beiträge zur Optik". Doch wirklich interessiert reagierte der Physikprofessor erst ein Jahr später, als er Goethes Manuskript über die farbigen Schatten gelesen hatte. Als ihn aber Goethe als Unterstützer in seinen ans Pathologische grenzenden Hass auf Newton gewinnen wollte, schwieg Lichtenberg, was für Goethe noch kränkender war als jede Kritik. Lichtenberg hatte schon Jahre zuvor in einem ähnlich gelagerten Fall erlebt, wie fruchtlos es war, einen Monomanen von seiner fixen Idee kurieren zu wollen.

Und Baldinger? Strieder schreibt in seiner hessischen Gelehrtengeschichte, dass er sich dem Weingenuss ergab, sodass er am unmäßigen Trinken starb.

utz


Zuletzt aktualisiert: 20.12.2007 · trautmas

 
 
 
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