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Einmal Marburg – Sibirien und zurück

Außergewöhnliche Exkursion: Von der arktischen Tundra in die mittelasiatische Steppe

Zu einer dreiwöchigen Exkursion nach Mittelsibirien starteten im vergangenen Sommer 31 Angehörige der Philipps-Universität Marburg. Die Gruppe unter Leitung von Professor Harald Plachter rekrutierte sich aus an Fragen des Naturschutzes interessierten Studierenden der hiesigen Fachbereiche Biologie und Geographie. Hinzu kamen zwei weitere Studentinnen aus Osnabrück und Berlin.

Da eine solches Vorhaben einer intensiven Vorbereitung bedarf, befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zuvor in einem semesterbegleitenden Seminar mit aktuellen Naturschutzproblemen, mit aktuellen politischen Entwicklungen und ökonomischen Prozessen in der ehemaligen Sowjetunion und mit den Ökosystemtypen Mittelsibiriens. Darüber hinaus belegten sie im Sprachlabor der Philipps-Universität einen Russischkurs unter Leitung von Helmut Glöckner, um sich wenigstens einige grundlegende Sprachkenntnisse für das von vielen erstmals bereiste Land anzueignen.

Ausgestattet mit umfangreichem Gepäck und persönlicher Ausrüstung für eine dreiwöchige wissenschaftliche Sibirien-Tour inklusive expeditionsähnlich vorgesehener Etappen, trat die Gruppe am 14. August die spannungsvoll erwartete Exkursion an. Für die meisten führte die Anreise zunächst mit der Bahn nach Berlin und dann per Linienflug in die russische Hauptstadt. Eine kleinere Teilnehmergruppe hatte sich bereits zwei Tage zuvor auf den Weg gemacht, da sie die gesamte Strecke per Bahn zurücklegen wollte. In Moskau traf sich die komplette Mannschaft mit ihrer russischen Exkursionsleitung vom ETC (Ecological Travelling Centre).

Bestehend aus Biologen und Geographen, organisiert und betreut das ETC als junger russischer Reiseveranstalter seit kurzem wissenschaftliche Exkursionen und Studienreisen in die ehemalige Sowjetunion. Laut Unternehmensphilosophie werden Interessenten insbesondere Großschutzgebiete (Sapovedniks) als Reiseziele angeboten, um diese vom Staat finanziell vernachlässigten Einrichtungen durch neue Einkommensalternativen zu unterstützen.

Zunächst bot ein zweitägiger Aufenthalt in Moskau Gelegenheit, einige Sehenswürdigkeiten der russischen Metropole kennenzulernen. Eine Führung im naturhistorischen Museum der Lomonossow-Universität und ein Besuch in der russischen WWF-Zentrale (World Wide Fund for Nature) waren die ersten offiziellen Termine unserer Reise, die wie alle Programmpunkte in den folgenden Wochen englischsprachig abgehalten wurden. In den Diskussionsgesprächen ging es vor allem um die vom WWF initiierten und betreuten Artensschutzprojekte in Russland, speziell in Sibirien, die dort erzielten Fortschritte und Erfolge, um angewandte Schutzstrategien sowie generelle Probleme und Hindernisse, die die Naturschutzarbeit in der ehemaligen Sowjetunion begleiten.

Start nördlich des Polarkreises

Nach einem sechsstündigen Nachtflug erreichten wir am nächsten Tag Norilsk, den eigentlichen Ausgangspunkt unserer Mittelsibirien-Exkursion. Norilsk liegt weit nördlich des Polarkreises inmitten der südlichen Tundra. Die Satellitenstadt wurde eigens gegründet, um die hier entdeckten wertvollen Rohstofflagerstätten (es gibt hier beispielsweise Zink und Kupfer) abzubauen und um die so gewonnenen Bodenschätze in der später angesiedelten Schwerindustrie weiterzuverarbeiten. Unter der Herrschaft Stalins wurden die erforderlichen Arbeitskräfte dorthin zwangsdeportiert oder umgesiedelt. Da eine bedarfsdeckene Nahrungsmittelproduktion auf Grund der klimatischen Verhältnisse nicht möglich ist, erfolgt die Lebensmittelversorgung der Stadt aus allen Teilen des Landes.

Norilsk genießt den Ruf, die hässlichste Stadt Russlands zu sein. Für jedermann offensichtlich ist der schlechte Zustand der Bausubstanz. Viele Häuser und Strassen weisen Risse oder andere erhebliche Schäden auf – in der Regel verursacht durch Klima- und Schadstoffeinflüsse sowie den anstehenden instabilen Permafrostboden. Bedenkt man außerdem die langen Dunkel- und Dämmerungsphasen im Winter bei Temperaturen bis minus 50° Celsius sowie die starken Umweltverschmutzungen durch die Kombinate, bekommt man eine Vorstellung von diesem trostlosen Industriezentrum. Aber nur wenige Kilometer entfernt erstreckt sich eine scheinbar endlose, nahezu unbeeinflusste Tundralandschaft, deren Betrachtung aus dem Flugzeug heraus wenig später zu den beeindruckendsten Momenten unserer Exkursion gehörte.

2100 km auf dem Jenissei

Ein weiterer Reisehöhepunkt begann tags darauf. In Dudinka booteten wir auf einem eigens gecharteten Tragflügelboot ein. Mehr als 2100 Flusskilometer sollten in den nächsten sieben Tagen auf dem Jenissei – einem der drei großen sibirischen Ströme – bis Krasnojarsk zurückgelegt werden.

Die Nächte während der einwöchigen Flussfahrt verbrachten wir in Zelten in einfachen Camps, die von der ETC in perfekter Weise (wohlgemerkt inmitten der „sibirischen Wildnis“) organisiert worden waren, sowie im Dorf Mirnoje, wo die Lomonossow-Universität – Partneruniversität der Philipps-Universität – eine biologische Feldstation unterhält. Fast alle ETC-Mitarbeiter hatten dort schon gearbeitet. Entsprechend herzlich verlief die Begrüßung mit den Einwohnern. Dies übertrug sich auch auf die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft, so dass wir schnell Kontakte herstellen konnten, die Menschen kennenlernten und einen kleinen Einblick in das dörfliche Alltagsleben erhielten.

Artenreiche Tundra und Taiga

Unterwegs passierten wir die verschiedenen Vegetationszonen der Tundra und Taiga. Auf geführten Wanderungen in die Baumtundra, die nördliche, mittlere und südliche Taiga konnten wir diese Landschaftsformationen intensiv „erleben“. Hier am Jenissei, im Zentrum des euro-asiatischen Kontinents gelegen, überschneiden sich zwei biogeographische Regionen: die Westpaläarktis und die Ostpaläarktis. Dieser Lage im Übergangsbereich entsprechend, findet sich hier eine artenreiche Flora und Fauna. Bereits im Vorfeld der Exkursion hatten sich studentische Arbeitsgruppen zur Bearbeitung zoologischer und botanischer Fragestellungen gebildet, um an den jeweiligen Exkursionsstationen wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen und Aufnahmen zu machen.

Die Auseinandersetzung mit naturschutzrelevanten Themen wie Forstwirtschaft (der wichtigste Wirtschaftsfaktor Mittelsibiriens), Tourismus, Landwirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Ökosysteme sowie der Ausbau bzw. die Stauregulation von Wildflüssen waren zentrale Arbeitsschwerpunkte und Vermittlungsziele unserer Exkursion. Durch Besichtigung von Staudämmen mit Elektrizitätswerken, Forstbetrieben und dem größten Holzsägewerk Russlands in Lessosibirsk erschlossen sich uns tiefere Einblicke in die Umweltsituation vor Ort. Diskussionen mit den Betreibern und untereinander dienten zur naturschutzfachlichen Bewertung und Einschätzung der Eingriffe sowie zu alternativen Modellvorschlägen.

Der Flussfahrt folgte ein mehrtägiger Aufenthalt im Sapovednik „Stolby“ bei Krasnojarsk, einem der wegen seiner Felsformationen bekanntesten russischen Naturschutzgebiete. In Gesprächen mit der zuständigen Verwaltung über die Organisation von Großschutzgebieten wurde die derzeitig schlechte ökonomische Situation dieses, wie fast aller Sapovedniks in der ehemaligen Sowjetunion deutlich.

Welterbe Baikalsee

Wenig später fieberten wir unserem nächsten Exkursionsziel, dem Baikal, entgegen. Die legendäre Transsibirische Eisenbahn brachte uns von Krasnojarsk über eine Strecke von mehr als 1000 Kilometer nach Irkutsk am Westufer des Sees. Die Wissenschaftler des dortigen Limnologischen Instituts arbeiten schwerpunktmäßig über süßwasserbiologische Themen, den Endemitenreichtum des Baikalsees sowie die Auswirkungen der Umweltbelastungen auf das Ökosystem. Der Baikalsee ist einer der „hot spots“, d. h. eine der biodiversitätsreichsten Regionen der Erde, und deshalb als UN-Welterbegebiet ausgewiesen. In dem über 600 Kilometer langen und bis zu 80 Kilometer breiten fischreichen See wurden bislang rund 2500 Arten nachgewiesen, die weltweit nur dort verbreitet sind (endemische Arten). Er ist mit bis zu 1620 Metern der tiefste See der Erde und speichert ca. 20 % des ungefrorenen Süßwassersvorrates unseres Planeten.

Erfreulicherweise blieb uns hier genügend Zeit, die viel beschriebene Schönheit und Einmaligkeit des Baikals zu genießen. Viele von uns nutzten das sommerliche Wetter zu einem Bad im glasklaren, etwa 15°C kalten Wasser, andere halfen bei der Zubereitung von fangfrischem Fisch.

Wiederum per TransSib erreichten wir schließlich unsere letzte Station: Ulan-Ude, rund 200 Kilometer nördlich der russisch-mongolischen Grenze. Mehrere Besuche im Institut für Landnutzung, das über gute Kontakte zum Fachbereich Geographie der Philipps-Universität verfügt, und die Erkundung Burjatiens bestimmten das zeitlich dicht gestaffelte Programm. Die Gruppe beschäftigte sich mit nutzungsbedingten Erosionsproblemen in den Steppen als Folge unangepasster Beweidung und Zersiedlung ebenso wie mit landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsformen im Selengatal. Kulturhistorische Aspekte wiederum standen bei der Besichtigung des buddhistischen Iwolginskij-Klosters im Vordergrund.

Nach 8000 Kilometer Rückflug von Ulan-Ude nach Berlin mit erneutem eintägigem Zwischenstopp in Moskau und acht Zeitzonen weiter westlich endete die Exkursion für die meisten Studierenden. Einige unermüdliche Reiselustige hatten sich dagegen entschlossen, drei weitere Wochen am Baikalsee zu verbringen.

Viele positive Eindrücke

Für die meisten von uns ist Sibirien ein großes Stück näher gerückt. Wir haben ein weitaus differenzierteres Bild von Russland erhalten, als es von den gängigen Medien in Deutschland dargestellt wird. Es bleiben vielfältige Eindrücke, Erlebnisse und Erinnerungen an eine außergewöhnliche Uni-Exkursion, deren Durchführung – angefangen von der Reiseroute über die Inhalte bis zu den notwendigen Kontakten – noch vor zehn Jahren für eine westdeutsche Universität unvorstellbar schien. Zumindest einige der beteiligten Marburger Studierenden können sich nun vorstellen, einmal wissenschaftlich in der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten. Die gewonnenen Erfahrungen – seien es Kontakte zu russischen Wissenschaftlern, positive Eindrücke von den Menschen und Landschaften, Kenntnisse über Umwelt- und Naturschutzprobleme und entsprechende Arbeitsbereiche – ermutigten viele, diesen Gedanken in der Zwischenzeit zu konkretisieren.

Thomas und Klaus Isselbächer

Zuletzt aktualisiert: 08.01.2008 · trautmas

 
 
 
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