Die ganze Welt im Krawattenmuster
Das Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft feiert sein 40-jähriges Bestehen
Sie werden oft mit den Völkerkundlern verwechselt. Sie heißen andernorts Volkskundler – ihre ursprüngliche Bezeichnung –, Kulturanthropologen oder Empirische Kulturwissenschaftler. In Marburg lautet ihre korrekte Fachbezeichnung Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft.
Was sich dahinter verbirgt?
Eine Wissenschaft, bei der Außenstehende mitunter den Eindruck haben,
sofort mitreden zu können, so alltäglich sind die Themen. Der Alltag in
all seinen Facetten gehört denn auch zu den wichtigsten
Forschungsfeldern des Faches, bei dem grundsätzlich fast jeder
Gegenstand zum Thema werden kann. Ein Ausschnitt aus den Marburger
Examens- und Ausstellungsthemen der vergangenen Jahre lässt ahnen, wie
weit das Spektrum reicht: So gingen die Volkskundlerinnen und
Volkskundler – unter den Studierenden dominieren die Frauen – der
Kulturgeschichte der Brille, des Ostereis und des Sonnenbadens nach,
untersuchten die Phänomene von Kaffeefahrten, Dino-Welle und
Cyberspace, spürten dem alltäglichen Umgang mit Tieren, der
Tabuisierung von Tod und Trauer, der Rolle der Flüchtlinge und den
Eigenheiten von Waldarbeitern in Hessen, dem Leben in einer
elsässischen Grenzregion und den Arbeitervereinen in der Weimarer
Republik nach.
Dass das Fach mit zweiten Titel "Kulturwissenschaft" heißt, bedeutet nicht, dass die Volkskundler über Mozart, Picasso oder Kafka forschen. Sie haben einen sehr weiten Begriff von Kultur und kümmern sich stattdessen eher um Volksmusik und Techno, Bauernschnitzerei und Graffiti, Märchen und Krimis, Fachwerkhäuser und Reihenhaussiedlungen. "Europäische Ethnologie fragt danach, wie wir arbeiten und unsere Freizeit verbringen, wie wir essen und uns kleiden, wie wir wohnen, wie wir uns fortbewegen, was wir im Urlaub tun, was wir uns erzählen und vieles mehr", erläutern Claus-Marco Dieterich und Frank Kohl in ihrem Marburger Studienführer. Dabei geht es nicht nur um die Gegenwart, auch die Vergangenheit wird in die Analysen mit einbezogen. Es interessieren jedoch eher die Lebensverhältnisse der so genannten "kleinen Leute" denn die der Herrschenden.
Wer nach den Unterschieden zur
Soziologie oder zur Geschichte sucht, wird entdecken, dass die Stärke
der Volkskundler in Mikro-Analysen liegt. Die Forscher nehmen sich auf
den ersten Blick unbedeutend scheinender Themen an – in der
Überzeugung, dass sich "in einem Krawattenmuster oft die ganze Welt
spiegelt". Und unter diesem Blickwinkel wird auch ein "Un-Thema" wie
der Müll – die "Kehrseite der Dinge" – zu einem spannenden Gegenstand,
an dem sich die kulturellen Techniken des Wegwerfens sowie des Sammelns
und Vergessens ablesen lassen. Obgleich die Europäische Ethnologie in
Marburg "nur" drei Professuren und 150 Hauptfächler (aber dreimal so
viele Nebenfächler) vorzuweisen hat, gehört sie zu den großen
Instituten innerhalb dieses kleinen Faches. Im Gegensatz zu den meisten
anderen Instituten forschen die Marburger allerdings nicht nur in
Deutschland. Wie der Fachname "Europäische Ethnologie" bereits verrät,
gehört der Blick über die Landesgrenzen in Marburg, wo es sogar eine
Pflichtexkursion gibt, zum Programm. So waren Studierende bei
Bergbauern, Gewerkschaftern und Jugendgruppen in Südtirol, analysierten
die elsässische Variante des französischen Nationalfeiertags mittels
teilnehmender Beobachtung und erkundeten Land und Leute in der
Steiermark.
Weiterer Schwerpunkt ist der medienwissenschaftliche Zweig, in dem beispielsweise Showsendungen im Fernsehen untersucht wurden. Darüber hinaus gibt es eine hervorragende Bibliothek mit rund 45 000 Bänden sowie das Archiv der deutschen Volkserzählung, das etwa 200 000 Belege für Märchen, Sagen, Legenden und Schwänke vor allem aus dem 19. Jahrhundert beherbergt.
Auch mit Projektseminaren, die in Büchern und Ausstellungen münden, macht das Fach immer wieder von sich reden: So stellten Studierende Präsentationen über den "Marburger Alltag in der Nachkriegszeit", die "Kulturgeschichte des Lippenstifts", über Tod und Trauer in der Gegenwart und über populäre Lesestoffe zusammen, was gleichzeitig eine Übung für ihren späteren beruflichen Alltag darstellte.
In diesem Jahr feiert das von Gerhard Heilfurth gegründete Institut
sein 40-jähriges Jubiläum. Bis 1960 war die Volkskunde, die die Brüder
Grimm zu ihren Ahnen zählt und sich jahrzehntelang als "Bauernkunde"
verstand, Teil der Germanistik. Gegen nostalgische Vergangenheitspflege
setzte Heilfurth seine Vorstellung von einer kritischen Wissenschaft,
die mit exakten Quellenstudien und intensiven empirischen Forschungen
sozialkulturelle Phänomene und die Art und Weise der Lebensführung der
Menschen untersucht.
Über die Fachgrenzen hinaus bekannt wurde das Marburger Institut durch
die Professorin Ingeborg Weber-Kellermann, die nicht nur zur ersten
Dekanin der Philosophischen Fakultät wurde, sondern sogar eine
13-teilige Fernsehserie zu Tradition und Gesellschaft in Hessen
erstellte. Ihr Schwerpunkt lag bei der sogenannten Interethnik, also
den Beziehungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, die sie zum
Beispiel an den Siebenbürger Sachsen in Rumänien und den türkischen
Gastarbeitern in Deutschland untersuchte. Auch so harmlos wirkende
Themen wie das Weihnachtsfest, die Familie oder das Kinderleben
bürstete sie so gegen den Strich, dass von der angeblich "heilen Welt"
des Brauchtums kaum noch etwas übrig blieb.
Zurzeit vollzieht sich am Marburger Institut ein Generationswechsel:
Das Berufungsverfahren für die Nachfolge auf der C-4-Professur von
Martin Scharfe, der eine breite Palette von kulturwissenschaftlichen
Themen sowie Probleme der modernen Zivilisation bearbeitet, ist noch
nicht abgeschlossen. Für Hans-Friedrich Foltin, der den
medienwissenschaftlichen Zweig vertrat, wird ab Wintersemester Ina
Merkel kommen Und für die nach Jena gewechselte Christel Köhle-Hezinger
lehrt inzwischen Harm-Peer Zimmermann, dessen Schwerpunkte bei
Sozialgeschichte der Armut, politischer Vereinsgeschichte,
Regionalforschung und Museologie liegen.
Und was kann man mit diesem Orchideenfach werden, das übrigens auffallend häufig von Leuten studiert wird, die bereits eine Berufsausbildung hinter sich haben? Drei klassische Arbeitsfelder tun sich den Marburger Absolventen auf, die indes vergeblich nach Stellenausschreibungen für "Europäische Ethnologen" suchen werden: Museumsarbeit, öffentliche Kulturarbeit und Medien. Die meisten Volkskundler streben in kulturhistorische beziehungsweise Heimat- und Regionalmuseen, ein Bereich, auf den sie mit Übungen vorbereitet werden. Einige finden in Kulturämtern und Kulturprojekten einen Broterwerb. Und wer den medienwissenschaftlichen Zweig wählte, sucht in der Regel im Journalismus nach einer Anstellung, wobei die Volkskundler jedoch mit vielen anderen Geisteswissenschaftlern konkurrieren.
Gesa Coordes
Gesa Coordes studierte von 1987 bis 1994 Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitet als freie Journalistin für die Frankfurter Rundschau und andere Medien.
Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft
Biegenstraße 9
35032 Marburg
Telefon: 06421 / 28-26516 / -26517
Fax: 06421 / 28-26515
E-Mail: europ.ethnologie@mailer.uni-marburg.de
Fotos: Universitätsmuseum

