Präsident will "gelebte Partnerschaft"
Amtswechsel: Professor Horst F. Kern trat am 1. August sein Amt als neuer Marburger Universitätspräsident an
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Bei der Partnerschaft nach innen denke er als erstes an das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, hob Kern hervor. Die knapp 18.000 Marburger Studierenden erhofften sich von ihrem Studium nicht nur eine konkrete Berufsausbildung, sondern auch die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und die Entdeckung der eigenen Kreativität. Alle müssten gemeinsam daran arbeiten, die dazu erforderliche Dialogkultur auszubauen und weiterzuentwickeln – auch wenn die reine Zahlenrelation zwischen Lehrenden und Lernenden dem in einigen Fachbereichen entgegenstehen möge.
Kern plädierte gleichzeitig für "gelebte Partnerschaft in der Überschreitung der Grenzen zwischen klassischen Disziplinen aller Wissenschaftsgebiete". Da in den nächsten sechs bis sieben Jahren in den meisten Fachbereichen bis zu 50 % aller Professorenstellen neu zu besetzen seien, gelte es neben der Neuausrichtung der einzelnen Professuren die interdisziplinären Bezüge zu anderen Fachbereichen herzustellen und bei den Berufungsvorschlägen mit zu berücksichtigen.
Als dritten Bereich der angestrebten Partnerschaft nannte der neue Universitätspräsident die Verwaltung, ohne deren Dienstleistungen Lehre und Forschung nicht funktionierten. "Die Qualität der Arbeit und insbesondere die Motivation der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt sehr viel stärker aus einer gelebten Partnerschaft aller", erklärte Kern. Er setzte sich außerdem für eine kontinuierliche Dialogkultur zwischen den Hochschulen und dem Wissenschaftsministerium ein, die er in der Vergangenheit bisweilen vermisst habe. Zum Verhältnis von Universität und Stadt sagte er, die Bürger Marburgs sollten sich in der Philipps-Universität heimisch fühlen. Die Universität müsse der Bevölkerung wissenschaftliche Erkenntnisse in verständlicher Form vermitteln – beispielsweise durch das Studium generale.
"Sie verfügen nicht nur über langjährige Marburger Erfahrungen, Sie haben insbesondere auch als Dekan des Fachbereichs Medizin in den Jahren 1993 bis 1995 und jetzt wieder seit einem Jahr besondere Verantwortung getragen", charakterisierte die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Ruth Wagner, den neuen Universitätspräsidenten bei dessen Amtseinführung. "Sie haben darüber hinaus als Mitglied in hervorragenden wissenschaftlichen Gremien Erfahrungen sammeln können, die Sie ohne Zweifel in Ihr neues Amt einbringen werden. Ich freue mich deshalb ganz besonders auf die gemeinsame Arbeit mit ihnen."
Die Philipps-Universität sei eine Hochschule, die trotz der teilweise extremen Sparzwänge der letzten Jahre eine sehr gute Leistungsbilanz aufweise: "ein modernes, leistungsfähiges Zentrum für Forschung und Lehre". Sieben Sonderforschungsbereiche der DFG, so die Ministerin, fünf Graduiertenkollegs, darunter ein deutsch-amerikanisches, eine Reihe Wissenschaftlicher Zentren und Forschungseinrichtungen mit internationalem Renommee, das eng mit dem Fachbereich Biologie verbundene Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie und ein sehr beachtliches Drittmittelaufkommen von etwa 65 Millionen Mark jährlich legten Zeugnis ab für den attraktiven Wissenschaftsstandort Marburg.
Verdienste Schaals gewürdigt
An dieser erfolgreichen Bilanz habe Professor Schaal als scheidender Präsident der Philipps-Universität einen bedeutenden Anteil, hob die Ministerin hervor, "wobei ich mir sehr wohl darüber im Klaren bin, dass ohne die Sparzwänge der letzten Jahre die Bilanz durch hervorragende Berufungen und eine bessere Grundausstattung sicher noch besser ausgefallen wäre". Die hohe Wertschätzung, die die Arbeit Schaals über Marburg und Hessen hinaus gefunden habe, spiegele sich in seiner Wahl und Wiederwahl zum Vizepräsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und in der Verleihung mehrerer Ehrendoktorwürden ausländischer Hochschulen sowie anderer hoher Auszeichnungen. Dass Schaal bei der Begründung internationaler Beziehungen nicht nur den traditionellen Weg in den anglo-amerikanischen Raum gegangen sei, sondern durch Kooperationen mit Hochschulen in Russland, Estland, Polen und Rumänien bewusst neue Türen geöffnet habe, sei ein besonderes Verdienst, dessen Ertrag in der Zukunft sichtbar werden werde. "Die Landesregierung dankt Ihnen für Ihre Arbeit, für Ihr unermüdliches Engagement, für Ihre Umsicht in schwierigen Situationen, kurz für Ihre Lebensleistung."
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Die Interessenvertretung der Universität gegenüber dem Land habe Schaal stets energisch und "mit Ihrem unvergleichbaren Stil der klaren Worte" wahrgenommen. Die konsequente Gegenwehr gegen Wiesbadener Haushaltsrestriktionen, besonders zwischen 1996 und 1998, habe wesentlich zu dem seit 1999 spürbaren Klimawechsel zugunsten einer in Ansätzen erkennbaren besseren Hochschulfinanzierung beigetragen.
Schiller stellte unter anderem Schaals Engagement für den Erhalt der Geisteswissenschaften, seine Bemühungen um eine verstärkte Kooperation mit der Nachbaruniversität Gießen, den Ausbau der internationalen Beziehungen und die Einrichtung eines Fremdsprachenzentrums heraus. Schaal habe für die wissenschaftliche wie die wirtschaftliche Ausstrahlung der Philipps-Universität in die Region und weit darüber hinaus Marksteine gesetzt und den Ruf Marburgs in der Welt gefestigt.
Zahlreiche Ehrengäste
Weitere Grußworte bei der feierlichen Amtsübergabe in der Aula der Alten Universität übermittelten Professor Johann-Dietrich Wörner, Vorsitzender der Konferenz Hessischer Universitätspräsidenten, Egon Vaupel, Bürgermeister der Stadt Marburg, Professor Klaus Landfried, Präsident der HRK, Professor Uwe Bicker, Vorsitzender des Marburger Universitätsbundes, Dr. Helmut Rager, Vorsitzender des Konventsvorstandes, Hellmut Löwer, Vorsitzender des Personalrats, und Daniel Schneider, 1. Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses. Schneider regte regelmäßige Kontakte zwischen dem künftigen Präsidium und der Studentenschaft an. Die Uni brauche "mehr Gestalter, und weniger Verwalter".
"Redlich", "kooperativ", "engagiert", "sachlicher, immer gesprächsbereiter und verlässlicher Partner", "besonnener Mann und unerschütterlicher Mitstreiter" – so lauteten unisono die Würdigungen Schaals, der noch bis Ende Juli 2001 Vizepräsident der HRK für Internationale Angelegenheiten ist und in Zukunft in Siebenbürgen als Präsident der rumänischen Partneruniversität Hermannstadt / Sibiu hochschulpolitisch beratend aktiv sein wird.
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Insgesamt sei er zuversichtlich, dass die Philipps-Universität auch in Zukunft im Konzert der deutschen Hochschulen eine herausragende Rolle spielen werde, unterstrich Schaal. "Nutzen Sie die Möglichkeiten des neuen Hochschulgesetzes und die Aufbruchstimmung in der Universität, um das Marburger universitäre Juwel so kräftig erstrahlen zu lassen, wie das sein besonderer wissenschaftlicher Schliff erlaubt", rief er seinem Nachfolger zu.
"Das Ziel heißt Autonomie"
"Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, d. h. auf der Ebene aller Fachbereiche die Entwicklung in Lehre und Forschung planen und diese dann auch umsetzen", erklärte Kern nach seiner Amtseinführung. Das novellierte Hochschulgesetz gebe dafür klare Handlungsanweisungen, "die wir aber selbst gestalten können und müssen". Ziel dieser Novellierung sei "Autonomie für die Hochschulen, und das heißt: freie Entfaltung im Rahmen gesetzlich vorgegebener Grenzen".
Der neue Uni-Präsident schloss seine Ansprache mit einigen Zeilen aus dem Gebet einer unbekannten Äbtissin des Nonnenklosters St. Cyriakus in Gernrode im 11. oder 12. Jahrhundert, die er ausschließlich an sich selbst gerichtet verstanden wissen wollte:
"Und wenn ich doch darüber spreche, dann lass es mich so
tun,
dass Deine Güte dadurch nicht verdunkelt wird.
Mach mich hilfsbereit, aber nicht geschäftig;
fürsorglich, aber nicht herrschsüchtig.
Am Ende lass mich nicht einsam sein.
Ich brauche dann ein paar gute Freunde, lieber Herr, gute
Freunde.
Aber das weißt Du auch."
kw
Professor Horst F. Kern
Professor Horst F. Kern (61) habilitierte sich 1968 für Anatomie, Histologie und Embryologie in Heidelberg, wo er nach Forschungstätigkeiten in Kanada und den USA 1972 Professor für Anatomie wurde. Seit 1976 lehrt und forscht er in Marburg als Leiter des Instituts für Klinische Zytobiologie und Zytopathologie. Er leitete Projekte an drei Marburger Sonderforschungsbereichen und war sechs Jahre Sprecher des Graduiertenkollegs "Zell- und Tumorbiologie". Zweimal war er Dekan des Fachbereichs Medizin. Kern gehörte in den vergangenen 20 Jahren zahlreichen wissenschaftspolitischen Beratergremien an, u. a. war er von 1986 bis 1991 Mitglied des Wissenschaftsrates und von 1989 bis 1991 Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates. Anfang der neunziger Jahre schlug er drei Rufe nach München, Erlangen und auf den Direktorenposten des Alfred-Wegener-Instituts für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven aus. 1992 erhielt er das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

