Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (Univ.)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Aktuelles » Marburger UniJournal » Nr. 7 » Manfred Pohlen » Ein herausragender Diagnostiker der Menschen und ihrer Zeit
  • Print this page
  • create PDF file

Ein herausragender Diagnostiker der Menschen und ihrer Zeit

Zum 70. Geburtstag des Psychoanalytikers und Psychotherapeuten Professor Manfred Pohlen

Der Kliniker und Wissenschaftler

Manfred Pohlen
Foto: privat
25 Jahre hat Manfred Pohlen den in Marburg mit seiner Berufung neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychoanalyse am Ortenberg geleitet. Der Aufbau der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie zu einer erstrangigen Institution dieser Disziplin war sein Werk, dessen Güte durch seinen hohen fachlichen Anspruch und die besonderen Qualitätsstandards in der Patientenversorgung geprägt war. Mit ungewöhnlichem Engagement für eine andere Psychotherapie jenseits schulen- oder berufspolitischer Interessen hat er am Marburger Klinikum eine psychotherapeutische Einrichtung geschaffen, die in neuen Therapiekonzeptionen und Spezialambulanzen spezifische Behandlungsangebote machte und als Ort hochqualifizierter Therapieprogramme in Deutschland bekannt und gefragt war. Die besondere Produktivität psychotherapeutischer Entwicklungsarbeit ist auch aus seinem Werdegang zu begreifen: die Wahl von Philosophie und Medizin, von Psychiatrie als Weg zu einer psychologischen Medizin und die Wahl der Psychoanalyse als Ort aufklärerischen Denkens, das dem freien Geist seines experimentierenden Lebens entsprach.

Die Generierung psychodynamischer Praxis und die hohe theoretische Durchdringung seines Fachs kennzeichnen seinen wissenschaftlichen Weg. Am Max-Planck-Institut (München) hat Pohlen die ersten psychotherapeutischen Outcome-Forschungen durchgeführt – Pionierarbeiten psychoanalytischer Gruppentherapie – und ein innovatives Behandlungsmodell der Kurztherapie entwickelt, das bis heute von vielen übernommen und weitergeführt wird. Erkenntnisinteresse zeichnet seine ganze klinische Forschungstätigkeit aus: die Entwicklung einer psychotherapeutischen Kommunikations- und Einflusstheorie als Basistheorem für eine fundierte klinische Praxis – entgegen den theorielosen, ekklektizistischen Konzepten in der medizinischen Psychotherapie. Die Selbstaufklärung des wissenschaftlichen Korpus und der Konvention der Psychoanalyse im Zusammenhang der Analyse des westlichen Aufklärungsdiskurses und seiner konstitutiven Bedingungen und die Neuschöpfung psychodynamischer Theorie und Praxis sind als wissenschaftliche und klinische Hauptwerke in umfassenden Monographien dokumentiert.

Pohlen verstand sich als Psychoanalytiker immer auch als Diagnostiker der Kultur. Auch wenn die psychodynamische Therapie Grundthema seiner Forschung war, so war sein klinisches Denken und Handeln nicht ohne die kritische Reflexion der sozialen Pathologien des modernen Menschen denkbar. In ideologiekritischen Studien analysierte er die Zurichtung des Menschen durch die herrschende Rationalität der Lebenswelt, ihre Befriedung in Sozialagenturen durch gesellschaftskonforme Glücksversprechen in Selbstverwirklichungsidealen. In einer subtilen Analytik der Macht untersuchte er die psychotherapeutische Beziehung. Nicht zuletzt lieferte er eine aufsehenerregende psychohistorische Analyse der Genealogie des Faschismus. Die Aufklärung der dialektischen Antagonismen in seinen intellektuellen Zeit- und Kulturdiagnosen nimmt die eigene Disziplin nicht aus, die er mit den fachimmanenten Erkenntnismitteln analysierte, deren wissenschaftstheoretischen Standort er bestimmte und auf deren Fragen an Psychotherapie als Wissenschaft er Antworten gab, die neue erkenntnistheoretische Dimensionen für die Psychotherapie erschlossen.

Der Lehrer und Therapeut

Der Horizont dieses forscherischen Geistes übte eine besondere intellektuelle Faszination auf alle aus, die Pohlen hörten, Mitarbeiter wie Studenten. Das kritische Element seines unabhängigen Denkens, der Blick aufs Entlegene in der Suche nach dem Unabgegriffenen waren Wohltat und Ermutigung, Chancen für neue Gedanken. Und die Erfahrung seiner spontan-überraschenden Einfälle im Denken, das den Funken immer von der Klinik in die Theorie und von der Theorie in die Praxis springen ließ, hat ein Denken sichtbar gemacht, das seine Bodenhaftung nie verliert: Manfred Pohlen war ein Lehrer des leibhaftigen Denkens. Seine Absage ans herrschende Unwesen konformistischer Wissenschaftsgläubigkeit und das Vorbild seines Denkens aus dem Widerspruchsgeist, das den normativen Gehalt jeder Praxis hinterfragte, war eine Schule der Wahrnehmung. Jenseits und inmitten klinischer wie wissenschaftlicher Arbeit war es die Lust am Denken in einem Klima frei von steriler akademischer Konventionalität, das eine Arbeitsatmosphäre gegenseitiger Anerkennung und wohltuender Offenheit prägte, die ihre Entsprechung in unvergesslichen Klinikfesten hatte.

Der emanzipatorische Charakter von kooperativen Arbeitsmodellen für die Mitarbeiter hatte sein Gegenstück in emanzipatorischen Behandlungsmodellen, die den Patienten das existentielle Privileg auf souveräne Selbstgestaltung zurückgeben sollten. Das Vermächtnis seines wissenschaftlichen und klinischen Denkens wird, auch wenn es die Klinik für Psychotherapie nicht mehr gibt, in seinem wissenschaftlichen und klinischen Werk weiterbestehen; nicht zuletzt in seiner demnächst erscheinenden großen Monographie der am Marburger Klinikum entwickelten psychodynamischen Praxistheorie und Behandlungskonzeption.

Margarethe Bautz-Holzherr

Zuletzt aktualisiert: 14.12.2007 · trautmas

 
 
 
Philipps-Universität Marburg

Pressestelle der Philipps-Universität, Biegenstraße 10, D-35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-26118, Fax +49 6421 28-28903, E-Mail: pressestelle@verwaltung.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/aktuelles/unijournal/7/Pohlen/Diagnostiker

Impressum | Datenschutz