Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (Univ.)
 
  Startseite  
 
Sie sind hier:» Universität » Aktuelles » Marburger UniJournal » Nr. 7 » Wider Gewalt und Fremdenfeindlichkeit
  • Print this page
  • create PDF file

Wider Gewalt und Fremdenfeindlichkeit

Wie Vorurteile gegen Minderheiten entstehen und wie man ihnen begegnen könnte / Thesen Marburger Sozialpsychologen

Gewalt gegen Ausländer, Gewalt gegen Minderheiten nimmt in erschreckendem Maße zu hierzulande. Wie entsteht Fremdenfeindlichkeit? Was kann gegen eine weitere Eskalation rechtsradikal motivierter Gewalt getan werde? Vor allem die interkulturelle Bildung in den Schulen müsse massiv gefördert werden, unterstreicht die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Philipps-Universität in einer aktuellen Stellungnahme, die wir nachfolgend im Wortlaut wiedergeben.

Gewalt gegen Minderheiten in Deutschland ist ein trauriges Thema. Die Medien sind voll von Berichten über Pöbeleien und Angriffe gegen Minderheiten, Morde keine Seltenheit mehr. Die Situation ist nicht länger hinnehmbar, längst schon hätte massiv gegengesteuert werden müssen. Gesellschaftliche "Fehl"-Entwicklungen, wie die Zunahmen fremdenfeindlicher Gewalt und deren Akzeptanz, neigen zu progressiv akzelerierten Verläufen, die Zeit drängt. Was kann in dieser Situation getan werden?

Wo liegen die Ursachen?

Veränderungen lassen sich insbesondere dann herbeiführen, wenn man weiß, was die Ursachen für einen zu verändernden Zustand sind. Seit Jahren befasst sich die Arbeitsgruppe Sozialpsychologie an der Philipps-Universität mit der Erforschung von Vorurteilen und Diskriminierungen. Der Kenntnisstand der Sozialwissenschaften über Ursachen für die Ablehnung von Fremden ist gut. Fremdenfeindlichkeit entsteht insbesondere dann,

  • wenn Menschen sich von Zuwanderern physisch bedroht fühlen,
  • wenn Menschen glauben, Minderheiten würden ihre eigenen materiellen Ressourcen gefährden,
  • wenn sie ihre Kultur und Identität durch die Zuwanderung von Minderheiten "irgendwie" bedroht sehen,
  • und insbesondere dann, wenn sie keine Erfahrungen mit Minderheiten haben.

In einer gerade abgeschlossenen Untersuchung können wir nachweisen, dass gerade solche Personen ethnische Minderheiten zurückweisen, die keine persönlichen Kontakte mit Minderheiten haben. Für die in vielen Untersuchungen nachweisbare größere Zurückweisung von "Fremden" in Ostdeutschland lässt sich zeigen, dass diese damit zusammenhängt, dass Ostdeutsche bei einem Ausländeranteil von etwa 2 % im Vergleich zu Westdeutschen (Ausländeranteil etwa 10 %) weniger Möglichkeiten haben, intensive persönliche Beziehungen zu Minderheiten aufzubauen.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Eskalation rechtsradikaler Gewalt ist es darüber hinaus notwendig, zwischen mindestens zwei Gruppen von Akteuren zu differenzieren:

  1. der breiten Bevölkerung: Die wenigen international vergleichenden repräsentativen Meinungsumfragen (zuletzt 1997) zeigen, dass Deutschland kein ausländerfreundliches Land ist, im EU-Vergleich liegt Deutschland an viertletzter Stelle im Ausmaß an Ausländerfreundlichkeit seiner Bevölkerung. In einer Serie von Feldexperimenten können wir zeigen, dass Menschen, die erkennbar nicht-deutsch sind, weil sie z. B. ein Kopftuch tragen, subtil schlechter behandelt werden als "typische Deutsche". Dennoch: Es gibt keine Hinweise darauf, dass gegenwärtig breite Teile der deutschen Bevölkerung aktiv gegen Minderheiten gewalttätig werden könnten. Trotzdem sehen breite Teile der Bevölkerung der aktuellen Welle von Gewalt gegen Minderheiten weitgehend tatenlos zu.
  2. den gewalttätigen oder gewaltbereiten Rechtsradikalen: Zusätzlich zu den oben genannten Ursachen für die Ablehnung von Minderheiten sind für gewaltbereite Gruppen noch die folgenden Faktoren von Bedeutung: Gewalt gegen Minderheiten wird von Gruppen ausgeführt, fast nie sind Einzeltäter am Werk. Dabei handelt es sich um Gruppen, zu deren identitätsstiftendem Merkmal die Akzeptanz von Gewalt gehört – nur wer Gewalt sucht, gehört dazu. Vor allem aber: Die rechtsradikalen Gewalttäter gehen von der Überzeugung aus, dass sie das tun, was breite Kreise in der Bevölkerung eigentlich wünschen, wozu sie sich selbst aber nicht "trauen". Die Gewalttäter profitieren von der vermeintlichen Zustimmung für ihre Taten in der Bevölkerung.

Ächtung von Gewalt vonnöten

Was ist zu tun? Vor dem geschilderten, empirisch gut abgesicherten Hintergrund erscheinen die folgenden kurz- und langfristigen Maßnahmen mit unterschiedlichen Zielgruppen dringend erforderlich:

Kurzfristig scheinen (potentielle) Täter direkt nicht erreichbar, zu geschlossen sind deren Kreise und gegenseitigen Unterstützungssysteme. Wohl aber ist es möglich, ihnen unmittelbar die (vermeintliche) externe soziale Unterstützung durch breite Kreise der Bevölkerung zu entziehen, die eine wichtige Basis für ihre Handlungen sind: Dazu bedarf es einer breiten und von allen gesellschaftlichen und politischen Gruppen getragenen Ächtung von Gewalt und Gewaltandrohung. Fatal ist in diesem Zusammenhang die Zurückhaltung konservativer politischer Kräfte hierzulande. Um auch deren Unterstützung für eine Kampagne gegen Gewalt zu gewinnen, könnte es sinnvoll sein, die politische Diskussion zu vereinfachen: Hier und jetzt geht es um eine Ächtung von Gewalt gegen Minderheiten; dies sollte zunächst nichts implizieren in Bezug auf Positionen zu Zuwanderungsgesetzen, Aufenthaltsrecht, doppelte Staatsbürgerschaft etc.

Gesellschaftliches Handeln muss natürlich auch die potentiellen Täter direkt zum Ziel haben. Zum psychologischen Grundwissen gehört, dass die unmittelbaren Handlungskonsequenzen deren zukünftige Ausführungswahrscheinlichkeit steuern. Für die juristische Behandlung rechtsradikaler Straftäter ergibt sich daraus, dass (auch) rechtsradikale Gewalt unmittelbare staatliche Reaktionen nach sich ziehen muss: Wer durch rechtsradikale oder ausländerfeindlich motivierte Straftaten auffällig wird, auf den (die meisten Gewalthandlungen werden von Männern durchgeführt) muss der Staat unmittelbar reagieren. Dies bedeutet nicht, dass er auch immer mit der "ganzen Härte des Gesetzes" agieren muss – auch unmittelbare sozialpädagogische Maßnahmen können sehr sinnvoll sein.

Für interkulturelle Begegnungen

Mittel und langfristig sind allerdings nachhaltigere Strategien zu entwickeln. Oben wurde ausgeführt, dass vor allem Bedrohungsgefühle im Zusammenhang mit Zuwanderern und mangelnde persönliche Erfahrungen mit Minderheiten für deren Ablehnung verantwortlich sind. Dieser Form von Provinzialisierung ist durch interkulturelle Begegnungen entgegenzuwirken. Der vornehmliche Ort für solche grundlegenden Erfahrungen ist die Schule. Während der Pflichtschulzeit bietet sich die einmalige Chance, alle potentiell Beteiligten zumindest physisch präsent zu haben – danach sind Rassisten für Interventionsmaßnahmen kaum noch freiwillig zu gewinnen. In den Bereich schulischer interkultureller Bildung muss somit massiv investiert werden.

Aus Sicht der Wissenschaften gibt es gesicherte Erklärungen für die Entstehung fremdenfeindlicher Gewalt – und mit diesen Erklärungen bieten sich auch Möglichkeiten der Intervention. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können häufig aber nur schlecht abschätzen, wie gut ihre grundlagenwissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen sind. Dazu ist die Diskussion und kritische Auseinandersetzung von Praktikern, politischen Verantwortungsträgern und Wissenschaftlern erforderlich. Vor dem Hintergrund der aktuellen Eskalation ist eine solche Diskussion mehr als überfällig.

Prof. Dr. Ulrich Wagner, Dr. Rolf van Dick, Thaneswor Gautam, M.B.I., Dr. Andreas Homburg,
Lic. Vanessa Smith-Castro, Dipl.-Psych. Jost Stellmacher, Dipl.-Psych. Natalie Vasdev


Zuletzt aktualisiert: 14.12.2007 · trautmas

 
 
 
Philipps-Universität Marburg

Pressestelle der Philipps-Universität, Biegenstraße 10, D-35032 Marburg
Tel. +49 6421 28-26007, Fax +49 6421 28-28903, E-Mail: pressestelle@verwaltung.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/aktuelles/unijournal/7/Sozialpsychologie

Impressum | Datenschutz