Triumph der Subversion?
Das Ende der Massenideologien und neue Oppositionsdynamiken im Nahen Osten und Nordafrika
Bis zum Beginn des Arabischen Frühlings galt der Nahe Osten und Nordafrika in der internationalen öffentlichen Wahrnehmung als eine Region, in der sich die Menschen an ihr autoritäres Umfeld angepasst hatten und Widerständigkeit vornehmlich als eine Artikulation religiöser Identität offenbart wurde.
Das Forschungsprojekt geht jedoch davon aus, dass seit einigen Jahrzehnten auf kollektiven Identitätskonzepten beruhende Massenideologien wie der Nationalismus und Islamismus ihre Bedeutung zunehmend zugunsten von individualisierten Artikulationsformen eingebüßt haben. Die dadurch entstandenen Oppositionsdynamiken begannen die herrschenden Ordnungen und Diskurse unterschwellig zu unterlaufen. So erarbeiten sich Männer und Frauen neue Räume im Alltagsleben, organisieren sich in neuen sozialen Bewegungen, machen sich neue Medien zunutze, um ihre Ideen zu kommunizieren und finden hierüber zu neuen Formen künstlerischen Ausdrucks. All diese Prozesse können und müssen als Wegbereiter der aktuellen Umwälzungen betrachtet werden. Ihre Entfaltung lässt sich gleichermaßen in den Bereichen von Politik, Wirtschaft, Religion, Medien und den Künsten feststellen, wo sie auf eine neuartige und komplexere Weise aufeinander einwirken.
Um diese Verflechtung widerzuspiegeln, bedarf es einer interdisziplinären Herangehensweise: Somit untersuchen ProjektmitarbeiterInnen aus unterschiedlichen Fachrichtungen Akteure, Spielräume und Ausdrucksformen subversiven Handelns in ausgewählten Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas seit den 1990er Jahren. Der Gründung dieses Forschungsprojekts ging die Beobachtung voraus, dass zu Analyse und Verständnis dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen eine adäquate Begrifflichkeit und Methodik noch ausstehen. Subversion wird in diesem Rahmen als ein operativer Begriff verwendet, der dazu dient, sich den beschriebenen Entwicklungen anzunähern und sie intellektuell zu erfassen.

