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26.03.2013

Hans-Friedrich Foltin am 19.03.2013 verstorben

Hans-Friedrich Foltin (10.3.1937-19.3.2013)

foltinAm 19. März 2013 ist Prof. Dr. Hans-Friedrich Foltin im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls in Marburg verstorben. Im April 2000 in den Ruhestand getreten, hat er die Marburger Wissenschaftsgeschichte der Europäischen Ethnologie von Beginn an nachhaltig geprägt: Fred Foltin, wie ihn seine zahlreichen Freunde, Kollegen, Schüler nannten, stieß schon früh zu dem von Gerhard Heilfurth 1960 gegründeten Institut für mitteleuropäische Volksforschung. Von der Sprachwissenschaft herkommend (die er noch mit einer philologischen Dissertation abgeschlossen hatte), erkannte er hier die Chance zu einer an sozialwissenschaftlichen und kulturanthropologischen Perspektiven orientierten Erforschung der Unterhaltungsmedien und ihrer Bedeutung im Alltag. Damit gab er auch dem Fach insgesamt in der schwierigen Zeit des Paradigmenwechsels der sechziger Jahre ganz entscheidende Impulse – die Umgestaltung von einer text- und objektfokussierten Wissenschaft zu einer am sozialen und kulturellen Handeln von Menschen orientierten Disziplin forderte zur Reflexion soziokultureller Phänomene heraus: Unterhaltung, Freizeit, Werbung, Mode rückten schon damals in den Fokus einer Massenkommunikationsforschung, deren breite interdisziplinäre Ausrichtung sich noch heute in den Bibliotheksbeständen des Instituts spiegelt, und von Marburg aus haben zahlreiche Examensarbeiten und Dissertationen eine im Fach sich erst allmählich etablierende Medienforschung mitgestaltet. Dabei hat Foltin die historische Dimension der populären Unterhaltungsliteratur nie vernachlässigt, betreute im Olms-Verlag die Reprints von Romanheftserien (Percy Stuart, Der schwarze Jonas, Sherlock Holmes, Lord Lister) und widmete ihr zum Abschluss seiner aktiven Dienstzeit als Hochschullehrer noch einmal eine gemeinsam mit Studierenden erarbeitete Ausstellung in der Marburger Universitätsbibliothek: Lesekultur. Populäre Lesestoffe von Gutenberg bis zum Internet (1999).

Mit der Hochschulreform nach 1970, der Bildung des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und der Öffnung der Universität für breite Bildungsschichten zunehmend in die Lehre eingebunden, erhielt Hans-Friedrich Foltin eine Professur am Institut für Europäische Ethnologie der Philipps-Universität Marburg. Lehre und Betreuung von Studierenden, von denen er viele bis zur Promotion führte, waren ihm wichtig, auch in seiner Arbeit als Vertrauensdozent der Studienstiftung. Legendär sind seine immer gut besuchten Seminare zum Westernfilm und anderen fiktionalen Genres, und eindrücklich in Erinnerung bleiben uns seine Exkursionen nach Berlin, die der Kultur- und Medienlandschaft einer geteilten Großstadt galten (beide Teile einbeziehend, hatte er doch schon 1970 die Unterhaltungsliteratur der DDR referiert), und auch nach der Wende bot Babelsberg ein zur Reflexion der Filmproduktion und ihrer Selbstinszenierung herausforderndes Exkursionsziel.

Hans-Friedrich Foltin war beteiligt am Aufbau der Medienwissenschaft in Marburg und wirkte an einem der ersten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“ in Siegen mit. Viele Anregungen für die Forschungsfelder seines Faches zur Bedeutung audiovisueller Medien im Alltag hat er beigetragen: zusammen mit Gerd Würzberg veröffentlichte er die Programmanalyse „Arbeitswelt im Fernsehen“ (1975/1982), zusammen mit Wilfried von Bredow die kritische Studie „Zwiespältige Zufluchten. Zur Renaissance des Heimatgefühls“ (1984) und zusammen mit Gerd Hallenberger die Analyse der Quizsendungen und Game-Shows des deutschen Fernsehens (1990). 1999 trug er mit einem grundlegenden Aufsatz zum Alltag in deutschen Fernsehserien zur Positionierung der Medienforschung in der Europäischen Ethnologie bei. Im großen, fünfbändigen Kompendium zur Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland gab er zusammen mit Hans Dieter Erlinger den Band zu Unterhaltung, Werbung und Zielgruppenprogrammen (1994) heraus.

Engagiert, ausgleichend und mit großer Erfahrung wirkte er mit in den Selbstverwaltungsgremien der Hochschule, viele Jahre im Ständigen Ausschuss III, dann auch als Dekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Philosophie. Große Freude bereitete ihm die Konzeption und Mitarbeit in der Produktion „Philipps-Universität Marburg: der Film“ (1998). Für das Institut fällt ihm das große Verdienst zu, die Zusammenführung der zersprengten Institutsteile im gemeinsamen Haus des ehemaligen Finanzamtes 1992 durchgesetzt zu haben. Fred Foltin wird uns als ein kommunikativer, von vielen geschätzter Kollege in Erinnerung bleiben.

                                        Siegfried Becker

Zuletzt aktualisiert: 26.03.2013 · schreib6

 
 
 
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