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Geschichte der Marburger Kultur- und Sozialanthropologie/Völkerkunde (Ethnologie)

Vorläufer: Von den Menschfresser Leuthen

" ... in dieser Historia, da die leuthe allein der Insell nacket gehen, keyn heuslich vihe zur narung, keynerley dinge so bei uns im Brauch, den Leib zu erhalten, haben, als kleyder, Bette, Pferde, Schwein oder Kühe, noch Wein oder Biere. sich auf Ihre weise enthalten und behelffen nüssen."

(Johannes Dryander, Vorwort zu: Hans Staden, 1557: "Warhaftige Historia ...", Marpurg: B2)

menschenfresserAls erste deutsche Reisebeschreibung völkerkundlicher Qualität gilt die "Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der wilden, nacketen, grimmigen Menschfresser Leuthen in der Newenwelt America gelegen" von Hans Staden. Sie beschrieb "Marpurg uff Fastnacht 1557" einen Aufenthalt in Brasilien und erregte besonders durch detaillierte Wiedergabe eines kannibalischen Rituals in Wort und Holzschnitt Aufsehen (links unter dem H+S der betende Autor). Sie ist bis heute unsere wichtigste Informationsquelle über brasilianische Indianer des 16. Jahrhunderts. Dass sie gerade in Marburg gedruckt wurde, hatte der Medizinprofessor Johannes Dryander veranlasst.

stadenDryanders Verdienst als Mediziner bestand in der Wende zur  Beobachtung, so führte er anstatt antiker Lehrbücher anatomische Sektionen als den Königsweg der Forschung und Lehre ein. Ganz ähnlich war auch seine Einstellung zur neuen Wissenschaft der "Cosmographia" ("Weltbeschreibung"), für die er ein Programm der überprüfbaren Empirie entwickelte: An Stadens (Bild rechts) relativ schlichter Erlebnisschilderung lobt Dryander in einem Geleitwort, das sie nicht der Buchweisheit folgt, sondern dem Selbstgesehenem; ein nachfolgender Reisender könnte den Bericht überprüfen, "und wo des Hans Stadens historia falsch und erlogen were, kan er in zuschanden machen, und fur eyn nichtigen Man angeben." Zur eigenen universitären Disziplin wurde die "Cosmographia" freilich nicht

Von der Philosophie zur Ethnophilologie

"Das vorliegende Buch ... behandelt eine der wichtigsten Fragen des Menschenwohles, das Wohl und Weh einer ganzen grossen, von den Weissen unterschätzten und verfolgten Rasse - und wendet sich als guter Anwalt dieser Rasse an die Einsicht aller Gebildeten."

(Dr. Ploss, Vorwort zu: Theodor Waitz, 1865: Die Indianer Nordamerica's, Leipzig: Friedrich Fleischer: iv) 

waitzEine der ersten in der neuen Wissenschaft Ethnologie anerkannten Autoritäten war der Dozent der Philosophie Theodor Waitz (1821-1664, Bild links). 1844-64 in Marburg, verfasste er ein bis ins 20. Jahrhundert. benutztes Handbuch, die Anthropologie der Naturvölker, in der er gegen die biologische Ewigkeit von Rassenunterschieden und für eine Wandelbarkeit der Kultur argumentierte. Sein Interesse galt insbesondere der Frage der grundsätzlichen Gleichheit des Menschengeschlechts bei vordergründigen Unterschieden der Entwicklung

"Es wird sich zeigen, dass namentlich die moralischen Eigenschaften der Menschen überall dieselben sind, dass dieselben Neigungen und Leidenschaften beim rothen wie beim weissen Menschen auftreten, allerdings aber mit dem wesentlichen Unterschiede, dass dieser ihnen ein schönes Kleid anzuziehen weiss und eben dadurch leichter und tiefer bis in's Innerste verdorben wird als jener, bei dem sie unverhüllt zu Tage kommen."

(Theodor Waitz, ebd.: 67)

steinenÄhnlich das Allgemeinmenschliche und doch auch Entwicklungsunterschiede betonte auch der Arzt Karl von den Steinen, der sich aber nicht mehr auf die Lektüre von Reiseberichten beschränkte, sondern selber reiste (Bild links: Wie Indianer ihn sahen, mit Bart, Pfeife im Mund und Notizbuch in der linken Hand) und mit seinen Expeditionsberichten aus Brasilien ein Bestseller-Autor wurde, dessen Wirkung sich bis in Claude Lévi-Strauss Tristes Tropiques verfolgen lässt. Mit ihm beginnt die Ethnologie in Marburg 1890 offiziell: An der Philipps-Universität wurde er der zweite deutschen Privatdozent des Faches überhaupt. Doch ließ man ihn bald nach Berlin ziehen. Er begründete seinen Weggang damit, dass es in Marburg kein Völkerkunde-Museum gab, ohne das man aber Ethnologie nicht lehren könne.

Koch-Grünberg gezeichnet von Yeepasonea Wegen des damaligen Fehlens eines Museums nahm auch Theodor Koch-Grünberg, ein anderer bekannter Brasilien-Forscher (1872-1924) von Marburg Abstand. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod kam sein Nachlass (s. hier) in das (mittlerweile hier eingerichtete) Museum und ist heute eine wichtige Quelle unserer Kenntnis brasilianischer Indianer und deutscher Indianerforschung  (Bild links: seine Expedition, gezeichnet von dem Tukano Yeepásonea in einem Langhaus am Rio Tiquié, über dem Hausdach rechts Koch-Grünberg mit Schnurrbart).

schulzejena1913-37 hatte Leonhard Schultze Jena (Bild links) den geographischen Lehrstuhl inne. Er forschte ethnologisch und ethnophilologisch: Bekannt wurde er durch Übersetzungen von Werken der Maya und Azteken und durch Sprachforschungen in Mexiko und Guatemala, u.a. Erforschung und Übersetzung des Popol Vuh (Bild rechts: Auszug aus Schultze Jena: "Der Wortschatz des Popol Vuh", in: Ders.: Popol Vuh - Das Heilige Buch der Quiché-Indianer von Guatemala, Stuttgart/Berlin: Kohlhammer 1944: 304), Erschließung des Werkes von Sahagún, Entdeckung des Tonsprachencharakters des Tlapanekischen. Daneben befasste er sich mit der Ethnographie Südosteuropas. Sein ethnophilologisches Programm formulierte er im Vorwort zu seiner Edierung des Popol Vuh:

schulzejena2"an die Stelle der bisherigen Übertragungen [...], die in vielen offenen Fragen auf Treu und Glauben hingenommenrn werden mußten, eine neue, grammatisch begründende zu setzen, damit der Leser an der Hand einer Analyse jedes Worts selbst prüfen könne, wie weit es nunmehr gelungen ist, mit einem im Quichélande selbst geschärften sprachlichen Handwerkszeug Irrtümer, Lücken und Verlegenheitskonjekturen zu beseitigen, angefangen von quellenmäßiger Festlegung einer phonetisch richtigen Schreibweise und entsprechend eindeutiger Erfassung des Sinnes der Wortwurzeln bis zur Begründung des Aufbaus der Sätze." (op.cit.: V)

Schultze Jenas Schüler Hermann Hagen begründete 1925 eine Mexiko-Bibliothek, die man dann allerdings nach Berlin umziehen ließ. Dort bildete sie eine Keimzelle der Ibero-Amerikanischen Bibliothek, der heute bedeutendsten Bibliothek der Lateinamerikaforschung in Europa.


ubbelohde1925 erhielt Marburg wieder einen Privatdozenten der Ethnologie, als Schultze Jenas Schüler Heinrich Ubbelohde-Doering (Bild links) sich mit der Schrift Altperuanische Gefäßmalereien und dem Vortrag "Die gegenwärtigen Auffassungen von der Existenz und der Kultur der Tolteken" habilitierte. Ubbelohde-Doering war v.a. Kunstethnologe Südamerikas. 1930 ging er nach München, wo er Direktor des Völkerkundemuseums wurde.

Die Marburger Professur für Kultur- und Sozialanthropologie/Völkerkunde

blockmartin1946 wurde eine Professur für "Überseegeographie und Völkerkunde" (Karl Dietzel 1946-51) im Geographischen Institut eingerichtet. Auch der Geograph Heinrich Schmitthenner mit der Venia "Länderkunde und Geographie des Menschen" behandelte völkerkundliche Themen und wirkte daran mit, dass 1949 der Völkerkundler Martin Block a.o. Professor für "Sprachen und Kulturen Südosteuropas" wurde. 

1956 weitete Martin Block seine Lehrbefugnis auf "Allgemeine Völkerkunde und Völkerpsychologie" aus und gründete so eine a.o. Professur für Völkerkunde in Marburg. Ähnlich wie Schultze Jena kombinierte er Sprach- und Völkerkunde zur Ethnophilologie, wobei er besonders auf dem Balkan forschte (u.a. über "Zigeunermärchen" und über die Makedo-Rumänische Sprache; er wurde aber in der Romanistik auch durch Arbeiten zum Französischen bekannt).

Martin Blocks Nachfolger, Horst Nachtigall, 1963-89 im Amt, forschte v.a. im Andenraum, später auch, wie schon Schultze Jena, in Mittelamerika. Er gründete 1968 das Völkerkundliche Seminar und widmete sich der schon von Martin Block eingerichteten Völkerkundlichen Sammlung, die er der Öffentlichkeit zugänglich machte und von etwa 1.000 auf 4.000 Objekte ausbaute. Große Verdienste um die Sammlung hatte ihr ethno-archäologischer Mitarbeiter Peter Paul Hilbert. Mit Arbeiten über die voreuropäische Geschichte des Amazonasgebietes setzte er einen Spezialakzent, durch den die Marburger Ethnologie der 1960er und 1970er Jahre in internationalen Fachkreisen zu Ansehen kam. 1989 wurde eine C4-Professur für Völkerkunde eingerichtet und mit Mark Münzel besetzt, der hauptsächlich im tropischen Südamerika geforscht hat.

2001 schlossen sich die Fachgebiete Völkerkunde und Religionswissenschaft zum "Institut für Vergleichende Kulturforschung - Religionswissenschaft und Völkerkunde" zusammen.

Mark Münzel trat 2008 in den Ruhestand. Sein Nachfolger ist Ernst Halbmayer. 2010 wurde das Fachgebiet Völkerkunde zum Fachgebiet Kultur- und Sozialanthropologie umbenannt. 

Zuletzt aktualisiert: 19.07.2011 · leutnerf

 
 
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