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Christian Wolff








Christian Wolff
(1679-1754)











Hermann Cohen








Hermann Cohen (1842-1918)










Paul Natorp








Paul Natorp (1854-1924)










Martin Heidegger








Martin Heidegger (1889-1976)










Julius Ebbinghaus








Julius Ebbinghaus (1885-1981)

Geschichte des Instituts

Mit der Gründung der Marburger Philipps-Universität 1527 wurden als Teil der "Artistenfakultät", an der in Vorbereitung auf die eigentlichen Fachstudien die "sieben freien Künste" (artes liberales) studiert werden konnten, Professuren für Ethik und Dialektik eingerichtet. Diese wurden erst einige Jahre nach der Universitätsgründung besetzt und können als Keimzelle der Marburger Philosophie gelten.

Für über 150 Jahre war die Philosophie, an dieser weltweit ältesten protestantischen Gründung einer Universität wie die anderen "niederen Künste" eine Hilfswissenschaft der Theologie. Die Lehre einer festgelegten Auslegung der Werke des Aristoteles' im Geiste der Scholastik bildete ihren Kern. Ende des 17. Jahrhunderts wurde zwischen der vorherrschenden Theologie und einer auf die neue Physik ausgerichteten Philosophie (mit den Marburger Physikern und Philosophen Denis Papin und Georg Otho) ein erbitterter Streit um die Thesen René Descartes’ geführt. Dieser Streit verschob hier die Rezeption der neuzeitlichen Philosophie Descartes’ auf das beginnende 18. Jahrhundert.

Die Provinzialität der Marburger Philosophie wurde erst mit der Berufung Christian Wolffs 1723 überwunden.  Aus Preußen vertrieben und bereits hoch renommiert erreichte Wolff  die vertragliche Bezuschussung der von ihm unterrichteten Fächer. Wolff genoss die direkte Unterstützung des Landesherrn und die Freiheit der Lehre: Er behandelte nahezu alle philosophischen Disziplinen (und andere Gebiete bis hin zum Festungsbau) und füllte die Säle mit hunderten, teils von weit angereisten Hörern. Wolff, der sich schon in seiner Hallenser Zeit darum bemüht hatte, die deutsche Sprache für die Philosophie tauglich zu machen, und auf den viele, heute gebräuchliche Standardbezeichnungen zurückgehen, wurde (neben Leibniz) zum wichtigsten Vertreter der frühen deutschen Aufklärung. Vielleicht mehr gegen als durch seinen Willen führten seine Schriften über die Loslösung der Ethik von der Theologie zu einer rationalen Orientierung der Philosophie insgesamt.

Nach Wolffs Verabschiedung 1740 blieb Marburg philosophisch zwar von seiner Lehre beherrscht, aber er hinterließ keine Schule. Die nächste Hochblüte der Philosophie an der Lahn sollte danach noch auf sich warten lassen. Die Geschichte schien sich wiederholen zu wollen, als (wie im Falle Descartes') auch für die Philosophie Immanuel Kants die Rezeption eines revolutionären Werkes mit Verboten und internen Querelen begann.  Die erste geplante Kant-Vorlesung in Marburg wurde 1786 durch ein Edikt des Landesherrn verhindert. Später mussten sich die Kantianer im absolutistischen Kurhessen des Vorwurfs erwehren, ihr "umstürzlerisches" Gedankengut mache sie zu Unterstützern der Französischen Revolution. Die Ausbreitung von Kants kritischer Philosophie war jedoch auch in Marburg nicht aufzuhalten, trotz Versetzung missliebiger Dozenten.

Nach der Zerschlagung der deutschen Territorialordnung durch Napoleon und der Restauration 1813 versank auch die Marburger Universität in Repression und Stagnation. Die Studentenzahlen gingen zurück, Staatskommissare überwachten den Lehrbetrieb,  Dozenten galten als potenzielle Unruhestifter. Vor und vor allem auch nach der Revolution 1848 wurden Strömungen des deutschen Idealismus und seine politische Kritik unterdrückt, im engstirnigen Kurhessen wie auch anderswo in Deutschland; dennoch wirkte die preußische Annexion 1866 befreiend für die Marburger Philosophie.

Mitte des 19. Jahrhunderts begann eine Kontroverse, deren Spuren noch im heutigen Philosophiebetrieb manch deutscher Universität zu erleben sind. Aus dem Konflikt zwischen den diskreditierten Gedankengebäuden der idealistischen Systemphilosophie und dem durch den Aufstieg der Naturwissenschaften getragenen Empirismus erwuchs eine Bewegung, die eine Neuetablierung der Philosophie forderte und diese in einer Neuinterpretation der Philosophie Kants erreichen wollte. Friedrich A. Lange (1828-1875) begründete in seiner eminent populären "Geschichte des Materialismus" eine Strömung, die kurz davor erstmals als "Neukantianismus" bezeichnet worden war.

Diese für Jahrzehnte vorherrschende Strömung, auf die sich Max Horkheimer noch 1937 als Inbegriff akademischer Philosophie beziehen konnte, fand im Folgenden in der "Marburger Schule" ihr geistiges Zentrum. Hermann Cohen (1842-1918), der 1875 nach wiederholter Ablehnung auf Grund seines Judentums endlich die Nachfolge Langes antreten konnte, bildete in der Arbeitsgemeinschaft mit seinem späteren Nachfolger Paul Natorp (1854-1924) ihren Kern. Cohens erkenntnistheoretische Lehre, nach der Logik und Ethik als Formen des reinen Denkens alle Erkenntnisgegenstände erschafften, konnte nicht nur als Versuch der Versöhnung Kants mit dem naturwissenschaftlichen Fortschritt zur Wende des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Wegbereiter für logisch-empiristische wie auch konstruktivistische Auffassungen gesehen werden. Natorp ist der Nachwelt vor allem als Begründer einer philosophischen Pädagogik und einer Sozialphilosophie im Gedächtnis geblieben.

Unter den Schülern Cohens und Natorps finden sich Namen wie Ernst Cassirer, Nicolai Hartmann (der Marburger Nachfolger Natorps),  Boris Pasternak und José Ortega y Gasset.

Die Jahre um den Ersten Weltkrieg waren von Durchsetzungsschwierigkeiten der Philosophie gegenüber den innerhalb der Philosophischen Fakultät aufstrebenden Einzelwissenschaften wie der Psychologie geprägt. Die Marburger Schule fand in dieser Zeit mit der Emeritierung Cohens (1912) und Natorps (1922) ihr Ende; alle Bemühungen, Cassirer einen Lehrstuhl zu  verschaffen und damit ihre Kontinuität zu sichern, scheiterten an dessen jüdischer Herkunft und seiner demokratischen Gesinnung. Neben dem fast in Vergessenheit geratenen Gegenspieler Nicolai Hartmann verbindet sich diese neue Epoche vor allem mit dem Namen Martin Heideggers (1889-1976). Während seiner Zeit in Marburg (1923 - 1928) veröffentlichte er das noch unfertige, dennoch umwälzende Werk "Sein und Zeit" (zum 400-jährigen Universitätsjubiläum 1927). Seine (als “Marburger Vorlesungen” bekannt gewordenen) Lehrveranstaltungen waren äußerst beliebt. In kurzer Zeit gewann er damit in Marburg nicht nur Einfluss auf später bekannte Philosophen wie Karl Löwith und Hans-Georg Gadamer, sondern auch auf die Theologie Rudolf Bultmanns.

Die Zeit von 1933 bis 1945 ist für die Marburger Philosophische Fakultät geprägt durch den Nationalsozialismus und Antisemitismus von Erich R. Jaensch, Ordinarius im psychologischen Zweig. Karl Löwith und Heideggers Nachfolger Erich Frank wurden auf Grund ihrer jüdischen Abstammung ins Exil getrieben, der philosophische Lehrbetrieb kam fast zum Erliegen. Weniger als ein halbes Jahr nach Kriegsende öffnete im neu geschaffenen Land Hessen die Philipps-Universität als erste deutsche Hochschule 1945 wieder ihre Tore. Der Philosoph Julius Ebbinghaus  (1885-1981), zu Kriegsende letzter Lehrender in der Philosophie und als Kantianer frei von nationalsozialistischer Belastung, wurde erster Rektor der Philippina und leitete ihre Entnazifizierung; er war im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland eine bedeutende Stimme für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Im direkten Rückgriff auf Kant kritisierte er Historismus und Relativismus der Geisteswissenschaften vor dem Kriege vor allem darin, dass der Rechtspositivismus den Weg bereitet habe, Unrecht staatlich als Recht zu sanktionieren.

Wie Ebbinghaus war auch sein Nachfolger Klaus Reich Kantforscher. Marburg blieb so dieser Tradition verpflichtet. Organisatorisch machte sich in dieser Zeit die Bildungsreform bemerkbar: 1964 wurden die Psychologie, 1965 die Pädagogik endgültig vom Fach Philosophie getrennt. 1970 wurde das in Grundzügen heute noch bestehende System der Fachbereichsgliederung eingeführt, das die Philosophie dem Fachbereich "Gesellschaftswissenschaften" zuschlug. Dieser wurde unter dem Einfluss des Juristen und Politologen Wolfgang Abendroth und seiner Schüler mit seiner politischen Linksorientierung deutschlandweit bekannt. 1961 habiliterte sich der Rothacker-Schüler Jürgen Habermas bei Abendroth. Ebbinghaus wurde 1970 emeritiert. Sein Kollege und späterer Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde der nach Rückkehr aus dem Krieg 1945 in Marburg habilitierte Klaus Reich, der sich vor allem der theoretischen Philosophie Kants widmete. Während in der Zeit von 1971 bis 1978 Hans-Heinz Holz auf dem Lehrstuhl 2 in Marburg unterrichtete und der Lehrstuhl 1, vormals Reich, für rund 10 Jahre vakant war, wurden die Marburger Schüler Reichs, Reinhard Brandt, Lüder Gäbe und Burkhard Tuschling zu Professoren der Philosophie ernannt. 1980 wurde als Reichs Nachfolger Peter Janich berufen. Auf der zweiten C4-Professur lösten sich Oswald Schwemmer, Peter Bieri, Walther Zimmerli und Manfred Kühn ab, die jeweils nur wenige Jahre in Marburg lehrten. Nachdem durch Pensionierungen und Wegberufungen das Institut 2004 auf eine Professur und (neben zwei Vertretungsprofessuren) eine Junior-Professur (besetzt durch Mathias Gutmann) zusammengeschrumpft war, wurden 2005 zwei Professuren ausgeschrieben und 2006 mit Andrea Marlen Esser (Praktische Philosophie) und Winfried Schröder (Geschichte der Philosophie) besetzt. Auf die Professur für Theoretische Philosophie ist 2008 Christoph Demmerling berufen worden.

Die vorläufig letzte größere organisatorische Zäsur hat die Marburger Philosophie 2005 mit der Umstellung der Lehre auf das im Bologna-Prozess beschlossene System der modularen Bachelor- bzw. Master-Studiengänge und die analoge Umstrukturierung der Lehramtsstudiengänge gemeistert.



Literaturhinweise:

  • Hans-Georg Gadamer: Philosophische Lehrjahre: eine Rückschau. Frankfurt a.M. 1977: Klostermann
  • Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: ein Bericht. Mit e. Vorw. von Reinhard Koselleck und e. Nachbemerkung von Ada Löwith. Stuttgart 1986: Metzler
  • Ulrich Sieg: Das Fach Philosophie an der Universität Marburg 1785 - 1866: ein Beitrag zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte unter besonderer Berücksichtigung von Problemen der Lehre und des Studiums. Kassel 1989: Verein für Hess. Geschichte u. Landeskunde
  • Ulrich Sieg: Aufstieg und Niedergang des Marburger Neukantianismus: die Geschichte einer philosophischen Schulgemeinschaft. Würzburg 1994: Königshausen und Neumann


Zuletzt aktualisiert: 19.10.2008 · admin03

 
 
 
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