„König David - vom unbekannten Hirten zur Heilsgestalt“
(für den 24. Oktober 2007 in der Synagoge)
Es gibt Bilder von David, die in Erinnerung bleiben. Zuerst fällt mir die Skulptur von Michelangelo ein: ein junger Mann, der nackt und schutzlos seinem übermenschlich großen Widersacher Goliath entgegen tritt und dessen jugendliche Schönheit auch heute noch manchen Betrachter in den Bann ziehen kann.
Doch auch ein anderes Bild ist in meinem Gedächtnis aufbewahrt – der König David, den Marc Chagall 1951 gemalt hat. Chagall stellt ihn als einen gereiften, weisen Herrscher dar, dem alles Schöne und Grausame dieser Welt im Gesicht zu stehen scheint und der mit seinem Musikinstrument zu einer Gestalt verschmilzt. Diesem Sänger ist nichts mehr fremd, weder in dem, was auf ihn äußerlich zukommt noch in dem, was ihn innerlich bewegt: Freude und grenzenloses Glück wie auch bitterer Hass und Neid, Liebe und Gewalt – all das hat ihn bewegt und findet hier seinen Ausdruck.
Als Kind staunte ich über den märchenhaften Aufstieg von einem unbekannten Hirten zu einem strahlenden König. Am Anfang klingt alles zu schön, um wahr zu sein.
Erst als die sieben Söhne des Bethlehemiter Isai an dem Propheten Samuel vorüber geschritten sind, wird auch noch der achte Sohn von seinen Schafen weggeholt. An ihn, den sonnengebräunten Jungen vom Lande, hatte man in seinem Vaterhaus gar nicht gedacht. Aber der ist es ausgerechnet, der vom Propheten gesalbt wird. „Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht das, was vor Augen ist, Gott aber sieht in das Herz“ (1. Sam. 16, 7b)
Dieser Satz ist nun der Ausgangspunkt für den wunderbaren Weg eines kleinen Prinzen, der mit seinem Wesen als begnadeter Musiker dem von aller Gunst verlassenen König Saul in seinem Gram aufheitert, der den scheinbar übermächtigen Goliath durch seine Geschicklichkeit besiegt, der zum umjubelten Kriegshelden seines Volkes aufsteigt, die Liebe sogar von den Kindern Sauls gewinnt – von Jonathan als Freund und Michal, die er heiratet. Nach Sauls Tod wird er im Alter von dreißig Jahren zum König gekrönt und damit beginnt sein eigentlicher Triumphzug, der mit den Siegen über die nachbarschaftlichen Stämme und der Konsolidierung des Reiches seinen Höhepunkt erreicht.
Doch weil die heilige Schrift eben nicht nur ein Märchen erzählt, gibt sie auch Einblicke in die Welt Davids von einem skrupellosen Machtpolitiker, der mit aller Brutalität jene vernichtet, die seine Herrschaft bedrohen könnten und der aus dem Begehren zu einer Frau nicht vor Ehebruch und dem arglistigen Mord des Ehemanns Uria zurückschreckt, wobei auch diese Batseba sich nicht nur als Opfer, sondern spätestens bei ihrem Ränkespiel um die Thronnachfolge Davids als eine ihrer Macht bewußte Königin auftritt.
Mit David also treffen wir nicht auf einen Märchenkönig, sondern auf einen Menschen, der in viele Konflikte hinein gerät, sogar wiederholt in den tödlichen Konflikt mit der Macht im eigenen Haus.
Und doch sieht er sein eigenes Handeln auch kritisch. Ja, er bereut sein Tun. Im Psalm 51, der David zugeschrieben wird, heißt es: “Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deine Geisteskraft nicht von mir (V.13)“ und „Rette mich vor den Folgen meiner Gewalttat, du Gott meines Heils“ (V.16).
Doch der gemeinsame Sohn, den er mit Bathseba bekommt, stirbt und es erscheint wie eine Konsequenz aus der destruktiven Seite seines eigenes Machtstrebens, dass sich später sein Sohn anderer Absalom gegen ihn stellt, um ihn von seinem Thron zu stürzen.
In all dem wird David trotz oder gerade in all dem zu einem realistischen Vorbild im Glauben, der die Höhen und Tiefen des Lebens mit allen den hellen und dunklen Seiten der Existenz verkörpert. Besonders in den ihm zugeschriebenen Psalmen wird er als Prototyp des Beters dargestellt, der sich einzig auf die Gnade Gottes verlässt.
Als letzte Worte sind von ihm aufgeschrieben:
„Die Geisteskraft Gottes spricht durch mich,
ihr Wort ist auf meiner Zunge.
Der Gott Israels tut kund,
zu mir spricht der Fels Israels.
Wer über die Menschen gerecht herrscht, wer in Ehrfrucht Gottes
herrscht,
ist wie ein Licht am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, an einem Morgen
ohne Wolken;
von ihrem Schein, vom Regen, sprießt junges Grün aus der Erde“ (1. Sam
23, 2-4)
Nun treffen wir bereits in dem Samuelbüchern auf eine kritische Einschätzung des Königtums in Israel: der Ruf des Volkes nach einem König, der Schutz und Orientierung gibt, stellt sogleich die Frage in den Raum, ob das politische und religiöse Bedürfnis nach dem Königtum nicht gleichbedeutend ist mit einer Abkehr von Gott.
So bekommt Samuel auf seine Klage, dass das Volk sich einen König wünsche, die Antwort:
„Sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sei.“
(1.Sam. 8,7). Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die staatliche Ausrichtung auf einen menschlichen König eigentlich mit dem Bund nicht vereinbar ist, den Gott mit Israel geschlossen hat.
Andererseits wird nun gerade der Hirtenjunge David aus kleinen Verhältnissen zu einem idealen König aufgebaut, dessen Auftritt und spätere Inthronisation zunächst einmal ganz dem Willen Gottes entspricht. In 2.Sam. 3,18 heißt es: „Durch die Hand Davids, meines Knechtes, werde ich mein Volk Israel aus der Hand der Philister und aus der Hand aller ihrer Feinde erretten.“ Die Ältesten Israels begrüßen ihn mit dem Segenswort: „Jahwe sprach über dich: Du sollst mein Volk Israel weiden und sollst Nagid, Fürst sein über Israel“ (2.Sam. 5,2).
Durch die historisch-kritische Forschung ist uns vermittelt worden, dass David jene Machtfülle, wie sie die Heilige Schrift vermittelt, wohl kaum erreicht haben kann.
Aus ägyptischer und assyrischer Perspektive war er zweifellos nur irgendein Provinzfürst. Die Schilderung seiner Regierungszeit und die seines Sohnes Salomo als dem Höhepunkt der staatlichen Bedeutung Israels hält der modernen literaturwissenschaftlichen und vor allem archäologischen Überprüfung nicht stand. Zur Zeit Davids dürfte Jerusalem nicht mehr als 1500 Einwohner besessen haben. Von einem Großreich Davids kann angesichts fehlender archäologischer Nachweise und fehlender Erwähnung in den schriftlichen Überlieferungen der führenden Reiche in der damaligen Zeit im historischen Sinne wohl kaum gesprochen werden.
Bei den biblischen Geschichten um David und Salomo müssen wir von einer Sammlung von volkstümlichen Sagen, Balladen und dramatischen Erzählsträngen ausgehen, die mit dem tatsächlichen Leben der Hauptfiguren wahrscheinlich wenig zu tun hat.
Die beiden jüdischen Gelehrten Israel Finkelstein, Professor für Archäologie an der Universität Tel Aviv, und Neil A. Silberman aus Belgien gehen davon aus, dass es sich bei der populären Gestalt von David um eine Art Freibeuter handelt, der im Bergland Südpalästinas mit einer Truppe von Banditen die Umgebung beherrschte, bis ihn einige Stammesälteste zu einem „anerkannten Führer“ hochstilisierten.
Und doch muss es später eine schreibfähige Beamtenschaft gegeben haben, die das überlieferte Material mit den Annalen und Königslisten durch eine mühsame Arbeit von verschiedenen Redaktoren hindurch bis in die vorstaatliche Zeit Israels zurück projizieren konnte.
So entstand das Bild von David und dem davidischen Königshaus als einer Wunschvorstellung für Israels künftiger Größe, die in die Vergangenheit zurück gelegt wurde. Aber dieses Bild entstand nun zugleich mit der Erzählung seiner Verfehlungen und Verbrechen als Hinweis auf all die, die in der Institution des Königtums in seiner Nachfolge die Gebote brachen.
Das fordert den Leser einerseits zu einer kritischen Einschätzung auf gegenüber dem Königtum als ein Machtgefüge , in der sich Menschen willkürlich über Gottes Gebote und die Regeln der Mitmenschlichkeit hinwegsetzen.
Andererseits wird hier theologisch bedeutsam erzählt, wie trotzdem hinter der Herrschaft eines kleinen Provinzfürsten das Königtum Jahwes, dem Herrn aller Welt, auftaucht.
So ist etwa in dem Psalm 2 von einer festlichen Thronbesteigung des irdische Königs auf den Berg Zion die Rede, hinter der sich die ganze Macht Gottes manifestiert: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Vers 7). Auf ihn allein ruht der Wille Gottes, wenn es am Schluss dieses Psalmes heißt: „Dienet dem Herrn mit Furcht und küsst seine Füße mit Zittern“ (Vers 11)
Diese Zusage an David und an alle, die von ihm abstammen ist zu einem Mutterboden für eine Erwartung eines kommenden Friedenskönig geworden. Von dem zukünftigen Davididen als einer Heilgestalt, die eine umfassende Gerechtigkeit bringen wird, erzählen z.B. die bekannten Worte des Propheten Jesaja. Ich lese die Worte aus Kp.11in der den Christinnen und Christen bekannten Übersetzung von Martin Luther:
Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des
Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der
Furcht des HERRN.
Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN.
Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen,
noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande,
und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen
schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt
seiner Hüften...
Und es wird geschehen zu der Zeit,
dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die
Völker.
Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird
herrlich sein.
Und der Herr wird zu der Zeit zum zweiten Mal seine Hand
ausstrecken,
dass er den Rest seines Volks loskaufe, der übrig geblieben ist
in Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und auf den
Inseln des Meeres.
Und er wird ein Zeichen aufrichten unter den Völkern
und zusammenbringen die Verjagten Israels
und die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde.
Diese prophetische Hoffnung aber bricht an der Realität der tatsächlichen Herrscher immer wieder zusammen. Doch das Geschrei „Hosianna dem Sohn Davids“(Mt. 21,9) bei dem Einzug von Jesus nach Jerusalem, wie es uns im Matthäusevangelium überliefert wird,
zeigt uns, dass diese Sehnsucht auch in jenen Tagen durchaus lebendig war und dass diese Sehnsucht weiterhin nach einer realen Gestalt gesucht hat.
In den Evangelien wird von Anfang an die Verbindung zwischen Jesus und David gesucht - bei Matthäus, der an den Anfang seiner Schrift einen Stammbaum von Abraham als dem Vater aller Gläubigen zu Isai und David bis zu Jesus entwirft (Mt 1, 1-17) wie auch bei Lukas, in dem dieser Evangelist die ganze Geburtsgeschichte nach Bethlehem verlagert,
„weil er - der Vater Jesu Josef - aus dem Hause und Geschlecht Davids war“ (Lk 2,4).
In viel späterer Zeit haben Könige in unseren mitteleuropäischen Regionen, die sich bewusst im Rahmen eines christlichen Gottesdiensts salben und zum Herrscher inthronisieren ließen, ausdrücklich die Nähe zu der Davidsgestalt gesucht. Z.B. hat Karl der Große sich wie sein Vater Pippin auch von dem Hofstaat als „König David“ anreden lassen. Bei der Krönung von Ludwig dem Frommen durch den Papst Stephan IV. am 5. Oktober 816 wird berichtet, wie sich der weltliche Herrscher dem Kirchenfürsten dreimal vor die Füße warf und ihn dann mit folgenden Worten begrüßte: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Gott ist der Herr, und er erleuchtet uns“ - worauf der Papst antwortete: „Gelobt sei der Herr, unser Gott, der unsern Augen vergönnt hat, einen zweiten König David zu sehen.“
Diese herrschaftliche Aneignung in der Geschichte aber übersieht bewusst den radikalen herrschaftskritischem Impuls in der Hoffnung auf einen kommenden David.
Denn die Hoffnung erwächst ausdrücklich aus dem Wurzelgrund Isais hervor. Dahinter steht die Vorstellung von einem abgehauenen Baum, obwohl zur Zeit der Entstehung dieser Hoffnungsbilder Nachfolger aus der Davidsdynastie mehr oder weniger über das Land geherrscht haben. Das Bild von einem bis auf den Stumpf abgehauenen Baum legt also eine radikalte Infragestellung der gegenwärtigen und noch bestehender Herrschaftshäuser wie auch ihrer Herrschaftsansprüche nahe. Zugleich steckt darin aber auch die Kraft der Hoffnung, die gegenwärtigen Herrscher und ihre ungerechten, friedlosen Verhältnisse zu überwinden.
Denn der kommende David erscheint nicht mehr mit der Macht der Gewalt, sondern in der Gestalt des Heilsbringers – so wie es der Prophet Sacharja (9,9 ff) weissagt:
Du, Tochter Zion, freue dich sehr,
und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus
Jerusalem,
und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden.
Denn er wird Frieden gebieten den Völkern,
und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern
und vom Strom bis an die Enden der Erde.
Wegen dieser noch ausstehenden Hoffnung tun Christen gut daran, nicht einfach nur darauf zu bestehen, mit Jesus sei der kommende König aus dem Stamm Davids schon erschienen, sondern sich mit Jüdinnen und Juden wie auch den Vertretern aus anderen Religionen auf Schritte zu einem Frieden in Gerechtigkeit zu hoffen und sich dafür einzusetzen.
Christinnen und Christen sind durch Jesus ermutigt, an der universalen Hoffnung auf den kommenden Frieden teilzunehmen – eine Hoffnung, die zuerst in Israel aufleuchtet und die Christen mit den Juden unwiderruflich verbindet.
Nun habe ich von jüdischen Gesprächspartnern gelernt, dass in ihrem Glauben der Betende eigentlich keine Vermittlergestalt braucht. Jeder Gläubige kann demnach seine Anliegen unmittelbar vor Gott bringen.
David verkörpert in der Bibel die Eigenständigkeit des Beters, indem er nicht nur das Wort Gottes empfängt, sondern auch sein eigenes Wort an Gott richtet. Als der Beter der Psalmen, die ihm zugeschrieben werden, bringt er die ganze Gefühlswelt zwischen Todesangst und alle Grenzen überwindenden Hoffnung, zwischen abgrundtiefer Klage und alle irdischen Höhen übersteigenden Jubel zum Ausdruck.

