David und Saul:
Gelegenheit, Mensch zu bleiben
(1. Sam 24 und 26)
in der Gottesdienstreihe:
Machtverhältnisse – Geschichten um David
Universitätsgottesdienste im Wintersemester 2007/2008
Predigt vom 11. November 2007, Pfarrer Dietrich Hannes Eibach
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt!
Liebe Gemeinde!
„Wenn ihr aufhören könntet zu siegen, so wird eure Stadt bestehen“ weissagt die Seherin Kassandra in dem Buch von Christa Wolf. Und im Gespräch mit dem Wagenlenker fügt sie hinzu: „Ich weiß von keinem Sieger, der das konnte. Ich glaube, dass wir unsere Natur nicht kennen, dass ich nicht alles weiß. So mag es in der Zukunft Menschen geben, die ihren Sieg in Leben umzuwandeln wissen“.
Wie ein ständiger Kampf klingt es manchmal, wenn Männer von ihrem Leben erzählen. Gekämpft wird gegen die widrigen Umstände oder gegen den Widerstand vermeintlicher Gegner. In der Jugend geht es um den Aufbau von Durchsetzungskraft, um den Gewinn von Macht und Einfluss, im Alter richtet sich der Kampf oft gegen den Verlust von Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten, gegen Krankheiten und den sich ankündigenden Tod.
Wer das Leben nur als Kampf betrachtet, ist dauernd in Alarmbereitschaft versetzt, muss mit überraschenden Angriffen rechnen, lebt auf der Flucht oder versucht, selbst anzugreifen.
Wer in den Kampf verstrickt ist, sucht in Beziehungen nur noch nach Verbündeten, die Rückhalt und Anerkennung geben, während er bei dem vermeintlichen Gegner allein den Punkt sieht, wo er ihn treffen kann.
In diesem Lebenskonzept gibt es nur ein antagonistisches „Entweder ich oder der andere“ – nur Sieg oder Niederlage.
Zwischen dem Ringen um Loyalität und dem Ausbruch mörderischer Eifersucht begegnen sich David und Saul im Kampf um den Titel des Königs in Israel.
Beide sind verhängnisvoll aneinander gebunden, denn nur für einen von beiden gibt es einen Platz auf dem Thron. Und so bedingt der Aufstieg des Jüngeren den Abstieg des Älteren.
Zuerst stand Saul hoch in der Gunst des Volkes. Der groß gewachsene und schöne Sohn aus dem Haus seines Vaters Kisch wurde von dem Propheten Samuel zum König gesalbt. Verantwortungsvoll und mit einem starken Willen zur Gestaltung nahm er das Geschick der Stämme Israels in seiner Hand. Doch mit der Zeit geriet Saul an seine Grenzen. Sein Stern begann schon zu sinken, während ein anderer zu leuchten begann.
Doch das konnte Saul nicht akzeptieren und geriet darüber in eine große Schwermut. In seinem verdunkelten Sinn wähnte er bereits seine Gegner am Werk mit dem Ziel, ihn zu beseitigen.
Trost und Aufheiterung fand er in dem Seitenspiel eines jungen Hirten vom Lande. Der jüngste Sohn aus dem Hause Isais rührte mit seiner Musik das vergrämte Herz des Königs.
Doch dieser Jüngling war schon selbst von Samuel gesalbt worden. Er war schon zum Nachfolger und König von Gott bestimmt. Und er bewährte sich schnell als ein erfolgreicher Kämpfer. Klein von Wuchs und Ansehen überwand er mit seiner Wendigkeit und seinem Geschick den großen Goliath. Als der feindliche Riese am Boden lag, huldigte die Masse dem jungen David und stellte ihn mit ihren Jubelrufen bereits über den König Saul, trug also ihren Anteil dazu bei, den Konflikt zwischen den Beiden weiter anzustacheln.
Als David wieder einmal vor Saul musizierte, um ihn in seinen trüben Ahnungen aufzuheitern, schleuderte der König - getrieben von rasenden Eifersucht und mörderischer Wut - seinen Speer gegen seinen vermeintlichen Rivalen. Zitternd blieb der Speer neben dem in sein Spiel vertieften Musiker in der Wand stecken – ein versuchter Mordanschlag auf den Gesalbten Gottes.
So musste David fliehen, um nicht in den offenen Machtkampf mit dem amtierenden König zu geraten. David ging in die Berge und versuchte, sich und seine Leuten vor den Nachstellungen des Königs zu verbergen.
Schließlich aber wurde Saul zugetragen, dass David sich in den Bergfestungen von En-Gedi zurückgezogen hatte.
(1. Samuel 24, 3-7 gelesen von einer Seminarteilnehmerin)
Das Herz von David schlug ihm bis zum Halse, als er sein Leben wagte, um für den Schutz des von Gott Gesalbten ein zu stehen. Doch seine Handlung ist hoch ambivalent.
Einerseits zeigte David Saul mit dem abgeschnittenen Kleidungsstück, dass er seine Hand nicht gegen ihn als einen Gesalbten Gottes erheben würde und dass es darum sinnlos für den König Israels war, ihn weiterhin zu verfolgen.
Andererseits aber stellte dieser Akt symbolisch eine Bemächtigung seines Gegners und gleichzeitig seine Depotenzierung dar.
Jeder, der David mit dem abgeschnittenen Zipfel des königlichen Gewandes vor Saul stehen sah, hatte damit die entscheidende Schwächung des noch amtierenden Königs gegenüber seinem Widersacher miterlebt. Mit dem Abschneiden des Gewandzipfels hatte David bereits in diesem Augenblick die Herrschaft an sich gerissen.
Beschämender kann man kaum einem Gegner zeigen, dass er bereits besiegt ist und dass sein Wirken für alle Zukunft fruchtlos bleiben wird.
Nun wird erzählt, dass David sich nach dieser Begegnung weiterhin auf räumlichen Abstand zu Saul aufhielt und von seiner Bergfestung aus ein Leben als umherstreifender Hirte und Bandenführer führte. Und nach einiger Zeit machte sich Saul erneut auf, um ihn zu verfolgen.
(1. Samuel 26, 3-9 gelesen von einer Seminarteilnehmerin)
So nahm David den Wasserkrug und den Speer von Saul an sich. Wer einem Menschen in der Wüste den Wasservorrat stiehlt, nimmt ihm damit unter Umständen die Möglichkeit zu überleben. Entscheidend aber ist der Königsspeer, den David sich aneignet. Den Speer, der sich einst haarsscharf an ihm vorbei in die Wand bohrte. Geworfen von dem Mann, der nun schlafend und schutzlos vor ihm liegt.
Mit der Aneignung des Speers beansprucht David symbolisch die Königswürde für sich. Der Speer steht für die alleinige Herrschaft über Israel. David braucht die Macht nun nicht mehr an sich reißen. Sie liegt ruhig in seiner Hand und genau so ruhig kann er dieses Symbol der Herrschaftsmacht auch wieder niederlegen. Denn seine Zeit ist noch nicht gekommen. Er steht auf einem Berggipfel und fordert Saul auf, einen Soldaten zu schicken, um den Speer zu holen und sagt zu Saul: „Gott hat dich mit in die Hand gegeben, aber ich wollte meine Hand nicht gegen den Gesalbten Gottes richten.
Sieh, wie viel heute dein Leben in meinen Augen bedeutet hat, so viel soll mein Leben in den Augen Gottes bedeuten, und er rette mich aus aller Not“.
In dem Konflikt auf Messers Schneide hat David nicht nur die Chance ergriffen, Mensch zu bleiben. Hier wird er zu dem Mann, der der Würde seiner Salbung entspricht, indem er seine Hoffnung nicht auf die eigene Stärke setzt, sondern allein auf Gottes Wirken. Er hat in diesem Moment nicht nur über den Gegner, sondern vor allem über sich selbst gesiegt.
David ist nicht der Friedenskönig geworden, den die spätere Zeit aus ihm machen wollte.
Schon bald nach der letzten Begegnung mit Saul ist er wieder als skrupelloser Räuber mit seiner Bande umhergezogen und hat kleine Volksstämme überfallen. Hemmungslos macht er Männer, Frauen, wahrscheinlich auch die nicht genannten Kinder nieder und führt das Vieh als Beute mit sich fort.
Er ist auch auf seinem weiteren Weg über Leichen gegangen, um an seine Ziele zu gelangen.
Doch gegenüber Saul erweist sich David als der wahre König, der den Willen Gottes tut. Darin zeigt sich der Gesalbte Gottes. So kann auch später nach dem Untergang des Königtums in Israel ein ganz anderer Fürst, nämlich der Perserkönig Kyros zu einem Gesalbten erklärt werden, weil er den Exilanten erlaubt, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen.
Schon in dem Machtkampf zwischen David und Saul kommt etwas in die Geschichte hinein, das den Zwang zum Siegenmüssen unterbricht. Es ist etwas aufgebrochen in diesem Widerstreit, in dem es bisher nur Sieger und Besiegte gab. Es ist etwas aufgebrochen wie in der Raumgestaltung unserer Kirche etwas aufgebrochen ist durch die Lichtinstallation von Chris Nägele. So wie in dem Rahmen einer Baustelle unter dem harten Asphalt etwas Leuchtendes hervor bricht, so ist durch das Wagnis, das Leben des anderen zu schonen, etwas Entscheidendes zwischen den verhärteten Fronten der Kämpfenden aufgebrochen.
Und wie diese Lichtinstallation heute in diesen Kirchenraum hinein platziert ist, bringe ich an dem 11. November in meiner Phantasie noch einen anderen Soldaten auf die innere Bühne des Kampfplatzes: Martin von Tours. Der Legende nach hat Martin einmal sein Schwert benutzt, um seinen Mantel in zwei Hälften zu zerschneiden und die eine Hälfte einem Bettler zum Schutz gegen die Kälte zu überlassen. Martin bemächtigt sich seines eigenen Gewandes, um es mit dem zu teilen, der seiner Hilfe bedarf.
Und damit kann ich einen Bogen schlagen von der Steinschleuder, mit der Goliath getroffen wurde zu dem Speer, das David dem König Saul zurück gibt bis hin zu dem Schwert, mit dem einer symbolisch seinen eigenen Schutzraum mit einem anderen teilt.
Es ist ein Bogen von einem heldenhaften Sieg durch listige, aber dennoch tödliche Gewalt über die Anerkennung der Würde auch des Feindes bis hin zum Mitgefühl und der aktiven Zuwendung zu dem anderen – der Bogen vom Helden zum Liebenden.
Saul hat diese Liebe gebraucht. David hat diese Liebe begehrt und bei anderen wecken können. Und Martin von Tours hat in der Liebe gelebt, hat sie geteilt und weitergeben.
In einem Traum erfährt Martin von Tours, wem er an jenem Abend begegnet ist –
dem, der gesagt hat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt. 25,40). Er ist der König, dessen Herrschaft sich darin zeigt, dass er seinen Jüngern die Füße wäscht und von einer Frau gesalbt wird.
Christus gibt den Mut, uns in unserer eigenen Begrenztheit und Endlichkeit, ja auch Bedürftigkeit anzunehmen. Sterben und Tod drohen nun nicht mehr als die letzte Niederlage im Kampf um das Leben, sondern sind ein notwendiger Durchgang zum Leben vor Gott.
Andere Menschen begegnen uns auf diesem Weg nicht mehr nur als Gegner im Kampf um die Krone des Lebens. Sie geben uns Gelegenheit, geschwisterlich miteinander umzugehen und in ihnen zu erkennen, wer wir selber sind.
Amen.

