Predigt über 2. Samuel 21,1-14
Geschichten um David:
Der Opfer gedenken - die Unterbrechung der Rache
Universitätsgottesdienst am
3.2.08
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Gegen Ende der Geschichten um David, liebe Gemeinde, steht die Erzählung von David und Rizpa, die uns noch einmal in schwierige Verhältnisse führt. Rizpa – kaum jemand kennt den Namen dieser Nebenfrau Sauls, die vieles mit ihrer berühmten Schwester Antigone gemeinsam hat.
Die Geschichte spielt in einer Zeit, in der man die natürlichen Geschehnisse unmittelbar mit dem Handeln der Menschen in Verbindung brachte. Drei Jahre hält die Hungersnot in Israel bereits an, noch immer regnet es nicht. David „sucht das Angesicht Adonais“, d. h. er holt einen Gottesbescheid ein, um die Ursache der Dürre zu erkunden. Die Antwort, die er erhält, weist in die Zeit zurück, als Saul noch König war. Dieser nämlich hatte Bewohner von Gibeon ermordet, obwohl diese durch einen Bund mit Israel geschützt waren. Saul ist längst tot, aber seine Blutschuld liegt auf dem Volk bis in die Gegenwart. David will und muss sich ihr stellen. Der Blutschuld entspricht die Blutrache. Sieben Männer – mit einer Ausnahme alle Nachkommen Sauls, die noch leben – werden ausgeliefert und hingerichtet, „auf dem Berge vor dem Herrn aufgehängt“, wie es heißt. Zwei von ihnen waren Söhne der Rizpa.
Lesung des Textes 2. Samuel 21, 10-14
In dieser Geschichte geht es um eine alte Schuld. Man hätte sie gern vergessen. Aber sie bringt sich unabweisbar und lebensbedrohlich zur Geltung: Kein Regen, keine Nahrung, keine Zukunft. Auf fremde Weise spricht die Geschichte von einer vertrauten Sache. Es ist Gewalt geschehen. Menschen sind überwältigt, traumatisiert und getötet worden. Jahrzehnte hat niemand darüber gesprochen. Wie so oft haben die Opfer in ohnmächtigem Schweigen verharrt, haben sich innerlich vor dem Schrecken abgeschirmt. Und auch die Täter haben vor sich und anderen verborgen, was geschehen ist. –
Es scheint Gras über die Sache zu wachsen, aber eben nur: Es scheint. Schuld und Not wirken auch unter der Oberfläche des Schweigens weiter. Das Gras, das Getreide hört auf zu wachsen. Dafür streckt die alte Tat, die alte Schuld eine Hand aus der Erde, bringt sich in Erinnerung und verlangt nach Sühne.
Schnell und oft zu leichtfertig wird unter Christinnen und Christen nach Versöhnung gesucht: Wenn man doch nur aufeinander zuginge und miteinander spräche … Die archaische Geschichte aus dem 2.Samuelbuch ist in all ihrer Fremdheit realistischer und entschiedener auf der Seite der Opfer: Ihr Hass und ihr Wunsch nach Vergeltung bekommen Raum. Es muss Gerechtigkeit hergestellt werden, Sühne und Wiedergutmachung geben. So lange dies nicht geschieht, kann nichts wirklich gut werden – nicht für die Opfer, aber auch nicht für die Täter.
So, wie es damals Recht war, wird die grausame Sühne vollzogen: Die Söhne büßen für die Tat des Vaters mit ihrem Leben. Wir wissen, wie solche Buße durch die Generationen hindurch auch heute geschehen kann: Nicht als Blutrache. Aber als Belastung der Seelen. Als unerkannte Wiederholung eines alten Musters oder als namenlose Beklemmung des Lebens.
In der Geschichte müssen auch noch die toten Leiber büßen: Sie werden nicht begraben, im alten Israel ein furchtbares Geschick. Denn nur im gemeinsamen Grab mit den Vorfahren gibt es die Rückkehr in den Familienverband. So werden nicht nur die Lebenden der Rache ausgeliefert, sondern auch die Toten.
Aber so kommt es eben doch nicht. Rizpa tritt dazwischen und unterbricht einen Kreislauf. Sie breitet ihr Trauergewand auf den felsigen Boden und bewacht die Toten Tag und Nacht – mindestens mehrere Tage, vielleicht sogar Monate. Die Angaben des Textes lassen beide Auslegungen zu. – Es ist eine trauernde Mutter, die dort verharrt, weil sie den Leichnam ihrer Söhne nicht den wilden Tieren überlassen kann. Insofern ist sie selbst ein Gewaltopfer. Aber sie ist auch eine entschiedene Frau, die der Vergeltung eine Grenze setzt: Nicht auch noch die Toten! Sie bleibt in Verbindung, wo alle Verbindungen aufgekündigt werden. Sie steht zu denen, die sie liebt. Sie lässt nicht zu, dass sie gänzlich ausgestoßen werden und verderben. Nicht auch noch die Toten! Spätestens hier, angesichts des Todes, gibt es eine Gemeinsamkeit. Wer bei den Toten bleibt, bleibt auch bei seiner eigenen Sterblichkeit, bei dem, was uns alle gleichermaßen als Menschen erkennbar macht.
„Laß ab vom Toten! Quäl nicht den Gefallenen!
Ist das ein Sieg, den Toten nochmals töten? (Sophokles, Antigone, Reclam 659, 1029f)
Kreon, König im griechischen Theben, hört nicht auf die Mahnung, die der Seher Teiresias ihm vorträgt. Weder von ihm lässt er sich bewegen, noch – erst recht nicht! – von einer Frau, Antigone, die ihren toten Bruder in einer Liebestat begräbt. „Drum gilt’s, das Ordnung Schaffende zu schützen. Und ja nicht einem Weibe sich zu beugen!“ (677f). Am Ende gibt es nur noch Tod und Verzweiflung.
Anders David: Die Geschichte erzählt, wie er die Toten begraben lässt, und nicht nur sie: Auch die Gebeine Sauls und Jonatans, deren Leichen von den Philistern geschändet worden waren, werden bestattet. Die Greuel der Kämpfe um die Macht, die Leiden der Opfer, Schuld, Gewalt und Tod – nichts ist rückgängig zu machen. Nichts ist vergessen. Aber die Trauer, der Dienst an den Toten unterbricht den Zirkel der Gewalt. Aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte wächst etwas wie Versöhnung. Weiter zu leben wird möglich. Und der, in dessen Namen die Vergeltung um der Gerechtigkeit willen geübt wurde, stimmt zu: Gott wurde dem Land wieder gnädig.
Vor einigen Jahren habe ich in der Zeitung ein Interview mit einer jüdischen Frau gelesen, das ich seither nicht vergessen habe (FR Nr. 135 vom 13. Juni 2003, S. 2). Das Interview hat damals besonders unter Holocaust-Opfern heftige Kontroversen ausgelöst. Ich erzähle darüber als eine in die Geschichte von Täterinnen und Tätern Eingebundene und verbinde damit gewiss nicht eine Moral für Opfer. Es ist die Geschichte einer Frau, die für sich den Zirkel der Vergeltung unterbrochen hat, um selbst leben zu können.
Eva Mozes Kor wurde 1943 als 10jähriges Mädchen zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Miriam nach Auschwitz transportiert, und dort wurden die beiden Schwestern Objekte der medizinischen Experimente Josef Mengeles. Die Schwestern gehörten zu den wenigen, die diese Experimente überlebten. Nach dem Krieg blieb Eva Mozes Kor eine Zeitlang in Rumänien, später wanderte sie nach Israel aus, heute lebt sie in den USA. „Als ich jung war“, sagt sie, „gab es in meinem Leben nichts, was in Ordnung war… Man konnte absolut nicht darüber sprechen, was geschehen war.“ 1993 starb Evas Zwillingsschwester Miriam. Das war ein „extremer Verlust“. Sie hatte das Gefühl, sie müsse „irgend etwas in ihrem Andenken“ tun und gründete eine Gesellschaft und ein Museum für die Opfer medizinischer Versuche.
Sie war damals 59 Jahre alt und hatte sich auf vielfältige Weise auch mit fremder Hilfe mit ihrer schrecklichen Geschichte auseinander gesetzt. Ohne das wäre wohl nicht möglich gewesen, was dann geschah. Eva Kor begegnete auf einer Konferenz über NS-Medizin einem Mann, der – ähnlich wie Mengele – Nazi-Doktor gewesen war. Er erzählte ihr, er habe allnächtliche Albträume von Gaskammern, und er leugnete nichts von dem, was in Auschwitz geschehen war. Das bedeutete Eva Kor viel. Sie berichtet, sie habe plötzlich das Bedürfnis verspürt, diesem Mann „irgendwie etwas zurückzugeben“. Nicht sofort, nach einigen Monaten, so sagt sie, „kam ich darauf, dass ich ihm einfach vergeben könnte, was er getan hatte. In diesem Augenblick habe ich etwas ungeheuer Wichtiges verstanden: dass ich die Macht hatte, ihm zu vergeben … Die Vorstellung, dass ein Opfer für sein ganzes Leben machtlos bleibt, ist vielleicht das größte, das überwältigendste Problem, das es hat.“
Im Rückblick sagt Eva Mozes Kor, diese Wendung habe ihr die Autonomie über ihr Leben zurückgegeben. Es gehe ihr nicht um die Täter, sondern um die Heilung der Opfer. Solange man die Täter hasse, bleibe man an den Schmerz gebunden, den man als Opfer erlitten habe. Sie sagt es so direkt, dass man erschrickt: „Ich wollte in der Lage sein, Auschwitz zu besuchen und abends in eine Bar gehen und tanzen zu können.“
Zwei jüdische Frauen mit zwei sehr unterschiedlichen Geschichten: Rizpa und Eva Mozes Kor. Verbunden sind sie als Menschen, die den Kreislauf der Rache unterbrechen. Beide weichen dem Tod, der Schuld, dem Hass nicht aus. Beide bleiben bei den Toten und lassen sich durch die Trauer um sie daran erinnern, dass auf der Vergeltung bis zum Letzten kein Segen liegt.
Wir alle leben davon, dass es solche Unterbrechungen gibt. Wir als Volk, dessen Geschichte unablösbar mit einer Schuld behaftet ist, leben davon. Und auch individuell sind wir darauf angewiesen, dass es Menschen gibt, die uns – vielleicht auch um ihrer selbst willen – nicht nur bei unserer Schuld und unseren Versäumnissen behaften, sondern uns darin als Mitmenschen verbunden bleiben.
Gott begegnet uns in der Geschichte mit verschiedenen Gesichtern. Es ist ja Gott, der die Not über das ganze Volk bringt. Es ist das Gottesrecht, das die grausame Sühne verlangt, der sieben Menschen zum Opfer fallen. Es ist schließlich Gott, der die Versöhnung über den Gräbern bejaht und bestätigt: Das Leben hat noch Zukunft, trotz alledem.
Der Alttestamentler Friedhelm Hartenstein, dem ich für das Verständnis der Rizpa-Erzählung viel verdanke, macht hat es glaubhaft, dass die Geschichte durch die Zeiten hindurch gewachsen ist und sich mit diesem Wachstum auch das Gottesbild in ihr verändert: Während zunächst der Zorn Gottes im Vordergrund stand, der unerbittlich Sühne verlangt, erzählte man später anders und verstand Gott deutlicher als den, der Versöhnung will.
Die verschiedenen Gesichter Gottes muss man nicht nur als eine zeitliche Abfolge sehen: Im ganzen biblischen Zeugnis gibt es die Spannung zwischen der unbedingten Forderung nach Gerechtigkeit und einer ebenso unbedingten Zusage: Uns Menschen ist trotz allem, was wir einander und Gott schuldig bleiben, Vergebung und Liebe versprochen. Für uns ist diese Spannung nicht auflösbar. Aber weil in Gott Gerechtigkeit und Liebe sich küssen, dürfen wir hoffen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft und Kraft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

