Andrea Morgenstern
Universitätskirche Marburg, 8. Feb. 2009
Predigt über 1. Mose 3
„Der Preis der Freiheit“
Liebe Gemeinde,
die großen Themen brauchen Bilder. Gemalte Bilder, photographierte Bilder, Sprachbilder.
„Die Welt hängt in der Luft“ titelte eine der großen Tageszeitungen am vergangenen Freitag. und zeigte auf der Titelseite das Photo eines Arbeiters, der hoch über einer amerikanischen Stadt an einem Wolkenkratzer arbeitet. Nicht mit einem Seil gesichert, mit den Beinen auf einer Seilschleife stehend, mit einer Hand an einem anderen Seil sich festhaltend, um mit der anderen Hand etwas anzubringen; abgesichert nur durch die eigene Körperkraft.
Viel darf hier nicht passieren, dachte ich beim ersten Blick. Der zweite Blick: Unter dem Mann, hinter ihm ist die große Stadt zu sehen. Wer hier oben arbeitet, arbeitet hier vielleicht auch gern, mit weitem Blick, trotz der großen Höhe und Falltiefe.
„Die Welt hängt in der Luft“ –
diese Überschrift deutet wohl ein gegenwärtiges
Lebensgefühl an.
Das Bilder braucht, weil Unsicherheit sich so schlecht
sagen lässt,
weil das vage Gefühl, sich auf unsicherem Gelände zu
bewegen,
auf einem schmalen Grat, gar auf einem Seil zu
balancieren,
- wie auf dem Bild von Paul Klee, das das Semester
begleitet hat -
nach rechts und nach links herunterfallen zu können,
das Gleichgewicht selbst halten zu müssen,
sich abstrakt so schlecht ausdrücken lässt.
Die großen Themen brauchen Bilder. Und Geschichten, erzählbare Geschichten.
Geschichten, die an den Anfang zurückgehen,
Geschichten, die Entwicklungen plausibel machen,
mythische Geschichten, die mehr beantworten als gefragt
wurde.
Die biblische Urgeschichte erzählt von der Zeit vor der Zeit, in der die Welt Schritt für Schritt zu dem geworden ist, was sie ist; in der die Menschen zu dem geworden sind, was sie sind. Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fiktion, Menschenbilder, Gottesbilder, das alles findet sich hier, und hinter allem die Frage nach dem Bestand der Welt, erzählend verdichtet und verwoben.
Ich möchte mich der dichten Geschichte von Adam und Eva auf Umwegen nähern:
[I.]
Kaum eine andere Geschichte hat eine so fatale
Wirkungsgeschichte wie ausgerechnet die vom verlorenen Paradies. Unter
der Überschrift „Der Sündenfall“ wurde sie in der christlichen
Theologie immer wieder als eine Geschichte der Sünde gelesen. Die
Auslegungen kreisten um die Entstehung und Verteilung von Schuld. Mit
der Schuld kam Adam in den Blick, aber zuallererst natürlich Eva, die
den Apfel annahm, Eva, die Verführerin, die den Apfel an Adam
weiterreichte.
Auf die Spitze getrieben und missbraucht wurde diese Argumentationslinie (über die Sünde und die Schlange zu Eva) im Hexenhammer, jenem von Dominikanern zusammengestellten Hilfsmittel, mit dem Frauen, die als Hexen angezeigt worden waren, der Hexerei überführt werden sollten.
Wenn es schon so sei, wird dort argumentiert, oder vielmehr gehetzt, dass auch die Schriften des Alten Testaments von den Frauen meist Schlechtes erzählen, und zwar wegen der ersten Sünderin, nämlich Eva, und deren Nachahmerinnen, und weil die Ruchlosigkeiten auch in jetzigen Zeiten mehr unter den Frauen als unter Männern zu finden sei, könne man bei genauer Prüfung der Ursachen sagen, dass die Frauen mangelhaft seien. Dies sei schon bei der Schaffung der ersten Frau ersichtlich, weil diese aus einer krummen Brustrippe geformt wurde. Aus diesem Mangel gehe hervor, dass die Frau immerzu täusche.
[II.]
[1.] Es wird nicht erzählt, dass das menschliche Leben so
ist, wie es sein soll. Es ist, wie es ist und es wird beschrieben, wie
es ist – aber als die schlechtere Möglichkeit. In der Zeit vor der Zeit
gab es durchaus das Paradies, die „beste aller denkbaren Welten“, den
von Gott angelegten Paradiesgarten.
[2.] Es wird nicht erzählt, dass der Verlust dieses Paradieses eine Strafe ist. Der Verlust ist eine Konsequenz, eine Konsequenz der zerstörten Beziehung zu Gott, der gestörten Beziehung zueinander, des zerbrochenen Vertrauens - letztlich eine Konsequenz der von Gott geschenkten, von den Menschen in Anspruch genommenen Freiheit. Eine Konsequenz als logische Folge ist etwas anderes als eine von anderen festgesetzte Strafe. Gute Pädagoginnen und Pädagogen wissen das und wissen zwischen Strafe und Konsequenz zu unterscheiden.
[3.] Gott ist konsequent. Es wird nicht erzählt, dass Gott ein Bedürfnis nach Rache gehabt hätte oder dass die Inanspruchnahme der Freiheit den Zorn Gottes hervorgerufen hätte. Im Gegenteil. Am Schluss näht Gott den Menschen eigenhändig Kleider aus Fell, nachdem der Feigenblattversuch der Menschen wohl eher misslungen ist. Gott stattet die Menschen für den neuen Lebensraum aus, die Fellkleider schützen vor Kälte, und nicht nur das, auch vor Blicken. Vorher, wird erzählt, sucht Gott Adam im Garten, vermisst ihn, und als der sich nicht vor Gottes Augen traut, sich schämt, ahnt Gott sofort, was passiert ist - fast so, als hätte es irgendwann einmal so kommen müssen.
[4.] Es wird nicht erzählt, dass dabei „das Böse“ am Werk war oder gar der Teufel. Die Schlange, (in der hebräischen Sprache männlich:) der Schlangerich wird nicht als Satan beschrieben. Der Schlangerich ist Gegenspieler Gottes, aber er ist es als Geschöpf, nicht als ebenbürtige Gegenmacht, er ist lediglich Verführer. Und er hat als Geschöpf Gottes die Konsequenzen genauso zu tragen wie die beiden aus dem Paradies gefallenen Menschenkinder.
[5.] Die Worte „Sünde“ oder „Schuld“ fallen in der hebräischen Erzählung nicht, obwohl die hebräische Sprache dafür mehrere Ausdrücke kennt. Es geht in dieser Erzählung nicht vorrangig um Schuld. Auch in der jüdischen Auslegungstradition steht nicht die „Schuld“ des Menschen im Mittelpunkt, sondern die am Schluss der Erzählung geschilderte Sterblichkeit.
„In der jüdischen Tradition“, so lese ich in Leon Wieseltier`s „Kaddisch“, „sind die Nachkommen von Adam und Eva durch den Ratschlag der Schlange nicht schuldig geworden. Die Nachkommen von Adam und Eva wurden dadurch endlich.“
Auch von ihrem Ende her gesehen ist Endlichkeit das Thema der Erzählung, das Thema der Menschen.
[III.]
Was ist das, das „Wissen um Gut und
Böse“?
Wir würden wohl sagen: es ist
- Unterscheidungsvermögen
- der Besitz von moralischen Maßstäben
- Urteilskraft
- Reflexionsfähigkeit.
Aber es ist auch noch mehr, etwas das darüber hinaus geht, oder vielmehr tiefer liegt, weil es mit dem eigenen Sein zu tun hat. Das Schämen verweist auf diese Ebene; das Sich-Schämen, das es am Anfang der Erzählung noch nicht gab, als Adam und Eva miteinander lebten und sich nicht voreinander schämten – wie Kinder, wie kleine Kinder.
Kinder beginnen sich zu schämen, wenn sie sich selbst, ihr Anderssein entdecken. Scham ist verbunden mit der Entwicklung von Selbstbewusstsein und eigener Identität. Scham ist bei genauem Hinsehen ausgesprochen positiv zu bewerten. Denn sie zeigt Grenzen an. Sie macht deutlich, was nicht sein soll, will man den eigenen Ideal entsprechen.
Die Geschichte erzählt: Adam und Eva wurden die Augen aufgetan. Und damit nahmen sie wahr, dass sie nackt waren und unterschiedlich. Sie versuchten die Differenz zu verhüllen, hüllten sich in zusammengeflochtene Feigenblätter, – das ist mehr als auf den meisten Bildern zu sehen ist, die wir so gern ansehen und die die Maler so oft und gern malten – aber das nützte wenig. Sie schämten sich voreinander und erst recht vor Gott, noch bevor sie ihn sahen und versteckten sich im Garten unter den Bäumen, denn die Feigenblätter machten erst recht offenbar,
dass sich alles grundlegend verändert hatte,
die Nähe zueinander verloren war,
das grundlegende Vertrauen,
die Ebenbürtigkeit, die das Paradies geprägt
hatte.
Die erzählte einmalige Handlung hat also eine unwiderrufliche
Veränderung bewirkt.
Mit dem Gewinn von Wissen, Einsicht,
Selbst-Bewusstsein
haben die Menschen sich selbst verändert,
und an sich eine Entwicklung erlebt, die das Bleiben im
Paradies ausschloss.
Die genutzte Freiheit hat also ihren Preis. Den Verlust
von Unendlichkeit, denn die Möglichkeiten sind mit einem Mal
eingegrenzt.
Der Gewinn von „Wissen, was gut und böse ist“, wird
letztlich als Verlust erzählt.
[IV.]
„Deo gratias.
Adam lay ibounden, bounden in a bond,
four thousand winters, thought he not too
long.”
So beginnt ein anonym überliefertes Gedicht aus dem 15.
Jahrhundert, das Benjamin Britten 1943, auf der Überfahrt aus den USA
nach England, in unsicherer Zeit, vertont hat. Die Musik Brittens
scheint dabei wenig von der damaligen Angst geprägt,
vom unsicheren Boden unter den Füßen,
oder doch gerade davon geprägt als eine
Gegen-Leistung,
vielleicht schon durch die Auswahl der vertonten
Texte.
Diese sind allesamt alt, eigenwillig
(und beim ersten Hören dachte ich: völlig
verrückt):
Viertausend Winter lag Adam gefangen,
viertausend Winter schienen ihm nicht zu lang.
Und alles nur wegen eines Apfels:
„And all was for an appil,
an appil that he tok,
as clerkes finden written in their book.
Deo gracias!”
Wäre der Apfel nicht genommen worden,
„Ne had the appil takè ben
Ne hadde’ never our lady
A bene hevene quene”:
nie wäre unsere Frau Himmelskönigin
geworden.“
Dieser Text liegt quer zu aller Klage über das verlorene
Paradies.
Hätte Adam nicht den Apfel genommen,
hätte die Menschheit nicht erlöst werden müssen,
wäre Christus nicht geboren,
wäre Maria nicht Himmelskönigin geworden.
Deo gratias.
Das ist mittelalterliche Marienfrömmigkeit, befremdlich und
doch
faszinierend, denn es ist eine unbedingte Zustimmung
zur Welt, wie sie ist.
Das Rätselhafte des alten Liedes lässt mich nun aber doch noch
einmal fragen:
Was wird in der Geschichte von Adam und Eva
erzählt?
[V.]
Zweierlei will ich hervorheben.
Der Schluss der Geschichte erzählt von einer mühsamen
Welt.
- „Unter Schmerzen wirst du Kinder gebären“ – das ist kein
Fluch, das ist die Beschreibung von Wirklichkeit.
- „Die Schlange wird dein Feind sein“ – das ist die
Personifizierung der Gefahren, die sich nicht vermeiden lassen,
die mehr oder weniger zufällig das Leben vergiften, zerstören, vor
denen man sich schützen muss und doch nicht ausreichend schützen
kann.
- „Mit Mühe wirst du dir dein tägliches Brot erarbeiten“ –
das ist die alltägliche Erfahrung derer, die für ihr Leben
selbst verantwortlich sind.
„Leben ist verdammt schwer“, heißt ein 2005 erschienenes Buch. Es gibt Gespräche wieder, zu Fragen, die nicht oft gestellt werden: „Wie viel Tod verträgt das Leben?“ zum Beispiel, „Wie viel Zufall?“, „Wie viel Glück?“.
Ja, Leben ist verdammt schwer, davon erzählt die Geschichte
von Adam und Eva.
- Der „Baum des Lebens“ ist bewacht, für immer
unerreichbar, der Tod ist als Schatten werfende Sterblichkeit oder
gespürte Endlichkeit mal mehr, mal weniger präsent.
- Der Zufall lauert wie eine Schlange, unser Leben kann
immerzu vergiftet werden.
- Die Menschen haben zu kämpfen, jeder für sich –
vielleicht ist das der größte Verlust.
Die Frau sehnt sich nach dem Mann, er aber nutzt dies um
sie zu beherrschen.
Oder die beiden stehen sowieso allein, jeder für sich, auf
dem Seil, auf dem einen sowieso niemand anders halten
könnte.
Damit bin ich fast wieder am Anfang,
Die Geschichte erzählt aber doch auch noch etwas anderes: Sie erzählt vom Paradies. Das auch noch nach seinem Verlust irgendwo in den Herzen, in den Köpfen, in den Träumen, in der Sehnsucht wohnen bleibt. „Das Paradies seufzt im tiefsten des Bewusstseins, während das Gedächtnis weint“, notierte der Rumäne Emile Michel Cioran. So kommt es, dass wir über den „Sinn der Tränen nachdenken“ und über das Leben als ein „sich entfaltendes Sehnen“. Leben: als ein Sich-Sehnen, weil im Tiefsten des Bewusstseins eine Erinnerung geblieben ist an jene harmonische Zeit vor der Zeit.
Sollten die Gewinne der Selbstwerdung,
der Nutzung von Freiheit,
der Entwicklung eigener Identität aufgezählt
und gegen die Verluste abgewogen werden,
wiegt diese Erinnerung unschätzbar viel.
Die Waage bleibt mindestens im Gleichgewicht.

