Propädeutika im Wintersemester 2008/2009
Mathematik für die Demokratie
Prof. Dr. V. Welker, OSTRin V. Dengler
Kurzfassung:
Sagen wir in Marburg wird der
Oberbürgermeister/die Oberbürgermeisterin gewählt. Dann hat jeder
Wähler, nennen wir die Wähler W(1), ... , W(n), eine Auswahl zwischen
Kandidaten K(1), ... , K(m). Auf dem Stimmzettel kann jeder Wähler zwar
nur einen Kandidaten ankreuzen, aber in Wirklichkeit hat sicher jeder
Wähler eine Ordnung der Kandidaten im Kopf. D.h. jeder Wähler W(i) hat
eine Reihenfolge K(i1} , ... , K(im) der Kandidaten, wobei K(i1) der
Kandidat ist, der am liebsten als Oberbürgermeister gesehen wird, und
K(im), der am wenigsten von Wähler W(i) gemocht wird. Natürlich hängt
diese Präferenzordnung vom Wähler W(i) ab !
Vereinfachen wir einmal das tatsächliche Prozedere (mit Stichwahl,
falls keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erringt) und sagen,
dass Oberbürgermeister wird, wer die meisten Stimmen auf sich vereinigt
(wir ignorieren erst einmal Gleichstände). Ist das Verfahren wirklich
gerecht ? Wie wäre es, wenn jeder Wähler seine komplette Rangordnung
der Kandidaten abgeben würde und wir den wählen würden, der die meisten
anderen Kandidaten im direkten Vergleich schlägt -- die sogenannte
Regel von Condorcet ? Gibt es überhaupt Konstellationen, in denen die
zwei Verfahren unterschiedliche Ergebnisse liefern ? Gibt es die
Möglichkeit taktisch zu wählen ? D.h. kann es Situationen geben, in
denen man dadurch, dass man nicht den am meisten präferierten
Kandidaten ankreuzt, das Ergebnis zu den eigenen Gunsten beeinflusst ?
Übrigens, der Satz von Kenneth Arrow
, amerikanischer Nobelpreisträger, sagt, dass jedes Wahlsystem, das
sich nicht durch taktisches Wählen manipulieren l\"a\ss t, eine
Diktatur ist. Da wir letzteres sicher nicht wollen, ergibt sich die
Frage: Welches System ist am wenigsten manipulierbar ? D.h. bei welchem
demokratischen -- was heißt das mathematisch ? -- System gibt es
die wenigsten Möglichkeiten der Manipulation durch taktisches Wählen ?
In diesem Propädeutikum, werden wir zeigen, wie Wahlsysteme durch
mathematische Objekte modelliert, analysiert und damit ihre
Praxistauglichkeit festgestellt werden kann. Dies erfordert einen
Transfer von Realität zu mathematischen Modell. Zum Beispiel: Wie
beschreiben wir demokratische Regeln im Modell ?
Termine: 5 Termine ab 28. Oktober 2008. Jeweils 17.30 - 19 Uhr, Auditoriengebäude Biegenstraße 8, HG 7

