Wahlobligatorischer Unterricht
Prof. Dr. Michael Keusgen
Institut für Pharmazeutische Chemie
Marbacher Weg 6
35032 Marburg
Keusgen@staff.uni-marburg.de
Es können Projekte zu folgenden Themen angeboten werden:
- Biomolekulare Interaktionsanalyse und Naturstoff-Screening
- Immobilisierte Biomoleküle und Biomaterialien
- Mikrokomponenten für biochemische und medizinische Analysensysteme
1. Biomolekulare Interaktionsanalyse und Naturstoff-Screening
Mit einem neuartigen Verfahren, das auf dem optischen Prinzip der reflektrometrischen Interferenzspektroskopie basiert, können Interaktionen zwischen Biomolekülen markierungsfrei gemessen werden (Abb. 1). Bei dieser Methode wird die Oberfläche eines 100:m dicken Chips (Glas oder Polymer) so modifiziert, dass die Immobilisierung von Biomolekülen (z.B. DNA-Sonden) über eine kurze Spacer-Struktur ermöglicht wird. Geeignete Immobilisierungs-Verfahren wurden in den vergangenen vier Jahren innerhalb der Arbeitsgruppe entwickelt. Bindet beispielsweise die Proben-DNA an die immobilisierten Sonden, ändert sich der Brechungsindex der oberflächennahen Schicht, wodurch das teilreflektierte Licht mit einem anderen Winkel 2 zurückgestrahlt wird (Abb. 1, rote Linien). Ebenfalls weist das reflektierte Licht eine Phasenverschiebung im Vergleich zum eingestrahlten Licht auf. Diese Effekte können quantitativ ausgewertet werden.
Neben DNA-Sonden können auf der Chip-Oberfläche Sacharide, Lectine, Antikörper, Antigene, Proteine und ganze Zellen immobilisiert werden. Da für diese Applikationen die oben geschilderte Gerätekonfiguration beibehalten werden kann, wird die Spezifität des Systems durch den verwendeten Chip-Typ bestimmt. Die BIA soll zukünftig zum funktionellen Screening auf neue Wirkstoffe (Target als Sonde) und Wirkstoff-Targets (Wirkstoff als Sonde) eingesetzt werden.
Parallel zur Entwicklung der oben beschrieben Chip-Technologie werden
gegenwärtig innerhalb der Arbeitsgruppe Methoden entwickelt, die eine
zeitsparende und kostengünstige Probenvorbereitung erlauben und mit
High-Throughput-Verfahren kombinierbar sind. Im Gegensatz zu
klassischen Filtrationsmethoden durchläuft hierbei das Probenmaterial
einen porösen Festkörper ("Affinitätsmodul"), dessen Oberfläche mit
Biomolekülen besetzt ist, welche die gewünschte Zielstruktur (z. B.
durch "Immuno-Capturing") oder eine bestimmte Gensequenz (z.B. durch
DNA-Sonden) spezifisch binden. Die so gebundene Zielstruktur kann nach
Abtrennung der unerwünschten Begleitsubstanzen aus dem Affinitätsmodul
eluiert werden; eine direkte Quantifizierung des gebundenen
Probenmaterials ist ebenfalls möglich. Zur Herstellung dieser
Affinitätsmodule kommen die gleichen Immobilisierungstechniken zum
Einsatz, die auch zur Herstellung von Biochips entwickelt wurden.
2. Immobilisierte Biomoleküle und Biomaterialien
Für biosensorische Anwendungen, aber auch für viele biotechnologische und medizinische Applikationen ("Tissue Engineering") werden immobilisierte Biomoleküle wie Proteine, Zucker, Antikörper oder auch ganze Zellen benötigt. Aus diesem Grunde wurde innerhalb der vergangenen Jahre eine Art Baukasten-System aus universell einsetzbaren Technologie-Blöcken zusammengestellt, um neue Projektideen schnell realisieren zu können.
Die
bisherigen Entwicklungen sind in Abb. 2 schematisch dargestellt. Im
ersten Schritt wird die Oberfläche eines Trägermaterials, was ein
organisches oder anorganisches Polymer sein kann, durch Oxidation
aktiviert. Anschließend werden mittels sogenannter "Spacer" Amino- oder
Carboxyfunktionen eingeführt (Abb. 2a), welche die nachfolgenden
Immobilisierungsschritte ermöglichen. Mit Hilfe dieser Verfahren ist
ebenfalls eine Nanostrukturierung der Oberfläche möglich. Im darauf
folgenden Schritt wird eine Biokomponente immobilisiert, die
typischerweise aus einem Zucker oder einem Protein (z.B. Haftprotein
für tierische Zellen, Enzym, Antikörper) besteht (Abb. 2b). Mit der
gleichen Technologie ist aber auch die kovalente Bindung von
Wirkstoffen möglich, die kontrolliert über einen eingefügte
Sollbruchstelle abgegeben werden können (Abb. 2c). Intakte Zellen
lassen sich ähnlich immobilisieren (Abb. 2d); gegenwärtig wird jedoch
eine Strategie bevorzugt, bei der spezifische Haftstrukturen kovalent
immobilisiert werden und sich die Zellen über
Selbstorganisationsmechanismen anlagern können.
3. Mikrokomponenten für biochemische und medizinische Analysensysteme
Im Januar 2002 wurde in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig die Entwicklung eines "Lab-on-a-chip"-Systems begonnen, bei dem eine :-Elektrophorese-Einheit sowie Biosensoren auf einem Polymer-Chip untergebracht werden sollen. Parallel wird seit November 2001 gemeinsam mit dem Forschungszentrum Jülich und der Fachhochschule Aachen-Jülich ein miniaturisiertes Biosensor-System auf Halbleiter-(Silizium)-Basis entwickelt.
Die sich aus diesen Projekten ergebene Ausrichtung der Arbeitsgruppe ist in Abb. 3 zusammengefasst. Die Biosensorik und die Immobilisierung von Biomolekülen werden bereits seit mehreren Jahren verfolgt; eine Miniaturisierung und Nanostrukturierung wird zur Zeit vorangetrieben. Parallel wurden immer wieder naturstoffanalytische und biochemische Aspekte bearbeitet und mit den neuen Techniken kombiniert.
Für
2005 und 2006 ist die Zusammenführung der bisherigen Teilprojekte
vorgesehen, um daraus folgende Hauptrichtungen abzuleiten: Zum einen
sollen auf der Basis von optischen Transducern, aber auch mit
miniaturisierten Halbleiterstrukturen, mehrere Biosensoren mit
unterschiedlichen Charakteristika miteinander kombiniert werden,
wodurch ein "High-content-screening" (HCS) von Naturstoffen,
Substanz-Libraries, Proteinen und DNA realisiert werden kann. Zum
anderen sollen die Oberfläche der Biosensoren so verändert werden, dass
sie als künstliche Implantate Verwendung finden können. Die bisher
entwickelten Immobilisierungstechniken können aber auch zur räumlich
kontrollierten Anzucht von Gewebsteilen verwendet werden. Ein
derartiges Projekt befindet sich ebenfalls in der Planungsphase.

