Der universitäre Reitsport in Marburg
Der universitäre Reitsport hat eine lange Tradition und ist eng verbunden mit dem Aufbau eines Bildungssystems, welches im 17. Jahrhundert zunächst in Form von Ritterschulen bekannt war. Diese so genannten Akademien waren zunächst nur dem Adel vorbehalten und dienten nicht etwa einer Bildung wie wir sie heut zu tage kennen, sondern konzentrierte sich auf eine Sicherung und den Ausbau von Machtpositionen. Die meisten dieser Akademien können dennoch als direkte historische Vorläufer unserer Universitäten und Hochschulen angesehen werden. Eben Bildungsstätten, in denen neben wissenschaftlicher Lehre und Forschung auch sportliche Aktivitäten einen besonderen Stellenwert einnehmen – beispielsweise das Reiten.[1]
Auch an der Universität Marburg hat der Reitsport eine lange Tradition bis sich auch hier die Studentenreiterei etablierte wie wir sie heute kennen. Vom 17. bis zum 20. Jahrhundert erteilten eigens von der Universität angestellte Reitlehrer Unterricht und bis 1876 erfolgte die Ausübung im heutigen Institut für Leibesübungen in der Barfüßerstraße. Später fand der Reitunterricht dann im Stall des Universitätsreitlehrers Daniel in der Haspelstraße statt, bis die Universität 1926 das ehemalige Deutschordensgut am Ortenberg übernahm und zum Universitätsreitinstitut umbaute. Im 2. Weltkrieg wurde das Reitinstitut am Ortenberg jedoch durch einen Bombenangriff zerstört. Nach dem Wiederaufbau in den 50er Jahren wurde das Gelände schließlich einem Transportunternehmen überlassen und später der Bundesbahn zur Verfügung gestellt. „Die Abgabe einiger für Zwecke des Instituts eingerichteter und vom Institut für Leibesübungen bisher genutzter Baulichkeiten und Grundstücke muss als bedauerlicher Rückschritt verbucht werden: Fechtinstitut, Reitinstitut, Reitturnierplatz [...] wurden trotz Protest von Seiten des Institutsdirektors institutsfremden Zwecken nutzbar gemacht [...].“[2]
1929 wurde von der Marburger Universität berichtet, dass 150 Studenten aktiv dem Reitsport nachkommen und im selben Jahr wurde auch erstmals das Mannschaftsreiten durchgeführt, welches die Burschenschaft Alemania für sich entschied: „Abends fand man sich zu einem karnevalistischen Reiterfest in der Reitbahn zusammen. Das Tanzbein wurde fleißig geschwungen, und im eigens dafür hergerichteten Hippodrom konnte sich jeder einmal in der Reitkunst versuchen“.[3] Dies kann man als den Beginn der Studentenreiter in Marburg bezeichnen. In ähnlicher Form nimmt das studentische Reiten in den folgenden Jahren in ganz Deutschland seinen Verlauf. Marburger Studenten nehmen nach Kriegsende aktiv und regelmäßig an Hochschulvergleichsturnieren und Deutschen Meisterschaften teil. Im Juni 1954 wird der Dachverband der Studentenreiter, der Deutsche Akademische Reiterverband (DAR), gegründet und somit auch erstmals Regeln und Richtlinien für das Studentenreiten geschaffen. Eine Wettkampfordnung regelt den Ablauf und die Teilnahmebedingungen sowie das Verhalten Einzelner während des Wettkampfes. Außerdem werden einmal jährlich Ansprechpartner, Vertreter und Verantwortliche auf der Mitgliederversammlung gewählt. Der sichere und geregelte Ablauf von Wettkampfveranstaltungen ist somit zunächst gesichert. Jeder Wettkampf, Hochschulvergleichsturnier oder auch kurz CHU (Concours Hippique Universitaire), folgt einem bestimmten Wertungs- und Punktesystem. Auf einem CHU starten entweder 9, 12, 15 oder 18 Mannschaften bestehend aus 3 Reitern. Diese 3 Reiter einer Universität müssen sich in den Disziplinen Dressur und Springen miteinander messen und werden am Ende in Einzel- Kombinierter- und Mannschaftswertung gewertet. Die Mannschaftsplatzierung ist ausschlaggebend für den erhalt von Wertungspunkten, denn nur die Plätze 1 – 9 erhalten Punkte. Die Anzahl der Wertungspunkte ist wiederum ausschlaggebend für die Platzierung der Mannschaft auf der saisonalen Rangliste des DAR. Alle Mannschaften die innerhalb der ersten 24 Plätze auf der Rangliste liegen, dürfen an einem Qualifikationsturnier für die Deutschen Hochschulmeisterschaften teilnehmen. Da es deutschlandweit ca. 50 Studentenreitgruppen gibt, ist es wichtig genügend Punkte zu sammeln, wobei die Punkte immer in Relation zu den anderen Reitgruppen und deren Punkten stehen. Es gibt somit nicht eine bestimmte Punktanzahl, die es garantiert an einem Qualifikationsturnier teilnehmen zu dürfen. Eine anhaltende und möglichst erfolgreiche Teilnahme an Hochschulvergleichsturnieren ist also wichtig für eine möglichst gute Platzierung auf oben genannter Rangliste.
Erzielt ein einzelner Reiter/inn überdurchschnittlich gute Ergebnisse in den Disziplinen Dressur oder Springen, kann die/der jeweilige Obfrau/mann den Reiter für den Kader des DAR vorschlagen. Diese Kaderreiter dürfen unter besonderen Umständen als so genannte „Einzelreiter“ an den Deutschen Hochschulmeisterschaften teilnehmen. Des Weiteren sind diese Reiter vorrangig als Teilnehmer auf Nationen Turnieren (SRNC) und der Weltmeisterschaft (WUEC) einzusetzen. Darüber hinaus, werden diesen Reitern Lehrgänge vom DAR komplett finanziert.
Die akademische Reitgruppe Marburg hat es erstmals geschafft, sich nach ihrer Neugründung im Jahre 2006 vier Mal in Folge über ein Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften zu qualifizieren. Einer anderen Reitgruppe ist dies bisher noch nicht gelungen. Den größten sportlichen Erfolg erzielten die Marburger Reiterinnen in den Jahren 2007 mit dem Titel Deutsche Vizemeisterin Dressur & Kombinierte Wertung (Jessica Fischer) und im Jahr 2008 mit dem Vizemeister Titel in der Mannschaftswertung (Galina Cyriax, Rike Diderrich und Jessica Fischer). Diesen Erfolgen liegt eine lange Zusammenarbeit der 3 Reiterinnen zu Grunde, die über mehrere Jahre in einem Team zusammen gewachsen sind. Die Schwierigkeit im Studentenreiten besteht größten Teils darin, dass jede/r der 3 Reiter/innen innerhalb von 10 Minuten (Vorführphase der Pferde, nur durch zu sehen) zum Wohle der Mannschaft entscheiden muss, welches der 3 zu gelosten Pferde ihm/ihr am besten liegt. Dabei spielt nicht nur Erfahrung mit der äußeren Beurteilung des Pferdes eine Rolle sondern, es müssen ebenso persönliche Belange zurückgesteckt werden. Neben reiterlichen Fähigkeiten ist eine optimale Einteilung der Pferde entscheidend für den Erfolg der Mannschaft. Um perfekt aufeinander abgestimmt zu sein, bedarf es einer intensiven Vorbereitungszeit. Im Jahre 2009 erfolgte eine neue Zusammenstellung des Teams, welches studienbedingt 2010 nochmals in anderer Konstellation neu aufgestellt werden musste.

