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Projekt A3 - Sprachliche Repräsentationen und standardorientiertes Sprechen
PI: Prof. Dr. A. Lameli & Prof. Dr. M. Cysouw
Promovierende/r: Davide de Martino
Forschungskontext
Wenn Dialektsprecher gebeten werden, einen Text laut vorzulesen oder in einer anderen Form gezielt ihr individuell „bestes Hochdeutsch“ zu produzieren, verwenden sie eine Sprechweise, die für ihre Region durch ein hohes Maß an interindividueller Übereinstimmung geprägt ist. Diese Sprechweise verändert sich, wenn die betreffenden Personen in freien Gesprächen ihr „Hochdeutsch“ verwenden. Trotz einer stärkeren regionalsprachlichen Prägung werden Äußerungen von Kommunikationspartnern problemlos verstanden und auf die zugrunde liegenden Repräsentationen bezogen (kategoriale Wahrnehmung). Warum funktioniert das? Welche Eigenschaften haben diese zusätzlichen regionalsprachlichen Varianten? Dissertationsprojekte richten sich an Studierende mit interdisziplinären Interessen in der Phonetik, der Phonologie und der Variationslinguistik. Einzelne Projekte können sich vergleichend mit ausgewählten Regionen beschäftigen oder deutschlandweit einzelne Systembereiche fokussieren. Die korpusanalytischen Studien können hier zu empirisch gestützten Hypothesen führen, die in einem weiteren Projekt experimentell überprüft werden können.
Aktuelles Promotionsprojekt
Arbeitstitel: Emotionale Resonanz und Sprachvariation
Emotionale Resonanz bezeichnet das Ausmaß und die Art von Gefühlen, die Sprache bei einem Rezipienten auslöst. In der Mehrsprachigkeitsforschung zeigt sich, dass in der Erstsprache (L1) stärkere emotionale Reaktionen ausgelöst werden als in einer später gelernten Zweitsprache (L2). Bilingualen Personen fällt es beispielsweise leichter, im L2-Sprachgebrauch Distanz zu wahren, wie zum Beispiel beim Ausdrücken starker Gefühle. Selbst sehr kompetente L2-Sprecher*innen beschreiben ihre Zweitsprache häufig als emotional „kälter“ oder „fremder“ im Vergleich zur Erstsprache. Entscheidend für diese Unterschiede ist nicht nur der sprachliche Status (L1 vs. L2), sondern vor allem der Erwerbskontext. Spracherwerb in familiären, affektgeladenen Situationen – typischerweise für die L1 – verankert Wörter und Ausdrücke eng mit dem emotionalen Erleben im Gehirn. Angesichts der zentralen Rolle des Erwerbskontexts stellt sich die Frage, ob sich bei regionalsprachlich primär sozialisierten Personen Unterschiede in der emotionalen Resonanz zwischen Regional- und Standardsprache nachweisen lassen, und inwieweit dieser mit dem Unterschied zwischen Erst- und Zweitsprache vergleichbar ist.
Themenfelder:
- Untersuchung zur Rolle des kognitiven Bias (In-Group vs. Out-Group) bei der Verarbeitung sprachlichen emotionalen Reize in der Regional- und Standardsprache.
- Untersuchungen zur Rolle des Alters bei der Verarbeitung von sprachlichen emotionalen Reizen in der Regional- und Standardsprache.
Literaturangaben
Altarriba J, Basnight-Brown D. Emotion word processing within and between languages. In: Schwieter JW, ed. The Cambridge Handbook of Bilingual Processing. Cambridge Handbooks in Language and Linguistics. Cambridge University Press; 2015:293-307.
Kanske, P., & Kotz, S. A. (2010). Leipzig Affective Norms for German: A reliability study. Behavior Research Methods, 42(4), 987–991.
Lameli, A. (2025): Gesprochenes Deutsch in den Regionen. Eine Standortbestimmung für die Bundesrepublik Deutschland. In: Proske, Nadine, Thilo Weber, Monika Dannerer & Arnulf Deppermann (Hrsg.): Gesprochenes Deutsch. Struktur, Variation, Interaktion. Berlin, Boston: De Gruyter, 51–79.
Lameli, A., & Riener, G. (2015). The effect of perceived regional accents on individual economic behavior: A lab experiment on linguistic performance, cognitive ratings and economic decisions. PloS one, 10(2), e0113475. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0113475
Pavlenko A. Affective processing in bilingual speakers: disembodied cognition? Int J Psychol. 2012;47(6):405-28. doi: 10.1080/00207594.2012.743665. PMID: 23163422.
Võ, M. L., Conrad, M., Kuchinke, L., Urton, K., Hofmann, M. J., & Jacobs, A. M. (2009). The Berlin Affective Word List Reloaded (BAWL-R). Behavior Research Methods, 41(2), 534–538.