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Projekt C3 - Variation und Wandel der morpho-syntaktischen Referenz
PI: Prof. Dr. U. Dohmas & Prof. Dr. C. Spieß
Promovierende/r: Niklas Grüninger
Forschungskontext
Ziel des Projekts C3 ist es, Variation in der Form-Bedeutung-Beziehung morphosyntaktischer Markierungen in der Sprachverarbeitung zu untersuchen. Ein Beispiel für diese Form der Variation ist die Abweichung in der Referenz anaphorischer Possessivpronomen der 3. Person. Im Deutschen kongruiert das Possessivpronomen der 3. Person Singular im Prinzip mit dem Genus des Possessors: (der Bruder – sein Buch, die Schwester – ihr Buch). Jedoch finden sich immer wieder Belege, bei denen sich das Possessivpronomen sein auf Feminina bezieht (z.B. die Sache geht seinen Weg; Duden, 2016, S. 275), was dahingehend gedeutet werden kann, dass sein zugrundeliegend bezüglich Genus unterspezifiziert ist. Ergebnisse aus Korpusanalysen legen nahe, dass genus-insensitives sein in erste Linie bei Inanimata auftritt (Fleischer 2022). Neben der Animatheit spielen auch andere Faktoren eine Rolle (Binanzer et al. 2021), wie beispielsweise die Diskrepanz zwischen grammatischem und semantischem Geschlecht bei genderneutralen Ausdrücken (die Lehrkraft; Schütze, Dissertation), Geschlechterstereotype (Molinario et al. 2016) oder das Begriffsfeld von Referenten im Lexikon (Köpcke & Zubin 2017).
In den Promotionen dieses Projekts soll die Variabilität in der Beziehung zwischen Form und Bedeutung in der Genusverarbeitung, aber auch in anderen Bereichen der Morphosyntax experimentell untersucht werden. Beispielsweise kann mit Hilfe von EEG-Studien die implizite Verarbeitung von Abweichungen der Genuskongruenz in Abhängigkeit von eindeutiger und neutraler Genderreferenz untersucht werden. Weitere Untersuchungsfelder können Einflüsse aus kontextuellen Einbettungen und individuellen Einstellungen von Untersuchungsteilnehmenden sein. Die Messung elektrophysio-logischer Daten ist eine zeitsensitive Methode, bei der die Latenz von Reaktionen auf Inkongruenzen Hinweise darauf gibt, ob diese als morphosyntaktische (frühe Komponenten) oder semantische Verletzungen (spätere Komponenten) detektiert werden. Als weiteres experimentelles Paradigma bieten sich Eyetracking-Studien an, in denen Interpretationen von dargebotenen Äußerungen über Blickbewegungen und die Detektion morphosyntaktischer Abweichungen über Pupillenreaktionen nachgewiesen werden können.
Aktuelles Promotionsprojekt
Arbeitstitel: Variation im Pluralparadigma alemannischer Verben: Das Dentalsuffix
Hypothese und Ziele
Die Ziele der Promotion leiten sich aus der übergreifenden Hypothese ab, dass das Dentalsuffix, das Variation im alemannischen (Einheits-)Pluralparadigma verursacht, nicht ausschließlich als areal begrenzter morphologischer Pluralmarker agiert, sondern weitere Funktionen erfüllt wie phonologische Regulation und pragmatische Differenzierung zwischen Satzarten, Modi und der Markierung von Sprecherbewertungen.
- Das übergeordnete Ziel dieser Arbeit besteht dementsprechend darin, einerseits die Hypothese zu überprüfen und die potentielle funktionale Distribution des Dentalsuffixes herauszuarbeiten.
- Darauf aufbauend versucht die Dissertation, die linguistischen Faktoren, die das Auftreten des Dentalsuffixes steuern, festzustellen, funktionale Unterschiede in verschiedenen sprachlichen Kontexten herauszuarbeiten und die daraus resultierenden Implikationen für unterschiedliche mentale Repräsentationen auszuarbeiten.
- Ein weiteres Ziel der Dissertation besteht darin, die Folgen eines funktional variablen Verbalparadigmas auf den Spracherwerb dialektaler Kinder zu untersuchen. So soll herausgearbeitet werden, wie Kinder das Dentalsuffix in natürlicher Sprache verwenden, wie der Entwicklungsverlauf des Dentalsuffes abläuft und in welcher Weise regelbasierte Systeme erworben werden.
Methoden
Um die verschiedenen Ziele bezüglich des Variationssystems und des Erwerbs des Dentalsuffixes zu untersuchen, baut die Dissertation auf einer Korpusanalyse auf. Als erster Grundpfeiler dieser Methodik dienen die Daten des LAVA-Projekts (DFG Projekt Language acquisition across varieties in the Alemannic area), die im Kontext des bilektalen Spracherwerbs bei Kindern zwischen zwei und acht Jahren im alemannischen Sprachraum Deutschlands, der Schweiz und Österreichs erhoben wurden. Durch die gezielten Elizitationsaufgaben zum verbalen Pluralparadigma in den LAVA-Daten sollen einerseits altersabhängige Regularitäten und Meilensteine beim Erwerb des Verbalparadigmas und des Dentalsuffixes erarbeitet werden und andererseits durch Ländervergleiche areal spezifische Tendenzen beim Erwerb des Dentalsuffixes erkannt werden.
Als zweite Basis der Korpusanalyse dienen der Dissertation spontansprachliche Eltern-Kind-Interaktionsdaten aus dem Longitudinalkorpus Eltern-Kind-Interaktion (LEKI, Pfeiffer / Anna 2021). Die audiovisuellen Gesprächsdaten mit einem Umfang von 130 Stunden wurden über einen Zeitraum von drei Jahren gesammelt und beinhalten wiederholt durchgeführte Aufnahmen von mehreren Familien. Durch diese Datenstruktur kann sowohl eine Baseline des normativen Dentalsuffixgebrauchs aus der Erwachsenensprache extrahiert als auch ein kontinuierlicher Entwicklungsverlauf des Erwerbs durch die Kindersprache modelliert werden. Um die Untersuchungen zur funktionalen Distribution und den linguistischen Faktoren sprachlicher Variation zu ergänzen, sollen weitere freie Aufnahmen und Befragungen bei erwachsenen Alemannisch-Sprechenden durchgeführt werden.
Zur statistischen Auswertung der Daten soll neben generalisierten additiven und bayesschen Modellen ebenfalls naive bzw. linear discriminative learning (Chuang / Baayen 2021, Plag et al. 2024) integriert werden, um die Gewichtung verschiedener Faktoren auf die potentielle funktionale Distribution des Dentalsuffixes zu modellieren.
Forschungsstand
Zum derzeitigen Wissensstand über die areale Verteilung des Dentalsuffixes und dem Verbalparadigma innerhalb verschiedener Varietäten des Alemannischen dienen Arbeiten von Tobias Streck (2019) und Oliver Schallert (2023). Zum morphologischen Sprachwandel des Dentalsuffixes und weiteren morphologischen Wandelprozessen (inklusive dessen Regularitäten) wird Stefan Rabanus Morphologisches Minimum (2008) herangezogen. Diverse phonologische und morphologische alemannische Phänomene, Regularitäten und Restriktionen wurden von Damaris Nübling weitreichend beschrieben (1993, 1995, 2004). Letztlich wird zur Verbindung zwischen Morphologie und Phonologie Paul Kiparskys Lexical Morphology and Phonology herangezogen (1982)
- Chuang, Yu-Ying und Harald Baayen (2021): Discriminative Learning and the Lexicon: NDL and LDL. In: Oxford research encyclopedia of linguistics. Oxford: Oxford University Press.
- Kiparsky, Paul (1982): Lexical Morphology and Phonology.
- Nübling, Damaris (1993): Synthesetendenzen im Alemannischen: Die Klitisierung von Artikel und Personalpronomen. In: Schupp, Volker (Hrsg.): Alemannisch in der Regio. Beiträge zur 10. Arbeitstagung alemannischer Dialektologen in Freiburg/Breisgau 1990. Göppingen. 97–112.
- Nübling, Damaris (1995): Kurzverben in germanischen Sprachen: Unterschiedliche Wege – gleiche Ziele. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 62/2, 127–154.
- Nübling, Damaris und Renate Schrambke (2004): Silben- versus akzentsprachliche Züge in germanischen Sprachen und im Alemannischen. In: Glaser, Elvira, Peter Ott und Rudolf Schwarzenbach (Hrsg.): Alemannisch im Sprachvergleich. Beiträge zur 14. Arbeitstagung für alemannische Dialektologie in Männedorf (Zürich) vom 16.–18.9.2002. 281–320.
- Pfeiffer, Martin und Marina Anna (2021): Longitudinalkorpus Eltern-Kind-Interaktion (LEKI). Universität Potsdam.
- Plag, Ingo, Frank Domahs und Maria Heitmeier (2024): Morpho-phonology is not independent of semantics: The case of German nominal number marking.
- Rabanus, Stefan (2008): Morphologisches Minimum: Distinktionen und Synkretismen im Minimalsatz hochdeutscher Dialekte. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
- Schallert, Oliver (2023): Morphologie des Vorarlberger Alemannischen: eine Übersicht. In: Montfort 75/1, 101–121.
- Streck, Tobias (2019): Alemannisch in Deutschland. In: Herrgen, Joachim und Jürgen Erich Schmidt (Hrsg.): Sprache und Raum: Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Band 4: Deutsch. Berlin/Boston: De Gruyter Mouton. 206–245.
Bezüge zu anderen Projekten
Bezüge lassen sich vor allem zu den Projekten in C1 und C2 herstellen, die sich mit Regiolektgrenzen und morphologischem Sprachwandel beschäftigen. Darüber hinaus bestehen enge Verbindungen zu den B-Projekten, die ebenfalls im Bereich des Spracherwerbs tätig sind.
Literaturangaben
Binanzer, A., Gamper, J., & Wecker, V. (2021). Prototypen – Schemata – Konstruktionen: Untersuchungen zur deutschen Morphologie und Syntax, Berlin, Boston: De Gruyter.
Fleischer, J. (2022): „Qualität hat seinen Preis“: Genus-insensitives ‚sein‘ im Gegenwartsdeutschen. Linguistische Berichte 271. 251–288.
Köpcke, K.-M. & Zubin, D. (2017). Genusvariation: Was offenbart sie über die innere Dynamik des Systems?. In Konopka, M. & Wöllstein, A. (Hrgg.). Grammatische Variation: Empirische Zugänge und theoretische Modellierung (pp. 203-228). Berlin, Boston: De Gruyter.
Molinaro, N., Su, J. J. & M. Carreiras (2016): Stereotypes override grammar: Social knowledge in sentence comprehension. Brain and Language 155. 36–43.
Schütze, C. (in Vorbereitung). Dissertation, GRK 2700.