Sprache und Populismus
Populismus ist ein neben der Verwendung des Begriffs als Stigmawort eine vielschichtige politische Kategorie, die in unterschiedlichen Disziplinen – von der Politikwissenschaft über die Soziologie bis zur Linguistik – diskutiert wird. Entsprechend unterschiedlich sind ihre Begriffsbestimmungen und Konnotationen. Aus der Masse unterschiedlicher begrifflicher Bestimmungen von Populismus sollen einleitend einige zentrale Verständnisse vorgestellt werden, die den Unterschied zwischen sozialwissenschaftlichen und kommunikativen Ansätzen verdeutlichen. Häufig wird Populismus im Anschluss an Cas Mudde (2004) als „thin-centered ideology“ (dt. „dünne Ideologie“) beschrieben, also eine Ideologie mit geringer inhaltlicher Kohärenz und einem dünnen weltanschaulichen Fundament. Dabei wird die Gesellschaft als zwei antagonistisch agierende Gruppen konzipiert: „wir hier unten“ und „die da oben“ bzw. „das Volk“ und „die Eliten“. Zentral für dieses Verständnis ist außerdem die Annahme, dass die Politik stets den allgemeinen Willen der vorgestellten Gemeinschaft „des Volkes“ abbilden muss. Ein weiteres Merkmal dünner Ideologien ist ihre Kombinierbarkeit mit anderen Ideologien. Sie verbinden sich aufgrund ihrer mangelnden Tragfähigkeit meist mit vollwertigen Ideologien wie Sozialismus bzw. Elementen linker Ideologie oder konservativen und völkischen Ideologien (vgl. Jörke/Selk 2017: 82; vgl. Poier/Saywald-Wedl/Unger 2020: 191). Aufgrund der geringen inhaltlichen Kohärenz und der Vermischung mit anderen Deutungsmodellen, steht der Fokus auf das Ideologische des Populismus in der Kritik (vgl. dazu Reisigl 2024: 144). In diese Richtung weist auch die Beobachtung, dass insbesondere rechtspopulistische Programme eher als ein Bündel heterogener Überzeugungen und Stereotype zu beschreiben sind (vgl. Wodak/KhosraviNik 2013: xvii).
Neben der ideologischen Perspektive kann Populismus mit Karin Priesters sozialpsychologischem Ansatz als Mentalität bzw. Denkstil beschrieben werden. Die populistische Mentalität sei demzufolge vor allem durch Emotionalität, Empörung und eine Abwehr komplexer politischer Zusammenhänge gekennzeichnet. Populismus als Mentalität verweist auf eine milieu- und schichtspezifische Art des Welterlebens innerhalb jener durch sozialen Abstieg gefährdeten unteren Einkommensschichten (vgl. Jörke/Selk 2017: 84). Zu ähnlichen Befunden kommen Amlinger und Nachtwey (2025), die für den rechtspopulistischen Kontext die zentrale Rolle von negativen Emotionen und das Gefühl eines blockierten Lebens festgestellt haben. Speziell für den Südamerikanischen Kontext wurde Populismus schließlich auch als politische Strategie der Machteroberung gefasst, die auf die Mobilisierung einer als homogen konstruierten und sich als Außenseiter wahrgenommenen Masse sowie auf die Etablierung charismatischer Führungsfiguren abzielt (vgl. Jörke/Selk 2017: 85f.).
Für eine sprachwissenschaftliche Perspektive besonders anschlussfähig ist jedoch die Konzeptualisierung von Populismus als kommunikatives Phänomen. Ein kommunikativer Populismusbegriff differenziert nach Jörke und Selk zwei Typen: Populismus als Stilelement und als politischem Stil. Während ersterer einzelne kommunikative Praktiken innerhalb des regulären Politikbetriebs bezeichnet, etwa vereinfachende oder volkstümliche Ausdrucksweisen, die mehr oder weniger stark von allen Parteien situativ eingesetzt werden, beschreibt letzterer eine umfassendere und konsistentere Kommunikationsweise, die durch Inszenierungen von Authentizität, die behauptete Nähe zu dem Volk“ sowie eine starke mediale Präsenz geprägt ist (vgl. Jörke/Selk 2017: 80f.). D[xx1] abei zeig sich, dass Populismus in erster Linie Sprache, genauer durch kommunikative Praktiken, Sprechakte und rhetorische Muster, realisiert wird. So eröffnet sich eine Perspektive, in der populistische Kommunikation als eigenständiger Gegenstand linguistischer Analyse begriffen werden kann. Aus dem Bereich der Linguistik hat Reisigl Populismus definiert als „a multi-faceted, that is, content-related and media-based, mode of political articulation that reacts to a crisis of political representation and participation by reference to an imagined community of „the people” and on the basis of a specific social agency” (Reisigl 2024: 142). Auch Römer und Spieß (2019: 12ff.) haben in Anlehnung an Poier/Saywald-Wedl/Unger (2017) eine betont offene Definition von Populismus vorgeschlagen, die zwischen formalen Elementen und inhaltlichen Elementen unterscheiden. Zur formalen Ebene gehören beispielsweise ein Stil des Politikmachens, der strategisch mit Emotionalisierung, Verkürzung, Agitation und Demagogie auf den Diskurs einwirkt und ferner die Etablierung von charismatischen Führungsfiguren, eine Selbstbeschreibung als Bewegung und ein hierarchischer Aufbau der Organisation. Die inhaltliche Ebene umfasst dagegen die Konstruktion von Feindbildern auf einer horizontalen Ebene („außen“ versus „innen“) und vertikalen Ebene („unten“ versus „oben“). Vor allem die Sprache ist dabei an der Konstruktion von Vorstellungen des Eigenen und des Fremden beteiligt.
Im Hinblick auf die inhaltliche Ebene von Populismus lässt sich unabhängig von den unterschiedlichen begrifflichen Zugängen festhalten, dass die Konstruktion „des Volkes“ im Zentrum populistischer Kommunikation steht. „Das Volk“ wird als homogene und einheitlich handelnde Größe dargestellt, deren Wille unmittelbar erkennbar sei und als legitimatorische Grundlage politischen Handelns fungiere (vgl. Pelinka 2013: 3). Gleichzeitig bleibt häufig unbestimmt, wer genau zum Volk gehört, was zu konzeptuellen Unschärfen und Widersprüchen führt (vgl. Pelinka 2013: 4). Aus diskurslinguistischer Perspektive lässt sich zeigen, dass der Volksbegriff durch spezifische sprachliche Verfahren hervorgebracht wird. Reisigl beschreibt hier insbesondere synekdochische Mechanismen, durch die entweder unterschiedliche Kollektive unter dem Begriff subsumiert oder einzelne Akteur*innen als pars pro toto des Volkes inszeniert werden. Die Kollektivbezeichnung Volk kann dabei auf unterschiedliche Referenzbereiche bezogen werden – etwa kulturalistische, sozioökonomische, plebejische bzw. arbeiternah orientierte, den Demos im politischen Sinne oder die „einfachen Leute“ (vgl. Reisigl 2024: 148–150). Diese Verfahren sind eng mit einer antagonistischen Weltsicht verbunden, die soziale Wirklichkeit in Oppositionen wie „unten“ versus „oben“ oder „innen“ verus „außen“ strukturiert und so systematisch In- und Outgroups hervorbringt.
Beide zentralen Ausprägungen des Populismus – links- und rechtspopulistische Varianten – teilen grundlegende Merkmale wie eine dichotome Weltsicht und ähnliche kommunikative Strategien, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer thematischen Schwerpunkte (vgl. Reisigl 2024: 143f.). Rechtspopulistische Diskurse fokussieren häufig Migration, nationale Identität und Sicherheit und greifen dabei auf ethnonationalistische Bedrohungsszenarien zurück (vgl. Krzyżanowski/Triandafyllidou/Wodak 2018: 1–4), während linkspopulistische Ansätze stärker Fragen sozialer Ungleichheit und Umverteilung in den Vordergrund stellen. Mit Karin Priester lässt sich vor dem Hintergrund der Konzepte Inklusion und Exklusion folgende Unterscheidung von Populismen treffen:
Linker Populismus strebt durch Partizipation und Ressourcenumverteilung die Inklusion unterprivilegierter Bevölkerungsschichten in ein parastaatliches, direkt an die Person des "Führers" gebundenes, parlamentarisch nicht kontrolliertes Klientelsystem an. Rechter Populismus betreibt umgekehrt die Exklusion von Menschen ("Sozialstaatsschmarotzer", Immigranten, Asylbewerber, ethnische Minderheiten) und reserviert politische und soziale Teilhaberechte nur für die eigene, autochthone Bevölkerung.“ (Priester 2012: o.S.)
Ein zentrales thematisches Element insbesondere rechtspopulistischer Diskurse stellt zudem der Begriff „Heimat“ dar, der zugleich als deskriptive und normative Kategorie fungiert, indem er als bedrohte soziale Ordnung präsentiert wird. Rechtspopulistische Akteur*innen inszenieren sich als Verteidiger*innen dieser Ordnung gegen äußere und innere Feinde, insbesondere gegen Migration und die für Migration verantwortlich gemachten „Eliten“. Der Heimatbegriff trägt somit zur Konstruktion kollektiver Identität bei und dient der Abgrenzung gegenüber dem „Anderen“ (vgl. Weidacher 2020: 255). Gleichzeitig zeigen empirische Untersuchungen, dass populistische Parteien durch eine hohe Flexibilität und Opportunität der Themenwahl gekennzeichnet sind, wobei die Selbstinszenierung politischer Akteur*innen häufig gegenüber programmatischer Kohärenz dominiert (vgl. Poier/Saywald-Wedl/Unger: 199).
Die beschriebenen thematischen und diskursiven Muster werden durch spezifische sprachliche Verfahren realisiert. Zentrale diskursive Praktiken des Populismus können mit Reisigl (2024: 146) den sechs Sprechakttypen zugeordnet werden: Assertiva konstruieren vermeintliche Wahrheiten über gesellschaftliche Zustände, Direktiva formulieren politische Forderungen, Kommissiva beinhalten häufig weitreichende Versprechen, und Expressiva dienen der Artikulation von Emotionen wie Empörung oder Ablehnung. Interrogativa und Deklarativa tragen schließlich zur Inszenierung von Wissen und zur performativen Herstellung sozialer Wirklichkeit bei. Darüber hinaus basiert populistische Rhetorik auf spezifischen diskursiven Strategien, insbesondere auf charakteristischen Nominationen (Verfahren der Benennung) und Prädikationen (Verfahren der Zu- und Beschreibung) sowie auf wiederkehrenden Argumentationsmustern (vgl. Reisigl 2024: 148). Argumentativ dominieren Topoi, die auf die Legitimation politischer Forderungen abzielen, etwa der Topos des Volkes oder das argumentum ad populum, durch das ein Wahrheitsanspruch behauptet wird, da eine Position vermeintlich der Meinung der Mehrheit entspreche. Hinzu treten weitere wiederkehrende Muster wie Prioritäts-, Belastungs-, Law-and-Order-Topoi etc. (vgl. Reisigl 2024: 156f.).
Schließlich ist auch die Rolle der Medien als Verstärker populistischer Botschaften zu betonen. Im Zuge der Mediatisierung der Politik wird politische Kommunikation zunehmend vereinfacht und auf prägnante, emotional anschlussfähige Botschaften reduziert (vgl. Wodak/KhosraviNik 2013: xvii). Populistische Akteur*innen nutzen die Möglichkeiten der neuen Medien intensiv und strategisch, wobei die phatische Funktion der Kommunikation im Vordergrund steht: Ziel ist weniger ein argumentativer Austausch als vielmehr die Herstellung von Nähe zur Anhängerschaft, etwa durch direkte Ansprachen, interaktionsfördernde Botschaften, kalkulierte Ambivalenz oder scheinpartizipative Formate (vgl. Reisigl 2024: 151). Die daraus entstehenden Interaktionen und partizipativen Momente sind allerdings marginal, wie Martin Reisigl feststellt: „The deliberative potential of these media is not realized; they turn into purely phatic echo chambers that serve to reinforce well-known right-wing populist positions and to instigate stereotypical resentments against the establishment and other groups of enemies” (Reisigl 2024: 151).
Valentin Fleck
Quellen:
Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver (2025): Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Jörke, Daniel/Selk, Katrin (2017): Theorien des Populismus zur Einführung. Hamburg: Junius.
Krzyżanowski, Michał/Triandafyllidou, Anna/Wodak, Ruth (2018): The Mediatization and the Politicization of the “Refugee Crisis” in Europe. In: Journal of Immigrant & Refugee Studies 16(1–2), S. 1–14.
Mudde, Cas (2004): The Populist Zeitgeist. In: Government and Opposition 39(4), S. 541–563.
Pelinka, Anton (2013): Right-Wing Populism: Concept and Typology. In: Wodak, Ruth/KhosraviNik, Majid/Mral, Brigitte (Hrsg.): Right-Wing Populism in Europe: Politics and Discourse. London/New York: Bloomsbury Academic, S. 3–22.
Poier, Daniel/Saywald-Wedl, Ursula/Unger, Oliver (2020): Populismus und politische Kommunikation. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 50, S. 185–202.
Priester, Karin (2012): Wesensmerkmale des Populismus. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 62(5–6). Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Online unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/75848/wesensmerkmale-des-populismus/ (Abruf: 31.03.2026).
Reisigl, Martin (2024): Explaining Populism From the Politolinguistic Perspective. In: Diehl, Paula/Bargetz, Brigitte (Hrsg.): The Complexity of Populism. New Approaches and Methods. London: Taylor & Francis, S. 142–160.
Römer, David/Spieß, Constanze (2019): Populistischer Sprachgebrauch als Phänomen politischer Kommunikation. In: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 95 (OBST), S. 7–19.
Spieß, Constanze/Weidacher, Georg (2020): Editorial: (Rechts)Populismus – interdisziplinär. In: In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 50, S. 165–169.
Wodak, Ruth/KhosraviNik, Majid (2013): Dynamics of Discourse and Politics in Right-wing Populism in Europe and Beyond: An Introduction. In: Wodak, Ruth/KhosraviNik, Majid/Mral, Brigitte (Hrsg.): Right-Wing Populism in Europe: Politics and Discourse. London/New York: Bloomsbury Academic, S. xvii–xxviii.