Sprachgebrauch in Krisen
Über Krisen wird in der Öffentlichkeit viel gesprochen. Ausdrücke wie Polykrise, krisenfest, Wirtschaftskrise oder Energiekrise scheinen dabei manchmal allgegenwärtig. Seit der sogenannten ‚Ölkrise‘ vor etwa 50 Jahren ist der Krisenbegriff fest verankert im deutschen politischen Diskurs. Im Folgenden soll daher Begriff Krise und das damit bezeichnete Phänomen als sprachwissenschaftlicher Gegenstand umrissen werden.
Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) wird der Begriff Krise recht allgemein als „schwierige, gefährliche Lage, in der es um eine Entscheidung geht“ definiert, der grundsätzlich auf alle Bereiche des Lebens angewendet werden kann. Es bleibt jedoch offen, unter welchen Bedingungen ein Zustand als Krise gilt und wie solche Zuschreibungen zustande kommen. In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wird der Krisenbegriff entsprechend differenzierter gefasst. Aus ökonomischer Perspektive bezeichnet er zunächst Abschwungphasen innerhalb von Konjunkturzyklen, also den Tiefpunkt (auch „Depression“ oder „Tief“) der kurvenartig verlaufenden langfristigen Wachstumspfade (vgl. Kuck 2018: 4), wie er auch in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern beschrieben wird (z.B. Forner 2022: 259f.). Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist Krise dagegen ein Terminus zur Beschreibung gesellschaftlicher Zustände (vgl. Kuck 2018: 4). Dem Politikwissenschaftler Colin Hay folgend, kann Krise als ein Prozess aufgefasst werden, der eine entscheidende Intervention oder Transformation beinhaltet. Um eine solche Transformation in die Wege zu leiten, muss eine Krise jedoch zuerst als so gravierend wahrgenommen werden, dass die entscheidende Intervention machbar oder sogar notwendig erscheint (vgl. Hay 1996: 245). Entscheidend dafür ist, wie Pail ’t Hart feststellt, der Einsatz der Sprache: „the most important instrument of crisis is all about language. Those who are able to define what the crisis is all about also hold the key to defining the appropriate strategies for [its] resolution” (zit. nach Hay 1996: 255). Daraus leitet sich das (gemäßigt) sozial-konstruktivistische Verständnis von Krise ab, welches sich auch die Diskurslinguistik zu eigen macht. Krise ist demzufolge keine objektive Zustandsbeschreibung eines Systems, sondern sie wird sprachliche, diskursiv und medial konstruiert, wobei Konjunkturzyklen der Wirtschaft die zeitlichen Eckpfeiler dessen abstecken, was als Krise gilt oder dazu gemacht wird (vgl. Römer/Wengeler 2013: 269f.). Entscheidend ist dabei, dass Krisen nicht lediglich Ausdruck eines systemischen Scheiterns sind, sondern als dessen diskursive Repräsentation fungieren: Erst indem eine Situation als Krise erzählt wird, entsteht ein Handlungsdruck, der tiefgreifende Transformationen legitimieren kann (vgl. Hay 1996: 255).
Krise als rhetorische Strategie
Diese diskurstheoretische Perspektive lässt sich aus rhetorischer Sicht weiter konkretisieren. So versteht Severina Laubinger Krise als genuin rhetorisches Phänomen, insofern Rhetorik stets zur Bewältigung, aber auch zur Analyse von Krisenstrukturen und Handlungsoptionen notwendig ist (vgl. Laubinger 2020: 5f.). Aus rhetorischer Perspektive wird der Krisenbegriff als strategisch eingesetztes Persuasionsinstrument verstanden. Politische Akteur*innen versuchen, bestimmte Sachverhalte als Krise zu rahmen, um ihre eigene Interpretation durchzusetzen und politische Maßnahmen zu legitimieren. Der Rückgriff auf den Ausdruck Krise ruft ein spezifisches Szenario auf, das durch Bedrohung, Zeitdruck und einen ungewissen Ausgang gekennzeichnet ist und dadurch die Notwendigkeit unmittelbaren Handelns suggeriert (vgl. Laubinger 2020: 348). Auf diese Weise können politische Maßnahmen als alternativlos dargestellt und große Bevölkerungsgruppen von bestimmten Positionen überzeugt werden. Der Krisenbegriff fungiert damit nicht nur als Beschreibung, sondern als persuasive Ressource im Rahmen einer Argumentation.
Der Ausdruck Krise kann prinzipiell auf jeden Sachzusammenhang angewendet werden, weswegen im Sinne von Wengeler/Ziem (2014) von einem kontextunabhängigen Argumentationsmuster bzw. Topos der Krise gesprochen werden kann. Die inhärente Logik des Krisen-Topos legt dabei folgende Schlussregel nahe: „Wenn eine Situation als Krise gilt, dann sind außergewöhnliche (oder auch die vorgeschlagenen) Maßnahmen legitim“. In Ihrer Analyse der Wahlprogramme deutscher Parteien zeigt Laubinger, dass unterschiedliche politische Akteur*innen den Krisen-Topos strategisch nutzen. Allgemein gilt, dass Regierungsparteien ihn meist zur Stabilisierung bestehender Verhältnisse einsetzen, während Oppositionsparteien damit etablierte Strukturen in Frage stellen können (vgl. Laubinger 2020: 348f.). Etwas als Krise zu bezeichnen ist in dieser Sichtweise ein Prozess der Weltdeutung, bei dem diffuse Sachzusammenhänge unter dem negativ konnotierten Schlagwort subsummiert und perspektiviert werden. In der politischen Kommunikation kann Krise daher auch als besetzter bzw. umkämpfter Begriff aufgefasst werden, da Parteien immer wieder neu darum bemüht sind, einen aktuellen Problembereich damit zu verbinden (vgl. Laubinger 2020: 95-103).
Krisen-Diskurse in Deutschland
Die an Untersuchung von Krisenkommunikation interessierte linguistische Diskursforschung hat sich in Deutschland insbesondere auf sprachliche und mediale Repräsentation der sogenannten ‚Ölkrise‘ (1973/1974), die Ereignisse rund um die ‚parteipolitische-Wende‘ (1982), die ‚Arbeitsmarktkrise‘ in Deutschland mit einem Höhepunkt 1997, die Debatten um eine Reform des Sozialstaats im Vorfeld der ‚Agenda 2010‘ und die ‚Finanzkrise‘ in den Jahren 2008 und 2009 fokussiert. Eine zentrale Rolle hat dabei das von der DFG geförderte Projekt zu sprachlichen Konstruktionen wirtschafts- und sozialpolitischer Krisen seit 1973 gespielt, aus dem eine Reihe von Publikationen hervorgegangen sind (u.a. Kuck 2018; Römer 2017; Wengeler/Ziem 2013; Wengeler/Römer 2025).
Die genannten Diskurse wurden dabei einzeln als auch vergleichend vor dem Hintergrund verschiedener Untersuchungskategorien untersucht. Lexikalische Analysen etwa haben das Basisvokabular wie auch das themenspezifische Vokabular eines Diskurses als Gegenstand. Martin Wengeler und Alexander Ziem zeigen, dass unterschiedliche Krisendiskurse trotz inhaltlicher Differenzen strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen, etwa durch wiederkehrende Schlüsselwörter und kontroverse Begriffe, in denen sich zentrale Wissensbestände verdichten (vgl. Wengeler/Ziem 2014: 54). Gleichzeitig unterscheiden sich Krisendiskurse hinsichtlich ihres spezifischen Vokabulars: Während etwa die ‚Ölkrise‘ stärker durch alltagsnahe Begriffe und Konzepte geprägt ist (z.B.: Sonntagsfahrverbot oder Rationierung), weist die Finanzkrise eine deutlich abstraktere Terminologie (z.B. Rezession, Risiko, Staatsschulden) auf (vgl. Wengeler/Ziem 2014: 58). Diese Unterschiede verweisen auf unterschiedliche Modi der Problemwahrnehmung und -verarbeitung.
Eine besondere Bedeutung kommt darüber hinaus metaphorischen Konzeptualisierungen zu, durch die abstrakte Krisenphänomene anschaulich gemacht werden. (Konzeptuelle) Metaphern fungieren dabei nicht nur als stilistische Mittel, sondern strukturieren die Wahrnehmung, indem sie bestimmte Deutungsrahmen aktivieren. So wird die Wirtschaft im Kontext der Finanzkrise häufig als erkrankter Körper dargestellt, der diagnostiziert und behandelt werden muss (vgl. Wengeler/Ziem 2014: 64f.). Diese KRANKHEITSMETAPHORIK etabliert eine spezifische Sichtweise auf Ursachen, Symptome und Therapien und legt damit bestimmte politische Maßnahmen nahe. Ähnlich konstruieren MASCHINEN- oder ORGANISMUSMETAPHERN die Wirtschaft als ein System, das gewartet, repariert oder stabilisiert werden muss, wodurch staatliche Eingriffe als notwendig, legitim und zweckmäßig erscheinen (vgl. Kuck 2018: 89–92). Metaphern enthalten somit stets eine inhärente argumentative Komponente, da sie implizite Annahmen transportieren und politische Handlungsspielräume begrenzen (vgl. dazu auch Pielenz 1993).
Neben metaphorischen Konzeptualisierungen spielen auch wiederkehrende Argumentationsmuster eine zentrale Rolle. Verbunden mit dem Krisen-Topos ist dabei der sogenannte Realitätstopos, der auf eine dramatische Gegenwarts- oder Zukunftsdiagnose verweist („Weil die Realität/die Zukunft so ist bzw. so sein wird, muss X getan werden“). Er dient dazu, Krisen als faktische Gegebenheiten zu etablieren und daraus Handlungsnotwendigkeiten abzuleiten (vgl. Laubinger 2020: 272). Solche Topoi tragen dazu bei, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen und eindeutige Schuldzuweisungen vorzunehmen, wodurch konkurrierende Deutungen marginalisiert werden. Insgesamt zeigt sich, dass Krisendiskurse nicht primär um die ‚objektiv richtige‘ Analyse von Problemlagen konkurrieren, sondern darum, möglichst kohärente und anschlussfähige Narrative zu etablieren, die vielfältige Symptome integrieren und klare Handlungsperspektiven eröffnen (vgl. Hay 1996: 274).
Schließlich ist auch die Rolle der Medien bei der Konstitution von Krisen zu berücksichtigen. Medien fungieren als zentrale Instanzen der Selektion und Interpretation, indem sie bestimmte Ereignisse als symptomatisch für eine Krise darstellen und damit deren gesellschaftliche Wahrnehmung prägen (vgl. Hay 1996: 268). Durch die Kombination von selektiver Berichterstattung, Zuspitzung, Verdichtung und sprachlicher Rahmung tragen sie wesentlich zur Konturierung von Krisennarrativen bei.
Valentin Fleck
Quellen:
Forner, Andreas (2022): Volkswirtschaftslehre. Eine praxisorientierte Einführung. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer Gabler.
Hay, Colin (1996): Narrating Crisis: The discursive construction of the ‘Winter of Discontent’. In: Sociology 30(2), S. 253–277.
„Krise“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), online unter: https://www.dwds.de/wb/Krise (Abruf: 09.04.2026).
Kuck, Kristin (2018): Krisenszenarien. Metaphern in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen. Berlin/Boston: de Gruyter.
Laubinger, Severina (2020): Die Wirkungsmacht der Krise. Strategischer Einsatz des Krisen-Topos in den Parteiprogrammen der BRD von 1949 bis 2017. Berlin/Boston: de Gruyter.
Pielenz, Michael (1993): Argumentation und Metapher. Tübingen: Narr.
Römer, David (2017): Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte. Berlin/Boston: de Gruyter.
Römer, David/Wengeler, Martin (2013): „Wirtschaftskrisen“ begründen/mit „Wirtschaftskrisen“ legitimieren. Ein diskurhistorischer Vergleich. In: Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen. Bremen: Hempen, S. 269–288.
Wengeler, Martin (Hrsg.)(2015): Sprache und Wirtschaft. Der Deutschunterricht 67(5).
Wengeler, Martin/Römer, David (2025): Linguistische Diskursgeschichte : Einführung in die Analyse des öffentlich-politischen Sprachgebrauchs nach 1945. Berlin/Boston: de Gruyter.
Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (Hrsg.)(2013): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen. Bremen: Hempen.
Wengeler, Martin/Ziem, Alexander (2014): Wie über Krisen geredet wird. Einige Ereignisse eines diskursgeschichtlichen Forschungsprojekts. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 44(1), S. 52–74.