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Kunst und Kirche in der DDR

2. Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der Kunst in der DDR

Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, 02.-03. September 2009

Die Kirchen zählten in der DDR zu den unabhängigsten Auftraggebern. Ihr Engagement in künstlerischen Angelegenheiten ging weit über Fragen der Aus- und Umgestaltung von kirchlichen Bauten hinaus. Sie boten Musikern und Literaten ein öffentliches Podium, förderten Bildende Künstler, organisierten Ausstellungen, Auktionen, Kunstgespräche und legten eigene Sammlungen an, in die neben Werken von ostdeutschen Künstlern auch Arbeiten aus dem westlichen Ausland und aus den befreundeten sozialistischen Ländern aufgenommen wurden. Über die staatlich verordnete Kunstdoktrin setzten sie sich hinweg, sie standen loyal zu ausgegrenzten Künstlern und scheuten sich nicht, unbequeme Autoren in Lesereihen zu präsentieren. Auch die Vermittlung der westeuropäischen klassischen Moderne war ihr Anliegen. Liturgische Geräte und Werke christlicher Glaubensinhalte zeigten die Öffnung der Kirche für aktuelle Kunstrichtungen. Die Kirchen erfüllten damit eine wichtige Funktion als Freiräume kulturellen Austauschs sowohl der Kunstschaffenden untereinander als auch mit der interessierten Öffentlichkeit.

Die Tagung soll Gelegenheit bieten, die Rolle und Bedeutung der Kirchen als Netzwerk autonomer Kunstäußerungen näher zu untersuchen.

Willkommen sind Beiträge u.a.

zur künstlerischen Praxis hinsichtlich der freien wie der liturgisch gebundenen Kunstwerke
zum Umgang mit den überkommenen Sakralbauten
zum Selbstverständnis der Kirchen als Mäzene
zu Fragen der Auftragsvergabe
zum Verhältnis von Kirche und Staat
zu Fragen der Rezeption

Tagungsprogramm

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    Tagungsbericht
    von Cornelia Nowak

    In Marburg hat sich auf Initiative von Sigrid Hofer im Januar 2008 ein Arbeitskreis von Wissenschaftlern aus Universitäten, Forschungsinstituten, Akademien und Museen konstituiert, um Forschungen zur 'Kunst in der DDR' voranzutreiben und die daran Interessierten zu vernetzen; ein "unabhängiges, fachwissenschaftliches Diskussionsforum" auch für Studierende und Doktoranden. In den jährlichen Herbsttagungen sollen Malerei, Grafik, Architektur, Fotografie und deren kunstsystemische wie auch gesellschaftspolitische Kontextualisierungen im Vordergrund stehen. Eine Publikation der Ergebnisse ist genauso geplant wie ein Online-Newsletter, der über anstehende und abgeschlossene Forschungsprojekte berichten und Rezensionen bringen soll. Bildeten die 'Künstlerischen Beziehungen zwischen Ost und West', welche trotz 'Kalten Krieges' und der politischen Teilung Deutschlands zwischen Künstlern und Kulturverantwortlichen existierten, den inhaltlichen Schwerpunkt im Herbst des vergangenen Jahres, so galt auch das zweite Symposium einem weitgehend unbestellten Feld.

    In drei Themenkomplexen stellten sich zehn Referenten den Fragen und Erwartungen der etwa 60 Tagungsteilnehmer. Das Thema Skulptur dominierte den Schwerpunkt "Sakrale Bildkunst in einem atheistischen Staat". Christoph Deuter (Dresden) widmete sich dem Werk des Dresdner Bildhauers und Kirchenraumgestalters Friedrich Press (1904-90) und der öffentlichen Rezeption seiner Arbeiten in der DDR. Im Jahr 1976 publizierte die DDR-Kunstzeitschrift Bildende Kunst im Kontext von "Weite und Vielfalt" endlich einen Beitrag über seine in Form und Inhalt eigenwilligen Werke (schon 1968 hatte das Vatikanische Museum seine Skulptur "Ecce Homo" erworben). Deuter zeigte, daß die Einbindung der 'sperrigen' Arbeiten in den kirchlichen Kontext im Osten wie im Westen an Grenzen stieß. Nicht selten agierten die Pfarrer in der heiklen Rolle eines "Kunstvermittlers", um bei ihren eigenen Gemeinden Akzeptanz gegenüber den Bildwerken von Friedrich Press im Kirchenraum zu erwirken.

    Den Konventionen näher sind die Werke von Elly-Viola Nahmmacher (1913-2000) und Hildegard Hendrichs (*1923). Die von Frank Matthias Kammel (Nürnberg) vorgestellten Bildhauerinnen aus Greiz und Erfurt sind von der Zwischenkriegsmoderne beeinflußt. Trotz ihres umfänglichen Schaffens sind sie selbst in Thüringer Künstler- und Museumskreisen wenig bekannt. Beide bewußt unpolitisch und von frommer Kirchenbindung geprägt, schufen sie für zahlreiche Gotteshäuser der Region transzendenzbetonte Werke. Seit Jahrzehnten erfüllen diese zwar ihre selbstverständliche Funktion im kirchlichen Leben, im öffentlichen Kunstdiskurs jedoch haben sie kaum Spuren hinterlassen. Der starken, allerdings zum Teil klischeehaften Vergeistigung blieb überregionale Resonanz versagt. Das gilt für Nahmmachers an Henry Moore und Hans Arp angelehnte "Hohlplastiken" ebenso wie für Hendrichs – in Kirchenkreisen umstrittenen – monumentalen Schmerzensmann in St. Severi zu Erfurt.

    Nachhaltiger waren die Auseinandersetzungen um den (vom Referenten provokativ als 'Staatskünstler' apostrophierten) Bildhauer Fritz Cremer. Gerd Brüne (Paderborn) untersuchte Voraussetzungen, Durchführung, Ergebnis und Rezeption eines von der Friedrichshagener evangelischen Kirchgemeinde erteilten Auftrages zur Gestaltung einer Christus-Figur. Jene in Inhalt und Form "unangepaßte" Skulptur mit ihrer vom Kopf gelösten Dornenkrone war vor allem für den Auftraggeber zum Problem geworden. "... ich bin doch kein Christ", hatte Cremer einst verlautbaren lassen und sich den eigenen Blick auf die Dinge erlaubt (Abb. 1). Trotz enormer Schwierigkeiten mit der Kulturpolitik der SED bedurfte Cremer als "dominierende Gestalt im Kunstgeschehen der DDR" des Schutzraumes der Kirche nicht; der aus dem Westen Gekommene zählte zu den privilegierten Künstlern. Aber auch innerhalb der Kirche erwies sich der Umgang mit ihm als spannungsreich: Es war der Gemeinde unmöglich, die Verbindung von christlichem und marxistischem Weltbild in der Plastik Cremers zu akzeptieren. Mit emotionalen Äußerungen bestätigte das Tagungspublikum die Aktualität der Arbeit Cremers (heutiger Standort: Berlin Mitte vor der Ruine der Franziskanerkirche), die "die Selbstbefreiung des Menschen von Kreuz und Dornenkrone" zum Thema hat.

    Dem Umgang eines atheistischen Staates mit seinem sakralen Architekturerbe und der Notwendigkeit neuer religiöser Andachts- und Gemeinschaftsräume widmete sich der Themenkomplex "Steinerne Manifeste. Erbe, Pflege, Neubauprojekte". Henriette von Preuschen (Cottbus) beleuchtete den Umgang mit kriegszerstörten Kirchen in der DDR am Beispiel Magdeburg, und Verena Schädler (Weimar) stellte eine Reihe in der Ära Erich Honecker neu errichteter katholischer Kirchen vor. In einem präzisen Vier-Phasenmodell erfaßte von Preuschen, wie in der DDR mit Sakralbauten verfahren wurde. Nach dem Wiederaufbau herausragender Kirchenbauten in der Zeit von 1945 bis 1949 (Magdeburger Dom und Kloster Unser Lieben Frauen) wurde bei den Kirchenabbrüchen im Zuge sozialistischen Städtebaus zwischen 1950 und 1961 (samt ideologischer Unterwanderung und Baumaterial-Sabotage) auf kunsthistorische Bedeutung wenig Rücksicht genommen. Ein Kennzeichen der durch Radikalisierung geprägten dritten Phase bis 1971 ist – bei abnehmendem Einfluß der Evangelischen Kirche – die Sprengung bedeutender, identitätsstiftender Kirchen (1962 Sophienkirche in Dresden, 1968 Garnisonskirche in Potsdam und Universitätskirche in Leipzig). Die letzte Phase bis 1989 war hauptsächlich durch das vom Westen finanzierte "Sonderbauprogramm Kirche" bestimmt. Daß die Kirchen sich den städtebaulichen Dominanten unterordnen sollten, die Zerstörung mittelalterlicher Stadtstrukturen eingeplant und christlich geprägte Stadtgefüge mißachtet wurden, waren fatale kulturpolitische Entscheidungen des DDR-Staates. Kirchenumnutzungen (Kloster Unser Lieben Frauen zum Museum; Marienkirche zur Konzerthalle) dagegen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Künstlern erscheinen in einem beinahe versöhnlichen Licht: Waldemar Grzimek (seit 1961 in der BRD), Gerhard Marcks (Köln) und Werner Stötzer wurden mit Bronzetüren, Wieland Förster, Heinrich Apel, Margaretha Reichardt mit Gobelins beauftragt.

    Daß trotz aller Bereitschaft zum Abreißen katholische Bauvorhaben realisiert werden konnten, verdeutlichte Schädler eindrucksvoll: Für den Zeitraum 1949-89 konnte sie immerhin 400 in der DDR entstandene Sakralräume und 70 Kirchenneubauten benennen (davon 55 Neubauten allein in den Jahren 1970-89). Doch über die besondere Position der Kirchen in der DDR sollten die Gotteshäuser in Roßleben, Hennigsdorf, Rostock oder Hermsdorf nicht hinwegtäuschen: "Kirche in einer säkularisierten, materialistischen Umwelt", so zitierte die Referentin den Erfurter Bischof Joachim Wanke (1981), blieb eben auf Dauer eine "Nischenkultur".

    Zu den Aufgaben der Kirchen in der DDR zählte die Kunstförderung, und so profilierten sie sich über die Jahre hinweg zu "Mäzenen nonkonformer Kunst". Zum Alltag gehörte eine latente Bereitschaft der Kirchenvertreter, im Zuge ihrer Aufträge zu liturgischem Gerät oder Innenraumgestaltungen die Grenzziehung zwischen Kirche und Staat aufzuweichen. Ohne diese durchaus strategische Position wäre die Arbeit des Kunstdienstes der Evangelischen Kirche in der DDR weder notwendig und sinnvoll, noch erfolgreich gewesen. In seinem Beitrag stellte der langjährige Leiter des Kunstdienstes in Erfurt, Karl-Heinz Meißner (Erfurt/Riethnordhausen), diesen "Dienst für die Kunst oder an der Kunst?" denn auch als "Sonderfall kirchlicher Wirksamkeit" dar. Thematisierte man in den Ausstellungen der 60er/70er Jahre die "Klassische Moderne" mit Rouault oder Chagall, konzentrierte man sich später auf zeitgenössische wie zeitkritische Kunst (Dieter Tucholke, Joachim John, Robert Rehfeldt, Joachim Jansong, Jürgen Schieferdecker) und richtete den Blick auch auf internationale, vor allem westliche Kunstentwicklungen. Die 1989 gezeigte Erfurter Gruppenausstellung Nach Müntzer mit Installationen und gesellschaftskritischen Arbeiten antizipierte die politische Wende.

    Dem Phänomen von "Kirche als Ort der Kunstbegegnung zwischen Ost und West" stellte sich ferner Horst Schwebel (Marburg). Zwischen 1966 und 1989 führten vor allem die jährlichen Künstlerbibelwochen ost- und westdeutsche Künstler, Galeristen und Theologen zusammen. Man diskutierte über "Abstrakte Kunst", "Performances" oder Video-/Fotoprojekte. So gestalteten sich die Bibelwochen für die Künstler der Ostseite als "erste Informationsquelle zum Geschehen im Westen", so der Referent, der den "kreativen Austausch" als "Gewinn auf beiden Seiten" kommentierte.

    Hubert Faensen (Kleinmachnow) beschrieb als langjähriger Direktor des Leipziger Verlages Koehler Amelang das "Verhältnis der Ost-CDU zum kulturellen Erbe und zur Gegenwartskunst". Da die CDU-Verlage Köhler Amelang (Leipzig) und Union Verlag Dresden mit dem ihnen zugestandenen Papierkontingent auskommen mußten, konzentrierten sie sich auf anspruchsvolle kunsthistorische Abhandlungen beispielsweise zum Mittelalter und zur Romantik, zu den Domen in Erfurt, Magdeburg und zur Nikolaikirche Potsdam, zur Ikonenmalerei und zu Dürer. Neben Quelleneditionen entstanden Monographien, etwa zu Hans Jüchser, Elisabeth Voigt, Otto Dix und Wieland Förster. Ein großer Kreis an Gestaltern und Illustratoren mit nicht zu unterschätzender Multiplikatorenfunktion – aber auch mit Verbindungen untereinander – war wesentlicher Bestandteil des internen, informellen Verlagsnetzes. Fest etabliert war der Verbund "Wort und Werk", mit Buchhandelsaufgaben betraute CDU-Verlagsgalerien, die in allen Bezirks- und Universitätsstädten und einigen Kreisstädten der DDR eingerichtet worden waren. Schon früh hatte dort zum Beispiel Gerhard Altenbourg ausgestellt. Weitreichend wirksam waren jedoch lediglich zwei von der Blockpartei verantwortete Ausstellungen: die Präsentation von Werken 'christlicher Künstler' anläßlich des 8. Parteitages der Ost-CDU (1956, mit Katalog) sowie Kunst in christlicher Verantwortung, eine Ausstellung des Hauptvorstandes der CDU in der Berliner Galerie am Weidendamm (1987), einer Einrichtung des "Zentrums für Kunstausstellungen der DDR" (ZfK).

    Paul Kaiser (Dresden) beschrieb die "Evangelische Kirche als Schutzraum gegenkultureller Künste und als Katalysator außerkirchlicher Kunstprozesse in der DDR" und das Begriffspaar "Kunstkirchen und Kirchenkunst" als einen spannungsvollen Dialog. Daß Künstler zu proletarischen Hilfskräften mutierten und Kirchen mutig Voraussetzungen zur Ausübung künstlerischer Tätigkeiten schufen, ist längst bekannt. Der an Hinweisen auf Kuriosa, Verstrickungen und Entgrenzungen reiche Vortrag dokumentierte lebhaft das oppositionelle Verhalten einer ganzen Generation von Staatsbürgern. So hatte sich einst Uwe Warnke, ehemaliger Lektor des FDJ-Verlages "Neues Leben", zum künstlerisch ambitionierten Friedhofsarbeiter (ab 1981 Herausgeber der Untergrundzeitschrift Entwerter/Oder) "qualifiziert", ähnlich handelten Eve und Frank Rub aus Jena. Die Selbststigmatisierung der Künstler war Teil der Untergrundkultur, in der sich der Friedhof zum Aktionsfeld einer jungen Intellektuellengeneration, zum Ort einer Gegenkultur entwickelte hatte. Der Ostberliner Fotograf Sven Marquardt und der Weimarer Fotograf Claus Bach haben dies anschaulich dokumentiert. Zum Ort gegenkultureller Artikulationen wurde zunehmend auch das Kirchengebäude selbst – wohl nicht zur Freude aller Gemeindemitglieder. Deren Zahl war in vierzig Jahren beträchtlich geschrumpft (1950 waren 85 % der Bevölkerung Kirchenmitglieder, 1989 nur noch 25 %). Mehr und mehr waren auch konfessionslose Künstler wie Bernd Freigang (Berlin) Gast im Kirchenraum, von Kaiser als "ein in die Öffentlichkeit hineinreichender Raum" beschrieben. Die Zunahme kirchlicher Kunstförderpraxis ging mit dem Ende bürgerlicher Bildungsstrukturen einher. So war die Sprengung der Leipziger Universitätskirche (Mai 1968) als "bürgerliche Insel" im DDR-Staat ein Symbol politischer Ohnmacht des Bildungsbürgertums, auf das die Kirchen durchaus reagiert hatten. Die radikale Säkularisierung der Gesellschaft jedoch führte zu einer Sakralisierung der Künste. Das Werk vieler Künstler, wohl am eindrucksvollsten das von Michael Morgner, belegt dies. Als wichtiger Nährboden politischer Opposition, als Lebens- und Politberatung mit sozialtherapeutischem Impetus, diente die sog. "Offene Arbeit" der Evangelischen Kirche. Sie ermöglichte Jugendkultur außerhalb offizieller Gegebenheiten von Schule und Staat (Abb. 2-4).

    Organisatorisch an die Tagung angebunden, jedoch als öffentlicher Abendvortrag zur Ausstellung "Kunst und Kalter Krieg" beworben, sprach Sigrid Hofer (Marburg) über "Dresdens Beitrag zur abstrakten Kunst nach 1945" und "west-östliche Polaritäten". Sie legte dar, daß in der sächsischen Kunstmetropole das Informel unabhängig von ideologischen Unterweisungen und allein aus der eigenen künstlerischen Traditionslinie heraus geschehen ist: Schon um 1924/27 hatte es mit Hans Hartung vorausweisende Formen angenommen. Zu den Dresdner Protagonisten zählen Hans Christoph, Herbert Kunze, der Figurenmaler Hans Jüchser (dessen geheime Liebe der abstrakten Malerei galt, was selbst den Freunden verborgen blieb), Hermann Glöckner (dessen atypische Materialien und Techniken ihn zum Erfinder machten), Wilhelm Müller (dessen Tätigkeit als Zahnarzt den Einsatz von Tinkturen und Heilmitteln im bildnerischen Schaffen inspirierten) und Edmund Kesting (der als Fotograf um 1950 mit "chemischer Malerei" experimentierte). Enge Kontakte der Dresdner Künstler untereinander bewirkten schließlich auch formale Ähnlichkeiten in deren Werken. Der "künstlerische Austausch" vollzog sich auf allen Ebenen und war "weit intensiver als geglaubt". Keineswegs dürfe die "Vertrautheit mit internationalen Szenen im Westen" unterschätzt werden. So lassen sich Parallelen zur internationalen Kunst in den 50er Jahren nachweisen; neben Expressionismus, Surrealismus und Pop-Art hatte sich eben auch das Informel herausgebildet. Den Kulturtransfer Ost-West determinierten vor allem persönliche Beziehungen. Wichtige Rollen als Kunstvermittler spielten Will Grohmann und Werner Schmidt, aber auch die seit 1924 bestehende Galerie Kühl, später die einzige Privatgalerie der DDR. Private Dresdner Zirkel waren Galerien im Westen wie der Galerie Rosen und der Galerie Brusberg verbunden, und Besuche von internationalen Ausstellungen wie der ersten documenta durch Hans Christoph, Herbert Kunze, Wilhelm Müller oder Helmut Schmidt-Kirstein blieben nicht folgenlos. Eine offen politische Haltung lag "informell" arbeitenden Künstlern allerdings fern, vornehmlich galt ihre Konzentration dem Ästhetischen. Informel behielt in der DDR lange Aktualität, war ertragreich und hatte eine durchaus eigene Entwicklung, betonte die Referentin. So war auch nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 die "politische Sprengkraft des Informel nicht obsolet geworden". Eine "Kontinuität informeller Bestrebungen" läßt sich nicht nur im Dresdner Kupferstichkabinett belegen, sondern etwa auch in der Sammlung Rudolf Franke in Erfurt. Die "Abtrennung von internationalen Tendenzen" gehört demnach eher in die Schublade wenig qualifizierter, mitunter argwöhnischer Mutmaßungen.

    In der Schlußdiskussion bescheinigte Hubert Faensen allen Vortragenden der Konferenz mit Recht einen differenzierten Blick und sachgerechte Maßstäbe. Diese seien auch weiterhin notwendig, "um aus antipodischen Zuständen herauszukommen". Daß die "Kirche als eminent wichtiger historischer Ort" eines stillen latenten "Ost-West-Dialogs" ausdrücklich benannt wurde, bezeichnete er als die zentrale Leistung der Tagung. – Das Thema des Symposiums im Herbst 2010 lautet: "Emigranten aus der DDR und ihr Weg in die westdeutsche Kunstszene".


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    Bildverweise
    Abb. 1: Fritz Cremer, Sich vom Kreuz Lösender (auch: "Auferstehender" II), 1980-83. Berlin, seit 1985 vor der Ruine der Franziskanerkirche aufgestellt (G. Brüne; Repro: Paderborner Bildarchiv).
    Abb. 2: Bluesmesse mit Rainer Eppelmann in der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain Anf. der 1980er Jahre (Photo: Harald Hauswald).
    Abb. 3: Blick in die mail-Art Ausstellung von Birger Jesch in der Weinbergkirche, Dresden 1982 (Archiv Birger Jesch).
    Abb. 4: Freygang auf der Kanzel (Photo: Harald Hauswald).

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    Dr. Gerd Brüne
    "... ich bin doch kein Christ".
    Ein kirchlicher Auftrag für den 'Staatskünstler' Fritz Cremer

    Im Jahre 1964 begegnete der durch die 1958/59 fertiggestellte "Buchenwald-Gruppe" international bekannt gewordene Berliner Bildhauer Fritz Cremer zum ersten Mal dem evangelischen Pfarrer Dr. Günter Gloede, mit dem er Interesse am und Engagement für das Werk seiner älteren Bildhauerkollegen Ernst Barlach und Giacomo Manzù teilte. Aus einem Ateliergespräch resultierte bereits im selben Jahr ein Entwurf zur Plastik "Gekreuzigter", die Cremer allerdings erst 1975 in Überlebensgröße ausführte. Daran anknüpfend lud ihn Günter Gloede ein, für die evangelische Christophorus-Kirche in Berlin-Friedrichshagen eine Kreuzigungsgruppe bzw. ebenfalls einen Gekreuzigten zu schaffen. Daraus ergab sich 1978 der Auftrag zum "Auferstehenden" (späterer Titel: "Sich vom Kreuz Lösender"), an dem der Künstler bis 1983 arbeitete. Zur Aufstellung am ursprünglich vorgesehenen Ort kam es jedoch nicht. Das Projekt scheiterte, weil ein Teil der Friedrichshagener Kirchengemeinde Cremers Arbeit vehement ablehnte.

    Anhand dieses Fallbeispiels sollen die Schwierigkeiten beleuchtet werden, die sich einstellen konnten, wenn die (evangelische) Kirche in der DDR an Künstler einen Auftrag vergab, die von staatlicher Seite gefeiert und gefördert wurden und ein marxistisch geprägtes Weltbild hatten. Der erste Teil rückt das Verhältnis Cremers zur maßgeblichen Person auf Seiten der Auftraggeber, Pfarrer Dr. Günter Gloede, ins Zentrum. Dann richtet sich der Blick auf den Bildhauer. Zu fragen ist, wie und wo die Anliegen von Pfarrer und Künstler miteinander kongruierten und weshalb die fertige Figur nicht den Weg in die Kirche fand, sondern heute als Kunst im öffentlichen Raum ihr Dasein fristet.



    Christoph Deuter
    Kritische Verhältnisse. Friedrich Press und die Rezeption seiner Bildwerke in der Öffentlichkeit der DDR

    Der 1904 in Ascheberg/Westfalen geborene und später in Dresden lebende Künstler Friedrich Press gehört zu den wohl bedeutendsten Bildhauern der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts, die sich christlicher Thematik widmen. Seine Werke polarisieren: impulsive Ablehnung steht begeisterte Zustimmung gegenüber.
    Press erhielt kaum staatliche Aufträge; zum einen, weil sich seine Formensprache immer weiter von den ideologischen Gestaltungsdoktrien des sozialistischen Realismus entfernte, zu anderen, weil sein Interesse zunehmend der christlichen Thematik galt. Noch 1988 mußte Press seinen bei der Kunstausstellung der DDR eingereichten "Christuskopf" vor Ausstellungsbeginn wieder abholen.
    Ab den 60er Jahren arbeitete Press vorwiegend für kirchliche Auftraggeber beiderlei Konfession, doch war man sich auch dort nicht einig über die Beurteilung seiner Kunst. Meist ist es dem Einsatz von beharrlichen Pfarrern oder einflussreichen Fürsprechern zu verdanken gewesen, daß Press seine Werke verwirklichen konnte.
    Die Ergebnisse und Forderungen des zweiten Vatikanischen Konzils ermöglichten die Umgestaltung vieler Kirchen. Press griff radikal durch: vielfach wurden historische Raumausstattungen aus den Kirchen verbannt - wie ein Schlussstrich unter die Vergangenheit und bereit für einen Neuanfang. Teilweise ist heute wieder ein Rückbau der Press'schen Ausstattung zu erleben, da wieder mehr "Gefälliges" gewünscht wird. Die Aufbruchstimmung der Anfangsjahre hat sich gelegt.
    An der Person und dem Werk von Friedrich Press lassen sich symptomatisch Probleme zwischen Kunst, Kirche und Staat, Fragen der Auftragsvergabe, Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung, der Umgang mit historischen Bauten und weiteres untersuchen.



    Hubert Faensen
    Das Verhältnis der Ost-CDU zum kulturellen Erbe und zur Gegenwartskunst

    Die kulturpolitische Arbeit der Ost-CDU war abhängig von ihrer Position im Gesellschaftssystem der DDR. Unter dem Zwang der Machtverhältnisse und des Kalten Kriegs erfolgte Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre eine Gleichschaltung. Die CDU wandelte sich aus einer parlamentarischen Oppositionspartei in eine sogen. Blockpartei mit Anerkennung der führenden Rolle der SED. Das Bekenntnis zur Blockpolitik. zur "politisch-moralischen Einheit" sollte ihr Fortbestehen sichern und den Christen eine gleichberechtigte Existenz als Staatsbürger gewährleisten. Im Vergleich zur Geschichte der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder liegt die Annahme nahe, dass damals beides in Frage stand.
    Die Machtverhältnisse und die Sonderstellung - im Verhältnis zur marxistisch- atheistischen SED war die CDU als einzige sogen. bürgerliche Partei eine Weltanschauungspartei – führten zu einer Anpassung, die mit fragwürdigen Zugeständnissen und faulen Kompromissen verbunden war. Einerseits wurde die Ost-CDU zu einem Instrument der SED-Politik, um Vorbehalte gegenüber der DDR in christlichen Bevölkerungskreisen abzubauen und die Einparteienherrschaft zu verschleiern, andererseits unternahm sie echte Versuche, christliche Anliegen in einem sozialistischen Staat politisch zu vertreten. Allerdings war der Spielraum stark eingeengt.
    Die SED verfolgte trotz der Feststellung "humanistischer Gemeinsamkeiten" aggressiv ihren "wissenschaftlichen Atheismus". Typisch dafür war etwa die Einführung der Jugendweihe, jedoch auch die staatliche Aufsicht über die beiden Buchverlage der CDU (Union Verlag Berlin und Koehler Amelang Leipzig). Gleich den kirchlichen Verlagen wurden sie von der Abteilung Gesellschaftswissenschaften der Zensurbehörde (HV Verlage u. Buchhandel) nach strengen Kriterien kontrolliert, während für die Buchverlage der anderen sogen. bürgerlichen Parteien die moderater urteilende Abteilung Belletristik und Kunstliteratur zuständig war (wo z.B. Sigrid Damm arbeitete).

    In der Kulturpolitik ging die CDU von folgenden Intentionen aus:
    die christlichen Traditionen im kulturellen Erbe lebendig zu halten, z.B. im Umgang mit den überkommenen Sakralbauten und durch die Förderung christlicher Themen in der Gegenwartskunst,
    den Künstlern der DDR, die sich zu christlichen Werten bekannten, die öffentliche Wirksamkeit sowie zufriedenstellende Existenz- bzw. Arbeitsmöglichkeiten zu sichern,
    ihr Schaffen als Bestandteil der DDR-Kunst auszuweisen (im Unterschied zur mehr pastoral-liturgischen Orientierung der Kirchen) ,
    Freiraum für Stilrichtungen bzw. künstlerische Methoden außerhalb des "sozialistischen Realismus" zu bieten.

    Dazu dienten Editionen der beiden CDU-Buchverlage, Berichte in den 6 Tageszeitungen der CDU (zusammen in einer Auflagenhöhe von etwa 1/2 Mill.) und Kunstausstellungen während der Parteitage (schon 1956 im Kulissenhaus Weimar u.a. mit Werken von Dix, Ebert, Gross, Hassebrauk, Hegenbarth, Herbig, Jüchser, Kesting, Kokoschka, Lachnit, Pankok, Schmidt-Rotluff, Voigt) und ab 1957 in der Galerie der Buchhandlung "Wort und Werk" Leipzig (im Wechsel jährlich etwa aller 6 Wochen). 1960 rief der Hauptvorstand der CDU zu einem "Grafischen Wettbewerb" auf. Zur 750-Jahrfeier Berlins 1987 fand eine Ausstellung "Kunst in christlicher Verantwortung (Malerei, Grafik, Plastik)" im Ausstellungszentrum Friedrichstraße mit Werken von 80 Künstlern statt.

    Der persönliche Kontakt wurde vertieft bei speziellen Tagungen, Atelierbesuchen, Aufträgen und Ankäufen, insbesondere zur Ausgestaltung der Parteigebäude, der Schulungsstätte Schloß Burgscheidungen, der CDU-eigenen Ferienheime und Hotels. Z.B. wurden Büsten bzw. Porträts von Barth, Bobrowski, Bonhoeffer, Pater Delp, Herder, Huch, Niemöller, der Geschwister Scholl, Schweitzer, Stauffenberg in Auftrag gegeben. Außerdem hatte die CDU die Möglichkeit, in den Volksvertretungen bzw. deren Ausschüssen und in Verbänden wie dem VBK (K. Zürner Mitglied des Zentralvorstands) oder Kulturbund wirksam zu werden sowie Kulturschaffende für staatliche Auszeichnungen vorzuschlagen (z.B. Nationalpreis für H. Ermisch, Wiederaufbau des Zwingers, Kunstpreise der DDR für R. Nehmer, Dresden, H. Bollhagen, Marwitz, K. Beyer, Weimar).
    Die CDU-Buchverlagen entwickelten mit namhaften Autoren umfangreiche Bild-Text-Bände zu den Domen in der DDR (Berlin, Doberan, Erfurt, Freiberg, Halberstadt, Magdeburg, Merseburg, Meißen, Naumburg), zu den Lutherstätten, zu DDR-Beständen sakraler Plastik und Buchmalerei, zur "Ecclesia ornata", zu christlichen Traditionen als Bestandteil des gesamten deutschen Kulturerbes, zur russischen Ikonenmalerei, zur Kirchenbaukunst in Rußland, Armenien, Georgien und Bulgarien sowie zur jüdischen Religion und Kunst. In der Reihe "Das christliche Denkmal" (Kirchenbauten) erschienen etwa 150 Titel. Besondere Breitenwirkung fand die "Christliche Ikonographie in Stichworten". Zum Editionsprogramm gehörten auch Künstlermonographien (u.a. A. Ebert), Werkbeschreibungen (u.a. A. Kaplan) und Quelleneditionen (u.a. E. Barlach). Besondere Aufmerksamkeit galt der christlichen Thematik in der Gegenwartskunst (u.a. W. Tübke). Außerdem vergaben die Buchverlage zahlreiche und umfangreiche Gestaltungs- und Illustrationsaufträge, die zum Teil zu Auszeichnungen des Börsenvereins und internationaler Buchausstellungen führten.
    Das Editionsprogramm richtete sich gegen die Abwertung des religiösen Erbes in der Kultur, besonders des Mittelalters und der Romantik (deren Aufarbeitung lange Zeit offiziell verpönt war), und gegen die gängigen Vorurteile zu Kirchen und Christen. U. a. wurde die Jahreszählung mit den Bezeichnungen "vor und nach Christi" und nicht, wie in den anderen Verlagen üblich, "vor und nach unserer Zeitrechnung" vorgenommen. Die staats- und parteipolitische Wertung wird aus der Zuteilung des Papierkontingents ersichtlich. Die beiden CDU-Verlage erhielten im Vergleich zu den "volkseigenen" und SED-Buchverlagen, aber auch zu den Verlagen der anderen sogen. bürgerlichen Parteien eine wesentlich geringere Tonnage, so dass nur wenige Nachauflagen möglich waren und der Bedarf des Buchhandels nie gedeckt werden konnte.
    Trotz des Eiertanzes zwischen politischer Anpassung und weltanschaulicher Selbstbehauptung, trotz der starken Einengung des Spielraums waren in der Kulturpolitik der Ost-CDU – im Unterschied zu anderen Politikbereichen – zahlreiche Bestrebungen erfolgreich, Sachwalter christlicher Anliegen zu sein. Dabei scheute man sich durchaus nicht vor Unbequemlichkeiten. Eskalierte allerdings die Situation, wie bei der Sprengung der Leipziger Universitätskirche, drückte sich die Parteileitung um einen öffentlichen Protest.
    Die Interpretation solcher Ereignisse und Strukturen in der DDR ist immer ambivalent und birgt die Gefahr, eine sachliche Erkenntnisgewinnung durch subjektive Vorurteile zu beeinträchtigen. Man denke an die Warnung Rankes, dass jede politisch motivierte Geschichtsschreibung "den Tatsachen Gewalt antut".



    Prof. Dr. Sigrid Hofer
    West-östliche Polaritäten? Dresdens Beitrag zur abstrakten Kunst nach 1945

    n.n.


    Dr. Paul Kaiser
    Kunstkirchen und Kirchenkunst. Die Evangelische Kirche als Schutzraum gegenkultureller Künste und als Katalysator außerkirchlicher Kunstprozesse in der DDR

    In besonderer Weise stützten die acht ostdeutschen Landes- und Provinzialkirchen der Evangelischen Kirche die Formations- und Ausdifferenzierungsbestrebungen der künstlerischen Gegenkultur in der DDR. Durch Auftragsvergaben, Anstellungsverhältnisse für inkriminierte Künstler und ein umfängliches Ausstellungs- und Publikationsprogramm wurden die Institutionen der Ev. Kirche einerseits zu Schutzräumen einer nonkonformen Kunst, deren Kunstprogramm freilich in Spannung zu den Konzeptionen einer "Kirche im Sozialismus" wie auch zur Stimmungslage in vielen Kirchgemeinden lag, die in den oftmals atheistisch geprägten Akteuren und Aktionen auch die Gefahr einer "Infiltration von unten" (parallel zur staatlichen Repressionspolitik) zu erkennen glaubte. Andererseits generierten die im kirchlichen Raum ermöglichten bildkünstlerischen Alternativ- und Gegenprogramme bedeutsame Katalysatoreneffekte für die Ausdifferenzierung des staatssozialistischen Kunstsystems (wie auch seiner zentralen Normfiktionen). Der Vortrag zeigt exemplarische Formen dieser ambivalenten Funktionalität auf – anhand von Ausstellungsvorhaben (etwa in der Dresdner Weinbergskirche und im Ostberliner Dom), ev. Programmprojekten (etwa des Ev. Kunstdienstes in Erfurt), Auftragsvergaben (etwa an abstrakt arbeitende Künstler wie Friedrich Presse) sowie innerkirchlichen und Staat-Kirche-Konflikten (etwa an Beispielen der "Kirche von unten" in Ostberlin).
    Zum Hintergrund: Bereits Ende der 60er Jahre sammelte und aktivierte etwa die "Offene Arbeit" der Evangelischen Kirche, welche zum Nährboden kirchlicher Opposition und später auch des politischen Protestes wurde, "unangepaßte Jugendliche und soziale Sondergruppen."[1] In den 70er Jahren öffnete sie sich auch für die konfessionslosen Akteure und Gruppen der künstlerischen Gegenkultur und fungierte für diese als Podium, Schutzraum und "Konfliktregelungsinstanz", auch wenn dieses Engagement innerkirchlich stark umstritten blieb.[2] Neben der hier möglichen Gruppen-, Beratungs- und Probenarbeit – innerhalb dieser es anfangs auch zu "Überlappungen" von kirchlichen Oppositionsgruppen und künstlerischen Programmen kam, bevor sich die sozialethisch engagierten Kirchengruppen und die der künstlerischen Gegenkultur klarer voneinander abgrenzten[3] – entwickelte sich in zahlreichen Kirchen ein künstlerisches Programmangebot, das neben Lyrikern, Theatergruppen und Liedermachern von Anbeginn auch Schutzräume für bildende Künstler bot.
    Diese dynamische Entwicklung, welche erhebliche Ressourcen des Sicherheitsapparates band und zudem den Blick der westlichen Medien auf sich zog, unterstützte auch die außerkirchliche Etablierung gegenkultureller Prozesse, so dass mit Michael Haspel gefragt werden kann, ob die kirchenfernen Gruppen, die sich nach Jahren des Exils ab Mitte der 80er Jahre wieder zunehmend von der Kirche entfernten und nun auch Veranstaltungsorte des staatlichen Kulturbetriebes nutzen konnten, "ohne die kirchliche Unterstützung – wie konfliktträchtig und ambivalent diese Beziehung auch immer gewesen sein man – überhaupt existenzfähig gewesen wären."[4]

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    [1] Erhart Neubert: "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Protestantische Wurzeln widerständigen Verhaltens. In: Ulrike Poppe, Rainer Eckert, Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.): Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR (=Forschungen zur DDR-Geschichte; Bd. 6), Berlin 1995, S. 224-243, S. 224.
    [2] Vgl. etwa KvU [Kirche von Unten] (Hg.): "Wunder gibt es immer wieder". Fragmente zur Geschichte der Offenen Arbeit Berlin und der Kirche von Unten, Berlin 1997.
    [3] Vgl. dazu Dieter Rink: Ausreiser, Kirchengruppen, Kulturopposition und Reformer. Zu Differenzen und Gemeinsamkeiten in Opposition und Widerstand in der DDR in den 70er und 80er Jahren. In: Detlef Pollack, Dieter Rink (Hg.): Zwischen Verweigerung und Opposition. Politischer Protest in der DDR 1970–1989, Frankfurt/New York 1997, S. 54-77.
    [4] Michael Haspel: DDR-Protestantismus und politischer Protest. Politische Diakonie der evangelischen Kirchen in der DDR in den 70er und 80er Jahren. In: ebd., S. 78-105, S. 78.



    Dr. Frank Matthias Kammel
    Figur und Abstraktion in der sakralen Kunst Elly-Viola Nahmmacher und Hildegard Hendrichs

    n.n.



    Karl-Heinz Meißner
    Der Evangelische Kunstdienst in der DDR als Sonderfall kirchlicher Wirksamkeit – ein Dienst für die Kunst oder an der Kunst?


    n.n.



    Dr.-Ing. Henriette Freifrau von Preuschen
    Der Umgang mit kriegszerstörten Kirchen in der DDR am Beispiel der Bezirkshauptstadt Magdeburg

    In der DDR herrschte bekanntlich zwar nach dem Gesetz Religionsfreiheit, doch standen die Kirchen als religiöse Gemeinschaften der kommunistischen Ideologie des neu gegründeten sozialistischen Staates entgegen. Damit waren auch die Stätten des christlichen Glaubens, die Kirchenbauten, nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR in ihrem weiteren Bestand besonders gefährdet. Tatsächlich wurden in der DDR zahlreiche Kirchen und Kirchenruinen abgebrochen oder schlicht so vernachlässigt, dass sie verfielen. Viele Kirchenbauten mussten Hochhäusern, großen Platzanlagen oder 'Magistralen' weichen. Demgegenüber wurden – trotz der schwierigen politischen und materiellen Rahmenbedingungen – Kirchenruinen ebenso durch Gemeinden beider Konfessionen gesichert und bis hin zur politischen Wende 1989 wiedererrichtet. Andere wurden vom Staat als Museen oder Konzertsäle umgenutzt oder vollständig umgebaut. Die denkmalpflegerischen und gestalterischen Herangehensweisen reichten von der Rekonstruktion über die Purifizierung bis zur Neugestaltung. Doch sind architektonisch herausragende Wiederaufbauleistungen – im Unterschied zum Westen Deutschlands – selten, bedingt und geprägt durch die spezifischen Bedingungen in der DDR, die dieser Kirchenbestand heute aufschlussreich dokumentiert.
    Die Fragestellung lautet: Warum sind in der DDR einige Kirchen wiederaufgebaut und andere abgebrochen worden? In welcher Form wurden sie wiederaufgebaut und ausgestattet? Welchen Zwängen des sozialistischen Staates waren sie unterworfen? Wurden Kirchenbauten ideologisch instrumentalisiert? Was vermitteln sie über den Staat, seine Kirchenpolitik und sein Geschichtsverständnis, aber auch über die Evangelische und Katholische Kirche in der DDR? Lassen sich unterschiedliche Phasen im Umgang mit den Kirchen in der DDR fixieren? Diesen Fragen wird am Beispiel der Bezirkshauptstadt Magdeburg nachgegangen.




    Dr. des. Verena Schädler
    Katholischer Kirchenbau unter Honecker

    n.n.




    Prof. Dr. Horst Schwebel
    Challenge and Response. Kirche als Ort der Kunstbegegnung zwischen Ost und West


    n.n.

     

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    Dr. Gerd Brüne

    1963 geb. in Arolsen. 1985-1993 Studium der Kunstgeschichte und Neueren Deutschen Literaturwissenschaft in München und Tübingen, Magisterarbeit bei Prof. Dr. Carsten-Peter Warncke zum Thema Ein württembergischer Diplomat und sein Interesse an der Kunst. Die Gemäldesammlung des Christoph Friedrich Karl von Kölle.
    1994-2008 freiberufliche Tätigkeit als Kunsthistoriker. 2003 Abschluss der Dissertation Pathos und Sozialismus. Studien zum plastischen Werk Fritz Cremers (1906-1993) und Promotion an der Universität Kassel, betreut durch PD Dr. Johann Konrad Eberlein. Von Juli 2008 bis Juni 2010 wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Materielles und Immaterielles Kulturerbe UNESCO Paderborn, Universität Paderborn (Forschungsprojekt Kulturerbe – Sakralbauten.

    Publikationen zum Schwerpunkt des Arbeitskreises:
    Wolfgang Mattheuer. Eine deutsche Künstlerkarriere, in: Mattheuer, Tübke, Triegel – Eine Frankfurter Privatsammlung, Katalog zur Ausstellung Frankfurt/M. (Museum Giersch) 2007, S. 19-33.
    Fritz Cremers "Mutter Deutschland". In: Erzählte Zeit und Gedächtnis. Narrative Strukturen und das Problem der Sinnstiftung im Denkmal. Kunsthistorisches Jahrbuch Graz Bd. 29/30, Graz 2005, S. 188-199.
    Pathos und Sozialismus. Studien zum plastischen Werk Fritz Cremers (1906-1993). Schriftenreihe der Guernica-Gesellschaft Bd. 15, Weimar 2005 (= Diss. Kassel 2003).
    Grieshaber in der DDR. Das deutsch-deutsche Projekt "Totentanz von Basel", in: HAP Grieshaber. Figuren – Welten, Katalog zur Ausstellung Karlsruhe (Städtische Galerie) 2003, S. 31-43.
    Zwischen Christentum und Atheismus – "Gekreuzigter", "Auferstehender" und "Endloses Kreuz" des DDR-Bildhauers Fritz Cremer (1906-1993), in: Orientierung. Berichte und Analysen aus der Arbeit der Evangelischen Akademie Nordelbien, H. 4, Hamburg 1998, S. 20-31.

    Kontakt:



    Christoph Deuter

    geboren 1971 Bernburg
    Lehramtsstudium Englisch und Spanisch an der TU Dresden, 1995 - 1997
    Magisterstudium Kunstgeschichte, Katholische Theologie und Mittelalterliche Geschichte an der TU Dresden, 1997 - 2004
    Volontariat und Museumsassistenz am Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, 2005 - 2008
    Werkvertrag mit der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha: Transkription und Auswertung der archivalischen Quellen bezüglich des barocken Inventars des Schlosses Friedenstein, 2008
    Werkvertrag mit Landeskirchenamt Eisenach als Kunstguterfasser, 2009

    Kontakt:



    Hubert Faensen

    n.n.


     
    Prof. Dr. Sigrid Hofer

    Weitere Informationen finden Sie auf der Personalseite des Kunstgeschichtlichen Instituts



    Dr. Paul Kaiser

    1984–1989, Studium der Ästhetik, Kulturtheorie und -geschichte, (Direktstudium Kulturwissenschaft, Nebenfach Theaterwissenschaft) an der Humboldt-Universität zu Berlin
    1989–1993, freiberufliche Arbeit als Kulturjournalist [u.a. Wirtschaftswoche, Zeitmagazin, stern] und PR-Berater
    1993–1995, PR-Berater und Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Leipziger Messe GmbH
    1995–1996, freiberufliche Arbeit als Kulturjournalist für Printmedien [u.a. Tagesspiegel, Wochenpost, stern] und Hörfunk [u.a. Deutschlandfunk]
    1996–1998, Projektleiter und Gastkurator am Deutschen Historischen Museum in Berlin für die Ausstellung "Boheme und Diktatur in der DDR"
    1998–1999, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kunstfonds Dresden zur Vorbereitung der Ausstellung und des Sammelbandes "Enge und Vielfalt. Auftragskunst und Kunstförderung in der DDR"
    1999–heute, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dresden [bis 2008 im SFB 537 "Institutionalität und Geschichtlichkeit", ab 2009 im BMBF-Verbundprojekt "DDR-Depotkunst und Geschichtsvergegenwärtigung"], Lehrauftrag an der Hochschule für Bildende Künste Dresden [Kunstsoziologie]
    2005–2007, Projektleiter des Teilprojektes "Kunsttransfer DDR-UdSSR" innerhalb des von der Getty Stiftung (Los Angeles) finanzierten internationalen Forschungsprojektes "Kunsttransfer – die deutsch-russischen Beziehungen seit dem 17. Jahrhundert" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
    seit 2005, Kunstkorrespondent des Ringier-Verlages, Zürich [Sie+Er, Cicero], Schwerpunkte: Internationaler Kunstmarkt, zeitgenössische deutsche Malerei
    bis 2007, Arbeit am kunstsoziologischen Dissertationsprojekt: "Boheme im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Offizialkultur und Künstlerische Gegenkultur in der DDR" [Phil. Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin]

    Kontakt:



    Dr. Frank Matthias Kammel

    1982-1987 Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie an der Hmboldt-Universität zu Berlin
    Dissertation "Kunst in Erfurt 1300-1360. Studien zu Sklptur und Tafelmalerei"
    1987-1995 Wissenschaftlicher Angestellter der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin (Bodemuseum), ab 1992 Staatliche Museen zu Berlin-Preußischer Kulturbesitz
    seit 1995 Leiter der Skulpturensammlung am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg
    zahlreiche Publikationen, vorrangig zur Skulptur vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, daneben zur Museumsgeschichte und kulturgeschichtlichen Themen

    Kontakt:



    Karl-Heinz Meißner

    n.n.



    Dr.-Ing. Henriette Freifrau von Preuschen

    Geboren in Bonn. Studium der Architektur (Brandenburgische Technische Universität Cottbus) und der Denkmalpflege (University of York).
    2002 bis 2003 wissenschaftliches Volontariat am Denkmalschutzamt Hamburg
    2003 bis 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BTU Cottbus, Lehrstuhl Denkmalpflege, bei Prof. Dr. Leo Schmidt.
    2010 Promotion zum Dr.-Ing. mit der Dissertation 'Der Griff nach den Kirchen – Ideologischer und denkmalpflegerischer Umgang mit kriegszerstörten Kirchenbauten in der DDR'
    seit 2010 Konservatorin im Regierungspräsidium Freiburg, Referat 26 – Denkmalpflege

    Kontakt:



    Dr. Verena Schädler

    n.n.



    Prof. Dr. Horst Schwebel

    geboren 1940 in Frankfurt am Main. Studium der Philosophie, Theologie und der Christlichen Archäologie in Frankfurt und Marburg.
    1966 promoviert über Abstrakte Malerei und Theologie. 1969 Ordination. Habilitiert über "Das Christusbild in der bildenden Kunst der Gegenwart". Von 1980-2006 Professor für Praktische Theologie an der Universität Marburg und Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart. 1997 Dr. theol. h. c. der Universität Helsinki.
    Mitherausgeber der Buchreihe "Ästhetik – Theologie - Liturgik" und der Internetzeitschrift www.theomag.de
    Veröffentlichungen (u. a.): Autonome Kunst im Raum der Kirche, Hamburg 1968; Die Kunst und das Christentum, München 2002; Kirchen – Raum – Pädagogik (Hrsg. m. Sigrid Glockzin - Bever), Münster – Hamburg – London 2002.

    Kontakt: