14.12.2020 Gemeinsames Yoga-Projekt der Marburger Indologie und der Londoner SOAS

Copyright: Hatha Yoga Project

Die Marburger Indologie hat zusammen mit der Abteilung für Indologie an der Londoner School of Oriental and African Studies den Zuschlag für ein "UK-German Project" erhalten, welches gemeinsam vom britischen Arts and Humanities Research Council (AHRC) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Von Januar 2021 an wird an beiden Standorten ein Team von fünf Forscherinnen und Forschern unter der Leitung von James Mallinson und Jürgen Hanneder ein Schlüsselwerk des Haṭha-Yoga erforschen. Die Haṭha(yoga)pradīpikā ist der vielleicht einflußreichste Text des "körperlichen" Yoga, der in den letzten zwei Dekaden als globale Bewegung ein schier unglaubliches Wachstum vollzog. Ob man nun die wirtschaftlichen Daten betrachtet – die Branche setzt jedes Jahr viele Milliarden Euro um –, oder das Phänomen des Kulturkontaktes – in keinem Gebiet ist der Einfluß indischer Kultur auf die Welt vermutlich größer –, es handelt sich um eine spektakuläre Entwicklung, deren Erforschung mit London als Gravitationszentrum in den letzten Jahren erheblich an Fahrt aufgenommen hat.

Die Begleitumstände dieser globalen Bewegung zu untersuchen, ist eine soziologische, religionswissenschaftliche und angesichts der indischen Kulturpolitik auch politologische Aufgabe. Wie die indischen Ansprüche an das copyright für den Yoga zeigen, fehlte der Forschung aber lange eine klare Vorstellung von der historischen Entwicklung des körperlichen Yoga. War er so alt wie die Yoga-Bewegung oder gar die Esoterik dachte, oder war er im Gegenteil vor allem eine Erfindung der späten Kolonialzeit? Erst durch die jüngsten Forschungen in London läßt sich mit Hilfe neuer Quellen die Entwicklung des Haṭha-Yoga genauer nachzeichnen.

Trotz des großen Erfolgs dieser Studien, fehlte in diesem Mosaik bisher noch ein wichtiges Segment:
die Haṭhapradīpikā, ein Text, der zwar oft als normativ für die weitere Entwicklung des Yoga bis in die Moderne angesehen wird, hinter dem sich aber mehrere Versionen recht unterschiedlicher Länge verstecken. Der Text ist – angesichts seiner Popularität nicht verwunderlich – in einer großen Zahl an Handschriften überliefert, deren Details einiges über die Rezeptionsgeschichte und Entwicklungsdynamik einer mittelalterlichen Bewegung auf dem Weg in die Neuzeit verraten kann. Gedruckt ist allerdings nur ein Ausschnitt aus dieser Vielfalt. Das Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Haṭhapradīpikā in allen Versionen zu erschließen, also die Originaltexte kritisch zu edieren, zu übersetzen und zu kommentieren.

Während die Londoner Gruppe seit längerem das internationale Zentrum der Yoga-Forschung darstellt, wird Marburg seine in vielen Projekten erprobte editionswissenschaftliche Expertise einbringen. Für den Leiter des Fachgebietes Indologie an der Philipps-Universität verbindet sich mit der Kooperation eine längerfristige Erweiterung der Forschungsschwerpunkte, die bisher vor allem in der kaschmirischen Sanskritliteratur liegen, um die Erforschung der vielfältigen Ausprägungen des Yoga. Die Kooperation, die von den ehemaligen Studienkollegen Mallinson und Hanneder geleitet wird, ist zugleich ein Zeichen für die englisch-deutsche Forschungskooperation, die in der Indologie in Deutschland seit ihrer Gründung praktiziert wurde, und die sich auch durch eine vorübergehende Beeinträchtigung durch die Politik nicht beirren läßt.

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