30.06.2019 Nachruf auf Prof. Dr. Karl-Bernhard Gundlach

von Prof. Dr. Werner Schaal

Karl-Bernhard Gundlach wurde am 4. Januar 1926 in Kassel geboren. Seine ersten sechs Lebensjahre verbrachte er in Friedberg (Hessen), die Zeit bis zu seiner Einberufung 1943 zur Deutschen Wehrmacht in Schwerin. Das Studium der Mathematik und Physik durfte er als „Prisoner of War“ (PoW) im Wintersemester 1947/48 an der University of Durham in England beginnen. Im Jahre 1948 kehrte aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Danach setzte er sein Studium ab dem Sommersemester 1948 in Hamburg fort, wo er es im März 1953 mit dem Diplom in Mathematik abschloss. Bereits ein Jahr später wurde er in Münster bei Prof. Dr. Hans Petersson (1902-1984) zum Dr. rer. nat. im Fach Mathematik promoviert. Vermutlich folgte er Petersson von Hamburg an die Universität Münster. Nach einem etwa halbjährigen DFG-Stipendium nahm er eine wissenschaftliche Assistentenstelle in Göttingen an, auf der er von 1955-1960 arbeitete. In Göttingen erwarb er 1958 die Venia legendi im Fach Mathematik.

Es folgten eine Dozentur und anschließend eine Professur in Münster, eine Gastprofessur 1966 an der University of Arizona in Tucson und eine weitere am Tata Institute of Fundamental Research 1973/74 in Bombay. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch Carl Ludwig Siegel (1896-1981) mehrfach am Tata Institute lehrte und arbeitete. Im Mai 1973 nahm Gundlach einen Ruf auf eine H4-Professur in Marburg an, die er bis zu seiner Emeritierung 1994 innehatte. Diese Professur war durch Richerts Weggang an die Universität Ulm frei geworden.

Wissenschaftlich widmete sich Gundlach dem Gebiet der Modulfunktionen, insbesondere den Hilbertschen Modulfunktionen. Er leistete hierzu wegweisende Beiträge, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Während seiner Zeit in Göttingen lehrten in Göttingen auf diesen Gebieten vor allem die Professoren Carl Ludwig Siegel und Max Deuring (1907-1984). Auch Helmut Klingen (1927-2017), ein Schüler Siegels, war zu dieser Zeit wissenschaftlicher Assistent und später Privatdozent in Göttingen. Ebenso war sein Marburger Vorgänger Hans-Egon Richert (1924-1993), ein Schüler Deurings, zu seiner Zeit in Göttingen. Sein zahlentheoretisches Interesse schlägt sich in einem BI-Taschenbuch „Einführung in die Zahlentheorie“ von 1972 nieder. Diese Einführung unterscheidet sich durchaus von anderen Darstellungen, da er darin die algebraischen Komponenten der Zahlentheorie stark betont und intensiv auf die Zahlentheorie in algebraischen Zahlkörpern eingeht. Dies ist natürlich durch seine wissenschaftlichen Arbeiten über Modulfunktionen zu verstehen. Sein ausgeprägtes Interesse an der Algebra wird übrigens auch in seiner Anfängervorlesung über Lineare Algebra I und II deutlich, die im zweiten Teil ganz wesentlich einer Einführung in die Algebra gleichkam. Gundlach schrieb 1973 ein umfangreiches Lehrbuch mit dem Titel „Infinitesimalrechnung“ (660 Seiten), erschienen im Vieweg-Verlag. Es dürfte für Anfänger nicht leicht verständlich sein, da er von recht allgemeinen topologischen Ansätzen ausgeht. Hervorzuheben ist sein ebenfalls sehr ausgeprägtes Interesse an der Geschichte der Mathematik, vor allem an der aus Antike und Orient. Hierüber bot er in Göttingen gelegentlich Vorlesungen an.

Persönlich war Gundlach sehr zurückhaltend und er gab wenig von sich preis. Dennoch beteiligte er sich stets in der Selbstverwaltung des Fachbereichs. So war er beispielsweise dreimal Dekan. Darüber hinaus gehörte er über viele Jahre dem Konvent der Philipps-Universität als Mitglied an, ebenso dem sog. „Ständigen Ausschuss III“, dem Haushaltsausschuss.

Bis in sein hohes Alter verfolgte er aufmerksam die moderne mathematische Literatur. Er kam regelmäßig, lange Zeit beinahe täglich, in die mathematische Bibliothek unseres Fachbereichs. Zweifellos verkörperte Gundlach das Bild eines klassischen Gelehrten und Professors. Er verstarb am 28. Mai 2019 im Alter von 93 Jahren.