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Transnational Advocacy Networks muslimischer Frauen in Südostasien und Nahost

gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung (2010-2012), geleitet von Prof. Dr. Claudia Derichs und bearbeitet von Dana Fennert


Überblick

  • Untersuchungsgegenstand: Islamische TANs und ihre Countermovements
  • Konkretes Fallbeispiel: das Netzwerk Musawah
  • Konkrete Länderstudien: Malaysia, Marokko
  • Forschungsansatz: soziale Bewegungsforschung (politische Gelegenheitsstrukturen, transnationale Netzwerke etc.)
  • Methoden: vorwiegend qualitativ, unterstützt durch quantitative Erhebungsdaten

Hintergrund

Erfolgreiche Zusammenschlüsse von Frauen seit dem Beginn der UN-Frauendekade im Jahr 1975 haben gezeigt, dass mittels internationaler Institutionen und Regelwerke auf nationaler Ebene Druck zur Durchsetzung von Reformforderungen erzeugt werden kann. Folgerichtig haben Gründung und Proliferation transnationaler Kooperationsforen zugenommen und sind als neue Akteurskonstellationen auch in der Forschung zu einem Untersuchungsgegenstand avanciert, der über das gängige Repertoire der Analyse sozialer Bewegungen („Bewegungsforschung“) hinausgeht. Der jüngeren Kategorisierung in der Forschung zufolge werden transnationale Kollaborationsformate, die sich einem bestimmten Thema widmen, als transnational advocacy networks (TAN) charakterisiert. Als TAN können demzufolge auch die transnationalen islamischen Frauennetzwerke bezeichnet werden, die sich vornehmlich der Reform der islamischen Familiengesetze widmen. Das Projekt richtet den Blick auf solche Netzwerke und wählt als Fallbeispiel das im Jahr 2007 gegründete Netzwerk Musawah aus, welches von international führenden muslimischen Reformerinnen getragen wird und sich als „globale Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit in der muslimischen Familie“ versteht. Der Fokus der Bewegung ist auf die Verankerung von Gleichheits- und Gerechtigkeitsprinzipien in der islamischen Familiengesetzgebung (Personenstandsrecht) gerichtet. Die Familiengesetze werden indes auf der nationalen Ebene formuliert und implementiert, so dass der Impetus der transnationalen Bewegung klar auf eine Veränderung der nationalen Gesetzgebung zielt. Beispielgebend für eine gelungene Reform auf nationaler Ebene ist Marokko, welches das derzeit „frauenfreundlichste“ Familiengesetz innerhalb der Staatengemeinschaft der OIC (Organization of Islamic Conference) aufweist. Einen Rückschritt hat hingegen Malaysia gemacht, indem die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten des Landes sukzessive „Reformen“ ihrer Familiengesetze verabschiedeten, welche im Vergleich zum vorher geltenden Recht erhebliche Benachteiligungen von Frauen etwa im Bereich des Scheidungsrechts mit sich bringen. Dies ist umso bemerkenswerter, als von Malaysia in den letzten beiden Dekaden eine Reihe von Frauen(-rechts-)initiativen innerhalb und über die Region Asien-Pazifik hinaus ausgegangen ist, die sich dem Thema der Geschlechtergerechtigkeit widmen. Ungeachtet der signifikanten Unterschiede im jeweiligen nationalen politischen und rechtlichen Kontext haben sich 2007 zahlreiche islamische Reformerinnen auf Initiative der malaysischen NGO Sisters in Islam zum Netzwerk Musawah zusammengeschlossen, um kraft transnationaler Advocacy-Arbeit in ihren jeweiligen Nationalstaaten (verstärkten) Reformdruck im Bereich der islamischen Familiengesetzgebung auszulösen. Gleichwohl sprechen die Musawah-Aktivistinnen keinesfalls für die überwältigende Mehrheit der Frauen in ihren Heimatländern, denn traditionalistisch oder konservativ-islamistisch ausgerichtete Organisationen vermögen – in Reaktion auf die Aktivitäten von Organisationen wie Sisters in Islam oder Netzwerken wie Musawah – ebenfalls eine beachtliche Anhängerschaft zu mobilisieren und für ihre jeweilige Auslegung des Konzeptes Familie zu werben. Die Forschung bezeichnet diese Bewegungen als countermovements (Gegenbewegungen). Auch sie sind in der Literatur behandelt worden, allerdings primär als Phänomen auf nationaler Ebene.


Fragestellung

Das Projekt untersucht das Netzwerk Musawah als Fallbeispiel für eine transnationale zivilgesellschaftliche Organisationsform, die sich für Reformen in einem Jurisdiktionsbereich einsetzt, der ausschließlich auf Muslime und Musliminnen Anwendung findet (= islamische Familiengesetze). Im Unterschied zu Netzwerken wie Women Living Under Muslim Laws oder der Women's Islamic Initiative in Spirituality and Equity, welche eine weitaus umfassendere Agenda aufweisen, richten sich die Aktivitäten vom Musawah dezidiert auf das Konzept der muslimischen Familie. Im Unterschied zu Süd-Süd-Netzwerken wie Development Alternatives for a New Era, welche ungeachtet jedweder religiösen Affiliation Themen aufgreifen, die insbesondere die Frauen im globalen Süden / in Entwicklungsländern beschäftigen, adressiert Musawah all diejenigen Frauen (und Männer), die im Bereich der Familiengesetzgebung einer islamischen Jurisdiktion unterstehen – ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zum globalen Norden oder Süden. Die themenbezogene Aufgabe macht Musawah zu einem geeigneten Fallbeispiel für ein transnational advocacy network muslimischer Frauen. Während die Forschung zu transnationalen Bewegungen und advocacy networks unterschiedlicher Ausrichtung und Provenienz kein Novum darstellt, stellt die Beziehung zwischen islamischen TANs und den ihnen entgegenstehenden countermovements einen noch relativ wenig beachteten Untersuchungsgegenstand dar. Das Projekt möchte diese Lücke füllen und

  1. zunächst das Organisationsformat und die Zielerreichungsstrategien des TAN Musawah im Vergleich zu anderen islamischen Frauennetzwerken analysieren;
  2. auf dieser Basis die Diffusion der Musawah-Aktivitäten in die nationalen Arenen der „Mitgliedsländer“ anhand qualitativer Methoden (leitfadengestütze Interviews und Dokumentenanalyse) und unter Zuhilfenahme quantitativer Erhebungsdaten (vorliegende und zugängliche Umfragedaten) untersuchen; sowie
  3. mittels der Befunde für die nationale und transnationale Ebene die Organisationsformen von countermovements erfassen; um
  4. in Verbindung mit der Analyse des TAN Musawah auch Aussagen über den Charakter von countermovements zu treffen: Sind sie primär national organisiert oder stellen sie einen genuinen transnationalen Gegenpart dar? Auf welchen gemeinsamen islamischen Nenner beruft sich eine (mögliche) transnationale Gegenbewegung?

Am Beispiel Musawahs sollen Erkenntnisse über die Beziehung zwischen einer transnationalen islamischen Reformbewegung und ihren konservativ-islamistischen Gegenströmungen erzielt werden. Auf der nationalen Ebene sind diese Gegenströmungen gut identifizierbar: In Malaysia bildet die Islamische Partei (PAS) den Nukleus der Gegenbewegung; in Marokko ist es die von Sheikh Abdesslam Yassine gegründete Wohlfahrtsvereinigung Al Adl Wal Ihsan (Vereinigung für Gerechtigkeit und Spiritualität), die immer wieder Demonstrationen gegen die Familienreform ins Leben gerufen haben. Über die transnationale Dimension der Gegenbewegung(en) indes lassen sich nur Vermutungen äußern.


Methodische Herangehensweise

Die Diffusionseffekte der transnationalen Musawah-Aktivitäten auf der jeweiligen nationalen Ebene zu untersuchen, würde die Erforschung der Situation in mindestens elf Ländern bedeuten. Da dies in einem Projektteam von zwei Personen im Rahmen von zwei Jahren nicht leistbar ist, sollte eine methodisch sinnvolle Fallauswahl erfolgen. In der vergleichenden Politikwissenschaft (= Fachgebiet der Antragstellerin) käme für solche Auswahlprozesse der Ansatz des most similar oder des most different systems design in Frage. Da es sich im vorliegenden Fall allerdings nicht um eine vergleichende Zwei-Fälle-Untersuchung im klassischen Sinne der komparativen Politikwissenschaft handelt, sondern die transnationale Dimension im Mittelpunkt steht, bietet sich der Ansatz der Bewegungsforschung mit den genannten drei Dimensionen der politischen Gelegenheitsstrukturen, der Ressourcenmobilisierung und des framings an. Gleichwohl manifestieren sich Erfolg und Widerstand im Falle Musawahs jeweils am ehesten auf der nationalen Ebene, d.h. die transnationale Ebene kann nur mittelbar über die empirische Vor-Ort-Arbeit auf nationaler Ebene erfasst werden. Die Forschungsarbeit sollte daher in mindestens zwei Ländern erfolgen, in denen Muswah-Aktivistinnen tätig sind. Die Auswahl dieser Länder ist vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des TAN Musawah sowie dem Bestreben, vor allem auch den nicht-arabischen Islam ins Blickfeld zu rücken, nach folgenden Kriterien vorgenommen worden:

  • Marokko stellt das Erfolgsbeispiel für die Reform des nationalen islamischen Familiengesetzes dar. Es repräsentiert ein Land der MENA-Region (= Middle East and North Africa) und ist die Heimat international bekannter islamischer Frauenrechtlerinnen wie Fatima Mernissi oder Jamila Hassoune.
  • Malaysias Sisters in Islam (SIS) sind mittlerweile weltweit bekannt und haben die Initiative zur Gründung des transnationalen Netzwerks Musawah ergriffen. Zentrale Persönlichkeiten der Organisation sind Zainah Anwar und Norani Othman; auch Amina Wadud gehört zum engeren Kreis, wenngleich sie nicht mehr in Malaysia lebt. Gleichwohl war die malaysische Kampagne gegen die Änderungen des Familiengesetzes im Unterschied zu Marokko nur von wenig Erfolg gekrönt. Malaysia repräsentiert ein Land der asiatisch-islamischen Region.

Zuletzt aktualisiert: 30.08.2010 · rogalskd

 
 
 
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