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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

Hanna Kasparick, Lutherstadt Wittenberg

Universitätsgottesdienst am 6.12.2009

Predigt über Josua 6, 1-6.11.14-18.20

 

 

Liebe Gemeinde,

 

„Über Grenzen“, so heißt Ihre Predigtreihe. Und da darf natürlich in diesem Jahr, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, eine biblische Erzählung nicht fehlen, die damals für uns ganz neu zum Leuchten gekommen ist. Wir hören den Predigttext aus dem Buch Josua:

 

Jericho aber war verschlossen und verwahrt vor den Israeliten, so dass niemand heraus- oder hineinkommen konnte. Aber der HERR sprach zu Josua: Sieh, ich habe Jericho samt seinem König und seinen Kriegsleuten in deine Hand gegeben. Lass alle Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen einmal, und tu so sechs Tage lang. Und lass sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage zieht siebenmal um die Stadt, und lass die Priester die Posaunen blasen. Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen, und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen, ein jeder stracks vor sich hin.

 

Da rief Josua, der Sohn Nuns, die Priester und sprach zu ihnen: Bringt die Bundeslade, und sieben Priester sollen sieben Posaunen tragen vor der Lade des HERRN.

 

So ließ er die Lade des HERRN rings um die Stadt ziehen, einmal, und sie kamen zurück in das Lager und bleiben darin über Nacht. Am zweiten Tage gingen sie auch einmal um die Stadt und kamen zurück ins Lager. So taten sie sechs Tage. Am siebenten Tage aber, als die Morgenröte aufging, machten sie sich früh auf und zogen in derselben Weise siebenmal um die Stadt; nur an diesem Tag zogen sie siebenmal um die Stadt. Und beim siebenten Mal, als die Priester die Posaunen bliesen, sprach Josua zum Volk: macht ein Kriegsgeschrei! Denn der HERR hat euch die Stadt gegeben. Aber die Stadt und alles, was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein. Nur die Hure Rahab soll am Leben bleiben und alle, die mit ihr im Hause sind; denn sie hat die Boten verborgen, die wir aussandten. Aber alles Silber und Gold samt dem kupfernen und eisernen Gerät soll dem HERRN geheiligt werden, dass es zum Schatz des HERRN komme.

 

Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei, und man blies die Posaunen. Und als das Volk den Hall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei. Da fiel die Mauer um, und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder stracks vor sich hin. So eroberten sie die Stadt.

 

I

 

Vermutlich hatten sie mit allem gerechnet – damals, die Bürger von Jericho:

-       mit Belagerung

-       mit Angriff

-       mit Kriegslist.

Darauf waren sie vorbereitet. Die Stadtmauern waren fest geschlossen. Niemand konnte heraus oder herein. So erzählt es das Buch Josua. Die Sicherheitsvorkehrungen waren perfekt.

 

Mit allem hatten sie gerechnet. Nur nicht mit Posaunen und Prozessionen. Nicht mit der Beharrlichkeit der Menschen, die nur einer Liturgie trauten und dem Klang der Hörner. Sechs Mal zogen die Israeliten um die Stadt. Und am siebenten Tag:

 

Da fiel die Mauer um.

 

„Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Egal, wer aus der damaligen Führungsriege der DDR diese Worte im Herbst 1989 gesagt hat, sie treffen den Kern des Geschehens:

-       Die Kampfgruppen standen bereit, nicht nur in Leipzig.

-       Die Volksarmee war alarmiert.

-       Die Krankenhäuser hatten Stationen freigeräumt und Blutkonserven für Schussverletzte bereit gestellt.

 

Sie waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete. Am 25. September 1989 wagten es die Teilnehmer des Friedensgebetes in der Leipziger Nikolaikirche zum ersten Mal, auf dem Leipziger Ring zu demonstrieren. Zaghaft ging es los. Am Anfang hielten die Demonstranten noch an den roten Ampeln an, um die Straße vorschriftsmäßig zu überqueren. Am 9. Oktober jedoch gehörte der ganze Ring den Demonstranten. Erstmals gelang es, die Innenstadt zu umrunden. Und die Rufe wurden immer lauter:

-       Wir sind das Volk!

-       Keine Gewalt!

-       Schließt euch an!

War das Kriegsgeschrei? Nein, kein Kriegsgeschrei. Aber eine Kampfansage, eine Kampfansage gegen Unfreiheit und Einschüchterung. Sie war nicht gegen die eigenen Leute gerichtet, die auf der anderen Seite standen. So wurden die Sicherheitskräfte von den Demonstranten immer wieder in Gespräche verwickelt. Und die befürchtete Eskalation blieb aus. Kerzen und Gebete hatten die Befehlshaber verunsichert und die Demonstranten gewaltlos bleiben lassen.

 

Sechs mal zogen die Leipziger ab dem 25. September über den Ring. Und nach dem siebenten Mal kam dem 9. November:

 

Da fiel die Mauer um.

 

Hatte am 9. Oktober die friedliche Revolution ihren ersten Sieg errungen, so fiel am 9. November das große Symbol der Unterdrückung, die Berliner Mauer:

-       die Mauer der Bevormundung.

-       die Mauer der Unfreiheit.

-       die Mauer des Todes und der Menschenverachtung.

 

Ja, es ist richtig. Nach dem 9. November verlor der Drang zu inneren Reformen bei vielen Menschen in der DDR an Dynamik. Die Neugier auf den anderen Teil Deutschlands und der Wunsch nach Konsum traten in den Vordergrund. Ich gehöre zu denen, die das damals neben aller Freude auch bedauert haben. Doch die Freude überwog. Es war ein Glücksgefühl nun endlich an der Gestaltung des eigenen Gemeinwesens mitwirken zu können. Es war ein Glücksgefühl zu wissen, dass wir in Zukunft Einfluss darauf haben würden, was in Schulen und Kindergärten gelehrt werden sollte. Es war ein Glücksgefühl, freie Wahlen vorbereiten zu können. Dieses Glücksgefühl spüre ich noch heute, wenn ich an diese Zeit denke.

 

Und für mich war es ein ebenso großes Glück, nun mit meinen Kindern und meiner Mutter, die 28 Jahre lang ihre Familie im Westteil der Stadt nicht hatte besuchen können, einfach einmal nach West-Berlin zu fahren.

 

Da fiel die Mauer um. Und wir waren wie die Träumenden.

 

II

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

die Erzählung von der Eroberung Jerichos spielt in der jüdischen und der christlichen Tradition eine große Rolle. weil sie an entscheidender Stelle von Gott erzählt. Gott bekommt hier einen neuen Namen: „Der die Mauern zerbricht“. Der Gott, der aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat, der bringt Mauern der Abwehr zum Einsturz, der schenkt Freiraum. Anders konnte Israel die Erfahrung seiner Geschichte nicht deuten; anders konnten die Sklaven Nordamerikas ihre Hoffnung auf Befreiung nicht ausdrücken - wir haben es vorhin vom Chor gehört: „Joshua fit the battle of Jericho“ -;  und anders kann auch ich es  nicht sagen: Gottes Geist war unter uns. Die Revolution der Kerzen blieb friedlich. Wir haben ihn hier gefunden, den Gott der die Mauern zerbricht. –  Und die größte unter ihnen ist immer noch die, die uns Menschen von ihm trennt.

 

Wir feiern Advent. Wir feiern, dass Gott sich nicht zu schade ist, auch diese Mauer zu überwinden. Wir feiern sein Kommen: Gott kommt zu uns, nimmt unsere Gestalt an und reißt den Zaun nieder, der immer wieder Menschen von Menschen trennt. „Christus ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.“, heißt es im Brief an die Epheser

 

„Der die Mauern zerbricht“, dieser Name Gottes gilt, auch wenn sich die historische Situation der Eroberung Jerichos vermutlich ziemlich anders darstellt als es diese Geschichte erzählt.

Einen großen, umfassenden Sieg über die Kanaanäer hat es für die Israeliten nicht gegeben. Man muss sich den Prozess der sogenannten Landnahme eher als ein allmähliches Geschehen der Besiedelung vorstellen, das in einer Zeit geschah, in der die kanaanäischen Stadtstaaten ohnehin politisch geschwächt waren. Die israelitischen Stämme haben das Land vermutlich weitgehend friedlich besiedelt.

 

Und doch bleibt da ein Wunder. Doch das Wunderbare an dieser Erzählung ist nicht ein spektakuläres, übernatürliches Eingreifen himmlischer Mächte, auch kein Ereignis, das die Logik unserer Geschichtserkenntnis in Frage stellt. Es ist eine Gotteserfahrung, die scheinbar unverrückbare, eherne Gesetze unserer menschlichen Erfahrung durchbricht.

 

Ein ehernes Gesetz lautete damals: Gegen die kulturell weit überlegenen Kanaanäer hat die kleine Mosegruppe sowieso keine Chance. Also muss sie draußen bleiben. Ein ehernes Gesetz 1989 hieß: Es wird so kommen wie 1953, wie 1968, wie auf dem Platz des himmlischen Friedens.

 

Dass beides nicht geschah, weder vor 3000 noch vor 20 Jahren, das ist das eigentliche Wunder. Wir haben es erlebt: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Und:

 

Da fiel die Mauer um.

 

III

 

Doch wie lebt es sich nun jenseits der gefallenen Mauern? Da gibt es eine Schattenseite in unserer Erzählung. Eine Seite, die tief erschreckt. Das ist die Rede vom Bann. Bann bedeutet: Alles, was in der Stadt an fremdem Leben ist, muss vernichtet werden. Und alles Gold und Silber, alles was wertvoll ist, muss zur Lade Gottes, zu den Priestern gebracht werden. Kann das sein? Völkermord und Enteignung?

 

Sicher, könnten wir uns damit beruhigen, dass wir wissen: Der Bann ist so nie vollzogen worden. Er ist eine theologische Konstruktion, die verhindern soll, dass kulturelle und religiöse Vermischung entsteht. Wir könnten auf die Bibelstellen hinweisen, die den Bann zurücknehmen. Und auf die große Gottesgeschichte, voller Erbarmen gegenüber allen seinen Menschenkindern. Doch ich meine, wir sollten diese Schattenseite der Geschichte nicht zu schnell beiseite legen. Denn sie weist sie uns ja auf unsere eigenen Schattenseiten hin.

 

Ich erlebe ihn immer wieder, den Wunsch, was unliebsam ist, was fremd ist und verstört, in den Bann zu tun - wegzuschieben, damit ein Neuanfang vermeintlich leichter gelingen kann. Unsere Bischöfin Ilse Junkermann ist wegen einer Äußerung in ihrem ersten Bericht vor der Synode von der Presse und von den ehemaligen Bürgerrechtlern der DDR heftig angegriffen worden. Sie hatte gesagt: „So ist Versöhnung oder zumindest Schritte dorthin mit denen, die einen einst bespitzelt und verraten haben, eine Aufgabe, die noch mehr vor als hinter uns liegt.“ Und sie hat dafür geworben, „diejenigen die dem DDR-Regime nahe standen nicht in Schubladen zu sperren.“ Sie hat wohlgemerkt nicht dafür plädiert, die Aufarbeitung des DDR-Unrechts auszusetzen oder gesagt, es wäre egal, ob einer in öffentlichen Ämtern eine Stasi-Vergangenheit hat oder nicht. Und doch war der Protest heftig. Was verbirgt sich hinter diesem Protest? Vielleicht doch die heimliche Sehnsucht, ein „Bann“, eine Mauer, die säuberlich die Widerständigen von den Angepassten trennt, wäre die einfachere Lösung im Umgang mit der Vergangenheit?

 

Da fiel die Mauer um?

 

Wir müssen noch viel mehr einander unsere Geschichten erzählen. 

 

Noch ein zweiter Gedanke bewegt mich in diesem Zusammenhang: In der vergangenen Woche hat das Ergebnis des Volksentscheids in der Schweiz viel Betroffenheit ausgelöst. Wird der Westen fundmentalistisch?, so fragen manche. Was dieser Volksentscheid  zeigt – der übrigens bei uns vermutlich ähnlich ausgegangen wäre - ist ein verbreitetes Gefühl der Bedrohung, der Bedrohung durch die islamische Kultur. Und er zeigt den Wunsch, sich durch Mauern des Verbots vor Fremdem und vor Fremden zu schützen. Wie dieses Gefühl ernst genommen werden kann und wir doch darüber hinauskommen, darüber hinauskommen und nicht den rechtspopulistischen Kräften das Feld überlassen, das ist die Frage.

 

Abschottung jedenfalls ist der falsche Weg. Das erzählt unser Predigttext. Zu einer offenen Gesellschaft, die zwar nicht ohne Schutz da steht- ohne den Schutz des Rechts, das für alle gilt -, gibt es keine Alternative.

 

Da fiel die Mauer um?

 

Wir brauchen noch viel mehr Begegnungen mit unseren muslimischen Nachbarn.

 

IV

Liebe Gemeinde,

 

weil innere Mauern und äußere Mauern oft so schwer zu überwinden sind, darum brauchen wir die Wundergeschichten: die Wundergeschichte vom Fall der Mauern von Jericho und die Wundergeschichten von der friedlichen Revolution und dem Fall der Berliner Mauer. Diese Geschichten stehen gegen die Verführungskraft, gegen die Sogkraft der Mauern unter uns. Sie stehen gegen den Sog zur Resignation: „Angesichts solcher Befestigungen kann man ja doch nichts tun.“ Und sie stehen gegen die Verführung zu einer falschen Sicherheit, die sich auf Mauern verlässt. Es gibt keine Sicherheit durch Einmauern. Wer aufs Einmauern und Abschotten setzt, wird über kurz oder lang scheitern.

 

Worauf setzen wir Vertrauen? Auf Mauern? Oder auf den Gott, der die Mauern zerbricht und uns dennoch nicht schutzlos lässt?

 

„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab“, das ist die alte Adventsbitte der Propheten. „Ach, dass du kommst, immer wieder, und die Zäune der Feindschaft unter uns niederreißt“, darum lasst uns jetzt bitten.

 

Amen.



Zuletzt aktualisiert: 16.12.2009 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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