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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

Rainer Kessler

Universitätsgottesdienst am 18.11.2009 zum Buß- und Bettag

Predigt über Gen, 32-33

"Versöhnung ist nicht umsonst"





 

Die Bibel enthält eine ganze Reihe von Brüdererzählungen. Sie handeln von Konflikten zwischen den Brüdern und deren Lösung. Gleich beim ersten Brüderpaar Kain und Abel besteht die Lösung im Brudermord – die denkbar schlechteste Lösung. Bei Ismael und Isaak steht der Konflikt zwischen den Müttern im Vordergrund, und so wird die Mutter Ismaels mit ihrem Sohn vertrieben. Bei Josef und seinen Brüdern geht bekanntlich alles gut aus. In Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn hat der Vater eine wichtige Rolle. Aber auch da spielt im Hintergrund ein Bruderkonflikt mit –die Lösung bleibt offen.

Heute nun richtet sich unser Blick auf Jakob und Esau. Auch sie sind Brüder, Zwillinge sogar. Und auch sie geraten in Streit. Schon im Mutterleib fallen sie übereinander her.

 

Rebekka wurde schwanger. Doch dann schlugen sich die Kinder in ihrem Leib und sie sagte: »Wenn das so ist, wozu bin ich dann da?« Und so ging sie hin, Adonaj zu befragen. Und Adonaj sagte ihr:

»Zwei Völker sind in deinem Leib,

zwei Nationen trennen sich bereits in deinem Schoß.

Eine Nation ist der anderen überlegen,

und der Ältere wird für den Jüngeren arbeiten.«

Als dann die Zeit der Geburt kam, siehe, da waren Zwillinge in ihrem Leib. Und der erste kam heraus – rötlich und ganz behaart wie mit einem Prachtgewand. Und sie nannten ihn Esau. Dann kam sein Bruder, und dessen Hand hielt die Ferse Esaus umklammert, und er erhielt den Namen Jakob.

 

Zwei Brüder, die sich im Mutterleib schon schlagen. Der Ältere erhält zudem die schlechtere Prognose von Gott persönlich. Der Jüngere hält bei der Geburt auch noch die Ferse des Erstgeborenen, als wolle er ihn im Geburtskanal noch überholen. Das schafft er zwar nicht. Aber er hat die göttliche Prophezeiung: „Der Ältere wird für den Jüngeren arbeiten“. Zielstrebig macht er sich daran, sie zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Als erstes kauft Jakob dem Älteren seinen Vorrang als Erstgeborener ab – um ein Linsengericht, was bekanntlich bei uns zum Sprichwort geworden ist. Das mag noch hingehen im Vergleich zu dem, was dann folgt. Angestiftet von seiner Mutter macht sich Jakob, der Jüngere, daran, den blinden Vater willentlich und arglistig zu täuschen, um ihm den Erstgeburtssegen abzuluchsen, der eigentlich Esau, dem Älteren, zugestanden hätte. Dass Esau sich danach mit dem Gedanken trägt, Jakob zu töten, und dass die intrigante Mutter ihm rät, sich lieber zur weit entfernt wohnenden aramäischen Verwandtschaft zu verziehen, ist nur verständlich.

 

Mach dich auf, sagt Rebekka, mach dich auf, flieh zu meinem Bruder Laban nach Haran und bleibe einige Zeit bei ihm, bis sich die Wut deines Bruders legt, bis sich der Zorn deines Bruders von dir abwendet und er vergisst, was du ihm angetan hast.

 

„… bis er vergisst, was du ihm angetan hast“, hatte Rebekka zu Jakob gesagt. 20 Jahre blieb Jakob in der Fremde. Er heiratete zwei Frauen, er bekam elf Söhne und eine Tochter. Er wurde sehr reich an Herden, Vieh und Menschen. Doch als er endlich zurückkehrt, weiß er: Sein Bruder hat nichts vergessen. Einfach Wegsein – und wenn es 20 Jahre sind – ist keine Versöhnung. Und wo die Wunden so tief sind, kann es auch kein Vergessen geben.

Als Jakob zurückkehrt, ist ihm klar, dass er nicht so tun kann, als sei nichts gewesen. Er schickt – noch aus sicherem Abstand – Boten zu seinem Bruder.

 

Und er beauftragte sie: »So sollt ihr sprechen zu meinem Herrn und Gebieter, zu Esau: ›So spricht dein Knecht Jakob: Bei Laban war ich als Fremder und bin dort bis jetzt geblieben. Ich habe Rinder und Esel, Kleinvieh und Sklaven und Sklavinnen bekommen. Nun sende ich Boten, um es meinem Herrn mitzuteilen, damit ich Wohlwollen in deinen Augen finde.‹«

Die Antwort der Boten ist wenig ermutigend. Sie sagen, Esau sei schon unterwegs, ihm entgegen, und bei sich habe er 400 Mann. 400 Mann? Für eine freundschaftliche Begrüßung sind das etwas viel. Der Erzähler vermerkt: „Da geriet Jakob in große Furcht und Bedrängnis.“ Doch sogleich erwacht in ihm wieder das alte Schlitzohr. Er teilt sein Lager in zwei Teile. Sein Kalkül ist einfach:

»Wenn Esau kommt und das eine Lager schlägt, ist das übrig gebliebene Lager die Rettung.«

 

Die Hälfte also schreibt er vorsorglich schon einmal ab. Außerdem stellt er eine gewaltige Abgabe für seinen Bruder zusammen, um ihn zu besänftigen. Der Text zählt es auf – es ist ein schier unermesslicher Reichtum: „200 Ziegen und 20 Ziegenböcke; 200 Schafe und 20 Widder; 30 säugende Kamele mit ihren Jungen; 40 Kühe und 10 Stiere; 20 Eselinnen und 10 Eselhengste.“ Das alles bietet er Esau als Geschenk an. Die Worte, die er dazu sagt, müssen wir uns gut merken:

 

»Versöhnen will ich sein Angesicht durch die Abgabe, die vor meinem Angesicht herzieht. Danach werde ich sein Angesicht sehen, vielleicht hebt er mein Angesicht zu sich empor.« So ging die Abgabe vor seinem Angesicht her …

 

Das entscheidende Wort klingt uns im Ohr: Fünfmal ist in diesen wenigen Sätzen vom Angesicht die Rede: „‚Versöhnen will ich sein Angesicht durch die Abgabe, die vor meinem Angesicht herzieht. Danach werde ich sein Angesicht sehen, vielleicht hebt er mein Angesicht zu sich empor.’ So ging die Abgabe vor seinem Angesicht her …“

So weit Jakobs Kalkül. Die Hälfte seines Besitzes will er durch Teilung der Herden ganz retten. Von der andern Hälfte macht er eine riesige Abgabe. Seine Hoffnung ist, dass er so Versöhnung mit seinem Bruder erreicht. Er weiß: Versöhnung ist nicht umsonst – im ganz materiellen Sinn: Sie ist nicht gratis zu haben.

Und doch kommt es ziemlich anders, als er denkt. Denn bevor Jakob Esau trifft, macht er eine ganz andere Begegnung. Es ist noch tiefe Nacht. Jakob schickt seinen ganzen Besitz über den Fluss Jabbok, Esau entgegen. Er bleibt zurück. „Da rang jemand mit ihm, bis die Morgenröte aufkam“, heißt es äußerst lapidar. Wer das ist, erfahren wir nicht. „Jemand, ein Mann“ heißt es. Der Kampf geht unentschieden aus. Der Mann haut Jakob aufs Hüftgelenk und verrenkt es ihm. Jakob hält den Mann fest und nötigt ihm einen Segen ab. Der Mann benennt Jakob um. Er soll jetzt Israel heißen. Die Begründung ist: „Jakob soll dein Name nicht mehr sein, sondern Israel, Gottesstreiter, denn gekämpft hast du mit Gott und mit Menschen und hast es gekonnt.“ Als der Mann fort ist, versteht Jakob, was da geschehen ist. Er benennt den Ort des Geschehens „Pniel“, „Angesicht Gottes“. Da ist es wieder, das Angesicht. Aber diesmal nicht das Angesicht Esaus oder das Angesicht Jakobs, sondern das Angesicht Gottes.

 

Da gab Jakob dem Ort den Namen Peniël, ›Angesicht Gottes‹, denn: »Ich habe Gott gesehen – von Angesicht zu Angesicht, und mein Leben wurde gerettet.« Da ging für ihn die Sonne auf, als er an Penuël vorübergegangen war, er war aber ein Hinkender wegen seiner Hüfte.

 

Zwei Bewegungen finden sich in der berühmten Geschichte vom Jakobskampf am Jabbok. Scheinbar sind sie gegenläufig. In Wahrheit aber sind sie eng aufeinander bezogen. Die eine Entwicklung besteht darin, dass zu Beginn des Geschehens Jakob unversehrt und im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Am Schluss dagegen ist er „ein Hinkender wegen seiner Hüfte“. Der Mann hat ihn bleibend verletzt. Jakob ist für den Rest seines Lebens eingeschränkt. Er, der ewig Erfolgreiche, dem bisher alles gelungen ist, muss eine massive Einschränkung hinnehmen. Das sieht aus wie eine Bewegung vom Guten zum Schlechten, vom Gesunden zum Behinderten, vom Erfolgreichen zum Geschlagenen.

Es sieht so aus – wenn da nicht im Hintergrund noch eine andere Bewegung wäre. Als es losgeht und Jakob noch gesund ist, ist es tiefe Nacht. Der Ringkampf, bei dem Jakob auf die Hüfte geschlagen wird und doch nicht unterliegt, geht bis zum Morgengrauen. Und als feststeht, dass er nun dauerhaft hinken wird, heißt es: „Da ging für ihn die Sonne auf, als er an Penuël vorübergegangen war, er war aber ein Hinkender wegen seiner Hüfte.“

Von der Nacht über das Morgengrauen bis zur aufgehenden Sonne: Diese Bewegung ist keineswegs gegenläufig zu der vom Gesundsein zum Hinken. Im Gegenteil! Sie erklärt erst das Geheimnis dieses Vorgangs. Solange Jakob der Erfolgreiche ist, der seinen Bruder in der Vergangenheit zweimal aufs Kreuz gelegt hat und es jetzt wieder mit gut kalkulierten Tricks versucht, kann es nicht zur Versöhnung mit ihm kommen. Jakob muss im Ringen mit Gott erfahren, dass er in seinen Möglichkeiten begrenzt wird, dass er eingeschränkt wird, um zur Versöhnung fähig zu werden. Versöhnung ist nicht umsonst. Sie hat nicht nur ihren materiellen Preis. Dass Jakob zur Versöhnung fähig wird, setzt voraus, dass er zuvor Abschied von seinem Selbstbild des ewig Erfolgreichen nimmt. In seinem Hinken, über dem die Sonne aufgeht, findet das seinen symbolischen Ausdruck.

Kaum ist die Sonne über dem hinkenden Jakob aufgegangen, kommt schon Esau mit seinen 400 Mann heran. Aber er fällt nicht über ihn her – wie befürchtet. Vielmehr, so der Erzähler, „lief er ihm entgegen, umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da weinten sie“. Die beiden Männer weinen. Sie lassen sich gehen. Sie haben verstanden, dass es Versöhnung nicht geben kann, wo jeder nur seine Machtmittel einsetzt, Esau seine 400 Mann, Jakob seinen Reichtum und seine schier unerschöpfliche Listigkeit.

Jakob nimmt das Geschenk, das er für Esau gedacht hatte, nicht zurück. Esaus Einwand, er habe selbst genug, weist er ab.

 

Doch Jakob sagte: »Nicht doch.Wenn ich wirklich Wohlwollen und Zuwendung in deinen Augen gefunden habe, dann nimmst du auch meine Abgabe aus meiner Hand an. Schließlich habe ich dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht, und du hast mich wohlwollend angenommen. Nimm nun meinen Segen an, der dir überbracht wurde. Denn Gott hat sich freundlich gezeigt, und ich besitze die Fülle.« So drang er in ihn und der nahm es an.

 

Durch die Annahme des Geschenkes ist die Versöhnung hergestellt. Sie ist nicht umsonst – sie hat Jakob etwas gekostet. Aber sie ist auch nicht umsonst in dem andern Sinn dieses Wortes: Sie ist nicht vergeblich. Indem beide auf ihre Machtmittel verzichten, kann die Versöhnung von Dauer sein. Jakob selbst stellt den Zusammenhang mit seiner Gottesbegegnung am Jabbok her. „Schließlich habe ich dein Angesicht gesehen, wie man das Angesicht Gottes sieht, und du hast mich wohlwollend angenommen.“ In der Gottesbegegnung hat er eine dauerhafte Beschränkung erfahren, aber er ist nicht vernichtet worden. Diese Beschränkung ermöglicht ihm den Verzicht darauf, Esau erneut übervorteilen zu wollen. Es kommt zur Versöhnung.

Ein doppeltes Nachspiel hat die Geschichte noch. Nachspiel eins. Die Aussöhnung ist gelungen. Aber Jakob drängt darauf, entgegen Esaus erstem Wunsch, dass die Brüder sich räumlich trennen. Jeder zieht in seine Richtung, Esau ins Gebirge Seïr, Jakob nach Sukkot. Manchmal ist räumliche Trennung von Vorteil, wenn Versöhnung nicht umsonst bleiben soll.

Nachspiel zwei. Am Ende der Geschichte von Jakob und Esau stirbt ihr Vater Isaak. Knapp notiert die Erzählung: „Esau und Jakob, seine Söhne, begruben ihn.“ „Esau und Jakob“ – der Erstgeborene wird wieder an erster Stelle genannt. Das Machtspiel zwischen den Zwillingen, das schon im Mutterleib begonnen hatte, ist zum Ende gekommen. Jakob, der in der Schlüsselszene des Gotteskampfes am Jabbok gelernt hat, seine Beschränkung anzunehmen, kann wieder an die zweite Stelle zurücktreten. Die Versöhnung war wirklich nicht umsonst.


Lesung aus Matth 5,21-26 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache:

 

Jesus lehrte seine Jüngerinnen und Jünger:

 

21 Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach: Du sollst nicht töten. Wer aber tötet, wird vor Gericht als schuldig gelten. 22 Ich lege euch das heute so aus: Die das Leben ihrer Geschwister im Zorn beschädigen, werden vor Gericht als schuldig gelten. Und die ihre Geschwister durch Herabwürdigung beschädigen, werden in der Ratsversammlung als schuldig gelten. Und wer ihnen das Lebensrecht abspricht, wird im Gottesgericht als schuldig gelten. 23Wenn du also im Begriff bist, deine Gabe auf dem Altar darzubringen und dich dort erinnerst, dass eines deiner Geschwister etwas gegen dich hat, 24 so lass dein Opfer dort vor dem Altar und geh’, vertrage dich erst mit deinem Bruder oder deiner Schwester, und dann magst du kommen und dein Opfer darbringen. 25 Einige dich schnell mit Menschen, die dich vor Gericht bringen wollen, solange du noch mit ihnen auf dem Weg bist, damit sie dich nicht aburteilen lassen und du dem Gerichtsdiener übergeben wirst und ins Gefängnis musst. 26 Wahrhaftig, ich sage dir, du wirst von dort nicht freikommen, ehe du nicht den letzten Rest deiner Schulden bezahlt hast.




Zuletzt aktualisiert: 23.11.2009 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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