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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

 WM Patrick Mähling

Universitätsgottesdienst am 17.01.2010

Predigt über Mk 8, 22-26

"Horizonterweiterung"


 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da sein wird!

 

[I. Einleitung: Reflexion zum Thema]

 

Liebe Gemeinde,

„Wir öffnen Horizonte“ – so lautet der Werbeslogan einer großen Versicherungsgesellschaft. Mit diesem Slogan soll eine ganz bestimmte Stimmung erzeugt werden: Der Horizont, unendliche Weite, strahlend blauer Himmel, das offene Meer, an dessen Rand die Sonne versinkt.

Mit der Rede vom Horizont verbinden wir die Vorstellung von Freiheit, Glück, Zufriedenheit, verbinden wir Träume, Wünsche und Hoffnungen und vieles Mehr. „Wir öffnen Horizonte“ – dahinter verbirgt sich bei genauerer Betrachtungsweise im Kontext einer Versicherungsgesellschaft doch etwas ganz anderes als Meer, Sonne und Glück. Der Horizont einer Versicherungsgesellschaft ist – wie der Name schon nahe legt – ein anderer: Es ist der Horizont der vermeintlichen Sicherheit, der Absicherung. So berechtigt und in gewissem Maße auch gut dieser Horizont ist, so verbirgt sich in diesem vor allem eine Grenze. Die Grenze und Begrenztheit von Sicherheit und dem Verlangen nach Absicherung. Der Versicherungsslogan zeigt: In der Vorstellung vom Horizont liegt auch die Vorstellung von Grenzen verborgen.

 

„Hinter dem Horizont“, so lautet der deutsche Titel eines Films mit Robin Williams. Die Rede vom Horizont bezeichnet in diesem Kontext die Grenze zwischen Leben und Tod, theologisch gesprochen zwischen Jenseits und Diesseits. Gemeint ist auch die Grenze zwischen Realität und Fiktion oder zwischen Traum und Wirklichkeit, wie der englische Originaltitel „What Dreams may come“ nahelegt.

Horizont, das ist Weite, Freiheit und Glück – das ist Grenze und Begrenztheit. Am Horizont liegen Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit, Hoffnung und Ängste dicht beieinander; im Horizont sind sie vereint.

Der Horizont markiert die Grenze unseres Sichtfeldes, die Grenze des Sichtbaren, die Grenze des Verstandes, den Übergang zu unseren Hoffnungen, Vorstellungen, Wünschen und Befürchtungen aber eben auch deren Begrenzung.

Horizonterweiterung ist Begegnung mit dem Horizont, und damit das Aushalten der mit der Vorstellung vom Horizont beschriebenen Spannung. Begegnung mit dem Horizont ist daher immer auch Grenzüberschreitung, ein Gehen, Denken und Vorstellen über Grenzen hinaus, denn spätestens seit Udo Lindenberg wissen wir, dass es hinterm Horizont weitergeht.

„Über Grenzen“ – das heißt über den Horizont hinaus denken und fühlen.

„Über Grenzen“ – das heißt auch, sich mit dem Horizont auseinanderzusetzen um dadurch Horizonterweiterung zu erfahren und zu ermöglichen.

„Über Grenzen“ – das heißt dann aber auch, die Horizonterweiterung über die Grenzen des Vorfindlichen hinaus fruchtbar zu machen.

Die Rede vom Horizont eröffnet das Spannungsfeld von Wirklichkeit und Möglichkeit, von Offenheit und Begrenztheit.

Horizonterweiterung heißt jedoch nicht das Negieren der Grenzen, sondern das Reflektieren der Grenzen. Horizonterweiterung findet statt, wenn ich mich der Grenze des Horizontes in der uns gegebenen Offenheit für die Welt und über die Welt hinaus stelle.

Horizonterweiterung findet in der Vorstellungskraft ihren Ort, findet im Glauben Raum, über die Grenzen hinausgehen zu können, im Bewusstsein, sie doch nicht oder noch nicht überschreiten zu können.

Horizonterweiterung ist das Sehen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, von Chancen und Risiken in einem neuen Licht, Horizonterweiterung ist das eigene Leben in vielen verschiedenen Dimensionen betrachten zu können und auch Konsequenzen im Rahmen der Möglichkeiten und darüber hinaus ziehen zu können.

Der Horizont markiert dabei die Linie, die ich zur Selbstreflexion benötige, durch die Horizonterweiterung erst möglich wird.

 

Lassen Sie uns nun auf den Predigttext aus Mk 8 hören, auf Horizont, Grenze und Horizonterweiterung unseres Gottesdienstes.

 

(22) Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.

(23) Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas?

(24) Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht.

(25) Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war geheilt und konnte alles ganz genau sehen.

(26) Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

 

[II. Horizont und Grenzen]

 

Ein Mensch wird zu Jesus gebracht. Ein Kontakt wird hergestellt und der Mensch hat Freunde, die ihn dabei unterstützen. Der Blinde soll von Jesus geheilt werden, und es wird darum gebeten, den Menschen zu berühren.

Das mag vordergründig selbstverständlich die Intention sein. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es auch um etwas ganz anderes geht. Auch wenn wir in dem Wunsch nach Berührung, in Erinnerung an eine andere Erzählung sofort daran denken, dass die Wunderkraft Jesu ja quasi von seinem Körper ausgeht, so geht es hier doch auch um etwas ganz anderes. Der Wunsch nach Berührung steht dafür, dass der Mensch sich echte Begegnung wünscht, mehr als Konversation, mehr als ein kurzes Kennenlernen. Er will ernst genommen werden, so wie er ist. Und Jesus scheint diesen Wunsch zu verstehen.

Er kümmert sich um diesen Menschen, nimmt ihn an die Hand, geht mit ihm irgendwo hin, fernab des Dorfes.

Skizzenartig beschreibt uns der Text die gewünschte Begegnung. Eine Begegnung, die vom Mitgehen, Mitfühlen, Mitleiden und sich Einlassen auf einen anderen Menschen geprägt ist. Nicht öffentlich, sondern unter Ausschluss der Allgemeinheit, quasi privat findet hier Begegnung, finden Kommunikation und Seelsorge statt.

Da ist ein Mensch der Hilfe braucht, und Jesus hat Zeit, hört ihm zu. Durch seine Zuwendung schafft Jesus einen Raum der Geborgenheit, und der Mensch lässt sich darauf ein.

 

Der Text eröffnet uns damit einen ersten Horizont, den Horizont der Begegnung. Im Horizont der Begegnung wird die Grenze der Distanz zwischen Jesus, dem Menschen und seinen Gefährten überschritten. Gemeinsam wird die Grenze des Dorfes überquert, die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre. Diesen Grenzüberschreitungen liegt die Hoffnung auf Hilfe zugrunde, die Hoffnung, dass die Begegnung mit Jesus etwas bewirkt. Grenzüberschreitungen in Hoffnung auf Horizonterweiterung.

 

[III. Grenzüberschreitung und Horizonterweiterung]

 

Der zweite Horizont des Textes, der sich vor allem in der schrittweisen Veränderung des Sehens des Menschen darstellt, ist damit auch schon angeklungen: Der Horizont der Grenzüberschreitung. Dem Menschen gehen nicht mit einem Mal die Augen auf; in einem längeren Prozess, der von der Interaktion zwischen Jesus und dem Menschen geprägt ist, gewinnt dieser Klarheit. Er wird dabei jedoch nicht zum bloßen Objekt der jesuanischen Handlung, sondern gestaltet diesen Prozess mit. Ein Merkmal von echter Begegnung.

Die Grenzen der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit werden in der Interaktion mit Jesus überschritten. Durch das Handeln Jesu findet dieser Mensch zu einer neuen Sichtweise. Zunächst wird die Sicht jedoch verfremdet. Erst im zweiten Schritt eröffnet sich die neue, klarere Sicht. Die Begegnung, das Miteinander hat etwas bewirkt.

In der Begegnung mit Jesus wird der Mensch an die Grenzen seiner Sichtweise geführt. Die Stufe des schemenhaften Sehens der Menschen kann als Verfremdung verstanden werden, die als Hilfsmittel zur Reflexion der eigenen Wahrnehmung der Umgebung, der anderen Menschen aber auch der Selbstwahrnehmung dient. Diese Verfremdung führt hin zu einem anderen Sehen der Welt, der Menschen und der eigenen Existenz. Die Grenzen der eigenen Erkenntnis und Wahrnehmungsfähigkeit werden aufgezeigt. Die Grenze des Nicht-Sehens, wird in der Verfremdung des wahrnehmbaren überschritten. Aus diesem Prozess folgt das neue Sehen – ein erweiterter Horizont.

 

 

[IV. Horizonterweiterung und Grenze]

 

Im Horizont der veränderten Wahrnehmung, im Anschluss an den Prozess der Horizonterweiterung, fordert Jesus den Menschen zum Schluss dazu auf, nicht in das Dorf zurück zu gehen. Eine Grenze wird gesetzt. Horizonterweiterung, dass ist nicht das fortlaufende Überschreiten von Grenzen, nicht das fortlaufende Sich-Nähern der Grenzen, sondern auch das mit den gesteckten Grenzen leben zu können. Nicht in das Dorf, zu den anderen Leuten, sondern nach Hause soll der Mensch gehen, um Zeit für das Erlebte zu haben, um Zeit dafür zu haben, die Begegnung auch wirken zu lassen und diese nicht im Alltag untergehen zu lassen. Das Leben dieses Menschen hat einen tief greifenden Einschnitt erfahren. Die veränderte Wahrnehmung verändert die eigene Existenz. Das ist zunächst nichts für die breite Masse.

Die Horizonterweiterung führt zu neuen Grenzen: Man kann nicht mehr hinter diese zurück, nicht mehr zurück dahin, von wo man her kam.

Die erfahrene Horizonterweiterung in die eigene Existenz zu integrieren bedarf der ungestörten Zeit. Die stattgefundene Begegnung bedarf der Vertiefung und damit Verfestigung im eigenen Leben, bevor der Alltag diese zu sehr einnimmt, in den Hintergrund drängt und das Erlebte ins Vergessen zu geraten droht, ohne nachhaltige Wirkung zu entfalten. Der Hinweis zunächst einmal nach Hause zu gehen rundet die Begegnung ab. Eine Grenze, die im Lichte der erfahrenen Horizonterweiterung jedoch nicht als störend empfunden werden muss, sondern der vielmehr eine befreiende Kraft innewohnt. Im Lichte der Horizonterweiterung müssen neue Grenzen erkundet und herausgefunden werden.

 

[V. Horizonterweiterung für uns]

 

Der Text gibt uns Anlass, nach unserer Wahrnehmungsfähigkeit und der Qualität unserer Wahrnehmungen zu fragen. Wo versagt unsere sinnliche und verstandesmäßige Wahrnehmung? Führt der Horizont der Begegnung mit Jesus zu tatsächlichen Veränderungen im Umgang mit anderen, mit der Schöpfung und nicht zuletzt mit uns selber? Der Text fordert uns dazu auf, dass wir uns mit unserer Wahrnehmung, mit unseren Horizonten kritisch auseinandersetzen und uns selber und unsere Welt und die in dieser enthaltenen Grenzen auch einmal ganz anders zu betrachten.

 

Jesus begegnet uns in diesem Text als Wundertäter, der einen blinden Menschen heilt. Für so manchen ist diese Vorstellung schwierig. Und in der Tat wird unsere Vernunft hierbei an eine deutliche Grenze geführt. Das ‚Wunder‘ stellt eine Grenze für unseren Verstand dar. Doch schon das Sich-Einlassen auf die Wundererzählung, die Begegnung mit dem Text stellt eine Möglichkeit zur Überschreitung dieser Grenze dar, durch die Raum zur Horizonterweiterung eröffnet wird. Schon im Begriff ‚Wunder‘ liegen also Grenze und Grenzüberschreitung, liegen Horizont und Horizonterweiterung dicht beieinander, ja man könnte auch sagen sie finden sich in diesem Begriff vereint. Das Wunder zwingt uns an die Grenze unseres Verstandes.

Im Glauben liegt die Möglichkeit zur Grenzüberschreitung; unser Sehnen, Hoffen, Wünschen und Glauben über den Horizont des physikalisch möglichen hinaus versetzt uns in jedem Fall in die Lage uns selber und unser Leben in einem anderen Licht zu sehen. Entscheidend ist dabei gar nicht so sehr die Frage nach dem Glauben an das Wunder. Entscheidendes liegt viel mehr in dem Sich einlassen auf die Möglichkeit des Wunders. Die Sichtweise des Glaubens verfremdet dabei die Sichtweise der Vernunft und kann diese anreichern. Vom Horizont des Glaubens her betrachtet kann das Leben in anderen Farben erscheinen. Schon die Vorstellung der Möglichkeit des Wunders kann horizonterweiternde Kraft entfalten, kann in unsere Existenz und unsere Wirklichkeit hinein wirken, wenn wir es zulassen. Die Rede vom Wunder gibt uns die Möglichkeit, unseren Horizont über das rational fassbare hinaus zu erweitern.

 

[VI. Schluss]

 

Horizonterweiterung findet in uns selber statt allerdings nicht ohne die Hilfe von außen, die hinterm Horizont darauf wartet, dass wir uns diesem immer wieder aufs Neue nähern.

Horizonterweiterung wird vor allem durch echte Begegnung ermöglicht, Begegnung im Glauben mit Gott aber auch und vor allem in der echten Begegnung mit anderen Menschen.

Horizonterweiterung das heißt uns und unsere Welt in der Begegnung mit Gott in einem anderen Licht sehen zu können.

 

Und der Friede Gottes, der unseren Horizont bei weitem übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus unserem Christus. Amen.

Zuletzt aktualisiert: 18.01.2010 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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