Prof. D. Georg Wünsch (1887-1964)
hat als Sohn eines Augsburger Schriftsetzers, der in Erlangen
Theologie studiert und über die Bergpredigt bei Luther promoviert
hatte, danach in Baden Pfarrer und Wortführer der Religiösen
Sozialisten geworden war, seit seiner Habilitation 1922 in Marburg
seine endgültige Heimat gefunden. 1927 wurde er außerordentlicher, seit
1932 war er der erste ordentliche Professor für Systematische Theologie
und Sozialethik in Marburg.
Neben seiner umfassenden Lutherforschung und dem Engagement für den religiösen Sozialismus ist seine Verbindung zum Kreis des Freien Christentums zu nennen, dessen Präsident er nach dem 2. Weltkrieg mehrere Jahre war. Wünsch war vom 1. Glaubensartikel ausgehend stets um eine Theologie des Wirklichen bemüht. In diesem Zusammenhang stehen seine zahlreichen wirtschafts- und sozialkritischen Aufsätze in der Christlichen Welt vor 1933 und sein berühmtestes Werk, die Wirtschaftsethik von 1927. Sein Versuch, in einer Evangelischen Ethik des Politischen (1936) ein Idealbild des Nationalsozialismus zu entwerfen, um dadurch dessen Inhumanität zu überwinden, ist allerdings gründlich misslungen. Nach dem Krieg hat die amerikanische Militärregierung in ihrem Entnazifizierungsverfahren gegen Wünsch dessen Verständnis seines Werkes nicht akzeptiert und ihn von 1945-1950 von seiner Professur suspendiert.
Von 1951 bis zu seiner Emeritierung 1955 nahm Wünsch seine an der Wirklichkeit orientierte Lehre wieder auf. Dazu gehörte von Anfang an in jedem Semester eine gut vorbereitete und anschließend auszuwertende Exkursion in die industriellen und sozialen Brennpunkte. Zeitzeugen dieser Jahre beschreiben ihn „als einen großen Lehrer und väterlichen Freund seiner Studenten“.


