Abgeschlossene Forschungsprojekte
1993 – 1997
Graduiertenkolleg „Kunst im Kontext“ (zweite Laufphase; Mitausrichtende für das Fach Musikwissenschaft: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
An dem Kolleg waren die Fächer Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Musikwissenschaft und Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte beteiligt
Allgemeines Ziel des Graduiertenkollegs war es, Kunst als ästhetisches Ereignis, als Ereigniszusammenhang sinnlicher und intellektueller Produktion, Präsentation und Rezeption, in ihrer historischen Dimension auf ihre ideellen und materiellen Bedingungen und Auswirkungen hin zu erforschen. Für das Fach Musikwissenschaft konzentrierten sich die Forschungen auf ästhetische Akte wie z. B. die Inszenierung von Gottesdienst, Herrschaftsakten, Festen, Musiktheater bzw. auf die liturgische Präsentation und zeremonielle Demonstration von ästhetischen Aktionen. Das Fach Musikwissenschaft war mit eigenen bzw. in Zusammenarbeit mit dem Fach Neuere deutsche Literatur mit interdisziplinären Projekten beteiligt. Einen Schwerpunkt bildete die Hofmusik des 18. Jahrhunderts.
Aus dem Graduiertenkolleg hervorgegangene musikwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche/musikwissenschaftliche Publikationen (nur Monographien):
Barbara Münch-Kienast,Philothea von Johannes Paullin: das Jesuitendrama und die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, Aachen: Shaker Verlag 2000 (Studien zur Literatur und Kunst, Bd. 7)
Panja Mücke, Johann Adolf Hasses Dresdner Opern im Kontext der Hofkultur, Laaber: Laaber-Verl. 2003 (Dresdner Studien zur Musikwissenschaft 4)
[Das Projekt wurde über die Förderung im Rahmen des Graduiertenkollegs hinaus von 1996 bis 1998 von der Friedrich-Naumann-Stiftung (Graduiertenstipendium) unterstützt. Die Drucklegung der Ergebnisse ermöglichten u. a. Zuschüsse der Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften sowie der Frankfurter Stiftung für deutsch-italienische Studien]
Bernhard Jahn, Die Sinne und die Oper. Sinnlichkeit und das Problem ihrer Versprachlichung im Musiktheater des nord- und mitteldeutschen Raumes (1680-1740). Tübingen: Niemeyer 2005 (Theatron Bd. 45)
Sabine Henze-Döhring, Markgräfin Wilhelme und die Bayreuther Hofmusik, Bamberg: Heinrichs Verlag / Bayerische Verlagsanstalt 2009
1993 – 2006
Giacomo Meyerbeer. Briefwechsel und Tagebücher (Projektleiterin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
Das Projekt wurde nach einer Anschubfinanzierung 1993 von der Philipps-Universität Marburg von 1993 bis 2003 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und 2006 mit dem Erscheinen des letzten Bandes wie geplant abgeschlossen. Dem Projekt zugeordnet waren über die gesamte Laufzeit die Stelle eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters und wissenschaftliche Hilfskräfte.
Die Ausgabe enthält in historisch-kritischer Edition die umfangreiche Korrespondenz eines der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts sowie seine Tagebücher und Taschenkalender. Die Kommentare sind allein und ausschließlich von der Projektleiterin recherchiert und verfasst worden. Mitarbeiter an der Edition waren von 1993 bis 1999 Hans Moeller und von 1999 bis 2003 Panja Mücke. Die im edierten Text vorkommenden Personen und Zusammenhänge wurden nahezu vollständig ermittelt und umfassend kommentiert. Nachdem Heinz und Gudrun Becker von 1960 bis 1985 die Bände I bis IV herausgegeben hatten, wurde die Ausgabe, editorisch behutsam erweitert, mit den Bänden V bis VIII vollendet. Ergänzungsbände mit den ständig aus Privatsammlungen zum Verkauf angebotenen bzw. von den öffentlichen Bibliotheken erworbenen autographen und diktierten Briefen sind in Aussicht genommen. Im Rahmen des Forschungsprojekts erschienen:
Band V ([11. Juni] 1849 bis 1852)
Erschienen 1999, erschließt der Band die internationale frühe Rezeption von Le Prophète, die Werkgenese von L’Étoile du nord und gibt insgesamt einen Einblick in das Kulturleben damaliger Zeit unter dem Zeichen der in Berlin wie in Paris einsetzenden Restauration.
Band VI (1853 bis 1855)
Der Band, erschienen 2002, dokumentiert die abschließenden Arbeiten und Einstudierung von L’Étoile du nord bis zur Uraufführung am 16. Februar 1854 sowie die Entstehung der erst 1859 uraufgeführten Opéra comique Le Pardon de Ploermel.
Band VII (1856 bis 1859)
In diesem Band, erschienen 2004, wird Meyerbeers Weg bis zur Uraufführung der Opéra comique Le pardon de Ploermel im Jahr 1859 vor dem Hintergrund des kulturellen Wandels im Zuge des Second Empire und des Geschmackswandels auf dem Gebiet des Musiktheaters dokumentiert.
Band VIII (1860 bis 1864)
In diesem Band, erschienen 2006, werden abschließende Arbeiten an der Oper „Vasco da Gama“ (uraufgeführt unter dem Titel L’Africaine) dokumentiert sowie die Entstehung und Aufführung einer Reihe von Kompositionen, die im Zusammenhang des vielschichtigen musikkulturellen Wandels dieser Umbruchzeit stehen.
Rezensionen:
CambridgeOpera Journal 11 (1999)
"[...] The emergence of the fifth volume of the Briefwechsel und Tagebücher is another milestone in the slow unfolding of a process initiated in the early 1950s when Heinz Becker [...] was given permission by Meyerbeer's aged grandson to begin a process of sorting and editing his ancestor's surviving archive. [...] Henze-Döhring has opted for completeness, and insofar as possible, she has tried [...] to collect every extant letter or note from the composer of inclusion. [...] Another change in the approach of the new editor is the scrupulous recording of details of amendment or alteration in the originals. Where the autographs are not available, the editors have used Meyerbeer's letter notebook [...]. Corrections and amendments are also included in the entries from Meyerbeer's pocketbooks [...] in which he used to scribble down names, addresses, appointments, rehearsal times, and other little observations. [...] Henze-Döhring's volume makes available a large number of his private papers, and allows one the opportunity to investigate the man and his world for oneself. [...] For anyone concerned with the cultural, muscal, and particularly operatic world of these times, Henze-Döhring's monumental continuation of the edition of the Briefwechsel und Tagebücher will form a vital treasury of primary sources and enlightening scholarship."
Opernwelt 6 (2007)
Der "Blick in die Werkstatt [des Komponisten] gehört zu den
faszinierendsten Aspekten, die die kürzlich abgeschlossenen Ausgabe der
Briefe und Tagebücher von Meyerbeer bereithält. [...] Man lernt darin
den Menschen hinter dem berühmtesten Komponisten seiner Zeit kennen,
den besessenen Arbeiter im Kosmopoliten, seine Wissbegier, Generosität,
Eitelkeit und Disziplin, seine Präzision im Urteil. [...] Dass solche
Zusammenhänge ans Licht kommen, ist der umfangreichen Kommentierung zu
verdanken, die die Herausgeberin Sabine Henze-Döhring auf mehr als
dreihundert Seiten allein im letzten Band vornimmt. Erst die zahllosen
Hinweise und Querverbindungen dieses monumentalen Kommentars machen den
Wert der Meyerbeer-Briefausgabe aus. Mit kriminalistischem Spürsinn und
einer die Mühsal zeitaufwändiger Archivarbeit offenbar immer wieder
besiegenden Entdeckerfreude geht die Herausgeberin jedem noch so
unbekannten Namen nach, der im Briefwechsel auftaucht, ordnet
unbekannte Werke ein und druckt ergänzende Dokumente. [...]
Was der Leser beim permanentem Blättern zwischen Haupttext und
Kommentar gewinnt, ist ein plastisches Panorama vom Musikleben in der
Mitte des 19. Jahrhunderts, weit über Meyerbeers Person hinaus."
Süddeutsche Zeitung (17.9.2007)
"Nun ist der Abschluss der großen Ausgabe der Briefe und Tagebücher zu vermerken und zustimmend zu begrüßen. Ohne die Pionierarbeit von Heinz und Gudrun Becker an den ersten vier Bänden wäre die wissenschaftliche Beschäftigung mit Meyerbeer nicht auf den Stand gekommen, auf dem sie immerhin steht. Dann waren die Materialien für einige Jahre der Wissenschaft nicht zugänglich, und es schien, als ob die Ausgabe ein Fragment bleiben würde. Doch glücklicherweise ergriff eine andere Meyerbeer-Enthusiastin, die Marburger Musikwissenschaftlerin Sabine Henze-Döhring, die Initiative, um die Ausgabe weiterzuführen. Nach einer 14-jährigen Pause erschienen dann in verblüffend rascher Folge weitere vier voluminöse Bände, und nun liegt das Gesamtwerk in einer mustergültig kommentierten Form und ehrfurchtgebietenden 6500 Seiten vor.
Was erwartet den Leser und Benutzer dieser Edition? Keineswegs nur Material zur Musik- und Operngeschichte des 19. Jahrhunderts - das ist die vielleicht wichtigste Feststellung. Die Briefe Meyerbeers, die hier als Briefwechsel mit allen eruierbaren Gegenbriefen präsentiert, seine Tagebücher und Taschenkalender, sind Zeugnisse der Kulturgeschichte, sie sind die Lebenszeichen eines der berühmtesten Männer des 19. Jahrhunderts. [...]
Die Edition hat ab dem fünften Band alle Dokumente, soweit erhalten, abgedruckt, während vorher eine allerdings reichhaltige Auswahl vorgenommen wurde. Welche Arbeit in den üppigen Kommentaren steckt, wird nur der ermessen, der sich einmal in die Quellenlage zum Musikleben des 19. Jahrhunderts vertieft hat. [...] Entstanden ist eine zentrale Quellensammlung nicht nur zur Biographie Meyerbeers, sondern auch zum Musikleben, ja zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. [...] Die Wissenschaft hat mit dieser Edition und anderen Publikationen mehr für Meyerbeer getan, als noch vor wenigen Jahrzehnten zu erwarten war."
2005 – 2007
Musikalischer Film | Musikalisches Theater. Medienwechsel und Szenische Collage bei Kurt Weill und anderen Komponisten um 1930 (Projektleiterin PD Dr. Panja Mücke)
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bildete sich die Konkurrenz zwischen den neuen audiovisuellen Medien Rundfunk und Film sowie den „etablierten“ Medien Buch, Sprech- und Musiktheater u.a. im produktiven Austausch zwischen den verschiedenen medialen Formen heraus. In dieser Zeit wurde eine nahezu unübersehbare Menge an Literatur-, Theater- und Opernverfilmungen produziert, entstand die Gattung der Funkoper und realisierte man eine Reihe von Stücken für das Theater, die sich durch die Integration von Lichtbild- und Filmprojektionen sowie von Grammophon- und Rundfunk-Passagen auszeichneten. Für die Musik wurde eine Generation jüngerer Komponisten zentral, die polymedial gearbeitet hatte und Werke für verschiedene Medien komponierte. Zu diesen Komponisten zählen George Antheil, Alban Berg, Hanns Eisler, Karl Amadeus Hartmann, Erich Wolfgang Korngold, Ernst Křenek, Edmund Meisel, Darius Milhaud, Igor` Stravinskij, Ernst Toch, Kurt Weill und Wolfgang Zeller.
Die vergleichende Untersuchung der Kompositionstechniken in den Gattungen Oper, Schauspiel (mit Schauspielmusik) und Film (mit Filmmusik) um 1930 führte zum Ergebnis, dass all diesen Genres „universelle“ kompositorische und formale Charakteristika zu eigen sind; so begegnen Besonderheiten der äußeren Form (z. B. Ouvertüre/Vorspannmusik versus Schlussmusik/Abspannmusik), eine spezifische Motivtechnik, die Kombination von Geräuschen mit gesprochenem Dialog und Musik und die musikalische Illustration durch Tonmalerei bzw. die „Kontrapunktierung“ durch Musik. Diese Spezifika gehen auf die Theatergattungen des 17. bis 19. Jahrhunderts zurück und wurden im 20. Jahrhundert auf die neuen Medien übertragen. Die Komponisten knüpften an ihre jeweils persönlichen Erfahrungen mit dem Theater an und übertrugen sie – mit gewissen Modifikationen – auf die neuen Gattungen. Die Faszination der Komponisten für die neuen Medien schlug sich zudem darin nieder, dass man im Theater auf eine Vermischung mit ihnen setzte und in die Produktionen „massenmediale“ Abschnitte integrierte. Diese dienten nicht nur als Signum der neuen Zeit und als aktuelles Requisit, sondern rekurrierten – und damit schließt sich gewissermaßen der Kreis – auf im Theater ebenfalls schon jahrhundertelang bekannte Modelle der Bühnenmusik und der akustischen Raumgestaltung.
Im Projekt wurden insgesamt vier Formen des Medienwechsels um 1930 untersucht. Einerseits stand die Adaption von Musikalischem Theater für den frühen Tonfilm (z.B. anhand der Verfilmung von Die Dreigroschenoper 1931) im Zentrum der Analyse; andererseits wurden mediale Synthesen aus Primär- und Tertiärmedium behandelt, wie
1. die Integration von Lichtbildprojektionen in Bühnengattungen (z.B. in Weills Mahagonny, Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, in Erwin Piscators Inszenierungen, in Milhauds Christophe Colomb und Antheils Transatlantik),
2. die Integration von Filmausschnitten in Bühnengattungen (z.B. in Weills Royal Palace, Francis Picabias/Erik Saties Relâche, Piscators proletarischen Revuen sowie seinen Schauspiel-Inszenierungen, Bohuslav Martinůs Les trois souhaits ou les vicissitudes de la vie, Antheils Transatlantik sowie Bergs Lulu) und
3. die Integration von Rundfunk- und Grammophon-Abschnitten in Bühnengattungen (z.B. in Weills Der Zar lässt sich photographieren und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, Bergs Wozzeck, Křeneks Jonny spielt auf und Tochs Der Fächer).
Die Publikation der Forschungsergebnisse wurde von der Verwertungsgesellschaft Wort finanziell unterstützt.
Als Ergebnis des Projekts wird erscheinen:
Musikalischer Film - Musikalisches Theater. Medienwechsel und Szenische Collage bei Kurt Weill und anderen Komponisten um 1930, erscheint Münster 2009 (= Veröffentlichungen der Kurt-Weill-Gesellschaft Dessau, Bd. 7)

