Hauptinhalt
Promotionen
Laufende Promotionen
Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Florian Giering: „Hark! What noyse is this?“ Verborgene Musik in höfischen Festen der Frühen Neuzeit (1550–1650)
Teil des kooperativen DFG-Forschungsprojekts „Musikhören und Musiksehen. Historische Wechselwirkungen vom 17. bis zum 21. Jahrhundert“
Was sehen wir, wenn wir Musik hören? Warum suchen wir intuitiv nach einer sichtbaren Klangquelle, wo Musik doch vermeintlich gehört und nicht gesehen wird? Wohin wandert der Blick, wenn die Klangquelle nicht sichtbar ist – und mit welchen visuellen Erfahrungen, Erwartungen und Normierungen war das Musikhören im 16. und 17. Jahrhundert verbunden?
Während heutige Praktiken des Musikhörens u. a. Medien wie die Schallplatte oder das mobile Streaming einschließen, die ohne eine sichtbare Anwesenheit von Musiker*innen auskommen, implizierte das Hören von Musik in der Frühen Neuzeit zwingend eine leibliche Ko-Präsenz von Musiker*innen und Hörer*innen. Diese Umstand verband nicht nur jede Situation des Musizierens zwangsläufig mit Entscheidungen über die räumliche Platzierung und visuelle Präsentation der Musiker*innen, sondern knüpfte umgekehrt auch das Hören von Musik an Erlebnisse, Gewohnheiten sowie Erwartungen ihrer Sichtbarkeit und trug so einer Formierung von Musikhören und ‚Musiksehen‘ als audiovisuell strukturierten Praktiken bei.
Geradezu als Anomalie erscheinen vor diesem Hintergrund vielgestaltige Techniken des 16. und 17. Jahrhunderts, die die hörbare Musik von ihren sichtbaren Korrelaten trennten: Musiker*innen wurden hinter Gittern oder aufgespannten Schirmen positioniert, mit ephemeren Aufbauten umhüllt oder in Naturelementen, Bäumen oder Büschen verborgen. Konnte bereits die Eigenschaft der ‚Unsichtbarkeit‘ distinkte Funktionen konfessioneller, überwältigungsästhetischer oder genderspezifischer Art besitzen, so zielten diese Inszenierungen mitunter auch auf intersensorielle Verknüpfungen von Ohr und Auge ab: Mittels der strategischen Platzierung verborgener Musik konnte der Blick der Hörer*innen angezogen und geradezu gelenkt werden, etwa auf Kulissen, bildkünstlerische Raumelemente und Symbole, die den ‚entkörperten‘ Klang nach eigenen Maßgaben neu kontextualisierten und wiederum als Teil audiovisueller Gesamtkonzeptionen erfahrbar machten.
Im Kontext des Frühneuzeitlichen Festes (1550–1650) verortet, waren Produktion und multisensorielle Rezeption verborgener Musik nicht nur ästhetisch, sondern ebenso politisch motiviert: Die Auslösung distinkter Affekte auf Seiten der Rezipient*innen, etwa dem des „Staunens“ und der „Verwunderung“, bildete eine zentrale Voraussetzung für die Funktionalität des Festes als Instrument zur Durchsetzung, Konsolidierung und Vermittlung der Herrschaftsansprüche seiner fürstlichen Urheber*innen. Hervorgerufen werden sollten jene Affekte nicht nur über das flüchtige und unwiederholbare Ereignis des Festes selbst, sondern entscheidend auch über den Medientyp der ‚Festbeschreibung‘, die nicht nur die Produktion, sondern auch eine spezifische Rezeption des Festes nacherzählen, nötigenfalls konstruieren und behaupten musste, um als literarische oder ikonographische ‚Prolongation‘ des Festes selbst politisch funktional zu werden.
Auch einer Analyse aus heutiger Perspektive steht das Fest vordergründig durch den ‚Filter‘ seiner medialen Vermittlung zur Verfügung. Anliegen der Studie ist entsprechend weniger eine wahrheitsgetreue Rekonstruktion der flüchtigen Begebenheiten als vielmehr die Beantwortung der Frage, welche Ideologien, Maximen und Vermittlungsstrategien des Musikhörens und ‚Musiksehens‘ im Zusammenhang mit dem höfischen Fest als memoriertem und konstruiertem Ereignis greifbar werden. Im Prisma aus erhaltenen Kompositionen, publizierten Festbeschreibungen, ikonographischen Darstellungen und Selbstzeugnissen unterschiedlicher Hörer*innen fragt die Arbeit nach ästhetischer Logik (Was?), politischer Funktionalität (Warum?) sowie medialer Vermittlung (Wie?) verborgener Musiken im höfischen Fest der Frühen Neuzeit. Drei Fallbeispiele sollen dabei entlang ausgewählter Ereignisse erschlossen und analytisch gedeutet werden: Die Festkultur der Medici (1561–1637), englische Country House Entertainments für Queen Elizabeth I. (1575–1603) sowie Feste in und um das Neue Lusthaus Stuttgart (1593–1616). Eine Betrachtung der wissensgeschichtlichen Konzeptualisierung verborgener Musik in Athanasius Kirchers Phonurgia Nova (1673) rundet die Studie historiographisch ab.
Doktorand: Florian Giering
Betreuung: Prof. Dr. Anne Holzmüller, Prof. Dr. Melanie Wald-Fuhrmann (Frankfurt)Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Tommaso Graiff: Enharmonik und Chromatik im italienischen 16. Jahrhundert. Nicola Vicentinos Tetrachordtheorie
Nicola Vicentinos Traktat L’antica musica ridotta alla moderna prattica (Rom: Barré, 1555) führt ein für seine Zeit neuartiges musiktheoretisches System vor, das auf der Wiederbelebung der antiken Tetrachorde und ihrer drei Genera (diatonisch, enharmonisch und chromatisch) fußt.
Dass ausgerechnet die antike Musik als theoretisches Fundament für Vicentinos moderna prattica dienen soll, grenzt an ein scheinbares Oxymoron; gerade die partielle Aufhebung der historischen Verwertung bei der Übernahme antiken Gedankenguts ist jedoch ein bemerkenswertes trait d’union der Antikenrezeption des italienischen 16. Jahrhundert, wie kunstgeschichtliche Studien bewiesen haben (u. a. neulich: A. Nagel/Chr. Wood, Anachronic Renaissance, New York 2010). Eine kritische Auswertung vergleichbarer Phänomene steht in der Geschichte der Musiktheorie noch aus; Vicentino bietet einen exemplarischen Fall für eine Ausweitung dieses anachronischen Diskurses über die Kunstgeschichte hinaus.
Es soll hier daher die These aufgeworfen werden, dass Vicentino nicht als kultureller Einzelgänger betrachtet werden kann, sondern als Teil einer weiter gefassten gemeinschaftlichdialogischen Theoriebildung, die sich in vielfältigen Verhältnissen zu antiken Theoriesystemen artikulierte, indem letztere trotz ihrer unumstrittenen Historizität als aktuelle und valide epistemische Grundlagen rezipiert wurden. Hierbei soll differenziert auf die für Vicentino relevanten kulturraumspezifischen Mikrodiskurse eingegangen werden. Gleichzeitig bildet der auffallende präskriptive Anspruch von L’antica musica ein Alleinstellungsmerkmal im weitgehend konservativ-normativen musiktheoretischen Diskurs der Jahrhundertmitte: Vicentinos Musiksystem wird, trotz seiner deklarierten Neuheit und seiner experimentellen Ausrichtung (auch buchwissenschaftlich an der ältesten bekannten typographischen Attestation des Auflösungszeichens fassbar) als geschlossenes theoretisches Gebilde präsentiert. Dies könnte auf Ebene der Denkfigur eine Nähe zu den etwa zeitgleichen sprachutopischen Theorien von Postel und Gessner nahelegen, die allerdings bei Vicentino von einem starken praxeologischen Gegengewicht konterkariert wird, wie sich an dem hohen Stellenwert ablesen lässt, den er der musikpraktischen Umsetzbarkeit seiner Theorie beimisst, sowie an den von ihm entworfenen – und nachweislich gebauten – enharmonischen Instrumenten.
Die Fragestellung dieser Arbeit ist dabei eine zweifache – einerseits nach der Verortung und Einbindung von Vicentinos Schrift im kulturellen Panorama des italienischen Späthumanismus, andererseits nach dem Verhältnis bei Vicentino von theoretischem Lehrwerk und überlieferten Kompositionen. Es soll somit nicht nur der humanistische Kulturtransfer untersucht werden, der in Vicentinos Abhandlung L’antica musica ridotta alla moderna prattica durch den vermeintlichen Rekonstruktionsversuch altgriechischer Musik zutage tritt, sondern sollen auch die Umsetzungsmöglichkeiten dieser Rekonstruktion in Vicentinos überlieferter Vokalmusik analytisch erörtert werden, wobei der lebhafte theoretische Diskurs des späten Cinquecento durchgehend als Vergleichsgröße herangezogen wird. Darüber hinaus soll Vicentinos Einfluss auf kompositionstechnische Spezifika der Nachfolgegeneration in puncto Chromatik und Enharmonik, insbesondere im Kulturraum Ferrara, analytisch untersucht werden.
Doktorand: Tommaso Graiff
Betreuung: Prof. Dr. Anne Holzmüller, Prof. Dr. Katelijne Schiltz (Regensburg)Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Jakob Uhlig: Rezeption und kompositorische Praxis des chromatischen Totals im 20. Jahrhundert
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entbrannte zwischen Komponisten und Musikschriftstellern vor allem in Deutschland und Österreich eine Debatte darum, ob Arnold Schönberg tatsächlich der „Erfinder“ der Zwölftonmusik sei oder ob ihm nicht andere Persönlichkeiten zuvorgekommen seien. Diese Debatte, an der weit mehr Personen beteiligt waren als nur die zwei Kontrahenten im berühmtesten der Dispute zwischen Josef Matthias Hauer und Schönberg selbst, wurde auch in der Musikwissenschaft besonders seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder thematisiert, wodurch sich die Diskussion um eine Erfindung „der“ Zwölftonmusik auf ein historisches Narrativ verlagerte, in dem sich diese musikalische Innovation graduell und in verschiedenen Ausprägungen über mehrere Köpfe hinweg entwickelt habe. Ausgangspunkt des Projekts ist die Feststellung, dass diese Auslegung werkanalytisch kaum Bestand hat, da sich die in der Debatte thematisierten Werke musikalisch, ästhetisch und ideell teilweise so stark voneinander unterscheiden, dass ein Zusammenbringen der darin liegenden Ansätze viel mehr Differenzen übergeht als tatsächlichen Zusammenhang aufweist. Als universaler Konnex zwischen den untersuchten Werken erweist sich hingegen das Vorkommen des chromatischen Totals innerhalb der Komposition, was sich als Verknüpfungspunkt im Gesamtkontext aber selten als überzeugender Gradmesser für ideelle und kompositorische Kongruenz dienen kann. Interesse der Arbeit ist daher, nicht den Begriff „Zwölftonmusik“, sondern das chromatische Total selbst ins Zentrum zu rücken und zu fragen, wie ein solch vergleichsweise marginaler Verknüpfungspunkt über Jahrzehnte hinweg zu derart strittigen Debatten führen und wie er zum entscheidenden Marker einer ganzen Stilrichtung werden konnte. Zentrale These der Untersuchung ist dabei, dass diese Funktion des chromatischen Totals nicht durch tatsächliche werkanalytisch festzustellende Verknüpfung oder ausgewiesene kompositorische Innovation zustande kommt, sondern vielmehr durch das semantische Potential, das der Tonkonstellation innewohnt. Durch Untersuchung und Dekonstruktion der Narrative, die dem chromatischen Total auferlegt werden, soll so einerseits gezeigt werden, wie spezifische historische Narrative speziell für das betrachtete Fallbeispiel zustande kommen. Anderseits soll durch die Betrachtung des spezifischen Exempels des chromatischen Totals uns seinen Bezug zum Terminus „Zwölftonmusik“ auch ein Beitrag historischen Stilbildungs- und Kategorisierungsmechanismen geleistet werden, indem Überlegungen zu Kriterien für die Herausbildung von Merkmalen angestellt werden, die eine solche Kategorisierung bestimmen.
Doktorand: Jakob Uhlig
Betreuung: Prof. Dr. Anne Holzmüller, Prof. Dr. Friedrich Geiger (München)
Abgeschlossene Promotionen (seit 1993)
1996
- Yun-Rok Oh, Der Klaviersatz im Werk Muzio Clementis, veröffentlicht Göttingen: Cuvillier 1997 (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
1997
- Yong Hwan Kim, Das Konzertstück für Klavier und Orchester des 19. Jahrhunderts von Carl Maria von Weber bis Richard Strauss, veröffentlicht Marburg 1997 (Betreuer: Prof. Dr. Martin Weyer)
- Herbert Lölkes, Ramlers "Der Tod Jesu" in den Vertonungen von Graun und Telemann: Kontext, Werkgestalt, Rezeption, veröffentlicht Kassel [u. a.]: Bärenreiter 1999 [Marburger Beiträge zur Musikwissenschaft 8] (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
1999
- Kyung-Boon Lee, Musik und Literatur im Exil : Hanns Eislers dodekaphone Exilkantaten, veröffentlicht New York [u. a.]: Lang 2001 [Exil-Studien 9] (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
- Ingeborg Wesser, Musikgeschichte der Hohenlohischen Residenzstadt Kirchberg: von der Mitte des 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, veröffentlicht Stuttgart [u. a.]: Metzler 2001 [Quellen und Studien zur Musik in Baden-Württemberg 5] (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
2000
- Panja Mücke, Johann Adolf Hasses Dresdner Opern im Kontext der Hofkultur, veröffentlicht Laaber: Laaber-Verl. 2003 [Dresdner Studien zur Musikwissenschaft 4] (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
2001
- Otfried von Steuber, Philipp Dulichius, 1562 bis 1631, Leben und Werk: mit thematischem Werkverzeichnis, veröffentlicht Kassel [u. a.]: Bärenreiter 1999 [Marburger Beiträge zur Musikwissenschaft 10] (Betreuer: Prof. Dr. Laurenz Lütteken)
2003
- Konrad Dryden, Beyond Pagliacci: the life and works of Ruggiero Leoncavallo, veröffentlicht [Microfiche] 2003; Buchpublikation: Leoncavallo: Life and Works, Scarecrow Press, Langham, Md. and Oxford 2007 (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
2004
- Sonja Gesse-Harm, Ironie und Sentiment. Heinrich Heine im Kunstlied des 19. Jahrhunderts, veröffentlicht Stuttgart [u. a.]: Metzler 2006 [Heine-Studien] (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
2006
- Juliette Laurence Appold, Felix Mendelssohn Bartholdy. Landschaften in Briefen, Bildern und Musik, veröffentlicht Essen: Die Blaue Eule 2007 [Musikwissenschaft und Musikpädagogik in der Blauen Eule 77] (Betreuer: Prof. Dr. Lothar Schmidt)
- Stefan König, Zwischen Kulturtransfer und Nationalismus. Die Sinfonie in Italien zwischen 1900 und 1945, veröffentlicht München; Salzburg: Katzbichler 2011 (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
- Johannes Behr, Johannes Brahms. Vom Ratgeber zum Kompositionslehrer, veröffentlicht Kassel: Bärenreiter 2007 (Betreuer: Prof. Dr. Laurenz Lütteken)
2008
- Stefanie Rauch, Die Arbeitsweise Arnold Schönbergs. Kunstgenese und Schaffensprozess, veröffentlicht Mainz [u. a.]: Schott 2010 (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)
2010
- Anselm Hartinger, Studien zu den Bach-Aufführungen in Leipzig in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Betreuer: Prof. Dr. Lothar Schmidt)
- Andreas Trobitius, Das Streichsextett – Komponierte Instrumentation in der Kammermusik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, veröffentlicht Würzburg: Königshausen & Neumann 2013 (Betreuerin: Prof. Dr. Sabine Henze-Döhring)