11.06.2021 Ulrich Raulff über Fragen des Geschmacks

Die Begriffe Geschmack und Kennerschaft standen im Zentrum der zweiten Marburger Wissenschaftsgespräche

Foto von Prof. Dr. Ulrich Raulff
Foto: Constant Formé-Bècherat
Der Autor und Historiker Prof. Dr. Ulrich Raulff nahm die Gäste der Marburger Wissenschaftsgespräche in seinem Abendvortrag mit auf eine Reise durch Fragen des Geschmacks.

Heute erscheint es selbstverständlich, dass uns schöne Dinge gefallen und wir unserem Gefallen Ausdruck verleihen, indem wir „Likes“ verteilen. Aber welche Faktoren beeinflussen, was als geschmackvoll bewertet wird? Ist der Geschmack eine menschliche Spezialität oder können auch Algorithmen und künstliche Intelligenzen Geschmack erlernen? Und wie verhält es sich mit der Geschmacklosigkeit? Haben sich Begriffe wie Geschmack, Ästhetik, Kennerschaft und Schönheitssinn über die Jahrhunderte verändert?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich die zweiten Marburger Wissenschaftsgespräche an der Philipps-Universität Marburg am 10. und 11. Juni 2021. Die Frage des Geschmacks stand auch im öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Raulff am 10. Juni im Fokus. Unter dem Titel „Mit Luhmann im Dschungelcamp – Über Theorie und Praxis des schlechten Geschmacks“ beleuchtete der Gast der Wissenschaftsgespräche die Geschmacksfrage im Sinne von Niklas Luhmann: Guter Geschmack lässt sich demnach am besten anhand klarer Fälle von schlechtem Geschmack definieren. 

Der Autor und Historiker Ulrich Raulff forschte in Europa und den USA, insbesondere zur Ideen- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Aktuell ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und widmet sich dort dem Thema, das auch im Mittelpunkt dieser Wissenschaftsgespräche steht, dem Geschmack und der Kennerschaft.

In seinem Abendvortrag am 10. Juni nahm Raulff die rund 120 digital zugeschalteten Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine Reise durch die Fragen des guten und schlechten Geschmacks. Er begann bei der Theorie von absinkenden und aufsteigenden Kulturmodellen innerhalb gesellschaftlicher Schichten: Sitten und Gebräuche wie Tätowierungen oder verdunkelte Autoscheiben wurden „von der Hafenstraße nach oben in die Direktionsetagen der Dax-Konzerne durchgereicht“, sagte Raulff und ging dazu über, Geschmack nicht als eine Eigenschaft von Objekten, sondern als eine Haltung zu ihnen zu beschreiben. „Durch unseren Geschmack nehmen wir eine soziale Position ein. So grenzen wir uns von anderen Subjekten ab und bringen unsere feinen Unterschiede vorteilhaft zur Geltung – ein Drama zwischen Imitation und Exklusion“, sagte Raulff. Er beschrieb auch, wie das Urteil des schlechten Geschmacks besonders im 19. Jahrhundert in Ausstellungen und Kitschmuseen zum Ausdruck kam und ästhetische Missgriffe um die Jahrhundertwende sogar als moralische Sünde kriminalisiert wurden. „Eine Annahme, die es bis in die Gegenwart überlebt hat. Der Begriff ‚Geschmacklosigkeit‘ hat mittlerweile seine ästhetische Bedeutung so gut wie vollständig eingebüßt und wird nur noch zur moralischen Verurteilung benutzt“, sagte Raulff und schloss unter anderem mit der Beschreibung des landläufigen Kritikers des schlechten Geschmacks, der die Sorgen der Yellow Press oder den European Song Contest bespöttelt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus insgesamt 14 Fachdisziplinen befassten sich an den zwei Tagen der Wissenschaftsgespräche mit Geschmacksfragen, zum Beispiel im interdisziplinären Symposium „Geschmack: Was ist das, wer hat das erfunden, und wer braucht das?“

Das neue Format der Marburger Wissenschaftsgespräche der Philipps-Universität will ganz bewusst die gesellschaftsbildende Kraft der Wissenschaft aufgreifen. Die Universität will sich zu aktuellen Fragen aus wissenschaftlicher Perspektive positionieren und den Diskurs zwischen Spezialistinnen und Spezialisten und der Öffentlichkeit fördern. Bei den ersten Marburger Wissenschaftsgesprächen im Januar 2021 war es um die Frage des Umgangs der Geisteswissenschaften mit Kulturgut gegangen. Mit dem Thema „Geschmack, Ästhetik, Kennerschaft und Schönheitssinn“ betreten auch die zweiten Marburger Wissenschaftsgespräche ein Terrain, das gesellschaftlich höchst aktuell ist.

„Die Universität will mit diesen Wissenschaftsgesprächen zeigen, wie sich über Geschmack auch akademisch trefflich streiten lässt“, sagt Prof. Dr. Katharina Krause. Die Präsidentin der Philipps-Universität betont: „Für die wissenschaftliche Erkenntnis ist der Diskurs unabdingbar. Sich über unterschiedliche Ideen auszutauschen und unterschiedliche Standpunkte abzugleichen kann aber auch außerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft gesellschaftlich zu einem besseren Miteinander durch mehr gegenseitiges Verständnis führen.“

Der wissenschaftliche Leiter der zweiten Marburger Wissenschaftsgespräche, der Historiker Prof. Dr. Benedikt Stuchtey, erklärt: „Unser Thema hat dazu eingeladen, über disziplinäre und zeitliche sowie räumliche Grenzen hinweg ein Problem und eine Fragestellung in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu stellen. Dabei ist das Problem des Geschmacks nicht ein rein ästhetisches, sondern es kann grundsätzliche gesellschaftliche und politische Aspekte aufwerfen.“

Über Prof. Dr. Ulrich Raulff

Ulrich Raulff studierte in Marburg, Frankfurt und Paris Geschichte und Philosophie, 1977 promovierte er an der Philipps-Universität. Neben seiner Forschung war er in den folgenden zwei Jahrzehnten auch freiberuflich als wissenschaftlicher Publizist und Übersetzer tätig. 1994 ging er als Redakteur im Feuilleton zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und übernahm drei Jahre später die Leitung des Ressorts. 2001 wechselte er zur Süddeutschen Zeitung. Seit seiner Habilitation 1995 lehrt er außerdem an der Humboldt-Universität Berlin. Von 2004 bis 2018 war er Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, heute steht er dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Deutschlands ältester Einrichtung für auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, als Direktor vor.

Seit seiner Promotion hat Ulrich Raulff Dutzende Bücher verfasst und herausgegeben, unter anderem das 2014 erschienene „Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens“. Für seine Studie „Kreis ohne Meister“ erhielt er 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch und Essayistik.

 

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