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Merkmale des politischen Sprechens: Funktionen
Der Gegenstandsbereich Sprache und Politik ist das zentrale Forschungsfeld der Politolinguistik. Dabei handelt es sich nicht im engeren Sinne um eine Fachsprache wie im Fall von Beamt*innendeutsch oder Mediziner*innensprache, sondern um den Sprachgebrauch im Kommunikationsbereich Politik, dessen Eigenheiten in diesem Text aufgezeigt werden. Sprache und Politik oder auch politische Sprache sind Sammelbegriffe für den Sprachgebrauch von Politiker*innen (Politiksprache), den Sprachgebrauch innerhalb der Medien über Politik (politische Mediensprache) und das Sprechen politischer Akteur*innen der Zivilgesellschaft über politische Sachverhalte (Sprechen über Politik). Die Politolinguistik beschäftigt sich demnach nicht nur mit der Sprachverwendung von Amtsträger*innen, sondern mit jeglichen auf das Politische bezogenen Äußerungen (vgl. Girnth 2021: o.S.; vgl. Niehr 2014: 15ff.).
Fasst man Politik zunächst auf als „auf die Durchsetzung bestimmter Ziele bes. im staatlichen Bereich u. auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln von Regierungen, Parlamenten, Parteien, Organisationen o. Ä.“ (Duden 2019: 1383), zeigt sich bereits in dieser Definition die Notwendigkeit von Sprache als dasjenige Medium, mit dessen Hilfe Politiker*innen einerseits um Zustimmung für ihre Ziele werben, andererseits politische Amtshandlungsprozesse vollziehen (vgl. Niehr 2014: 11). So sind Sprache und Politik bei genauerer Betrachtung unmittelbar miteinander verknüpft. Typische Tätigkeiten von Politiker*innen – etwa Diskutieren, Reden halten, Verhandlungen führen, Interviews geben – sind in großem Maß sprachlicher Natur (vgl. Niehr 2014: 11). Politische Funktionär*innen können demzufolge als professionelle Sprecher*innen bezeichnet werden, da ihr beruflicher Erfolg maßgeblich durch sprachliches Handeln mitbestimmt wird und von ihren rhetorischen Fähigkeiten abhängig ist. Mit Girnth (2015: 1) lässt sich somit feststellen, dass Sprache „nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit ist“.
Wenn Politik zu großen Teilen durch sprachliches Handeln charakterisiert werden kann, ist die Art und Weise der Sprachverwendung das maßgebliche Handlungspotenzial von Politiker*innen. Die Verwendung von Sprache in der Politik ist daher zumeist strategisch und erfüllt spezifische Funktionen. Heiko Girnth (2021: o.S.; 2024: o.S.) unterscheidet hier vier Grundfunktionen, darunter die informativ-persuasive, die integrative, die regulative und poskative Sprachfunktion. Die wichtigste darunter ist Persuasion oder mit anderen Worten die Beeinflussung der Meinung und Einstellung von Adressat*innen mittels Sprache. Aufgrund der Tatsache, dass die Machtfrage in demokratischen Staaten durch Wahlen entschieden wird, ist Persuasion nicht nur nützlich, sondern ein unabdingbarer Bestandteil der politischen Meinungsbildung. Zur Überzeugung der Wähler*innenschaft kann die Politik auf ein reichhaltiges Arsenal sprachlicher Mittel zurückgreifen, wobei sie sich stets in einem Spannungsfeld zwischen idealtypischer Persuasion durch sachliches Argumentieren und tendenziell manipulativer zweckrationaler Wahlwerbung bewegt [mehr zur Wahlkampfsprache kann hier nachgelesen werden] (vgl. dazu Girnth 2024: o.S.). In Demokratien zielt die politische Kommunikation zudem darauf ab, „Politik öffentlich zu machen, politisches Handeln zu legitimieren und Zustimmungsbereitschaft zu erhalten“ (Girnth 2010: o.S.). Die Bevölkerung wird so über aktuelle und zukünftige politische Fragen informiert, deren spezifische Wiedergabe gleichzeitig einen überzeugenden Effekt erzielen soll. Da Informieren und Überzeugen oft Hand in Hand gehen, wird auch von der informativ-persuasiven Funktion gesprochen.
Eine weitere Funktion ist die integrative Funktion, die bei der Adressierung der Eigengruppe eine tragende Rolle spielt. Sie dient dazu, geteilte Einstellungen und Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu bekunden und sich damit einer gemeinsamen Wertehaltung zu vergewissern. Typischerweise lässt sich dies in Textsorten wie dem Parteiprogramm oder der Gedenkrede finden. Neben der integrativen Funktion kommt der politischen Sprache auch eine regulative Funktion zu, die in erster Linie in der administrativ organisierten Kommunikation zwischen Bürger*innen und Behörden zum Tragen kommt. Es handelt sich um die Regelung der Beziehung zwischen staatlichen Behörden und Volk, die in einem Top-down-Verfahren beispielsweise in Erlassen und Gesetzen organisiert wird. Die letzte Grundfunktion wird schließlich poskative Funktion genannt. Dabei geht es um die Äußerung von Wünschen und Forderungen, aber auch den politischen Widerstand aus den Reihen der Zivilgesellschaft. Sie ist häufig in Textsorten wie Aufruf, Petition oder Manifest eingebunden und stellt damit eine Umkehrung der regulativen Funktion (im Sinne eines Bottom-up-Verfahrens) dar (vgl. Girnth 2021: o.S.; 2024: o.S.).
Rahmenbedingungen und Merkmale des öffentlich-politischen Sprechens
In der polito- und diskurslinguistischen Forschung existieren zahlreiche Ansätze zur Charakterisierung des Kommunikationsbereichs Politik. Die nachfolgende Darstellung basiert daher auf einer Auswahl an Differenzierungskriterien, die von Girnth (2010: o.S.; 2015: 39-43) vorgeschlagen wurde. Vergleichend kann zudem Spieß (2011: 158-167) herangezogen werden.
Öffentlichkeit und Massenmedialität
Politische Kommunikation ist in den meisten Fällen auch öffentliche Kommunikation. Sie wird typischerweise über die Massenmedien Internet, Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen verbreitet. Wie bereits oben erwähnt, gehört Öffentlichkeit zu den Fundamenten einer freiheitlichen Demokratie und prägt das Kommunikationsverhalten von Politiker*innen maßgeblich mit, indem jene stets der Bewertung durch ein potenziell wahlberechtigtes Publikum ausgesetzt sind. Öffentlichkeit und Massenmedialität haben deshalb zur Folge, dass politisches Sprechen mehrfachadressiert ist: eine Aussage von Politiker*innen kann sich gleichzeitig an die eigene Partei, an Mitglieder anderer Parteien und an die Bürger*innen richten. Die Interaktionen von Politikerinnen und Politikern wirken so zuweilen inszeniert, da Abgeordnete de facto mit zwei unterschiedlichen Personengruppen kommunizieren. Im prototypischen massenmedialen Kommunikationsformat Talkshow bedeutet dies, dass Politiker*innen einerseits zu den anwesenden Gesprächspartner*innen (z.B. dem Moderator und den Gästen) sprechen und andererseits zu den Fernsehzuschauerinnen bzw. -zuschauern. Während auf der ersten Kommunikationsebene also eine politische Diskussion ‚inszeniert‘ wird, fungiert die zweite Ebene als Persuasion der Öffentlichkeit (vgl. Girnth 2015: 40f.).
Gruppenbezogenheit und Repräsentanz
Ein weiteres Merkmal politischer Kommunikation ist der Umstand, dass Sprecher*innen stets als Vertreter*innen einer spezifischen Gruppe (z.B. Partei oder Verband) auftreten, die sie im politischen Wettbewerb repräsentieren. Diskursiv wird deshalb großen Wert auf die Distinktion zwischen positiv bewerteter Eigengruppe und negativ bewerteter Fremdgruppe gelegt. Innerhalb der eigenen Gruppe besitzen Sprechende dabei überwiegend gleiche Deutungs- und Interpretationsmuster, durch die ein Gruppenbewusstsein entsteht. Demgegenüber wird die Fremdgruppe und alles, was nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, negativ bewertet. Aus diesem Gegensatz speist sich das polarisierend angelegte Schwarz-Weiß-Denken in der Politik, dass Auswirkungen auf das sprachliche Handeln von Repräsentant*innen und die Erwartungshaltung der Adressat*innen hat. Zu dieser Erwartung an Politiker*innen gehört das Einhalten von kommunikationsethischen Maximen (z.B. Klarheit, Wahrheit oder auch Fairness), welches zuweilen in Konflikt mit strategischen Maximen (z.B. den Gegner abwerten, die eigene Position positiv darstellen, Handlungsspielräume offenhalten, etc.) treten kann (vgl. Girnth 2010: o.S.; vgl. Girnth 2015: 41f.).
Institutionsgebundenheit
Institutionsgebundenheit gilt als ein weiteres zentrales Merkmal der politischen Kommunikation. Sprache in der Politik ist stets an institutionelle Rahmenbedingungen gebunden, die vom parlamentarisch-demokratischen System vorgegeben werden. Dazu zählt beispielsweise die parlamentarische Geschäftsordnung, die wiederum die Ausbildung unterschiedlicher Textsorten beeinflusst. Gleiches gilt für mediale Formate wie Talkshows, in denen ebenfalls bestimmte Regelungen für Rededauer, Themen, Rederecht oder auch die stilistische Gestaltung eines Beitrags vorgegeben werden. Verstöße gegen solche Normen können deshalb sanktioniert werden (vgl. Girnth 2015: 42).
Diskursgebundenheit
Schließlich ist auch der hohe Grad an Diskursgebundenheit ein konstitutives Merkmal der politischen Kommunikation. Damit ist die Tatsache gemeint, dass Sprache in der Politik immer in übergeordnete Zusammenhänge wie Wahlkämpfe und konkrete übergreifende Sachfragen, wie beispielsweise den Diskurs über Klima oder Wirtschaft, eingebettet ist. Äußerungen finden dabei nicht in einem leeren Raum statt, sondern beziehen sich auf bereits Vergangenes oder Zukünftiges. Der politische Diskurs weist dadurch einen stark prozessualen Charakter auf und stellt stets intertextuelle Bezüge zu anderen Kommunikationsbereichen her (vgl. Girnth 2015: 42f.; vgl. Spieß 2011: 159f.).
Valentin Fleck
Quellen:
Girnth, Heiko (2010): Einstieg: Sprache und Politik. In: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), online unter: https://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/4267?global=true&global-format-main=all&global-year=all&cc-license=all (Abruf: 19.03.2016, Link nicht mehr aktiv).
Girnth, Heiko (2015): Sprache und Sprachverwendung in der Politik. Eine Einführung in die linguistische Analyse öffentlich-politischer Kommunikation. Berlin/Boston: de Gruyter.
Girnth, Heiko (2021): Politische Sprache. In: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 8., aktual. Aufl. Wiesbaden: Springer, online unter: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/hand
woerterbuch-politisches-system/511475/politische-sprache/ (Abruf: 09.12.2025).
Girnth, Heiko (2024): Funktionen politischer Sprache. In: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), online unter: https://www.bpb.de/themen/parteien/sprache-und-politik/42687/funktionen-politischer-sprache/ (Abruf: 09.12.2025).
Niehr, Thomas (2014): Einführung in die Politolinguistik. Gegenstände und Methoden. Göttingen/Bristol: V&R.
Spieß, Constanze (2011): Diskurshandlungen. Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte. Berlin/Boston: de Gruyter.