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Der Marburger Herz-Score

1. Zweck des Marburger Herz-Score

Der Marburger Herz-Score hilft Ihnen bei Patienten mit Brustschmerzen die Wahrscheinlichkeit einer Koronaren Herzkrankheit als Ursache des Brustschmerzes einzuschätzen. Der Score wurde für die hausärztliche Versorgungsebene entwickelt und validiert (der wissenschaftliche Hintergrund ist hier ausführlicher dargestellt).

2. Erläuterungen zur Anwendung

Der Marburger Herz-Score kann bei Patienten mit folgenden Kriterien angewandt werden.

  • Brustschmerzen (Schmerzen, Missempfindungen etc. im Bereich des anterioren Thorax) als Haupt- oder Nebenberatungsanlass unabhängig von der konkreten Lokalisation oder Ausstrahlung
  • neu aufgetretene oder veränderte Brustschmerzen
  • 18. Lebensjahr erreicht
  • Mit und ohne vorbekannte KHK

3. Marburger Herz-Score: Bewertung und Erläuterung der Kriterien

Kriterien: Bewertung und Erläuterung

 ja

nein

Höheres Alter?
Männer ab 55 Jahre, Frauen ab 65 Jahr

1P

0P

Vermutet der Patient eine Herzkrankheit als Ursache?
Patienten ohne vorbekannte KHK sollten Sie die Frage eher allgemein stellen: „Viele Menschen machen sich bei solchen Schmerzen Sorgen, dass es das Herz sein könnte. Vermuten Sie das auch?“ oder, falls der Patient schon eine Andeutung in diese Richtung gemacht hat: „Verstehe ich richtig: Sie vermuten, dass die Beschwerden etwas mit dem Herzen zu tun haben?“ Ihre Frage sollte weder suggestiv wirken noch den Eindruck erwecken, dass Sie eine kardiale Ursache vermuten.
Patienten mit einer bekannten KHK sollten Sie gezielter befragen, ob und wie sich die aktuellen Beschwerden zur bisher erlebten Symptomatik der KHK verhalten.

1P

0P

Sind die Schmerzen abhängig von körperlicher Belastung?
Als „ja „ ist zu bewerten, wenn die Schmerzen durch körperliche Belastung  ausgelöst oder verstärkt werden (bzw. nach Ende der Belastung wieder abklingen.) Nicht als „ja“ zu werten ist, wenn die Schmerzen durch bestimmte Bewegungs- oder Haltungsmuster getriggert sind.

1P

0P

Sind die Schmerzen durch Palpation reproduzierbar?

0P

1P

Ist bereits eine vaskuläre Erkrankung bekannt?
Hierzu zählen allein ateriosklerotische Gefäßerkrankungen (KHK, periphere AVK, Schlaganfall, TIA)

1P

0P

Quelle: Bösner S, Haasenritter J, Becker A, Karatolios K, Vaucher P, Gencer B, et al. Ruling out coronary artery disease in primary care: development and validation of a simple prediction rule. CMAJ. 2010

4. Interpretationshinweise

Der Marburger Herz-Score liefert Ihnen anhand von fünf schnell zu erfassenden Kriterien eine Orientierung, wie wahrscheinlich eine KHK als Ursache des Brustschmerz ist.

Punkte Wahrscheinlichkeit KHK
0 / 1 sehr gering (< 1%)
2 gering (4%)
3 mittel (17%)
4 / 5 hoch (50%)

Bei einem Scorewert von ≤ 2 Punkten ist die Wahrscheinlichkeit einer Koronaren Herzkrankheit so gering (< 5%), dass eine weitere Diagnostik in diese Richtung nicht sinnvoll erscheint.
Um den Gegebenheiten des Einzelfalls gerecht zu werden, sollten Sie die Ergebnisse des Scores jedoch mit Ihrer klinischen Einschätzung abgleichen. Gegebenfalls führt dies zu einer Revision des Ergebnisses. Dabei gilt: Je stärker Ihre Einschätzung von der des Score abweicht, desto schlagkräftiger/ aussagekräftiger sollten die zusätzlich betrachteten Aspekte sein.

5. Beispiele:

Ein Patient (43 Jahre; keine bekannte vaskuläre Erkrankung; nimmt nicht an, dass die Schmerzen mit dem Herzen in Verbindung stehen;  Schmerzen sind durch Palpation auslösbar und nicht belastungsabhängig) hat eine Score-Wert von 0 Punkte. Durch die Information, dass er zudem seit zwei Jahren einen Diabetes mellitus hat, erhöht sich zwar die Wahrscheinlichkeit einer KHK als Ursache, aber nur sehr geringfügig. Eine weitere Diagnostik in Richtung einer KHK wäre nicht gerechtfertig.

Ein Patient (68 Jahre, nimmt an, dass die Schmerzen mit dem Herzen in Verbindung stehen; eine vaskuläre Erkrankung ist bereits bekannt) hat 3 Punkte. Damit ist eine KHK als Ursache des Brustschmerzes so wahrscheinlich, dass eine weitere Diagnostik gerechtfertigt erscheint. Laut Angaben des Patienten ist der Brustschmerz mit einem zeitgleich aufgetretenen Husten assoziiert. Dies kann im konkreten Einzelfall zum Anlass benommen werden, auf die KHK-Diagnostik zunächst zu verzichten und stattdessen als diagnostische Strategie ein abwartendes Offenhalten zu wählen.

Literatur:

Bösner S, Haasenritter J, Becker A, Karatolios K, Vaucher P, Gencer B, et al. Ruling out coronary heart disease in Primary Care. Development and international validation of a simple rule. CMAJ. 2010;182(12):1295-300. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20603345