10.08.2026 Shanghai und Arusha: Lernen in zwei Gesundheitssystemen
China und Tansania könnten unterschiedlicher kaum sein – und doch haben beide Auslandsaufenthalte gezeigt, wie viele Gemeinsamkeiten es im ärztlichen Handeln gibt. Im Interview berichtet Moritz Kuhlmann, Medizinstudent sowie Maris-Tutor, von seinen Erfahrungen im klinischen Alltag, davon, welche Fertigkeiten aus dem Studium und dem Maris ihm dabei geholfen haben und was er über gute Medizin, klinisches Denken und den Umgang mit Patientinnen und Patienten gelernt hat.
1. Wenn du an deine Zeit in China und Tansania zurückdenkst: Welches Erlebnis fällt dir als Erstes ein – und warum gerade dieses?
Wenn ich an China denke, fällt mir als Erstes die schiere Größe des Krankenhauses in Shanghai ein. Das Gebäude hatte 25 Etagen, überall waren Menschen unterwegs und auf den Fluren herrschte ständig Betrieb – eine Atmosphäre, die ich so aus Deutschland nicht kannte. Im Rahmen der Summer School konnte ich außerdem erleben, wie intensiv dort an Zukunftstechnologien gearbeitet wird, etwa an Robotern, die bei der Visite unterstützen sollen. Gleichzeitig wurde mir im Klinikalltag bewusst, dass solche Innovationen auf den Stationen noch nicht flächendeckend angekommen sind.
An Tansania denke ich dagegen sofort wegen der ganz anderen Atmosphäre. Das Krankenhaus lag deutlich ruhiger, etwas außerhalb von Arusha, und schon der tägliche Weg dorthin – oft auf dem Motorrad – war jedes Mal ein kleines Abenteuer. Besonders beeindruckt hat mich, mit wie viel Kreativität, Erfahrung und Teamarbeit die Mitarbeitenden trotz begrenzter Ressourcen eine gute medizinische Versorgung ermöglichten. Gerade dieser Kontrast zwischen beiden Aufenthalten ist mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben.
2. Was ist dir im klinischen Alltag besonders aufgefallen, wenn du deine Auslandsaufenthalte mit deinen bisherigen Erfahrungen in Deutschland vergleichst?
Viele Abläufe im Krankenhaus waren überraschend ähnlich wie in Deutschland. Der Tag begann meist mit einer Morgenbesprechung und der Visite, anschließend ging es auf die Station oder in den OP. Auch die Zusammenarbeit im ärztlichen Team war vergleichbar.
Unterschiede zeigten sich vor allem in den Rahmenbedingungen. In China ähnelte der OP-Alltag dem in Deutschland sehr, während in Tansania vieles einfacher ausgestattet war. Dennoch war alles vorhanden, um täglich operative Eingriffe sicher durchführen zu können. Beeindruckt hat mich, wie pragmatisch und lösungsorientiert dort gearbeitet wurde – auch wenn zwischendurch einmal der Strom ausfiel.
Besonders aufgefallen ist mir außerdem die Rolle der Angehörigen. Sowohl in China als auch in Tansania waren sie viel stärker in die Versorgung eingebunden, als ich es aus Deutschland kannte. Sie unterstützten ihre Familienmitglieder beispielsweise bei der Körperpflege, brachten Essen mit oder übernahmen andere alltägliche Aufgaben. Gerade in Tansania waren diese enge familiäre Unterstützung und gegenseitige Fürsorge überall spürbar und haben mich nachhaltig beeindruckt. Dadurch habe ich noch einmal einen ganz anderen Blick darauf bekommen, wie medizinische Versorgung auch durch das soziale Umfeld der Patientinnen und Patienten mitgetragen wird.
3. Gab es Situationen, in denen du deine bisherigen Kenntnisse und Fähigkeiten aus dem Medizinstudium auf neue Weise anwenden oder weiterentwickeln konntest?
Ja, insbesondere während meiner Famulatur in Tansania. Die Ärztinnen und Ärzte haben uns Studierende aktiv in den klinischen Alltag eingebunden und uns regelmäßig Fragen zu Krankheitsbildern, Diagnostik und Therapie gestellt. Dabei ging es nicht nur darum, medizinisches Wissen wiederzugeben, sondern auch zu überlegen, wie wir in Deutschland vorgehen würden und welche diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten unter den örtlichen Bedingungen in Tansania zur Verfügung stehen. Diese Diskussionen haben mein klinisches Denken und meine Fähigkeit, medizinische Entscheidungen im jeweiligen Kontext zu betrachten, deutlich weiterentwickelt.
Darüber hinaus hatte ich die Möglichkeit, regelmäßig im Operationssaal dabei zu sein und teilweise auch als Assistenz am OP-Tisch mitzuwirken. Besonders prägend war für mich, Krankheitsbilder zu sehen, die in Deutschland nur selten vorkommen, wie beispielsweise HIV im Endstadium. In China wiederum konnte ich zahlreiche große onkologische Eingriffe, insbesondere bei Magenkarzinomen, beobachten. Beide Aufenthalte haben meinen klinischen Horizont erweitert und mir Einblicke in Erkrankungen und Behandlungsansätze ermöglicht, die ich im deutschen Studienalltag so bisher nicht kennengelernt hätte.
4. Was hast du während deiner Auslandsaufenthalte über klinisches Denken und ärztliche Entscheidungsfindung gelernt?
Ich habe gelernt, dass ärztliche Entscheidungen immer im jeweiligen Kontext getroffen werden. In Tansania standen häufig weniger diagnostische Möglichkeiten zur Verfügung, weshalb Anamnese, körperliche Untersuchung und klinische Erfahrung eine noch größere Bedeutung hatten. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie das Behandlungsteam vorhandene Ressourcen gezielt einsetzte und Entscheidungen gemeinsam diskutierte. Das hat mir gezeigt, dass gute Medizin nicht davon abhängt, möglichst viele Untersuchungen durchzuführen, sondern die vorhandenen Informationen sinnvoll zu bewerten.
5. Welche Kompetenzen, die du im Studium – beispielsweise im Maris oder in Lehrveranstaltungen – erworben hast, haben dir im Ausland besonders geholfen? Welche neuen Kompetenzen konntest du dort entwickeln?
Besonders geholfen haben mir die praktischen Fertigkeiten, die ich im Maris erworben habe. Die dort trainierten strukturierten körperlichen Untersuchungen, beispielsweise aus der Inneren Medizin, Chirurgie und Neurologie, konnte ich im klinischen Alltag in China und insbesondere in Tansania regelmäßig anwenden. Gemeinsam mit den betreuenden Ärztinnen und Ärzten wurden die erhobenen Befunde anschließend besprochen und interpretiert. Dadurch konnte ich nicht nur meine Untersuchungstechniken festigen, sondern auch lernen, klinische Befunde besser einzuordnen.
Darüber hinaus habe ich während meiner Auslandsaufenthalte meine kommunikativen Fähigkeiten deutlich weiterentwickelt. Medizinische Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten ausschließlich auf Englisch zu führen, war für mich vor den Auslandsaufenthalten neu. Anfangs war das ungewohnt, doch man gewinnt schnell an Sicherheit. Auch die Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten war eine besondere Erfahrung. Sowohl in China als auch in Tansania sprachen viele Menschen kein Englisch, sodass die Verständigung häufig über Gestik, Mimik oder mithilfe von Angehörigen sowie Kolleginnen und Kollegen erfolgte. Gerade diese Begegnungen haben mir gezeigt, dass Kommunikation im medizinischen Alltag weit über das gesprochene Wort hinausgeht.
6. Haben die Auslandsaufenthalte dein Verständnis davon verändert, was gute medizinische Versorgung und ärztliche Kompetenz ausmacht? Wenn ja, inwiefern?
Die Auslandsaufenthalte haben mein Verständnis von guter Medizin verändert. Mir ist bewusst geworden, dass ärztliche Kompetenz weit über fachliches Wissen hinausgeht. Ebenso wichtig sind Empathie, Respekt gegenüber Patientinnen und Patienten, gute Kommunikation und die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche kulturelle und organisatorische Rahmenbedingungen einzustellen. Besonders beeindruckt hat mich, mit welchem Engagement und welcher Menschlichkeit viele Mitarbeitende auch unter schwierigen Bedingungen gearbeitet haben. Das hat mir gezeigt, dass gute medizinische Versorgung vor allem von den Menschen lebt, die sie gestalten.
7. Wenn du heute auf beide Aufenthalte zurückblickst: Welche Erkenntnisse nimmst du für dein weiteres Studium und deine spätere ärztliche Tätigkeit mit?
Rückblickend haben mich beide Auslandsaufenthalte nicht nur fachlich, sondern auch persönlich geprägt. Sie haben mir gezeigt, dass Medizin in unterschiedlichen Ländern zwar unter ganz verschiedenen Bedingungen praktiziert wird, die grundlegenden Werte des ärztlichen Handelns jedoch überall dieselben sind: Patientinnen und Patienten bestmöglich zu versorgen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Für mein weiteres Studium nehme ich vor allem mit, neuen Situationen offen zu begegnen und unterschiedliche Herangehensweisen als Chance zum Lernen zu verstehen. Gleichzeitig haben mich die Erfahrungen darin bestärkt, die im Studium vermittelten Grundlagen – insbesondere Anamnese, körperliche Untersuchung und klinisches Denken – weiter zu vertiefen, da sie unabhängig vom Gesundheitssystem eine zentrale Rolle spielen.
Für meine spätere ärztliche Tätigkeit wünsche ich mir, diese Offenheit zu bewahren. Der Blick in andere Gesundheitssysteme hat mir gezeigt, dass man überall voneinander lernen kann – sei es durch neue medizinische Ansätze, andere Arbeitsweisen oder den Umgang mit Patientinnen und Patienten. Ich bin überzeugt, dass genau diese unterschiedlichen Perspektiven dazu beitragen, sich sowohl fachlich als auch menschlich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
8. Welche Empfehlung würdest du Medizinstudierenden geben, die überlegen, eine Famulatur oder einen anderen klinischen Aufenthalt im Ausland zu absolvieren?
Ich kann einen Auslandsaufenthalt jedem Medizinstudierenden empfehlen. Man sammelt nicht nur wertvolle medizinische Erfahrungen, sondern entwickelt sich auch persönlich weiter. Wer offen für neue Perspektiven ist und bereit ist, sich auf andere Kulturen und Gesundheitssysteme einzulassen, nimmt Eindrücke mit, die den weiteren Berufsweg nachhaltig prägen können. Darüber hinaus lernt man auch abseits des Klinikalltags viel. Im Alltag treten immer wieder unerwartete Situationen auf – sei es bei der Organisation, auf Reisen oder im Umgang mit einer neuen Umgebung. Nicht immer läuft alles nach Plan, aber genau diese Erfahrungen fördern Selbstständigkeit, Flexibilität und Gelassenheit. Rückblickend sind es oft gerade diese kleinen Herausforderungen, an denen man persönlich am meisten wächst.
Danke für deine Zeit, lieber Moritz!
Das Interview führte Kerstin Thies, Referentin für Didaktik im Maris Marburg